29.10.2016

ArchäologieAbschied vom Weltwunder

Die Türkei hat nichttürkische Ausgräber aus der antiken Metropole Ephesos verbannt – die Folgen für die kulturhistorische Forschung sind gravierend.
Es ist ein ungemütlicher Tag in Wien. Grau und feucht, acht Grad Celsius kalt. Helmut Schwaiger sitzt in seinem Büro und erledigt Papierkram. Keine erfüllende Arbeit für einen Archäologen, der vor Kurzem noch in der ägäischen Mittagssonne antike Münzen und Keramikscherben aus dem Boden holte.
Trotzdem gibt es derzeit nicht viel, was für seinen Job wichtiger sein könnte als das Formular auf seinem Computerbildschirm. Es ist der Antrag für die Grabungsgenehmigung in Ephesos für 2017 – jene antike Stätte, in der Schwaiger seit Jahren forscht, das wichtigste Großprojekt des Österreichischen Archäologischen Instituts (ÖAI).
Mehr als 120 Jahre lang leiteten die Österreicher Grabungen auf dem Areal des Weltkulturerbes – bis die türkische Regierung sie wegen diplomatischer Spannungen Anfang September von einem Tag auf den anderen verbannte. Mit ihnen mussten auch alle anderen Wissenschaftler aus dem internationalen Team Ephesos verlassen.
Seit dem Rausschmiss ist unklar, ob die Ausgräber jemals wieder auf westtürkischem Boden arbeiten dürfen. Das Bewerbungsverfahren für die Grabungslizenzen läuft derzeit, und Schwaiger und seinen Kollegen bleibt nichts anderes übrig, als auf die Milde des türkischen Staatspräsidenten Recep Tayyip Erdoğan zu hoffen. "Es fällt sehr schwer, sich vorzustellen, dass es endgültig vorbei sein könnte", sagt der Klassische Archäologe, der in den vergangenen Wochen gern noch drei spätantike Brunnen ausgegraben hätte, um die Überreste in den Schächten zu untersuchen.
Ob die türkischen Behörden sich erweichen lassen, weiß in Österreich niemand. Staatschef Erdoğan ist nicht gerade für Gelassenheit und Toleranz bekannt – und die Stimmung zwischen den beiden Staaten hat sich zuletzt von Monat zu Monat verschlechtert. Die österreichische Regierung schließt einen EU-Beitritt der Türkei mittlerweile kategorisch aus. Ankara hält die Alpenrepublik für "ein Zentrum des radikalen Rassismus". Zusätzlich fühlen sich viele Türken durch die negative Berichterstattung der österreichischen Medien verunglimpft.
Mit der Forschung hat das alles nichts zu tun. Trotzdem trifft die Krise die Wissenschaftler hart. "Es passiert leider nicht so selten, dass nationale oder internationale Konflikte auf unsere Kosten ausgetragen werden", sagt ÖAI-Direktorin Sabine Ladstätter. "Archäologie und Nationalismus hängen traditionell eng zusammen." Schließlich gehe es oft um Identitätsfragen. Gerade das Weltkulturerbe Ephesos ist symbolträchtig und eignet sich gut für eine Machtdemonstration.
Schwerwiegend sind die Folgen des Kulturkampfes für die Archäologie insgesamt. Ladstätter koordinierte in Ephesos rund 200 Forscher aus 22 Ländern, darunter auch viele Türken. "Wir sind alle Epheser", sagt sie. "Ein so komplexes archäologisches Unternehmen kann kein Land im Alleingang bewältigen."
Die Wissenschaftler sind hoch spezialisiert. So ist das Fach "Historische Bauforschung" eine deutsche Eigenheit. Seit 2011 haben Experten von der Technischen Universität Berlin in Ephesos den Serapis-Tempel aus dem 2. Jahrhundert nach Christus untersucht. Sie bangen genauso um ihre Zukunft wie die Kollegen aus Wien. Auch Forscher aus Regensburg sind von dem Ausgrabungsstopp betroffen. Am schwierigsten ist die Situation für Nachwuchsforscher und Doktoranden.
Seit 2010 leitet Ladstätter die Ausgrabungen in Ephesos – und hat aus der antiken Stätte ein breit gefächertes Zentrum der Grundlagenforschung gemacht. Ephesos bietet dafür hervorragende Bedingungen, weil die Stadtanlage von der Bronzezeit bis ins Mittelalter besiedelt war.
Die ältesten Spuren reichen bis ins späte 7. Jahrtausend vor Christus zurück, ihre Blütezeit erlebte die Stadt unter den Römern. An kaum einem anderen Ort fällt es Besuchern so leicht, sich in die Dramen der Antike zurückzuversetzen. Das Theater, in dem einst 25 000 Menschen mitfieberten, wenn sich Gladiatoren verstümmelten, ist sehr gut erhalten geblieben. Von 2010 bis 2013 richteten ÖAI-Mitarbeiter die Anlage so weit her, dass sie heute wieder als Veranstaltungsort genutzt werden kann.
