20.09.1999

Spiegel des 20. JahrhundertsDer leise Terror der späten Jahre

XII. DAS JAHRHUNDERT DES GETEILTEN DEUTSCHLAND - 40 JAHRE DDR: 1. Die Ära Ulbricht (37 /1999); 2. Die Ära Honecker (38/1999)
Die gescheiterte Versorgungsdiktatur DDR / Von Hans Michael Kloth
Der hagere junge Mann trägt nur Turnschuhe und einen Lendenschurz. Mit ausgebreiteten Armen hält er sich auf dem Mauersims vor dem geöffneten Fenster im dritten Stock des heruntergekommenen Altbaus. Männer der Feuerwache gleich nebenan haben ein Sprungtuch aufgespannt, um den offenbar Lebensmüden aufzufangen.
Doch Reinhard Lampe will gar nicht springen. Müde ist der 31-jährige Vikar nur des Lebens in dem Staat, dessen Feuerwehrleute ihn vor einem eigenmächtigen Exitus bewahren wollen. Mit Ketten hat sich Lampe an den Rahmen geschlagen, das Fensterkreuz in seinem Rücken gibt ihm die Anmutung eines Gekreuzigten.
An der Fassade neben ihm hängt ein großes Transparent wie eine überdimensionierte Kreuzinschrift: "Jesus stirbt an der Mauer im Kopf." Aus dem Fenster ragt eine Fahne, auf ihr steht in großen Lettern: "25 Jahre sind genug."
Es ist der 13. August 1986. Das Golgatha des Kalten Krieges liegt im Ost-Berliner Stadtbezirk Prenzlauer Berg, Oderberger Straße. Auf den Tag genau seit einem Vierteljahrhundert verwandelt eine trostlose Grenze die Straße in der Mitte der Stadt in eine öde Sackgasse am Ende der erlaubten Welt. Von seinem Fenstersims kann Lampe die Bauten des Wedding sehen; er hört auf der anderen Seite der Mauer West-Berliner Busse über die Bernauer Straße rumpeln, deren Vorderhäuser im Namen des Sozialismus geschleift und in freies Schuss-
* Hermann Axen, Werner Krolikowski, Horst Sindermann, Erich Honecker, Willi Stoph, Hans-Joachim Böhme, Werner Eberlein.
feld verwandelt wurden. Die Kreuzabnahme übernehmen Männer in Zivil. Der Demonstrant auf dem Sims wird aus dem Fenster in das Dunkel der leer stehenden Wohnung gezerrt, die Treppe hinuntergestoßen und in einem unmarkierten Wagen weggeschafft.
Die Mauer ist das Symbol des Versagens des Sozialismus. Das perverse Bauwerk hatte 1961 die Fluchtströme aus der DDR stoppen und so dem SED-Staat, der nach kaum zwölf Jahren schon am Ende schien, eine Atempause verschaffen sollen. Funktionäre, aber auch Intellektuelle hatten die gewaltsame Abschottung als "Notwehr" gegen "Abwerbungen" aus dem Westen gerechtfertigt. Sobald sich die DDR wirtschaftlich stabilisiert habe, hatten sie argumentiert, werde die Mauer überflüssig werden, die DDR gar Menschen anziehen.
Doch ein Vierteljahrhundert später steht die Mauer immer noch. Während Vikar Lampe verhaftet wird, nimmt zwei Kilometer entfernt in der Karl-Marx-Allee Erich Honecker die Militärparade zur Feier des 25. Jahrestags der Errichtung des "antifaschistischen Schutzwalls" ab. Als ZK-Sekretär für Sicherheit hatte Honecker 1961 für Walter Ulbricht den Mauerbau organisiert. Seit 1971 ist er selbst als Erster Sekretär der SED auch der erste Mann im Staat. Weihevoll winkt der vom Volk Ungewählte mit dem spießigen Rentnerhütchen und der stets heiseren Fistelstimme den Marschkolonnen der Grenztruppen zu, die wie Marionetten in gewienerten Knobelbechern im preußischen Stechschritt an der Tribüne vorbeiziehen.
