05.11.2016

BildungVorsprung in den Ferien

Besorgte Eltern schicken schon Grundschüler in Lerncamps, um Sprachen, Mathe und Rechtschreibung zu pauken. Muss das sein?
Drei Mädchen und sieben Jungen hocken um einen Tisch. Gerade haben sie "Who wants to be a Millionaire?" gespielt, "Wer wird Millionär?" auf Englisch. Nun diskutieren sie, was sie mit der Million alles kaufen könnten. Die Lehrerin Martina Przewozniak, die alle nur beim Vornamen rufen, schreibt Vokabeln wie "race car" und "motorbike" an die Tafel. Dabei sind manche Schüler so jung, dass sie im Auto noch einen Kindersitz brauchten.
Willkommen auf der Schönburg, einem imposanten mittelalterlichen Bauwerk auf einer Anhöhe über dem Mittelrhein bei Bingen. Hier kommen in diesem Herbst Kinder im Ferien-Englischcamp des Sprachreiseanbieters Offaehrte zusammen, Zielgruppe: Mädchen und Jungen zwischen 8 und 13 Jahren. Die Herbstsonne, die ins Burgzimmer scheint, malt hellgelbe Streifen auf die Vokabelzettel, die vor den Kindern auf dem Tisch liegen.
Ferien! Sonne! Eine echte Ritterburg! Was eine Horde Grundschüler da nicht alles anstellen könnte. Doch die 39 Kinder, die hier eine Woche verbringen, sind nicht zum Toben hier – sondern zum Pauken.
Lerncamps wie dieses sind unter ambitionierten Eltern beliebt. "Unsere Anmeldezahlen steigen kontinuierlich", sagt Olaf Haar von Offaehrte. Eine Sprachreise nach England, Irland oder in die USA, wo die Kinder in Gastfamilien oder Apartmenthäusern untergebracht sind, spreche eher Jugendliche an. Ein Camp wie jenes auf der Schönburg sei ideal für Jüngere: Die Kinder wohnen in Mehrbettzimmern, werden rund um die Uhr betreut.
Umgangssprache ist Englisch, im Unterricht und möglichst auch außerhalb. Viele Lehrer, die ebenfalls auf der Burg wohnen, seien Muttersprachler und könnten nur rudimentär auf Deutsch kommunizieren. "So lernen die Schüler, die Sprache ganz selbstverständlich im Alltag anzuwenden", sagt Haar. Und wer doch mal Heimweh bekommt, kann dank der zentralen Lage in Deutschland einfacher abgeholt werden als aus dem englischsprachigen Ausland.
Solche Angebote kommen an. "Die Nachfrage nach Ferienkursen gerade für sehr junge Kinder ist in den vergangenen Jahren enorm gestiegen", sagt Julia Richter vom Fachverband Deutscher Sprachreise-Veranstalter.
"In den Ferien vergisst man sonst so viel", sagt Michael, trotz seiner gerade einmal neun Jahre einer der Leistungsträger in der "Intermediate Class". Michael ist ein guter Schüler, "in Englisch sogar der Beste", wie er sagt. Was macht einer wie er, ein eifriger, fleißiger Junge, der nach eigener Aussage gern lernt, in einem Paukcamp? "Ich lerne hier Sachen, die wir in der Schule noch gar nicht hatten – dann habe ich einen Vorsprung."
Der Kampf gegen das gefürchtete Ferien-Vergessen liegt im Trend: In einer Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Forsa unter mehr als tausend Eltern im Mai dieses Jahres gab knapp ein Viertel der Befragten an, ihr Kind lerne in den Ferien regelmäßig für die Schule. Weitere 36 Prozent schauen sich den Lernstoff zumindest an. Der Studienkreis, einer der größten Nachhilfeanbieter Deutschlands, verzeichnet ebenfalls deutliche Zuwächse bei den Ferienkursen. Auch die Schulbuchverlage haben das Geschäft mit der ehrgeizigen Klientel entdeckt und ihre Produktpaletten um Programme wie "Ferienspaß in der Grundschule" oder Ferien-Arbeitshefte wie "À plus! Cahier de vacances" ergänzt.
Am hölzernen Esstisch im Speisesaal lässt sich Michaels Zimmergenosse Erwin auf einen Stuhl fallen, ein schmächtiger Zehnjähriger, der ernst durch seine Brillengläser schaut. Im Sommer ist er von der Grundschule aufs Gymnasium gewechselt. "Meine Mama hatte Angst, ich würde in Englisch nicht mitkommen", sagt er. Deshalb habe sie ihm den Besuch im Sprachcamp vorgeschlagen. Dass er seine Ferien nun auf der Burg verbringt, findet er nicht schlimm. "Ich müsste ohnehin lernen", sagt Erwin und rammt seine Gabel in das Putensteak auf seinem Teller. "Hier macht es wenigstens Spaß."
Die Ferien als schul- und stressfreie Zeit, als Gelegenheit zum Entspannen, Spielen, Toben und auch Vergessen, scheint für Schüler seltener zu werden. Dabei geht es vielen Eltern nicht einmal darum, die Noten der Sprösslinge auf ein astronomisches Niveau zu heben. "Ich sehe das eher als Prävention", sagt Michaela Evers-Wölk aus Pinneberg. Sie hat ihren zehnjährigen Sohn in diesem Jahr gleich zweimal auf die Schönburg gebracht: eine Woche in den Osterferien und noch eine Woche in den Sommerferien. "Er hat schnell Freunde gefunden", sagt die Mutter, "und noch wochenlang Camp-Geschichten erzählt."