Das Engagement der Archäologen hat das Weltkulturerbe zu einem der beliebtesten Touristenziele der Türkei werden lassen. Mehr als eine Million Menschen spazieren jedes Jahr durch die Ruinen. Dass Ephesos einmal eine Hafenstadt war, ist kaum zu glauben. Im Laufe der Zeit hat sich die Küstenlinie verschoben. Acht Kilometer fährt man heute bis zum Wasser.
Zu Zeiten der Römer aber war Ephesos dank seines Hafens das wichtigste Wirtschaftszentrum Kleinasiens. Etliche Schlüsselfiguren der Antike hinterließen ihre Spuren: Alexander der Große, Julius Cäsar, Marcus Tullius Cicero. Auch Apostel Paulus lebte einige Jahre in Ephesos, wenngleich der Prediger bei den Römern nicht wohlgelitten war.
Selbst die ägyptische Königin Kleopatra war einst in den herrschaftlichen Bauten der Stadt zu Gast. 33 vor Christus diente Ephesos der schönen Ägypterin und dem römischen Feldherrn Marcus Antonius als Liebesnest. Dort spannen sie ihre Intrigen und organisierten den Krieg gegen Octavian, den späteren Kaiser Augustus.
Opfer eines Attentats war Jahre zuvor Kleopatras jüngere Schwester und Rivalin Arsinoe geworden. Diese lebte im Exil im Artemision in Ephesos. Der größte Tempel der Antike war den Ephesern heilig, und die junge Frau wähnte sich dort in Sicherheit. Doch im Auftrag Kleopatras sollen Häscher die rebellische Schwester auf den Stufen des Heiligtums ermordet haben.
Von dem Gebäude, das als eines der sieben Weltwunder galt, ragt heute nur noch eine einsame Säule in den Himmel; ein Hinweis für Touristen, wo der Prachtbau einst stand. Österreichische Forscher gehen davon aus, dass Arsinoe in Ephesos begraben wurde und dass es sich bei einem Skelettfund aus den Zwanzigerjahren tatsächlich um die junge Königsschwester handelt.
Die Grabungsgeschichte der Österreicher in Ephesos geht bis ins Jahr 1893 zurück. Die Forscher legten damals die antiken Bauten frei und waren Jahrzehnte damit befasst, die Stadt so weit wie möglich zu rekonstruieren. Heute liegt der Schwerpunkt eher auf Denkmalpflege und kulturhistorischer Forschung. "Wir stecken mittendrin", sagt Ladstätter. Ihr großes Thema ist der Wandel der Stadt vom 6. bis zum 15. Jahrhundert.
Welche Traditionen blieben im Laufe der Zeit erhalten? Wie änderten sich die Sitten der Einwohner nach der Eroberung durch die muslimischen Seldschuken? Ladstätter geht davon aus, dass der größte Teil der Bevölkerung zum Islam konvertiert ist. Die Forscher konnten Belege dafür finden, dass die Schweine, die bei den Muslimen als unrein gelten, rasch aus dem Stadtbild verschwanden. Die christliche Tradition der Sargbestattung blieb jedoch noch lange erhalten.
Um tierische Überreste besser untersuchen zu können, hat das ÖAI erst im vergangenen Jahr ein Tierknochenlabor im Grabungshaus in Ephesos eröffnet. Drei bis fünf Jahre wären noch nötig, schätzt Ladstätter, um mit den vielen Studien zu einem großen kulturhistorischen Abschluss zu kommen.
ÖAI-Mitarbeiter Helmut Schwaiger ist mit seinem Forschungsvorhaben, eine spätantike Residenz aus dem 4. oder 5. Jahrhundert auszugraben, sehr weit gekommen. Schicht für Schicht konnte er in den vergangenen Jahren Gebäudereste und Hausrat freilegen. Die jüngsten Stücke stammen aus dem 14. Jahrhundert. Er fand Werkzeuge, Haarnadeln, Schuhschnallen und unzählige Münzen – und sogar eine Latrine, an der der Urinstein noch zu erkennen war. Der Wandel der Zeit und auch der Niedergang der Stadt lassen sich mithilfe der Gegenstände gut nachvollziehen. Schwaiger: "Ein Glücksfall."
Ihm ist es gelungen, alles zu dokumentieren, bevor er seinen Arbeitsplatz in Ephesos verlassen musste. So kann er die Funde wenigstens an seinem Institut in Wien auswerten. "Besser wäre es natürlich, wenn man nicht nur Fotos von einem Keramikgefäß zur Hand hätte, sondern den echten Gegenstand untersuchen könnte."
Vor allem fehlen ihm nun noch die drei Brunnen, deren Inhalte er gern analysiert hätte, um Rückschlüsse auf die Bewohner der Residenz zu ziehen. Schwaiger hofft darauf, dass sich die Beziehungen zur Türkei nach dem nationalistisch aufgeladenen Bundespräsidenten-Wahlkampf in Österreich wieder verbessern werden.
"Es bringt nichts, nur den Türken die Schuld zu geben", versucht Institutsleiterin Ladstätter die Wogen zu glätten. "Etwas mehr Empathie von österreichischer Seite wäre hilfreich. Wir dürfen nicht vergessen, dass wir in der Türkei nur Gäste sind."

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Von Katrin Elger

DER SPIEGEL 44/2016
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