29.10.2016

GESTORBENMANFRED KRUG, 79

Wer verstehen will, was Manfred Krug den Menschen in der DDR bedeutete, muss seine alten Platten hören. Zärtliche Chansons, die ungeübte Westohren an Udo Jürgens erinnern oder an die großen Franzosen; von Krug in den Sechziger- und Siebzigerjahren getextete oder interpretierte Lieder, so anschmiegsam, wie man es einem solchen Heißsporn kaum zutrauen würde. Und immer wieder Jazz, für Krug "eine der schönsten Kulturerfindungen des amerikanischen Brudervolkes" – eine kleine Rebellion in der engen DDR. Geboren in Duisburg, war Krug 1949 nach der Scheidung der Eltern seinem Vater in den neu gegründeten Staat gefolgt. In Brandenburg absolvierte er eine Lehre als Stahlschmelzer, von einem Unfall in dieser Zeit blieb ihm die markante Narbe auf der Stirn. Nachdem er ein Studium der Schauspielerei abgebrochen hatte, lernte er am Berliner Ensemble. Bald abonnierte der junge DDR-Film ihn auf die Rollen von Halbstarken oder Ganoven. Seine Darstellung eines draufgängerischen Brigadeleiters in "Spur der Steine" trug 1966 zu einem Verbot des Films bei. Dennoch erhielt Krug in den folgenden Jahren den Nationalpreis und die Verdienstmedaille der DDR. Der Bruch kam 1976, als er sich dem Protest gegen die Ausbürgerung des Liedermachers Wolf Biermann anschloss, was ein teilweises Arbeitsverbot zur Folge hatte. Hinzu kam die Diffamierung durch einen Stasispitzel, bei dem Krug sich mit Ohrfeigen revanchierte. Seinen Antrag auf Ausreise wurde stattgegeben. Im Juni 1977 verließ er die DDR, um im Westen nahtlos an seine Karriere anzuknüpfen. Eine seiner ersten Rollen war der Fernfahrer Franz Meersdonk in "Auf Achse", die ARD-Serie führte Krug an Schauplätze wie Südafrika oder die Atacama-Wüste in Südamerika. "Ich konnte dasjenige nachholen, wovon mich die DDR ausgesperrt hatte: die Welt anschauen", sagte er später im "Stern"; die Drehbücher jedoch seien "unter aller Sau" gewesen. Die "Sesamstraße", die Anwaltsserie "Liebling Kreuzberg" und der Hamburger "Tatort" machten Krug zu einem der populärsten Schauspieler – und zur gefragten Werbefigur. Als die Telekom 1996 an die Börse ging, ermunterte Krug in TV-Spots Kleinanleger, in T-Aktien zu investieren. Die Aktie brachte vielen Besitzern Verlust, Krug bat dafür später um Entschuldigung. Seinen Abschied vom Film nahm er 2001. Nach schwerer Krankheit trat er Anfang des Jahres wieder ins Rampenlicht, deutlich schmaler, und ging noch einmal als Sänger auf Tournee. Manfred Krug starb am 21. Oktober in Berlin.
Von Akü,

DER SPIEGEL 44/2016
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