Auch der Bergarbeitersohn aus dem saarländischen Neunkirchen, der seit seinem 18. Lebensjahr hauptamtlicher KP-Funktionär ist, hat es bislang nicht vermocht, den eigenen Bürgern den Sozialismus in seiner real existierenden Variante schmackhaft zu machen. In Massen versuchen die Menschen weiterhin, ihr ungeliebtes Land zu verlassen.
Auf jene, die den direkten Weg über die Mauer suchen, lässt die SED "schießen wie auf Hasen", so 1976 ARD-Korrespondent Lothar Loewe, der für diese unbequeme Wahrheit prompt des Landes verwiesen wird. Dennoch wagen es zehntausende. Bis zum Mauerfall sterben, nach heutigem Wissen, mindestens 943 Menschen beim Versuch, die grausame Grenze zu überwinden - im Schnitt etwa alle zehn Tage ein Toter, 28 Jahre lang.
Der Wunsch der Menschen nach Freizügigkeit bleibt der wunde Punkt des SED-Regimes. 1984 hat das Politbüro in einem Befreiungsschlag fast 35 000 "Nörgler" aus dem Land gelassen, um Druck aus dem Dampfkessel DDR zu nehmen. 1983 waren es weniger als 8000 gewesen. Doch statt als Ventil hat die Massenausreise im Umfang einer Kleinstadt als Signal gewirkt: Es ist möglich, rauszukommen!
Die Zahl der Antragsteller steigt nun erst recht. 1985 stapeln sich bei den Räten der Kreise und Bezirke der DDR 53 000 "Anträge auf ständige Ausreise", 1986 werden es 78 600 sein, 1987 erstmals über 100 000. Der SED bleibt weiterhin nur eins: abschotten - und hoffen, dass der Kessel hält. Im Januar 1989 wird Honecker seinen Untertanen erklären, die Mauer werde "auch in 50 oder auch in 100 Jahren noch bestehen bleiben, wenn die dazu vorhandenen Gründe noch nicht beseitigt sind".
Dabei hatte die Ära Honecker so viel versprechend begonnen. Im Mai 1971 war der zeitweilige Landarbeiter und Dachdeckerlehrling Honecker dank Rückendeckung der Sowjets in einer Palastrevolte gegen Walter Ulbricht an die Parteispitze gekommen.
Der neue Mann galt in Ost wie West als unbeschriebenes Blatt - seltsam genug, denn Honecker hatte immer im inneren Kreis der Macht gestanden. Der Mauerbau-Planer von 1961 und der spätstalinistische Scharfmacher, der 1965 "schädliche Tendenzen" im Kulturbetrieb gegeißelt hatte: vergessen. In der DDR wie andernorts war man 1971 bereit, dem "jungen Mann" von 58 Jahren eine Chance zu geben.
Und Honecker nutzte die wohlwollende Grundstimmung mit kleinen, aber wirksamen Signalen, die einen bei der SED bisher ungewohnten Pragmatismus zeigten. Beatmusik wurde zugelassen, sogar imperialistische "Nietenhosen" ließ man importieren. Westfernsehen, unter Ulbricht noch für Gefängnis gut, enttabuisierte "Honi" mit der beiläufigen Bemerkung, das könne man "bei uns jederzeit nach Belieben ein- oder ausschalten".
Unter Honecker schwelgte Ost-Berlin 1973 gar in einer Art realsozialistischem "Sommer der Liebe". Anlässlich der "X. Weltfestspiele der Jugend und Studenten" überschwemmte junges Volk aus aller Herren Länder und allen Winkeln der DDR die halbierte Hauptstadt. Alles schien auf einmal möglich. Knutschende Paare im Treptower Park blieben unbehelligt, die Prüderie der Ulbricht-Ära schien passé. Langhaarige, die unter Honeckers Vorgänger noch auf der Polizeiwache zwangsbarbiert worden wären, klampften bis spät nachts unter dem Fernsehturm auf dem Alex, ohne dass "dekadente" Musikstile oder freche Liedertexte Anstoß erregten.
Tagsüber belebten diskutierende Menschentrauben den öden Platz im Stadtzentrum, angeregt durch Flugblätter, die westliche Gruppen ungestört verteilen durften.
Ein Hauch von Woodstock und von Prag 68 lag in diesen Tagen über Ost-Berlin, der Mehltau der Stalin-Ära schien endlich abzufallen. Viele DDR-Jugendliche erlebten Honeckers Welt-Spiel "regelrecht als Kulturbruch", so der Historiker Stefan Wolle, selbst ein Kind dieser Generation.