Hätte nicht auch ein normales Freizeitlager gereicht? Nein, sagt Evers-Wölk, ihr sei aufgefallen, dass ihr Sohn trotz vier Jahren Englischunterrichts in der Grundschule die Sprache kaum spreche. Vor dem Wechsel aufs Gymnasium sollte ihm das Camp "Leichtigkeit und Selbstbewusstsein" im Umgang mit der Fremdsprache bringen. "Ich wollte, dass bei ihm gar nicht erst das Gefühl aufkommt, er könne das nicht", sagt Evers-Wölk. "Ich wollte vermeiden, dass Nachhilfe nötig wird."
"Bildungshysterie" nennt Joachim Kahlert, Pädagogikprofessor an der LMU München, "diese ständige Angst, das Kind nicht genug zu fördern, ihm nicht die besten Startchancen zu bieten". Der Druck, den Eltern ausübten, führt seiner Meinung nach manchmal allerdings zum Gegenteil: Überforderung, Mutlosigkeit – und das Gefühl, es ohne die elterliche Unterstützung nicht schaffen zu können.
Vereinzelt träfen Kinder "gestresst und abgespannt vom Alltag" im Ferien-Lerncamp ein, berichtet Olaf Haar von Offaehrte. "Die müssen erst einmal runterkommen." Er und sein Team legten deshalb großen Wert darauf, dass der Spaß, die Ferien-Komponente, nicht zu kurz komme. Nach dem Unterricht, zweimal 90 Minuten täglich, singen die Kinder Karaoke, machen Ausflüge in den Tierpark oder basteln. "Heute Nachmittag sind Ritterspiele geplant", sagt Haar.
Insbesondere bei den Kleineren sei der Unterricht sehr spielerisch: Statt stur Vokabeln zu pauken, werde vor allem gesprochen. "Die Kinder führen kleine Dialoge vor, die sie selbst verfasst haben, spielen ,Wer bin ich?' oder diskutieren über die Texte ihrer Lieblingsmusik", sagt Haar. Michael und Erwin gefällt das. "Warum kann Schule nicht auch so sein?", seufzt Michael.
Obwohl die meisten Nachhilfestunden hierzulande im Fach Mathematik gebucht werden, sind Lerncamps mit Sprachschwerpunkt deutlich beliebter. "Mathematik und Naturwissenschaften holen langsam auf", hat Wilfried Helms beobachtet. Seine Firma Mind Unlimited bietet bereits seit 1989 Ferienkurse für das unterste Alterssegment an. Rückläufig hingegen sind seiner Ansicht nach Kurse, die sich mit Lerntechniken und Gedächtnistraining beschäftigen. Woran das liegt? "Heutzutage lassen Eltern die Kinder bei allem mitentscheiden", sagt Helms. "Ein Feriencamp, das ,Lernen lernen' heißt, klingt nun mal nicht nach Spaß."
Wie sinnvoll Ferienpaukerei tatsächlich ist, darüber sind Bildungsforscher uneins. Zu lang sollte die lernfreie Zeit nicht sein, argumentiert der neuseeländische Pädagogikprofessor John Hattie in seiner weltweit beachteten Schulstudie "Lernen sichtbar machen", bezeichnet monatelange Ferien gar als "lernschädlich". Andere betonen eher die Vorteile von Auszeiten. "Pausen sind extrem wichtig", sagt der Münchner Grundschulpädagoge Joachim Kahlert. "Es braucht Abstand, um das Gelernte sacken zu lassen." Sogar das Vergessen, das zumindest nach den sechswöchigen Sommerferien tatsächlich messbar auftrete, sei unabdingbar, um Neues zu lernen. "Wenn wir uns alles merken würden, fiele es uns immer schwerer, neues Wissen zu nutzen."
Inhaltlich profitieren gerade die, denen das Lernen ohnehin leichtfällt, hat Kahlert beobachtet. "Die, die eine solche Förderung am nötigsten hätten, können ihre Lücken in einer Woche nicht schließen."
Das deutsche Schulsystem gilt trotz leichter Verbesserungen im OECD-Schnitt als vergleichsweise undurchlässig. Kinder von Akademikern haben eine dreimal höhere Chance als andere, ein Studium aufzunehmen. "Lernangebote für die Ferien könnten die Ungleichheit noch verschärfen", sagt Kahlert. Vor allem jene Eltern, die ohnehin Wert auf Bildung legten und sich die Förderung auch leisten könnten, buchten Extranachhilfe und die Lerncamps. 549 Euro zahlten die Eltern von Michael und Erwin für eine Woche Burg-Abenteuer. Kinder-Sprachreisen nach England, Irland oder Frankreich kosten schnell das Doppelte und mehr.
Um der Bildungsungerechtigkeit entgegenzuwirken, haben etliche Kommunen eigene Ferienprogramme gestartet – für die besonders Lernschwachen. Über das Jugenderholungswerk, einen freien Träger, lädt die Stadt Hamburg Drittklässler mit Sprachförderbedarf in eins von acht Feriencamps. Lehrer aus dem gesamten Stadtgebiet wählen geeignete Schüler aus, die Schulbehörde finanziert die dreiwöchigen Lager. Kosten für die Eltern: 67 Euro.
Mit Theater- und Sprachpädagogen üben die Kinder, von denen etwa zwei Drittel zu Hause kein Deutsch sprechen, vorzulesen, schriftlich zu formulieren und frei zu reden. "Allerdings sehr spielerisch", sagt Ulrike Kutsch, Geschäftsführerin des Jugenderholungswerks. Das Programm schlage sich zwar nicht immer unmittelbar in Notensprüngen nieder. "Viele lesen allerdings flüssiger und verlieren die Scheu, vor einer Gruppe Deutsch zu sprechen."
Twitter: @olbi

Der Druck der Eltern führt manchmal zu Überforderung und Mutlosigkeit.

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Von Miriam Olbrisch

DER SPIEGEL 45/2016
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