Doch die plötzliche Weltläufigkeit war Fassade, die liberale Atmosphäre bis ins Letzte inszeniert, organisiert und kontrolliert. Neben 19 800 uniformierten Vopos sicherten 4260 hauptamtliche Stasi-Leute, 1500 dem MfS unterstellte Polizisten und mehrere tausend FDJler im Dienste von
* Am 8. April 1989 am Übergang Berlin-Chausseestraße.
MfS und Innenministerium die Feier mit dem Klassenfeind. In blaue FDJ-Blusen gesteckte Elitesoldaten des MfS-Wachregiments "Feliks Dzierzynski" besetzten in Kompaniestärke Säle, um Ost-Bürger von unliebsamen West-Rednern fern zu halten.
In einem vorbeugenden Großreinemachen waren schon in den sechs Monaten zuvor unbequeme Menschen in der ganzen DDR regelrecht eingesammelt worden. Über 900 angebliche "kriminelle Gruppen" mit mehr als 5000 Mitgliedern wurden "aufgelöst", gegen 2293 Personen Haftstrafen "angewandt", über 2000 in psychiatrische Einrichtungen, Jugendwerkhöfe oder Heime eingewiesen. Allein im Monat vor Festivalbeginn leiteten die "Organe" 2720 Ermittlungsverfahren wegen "Gefährdung der öffentlichen Ordnung" ein - mehr als im gesamten Vorjahr, fast 90 am Tag. Über 5000 Personen wurden mit "staatlichen Kontrollmaßnahmen" belegt, mit fast 20 000 zwecks Einschüchterung "Gespräche" geführt.
Was den Feiernden vorkam, als werde ein Fenster zu mehr Freiheit aufgestoßen, markierte so in Wahrheit den Durchbruch zum schrankenlosen Überwachungsstaat. Mit den Weltjugendspielen lieferten Honecker und sein Mann fürs Grobe, der im Windschatten des Saarländers ins Politbüro aufgestiegene Erich Mielke, ihr Gesellenstück für jenen leisen Terror, der die späten Jahre der DDR prägen sollte.
Honecker perfektionierte in seiner Amtszeit das zynische Politikverständnis seines politischen Ziehvaters Ulbricht: "Es muss demokratisch aussehen", hatte der
* Beim Besuch von Bundeskanzler Helmut Schmidt in Güstrow im Dezember 1981.
im Mai 1945 als Maxime ausgegeben, "aber wir müssen alles in der Hand behalten." Während Ulbricht Anfang der fünfziger Jahre offen mit der "Unterdrückung der volksfeindlichen Kräfte" gedroht hatte, setzte Honecker 20 Jahre später lieber von vornherein auf subtile Mechanismen der Kontrolle und Überwachung, Einschüchterung und Unterdrückung.
So blieb die DDR ungeachtet der freundlicheren Fassade auch unter dem neuen Mann, was sie von Anbeginn gewesen war: eine stalinistisch geprägte Diktatur.
Deren Raison d''être war eine zur Staatsdoktrin erhobene Ideologie: die vom Berufsrevolutionär Lenin radikalisierte Marxsche Lehre vom gesetzmäßigen Fortschreiten einer durch Klassenkämpfe geprägten Geschichte hin zum paradiesischen Endzustand, dem Kommunismus.
Trotz seines zynischen Gebarens war das SED-Regime keine Despotie ohne Werte, sondern eine Weltanschauungsdiktatur. Honecker und die anderen Altkommunisten waren Gläubige, deren skrupelloser Machtwille nicht zuerst Selbstzweck war, sondern in einer Weltsicht gründete, die jede Perfidie im Namen der zum politischen Programm erhobenen Zwangsbeglückung der Menschheit rechtfertigte.
Die Staatsdoktrin der DDR besaß so alle Züge einer weltlichen Religion, als deren irdischer Sachwalter Honecker, wie Ulbricht vor ihm, zunehmend auch gegenüber den Sowjets auftrat. Als Michail Gorbatschow den Kommunismus ab 1985 zu reformieren versuchte, brandmarkte ihn Honecker als Häretiker.
Da hatte die Altherrenriege des Politbüros (Durchschnittsalter 1989: 67 Jahre) sich längst in ihrem Gedankengebäude eingemauert. Gleichzeitig gerieten die Hilfskonstruktionen, mit denen sie ihr Wolkenkuckucksheim ideell zu stützen suchten, unter immer größeren Druck.
Der Antifaschismus, lange zugkräftigstes Argument der SED für ihren Staat, verlor immer mehr an Überzeugungskraft - auch ohne dass die Bevölkerung wusste, dass im SED-Zentralkomitee noch Mitte der achtziger Jahre 13 einstige NSDAP-Mitglieder saßen (darunter drei Minister und der Bezirkssekretär von Rostock). "Faschos" und Skins tauchten in den achtziger Jahren auch in der DDR als Phänomen der Jugendkultur auf, und oft waren es desillusionierte Kinder der Nomenklatura, die diesen größten aller Tabubrüche begingen.
Honecker fiel es zu, die DDR neu zu erfinden, ohne wirklich etwas zu verändern. Dem künstlichen Gebilde, in dem der "Sozialismus in einem halben Land" geprobt wurde, eine tragfähige Identität zu geben, war keine leichte Aufgabe. Nationale Alleingänge waren ausgeschlossen: Ulbricht hatten die Sowjets fallen gelassen, weil sie ihm diese zutrauten.
Honecker hielt sich an die von Moskau streng angemahnte Abgrenzung. Die "ganze deutsche Nation" wurde aus der Verfassung gestrichen, der Text der DDR-Hymne ("Deutschland, einig Vaterland") durfte nicht mehr gesungen werden.
Doch auch der Versuch, die DDR zur "sozialistischen deutschen Nation" aufzuwerten, schöpfte bald wieder aus dem Fundus der gesamtdeutschen Historie. Einst verfemte Großgestalten der deutschen Geschichte wurden nun für den Sozialismus reklamiert: zuerst Friedrich der Große, dessen 1950 entferntes Denkmal 1980 wieder Unter den Linden, in Sichtweite des ZK-Gebäudes, aufgestellt wurde; dann, im Lutherjahr 1983, der Wittenberger Reformator, bis dahin als frühbürgerlicher Gegenspieler des Bauernführers Thomas Müntzer eher verpönt.
Jenen, denen sie galten, nötigten diese ideologischen Klimmzüge bestenfalls sarkastische Kommentare ab. "Lieber Friedrich, steig hernieder / Regiere deine Deutschen wieder", frotzelten die Ost-Berliner angesichts der Rückkehr des Alten Fritz, "Lass in diesen schweren Zeiten / Lieber den Erich oben reiten."
Doch die Akzeptanz durch die eigene Bevölkerung war den Kommunisten ohnehin unwichtig. Sie fühlten sich durch die Geschichte unangreifbar legitimiert, ein "Fakt", den sie lediglich Uneinsichtigen eintrichtern zu müssen meinten.
Viel mehr sorgte sich das Politbüro um internationale Anerkennung. Nichts brachte den eitlen Staatschef Honecker und seine Genossen so um den Schlaf wie das Teilstaatstrauma. Angesichts ihrer Abhängigkeit von den Sowjets und der Ächtung durch die Bundesrepublik quälte die SED-Führer der Gedanke, in den Augen der Welt nur ein pseudosouveränes Homeland zu regieren, eine Art sowjetisches Bophuthatswana. Selbst nachdem Honecker in Bonn empfangen worden war und sogar die Springer-Presse es aufgegeben hatte, die DDR in Anführungszeichen zu setzen, blieb deren Politbürokratie von chronischer Statusangst geplagt.
Es war dieser Hunger nach Anerkennung, der die DDR in ein für sie letztlich fatales Dilemma brachte. Denn ihn zu stillen bedeutete zugleich, am eigentlichen Fundament der DDR zu nagen: dem Prinzip der Abgrenzung, welches sich am brutalsten in Gestalt der schwer befestigten "Staatsgrenze West" manifestierte.
Der deutsch-deutsche Grundlagenvertrag von 1972 und die folgenden Reiseerleichterungen, die Aufnahme in die Uno 1973 und vor allem die Unterzeichnung der KSZE-Schlussakte von Helsinki 1975 brachten der Honecker-DDR zwar außenpolitisches Prestige ein. Sie erkannte damit aber auch erstmals für sie gefährliche völkerrechtliche Normen und zivilgesellschaftliche Standards an.
Deren allzu offene Missachtung musste sie fortan vermeiden. Ausreisewillige, die öffentlich protestierten, wurden nun meist schnell abgeschoben, die grausamen Selbstschussanlagen, die Honecker seit 1971 an der Grenze hatte anbringen lassen, ab 1983 nach und nach abgebaut.
Die Existenz solcher Tötungsautomaten hatte Honecker hartnäckig geleugnet, bis 1976 der freigekaufte Ex-DDR-Häftling Michael Gartenschläger in einer tollkühnen Aktion ein Gerät abbaute und der Öffentlichkeit präsentierte. Der desavouierte Diktator rächte sich auf seine Weise: Er ließ Gartenschläger an der Grenze beim schleswig-holsteinischen Büchen in eine Falle locken und von einem Spezialkommando des MfS aus dem Hinterhalt erschießen.
Aber auch aus der eigenen Bevölkerung wurden der SED-Führung die von ihr unterzeichneten internationalen Abkommen vorgehalten - voran die Helsinki-Schlussakte, die auch das Recht auf Freizügigkeit proklamierte. Seit Mitte der siebziger Jahre machten oppositionelle "Helsinki-Gruppen", die für mehr Bürgerrechte eintraten, Honecker das Leben schwer; mit der unabhängigen Friedensbewegung bildeten sie schließlich die Keimzelle jener Bewegung, die 20 Jahre später die SED stürzte.
Die so entstandene Einschränkung ihres politischen Spielraums versuchten die seit Stalin an Allmacht gewöhnten Kommunisten durch weiteren Ausbau ihres Kontroll- und Unterdrückungsapparats aufzufangen. Unter Honecker wuchs die Zahl der MfS-Hauptamtlichen von 52 700 (1973) auf 91 000 (1989). Die Zahl der Inoffiziellen Mitarbeiter explodierte bereits bis 1975 auf mindestens 180 000; noch 1968 waren es "nur" 100 000 gewesen. Alles wollte die SED wissen, alles steuern; der perverse Höhepunkt ihrer Planbarkeitsideologie war der Versuch der umfassenden Manipulation des Menschen.
Und dennoch glich die DDR mehr und mehr Jonathan Swifts Gulliver: ein gefesselter Scheinriese, zunehmend unfähig, sich angesichts seiner Verstrickungen aufzurappeln. Statt eines "Sozialismus mit menschlichem Antlitz", den der kurze Frühling bei den tschechischen Nachbarn keine drei Jahre vor Beginn der Honecker-Ära verheißen hatte, herrschte seit spätestens Anfang der achtziger Jahre auch in der DDR ein "Stalinismus mit ausgeschlagenen Zähnen", wie der polnische Dissident Adam Michnik den siechen Spätsozialismus in seinem Land einmal nannte.
Die Zäsur zeichnete sich 1976 ab. In das Jahr eins nach Helsinki fiel die tragische Selbstverbrennung des Pfarrers Oskar Brüsewitz vor der Michaeliskirche in Zeitz; ein Fanal gegen die allgegenwärtige Bevormundung, dessen Schockwellen noch lange durch Staat und Kirche rollten. Die SED hatte versucht, die Tat totzuschweigen; als das nicht gelang, denunzierte sie den Pastor post mortem als "abnormal" und "Selbstentblößer".
Und noch im gleichen Jahr beging die SED ihren wohl größten taktischen Fehler. Im November 1976 verweigerte sie dem reformkommunistischen Bänkelsänger Wolf Biermann nach einem Konzert in Köln die Rückkehr und bürgerte ihn, den Sohn eines jüdischen KZ-Opfers, kurzerhand nach NS-Manier aus. Das Resultat war ein politisches Erdbeben in der DDR, welches den endgültigen Bruch zwischen den kritischen Intellektuellen und der Partei brachte. Seit Biermann kam die DDR nie mehr ganz zur Ruhe.
Auch der Versuch, die Anfang der achtziger Jahre unter der Losung "Schwerter zu Pflugscharen" im Umkreis der Kirche entstandene unabhängige Friedensbewegung für den Kampf gegen die Nato-Nachrüstung einzuspannen, misslang. Erstmals konnten Oppositionelle eigene Strukturen aufbauen. Noch glaubte die SED, eine Opposition im Friedensgewand durch Verhaftung von Bürgerrechtlern wie Rainer Eppelmann, Bärbel Bohley oder Ulrike Poppe verhindern zu können, doch wurde sie dadurch noch unglaubwürdiger.
Seinen einstigen Biss verlor das kommunistische System gleichwohl weniger durch gezielte Schläge seiner Gegner: der zu mehr als Nadelstichen kaum fähigen Opposition oder des Klassenfeindes im Westen, der die SED-Diktatur eher gleichgültig betrachtete. Der DDR-Sozialismus stolperte über seine eigenen Füße.
Das galt vor allem für die Ökonomie. Die plangläubige administrative Kommandowirtschaft erwies sich unter Honecker endgültig als unfähig, die nötigen Mittel für die lange Liste der Zuckerli zu erwirtschaften, die der neue Parteichef seinen Landeskindern zugedacht hatte. Die "volkseigenen" Betriebe wirtschafteten weiterhin unproduktiv, mit einer technischen Ausstattung, die oft aus der Vorkriegszeit stammte. Die letzten privaten Industrie- und Baubetriebe, die vergleichsweise rentabel arbeiteten, ließ Honecker 1972 verstaatlichen - aus Prinzip.
Dennoch brachten die ersten Jahre unter Honecker höhere Löhne, höhere Renten, Einführung des Babyjahres, eine Arbeitszeitverkürzung und echte Westjeans in den Centrum-Warenhäusern - insgesamt eine spürbare Verbesserung des bisherigen Lebensstandards.
Der Erfindung des Konsumsozialismus verdankte Honecker seine anfängliche Popularität. "Einheit von Wirtschafts- und Sozialpolitik" hieß die Formel, mit der die Partei 1971 die "weitere Erhöhung des materiellen und kulturellen Lebensniveaus des Volkes auf Grundlage eines hohen Entwicklungstempos der sozialistischen Produktion" zur "Hauptaufgabe" erhob.
Dahinter stand Honeckers Hoffnung, materielle Zufriedenheit werde die Arbeitsproduktivität dermaßen steigern, dass die hohen Kosten des kommunistischen Konsumbooms wieder in die Kasse kämen. Der neunmalkluge Plan sah außerdem vor, teure Technologieimporte in der ersten Hälfte der siebziger Jahre dann in der zweiten Hälfte durch Ausfuhr weltmarktfähiger Produkte wieder einzuspielen.
Die Rechnung ging nicht auf; zu viel Geld wurde für den Konsum abgezweigt, um das Volk ruhig zu halten. Die Verbindlichkeiten der DDR gegenüber der eigenen Staatsbank verzehnfachten sich unter Honecker auf 123 Milliarden; die Auslandsschulden stiegen gar um das 25fache: von 2 Milliarden Westmark im Jahr vor Honeckers Amtsantritt auf fast 50 Milliarden bei dessen erzwungenem Abgang 1989.
Seit der zweiten Hälfte der siebziger Jahre hangelte die DDR sich permanent am Abgrund des Staatsbankrotts entlang. Allein Devisenströme aus der Bundesrepublik bewahrten sie vor dem Offenbarungseid: Transitpauschale und Zwangsumtausch (zusammen eine Milliarde Mark pro Jahr), großzügige Häftlingsfreikäufe (rund 3,4 Milliarden insgesamt, im Mittel 100 000 Mark pro Kopf) oder ein dauernd eingeräumter zinsloser Überziehungskredit ("Swing") von zuletzt 850 Millionen.
Selbst das reichte noch lange nicht. Wie ein Fixer nach der Droge war die DDR auf der Dauerjagd nach Devisen; nie war genug da, immer musste ein neuer Schuss her, um das System am Laufen zu halten. Ihren wohl wichtigsten Dealer hatte die DDR in Franz Josef Strauß, der den Genossen 1983 und 1984 zwei Milliardenkredite vermittelte, ohne die sich die SED kaum mehr bis 1989 gehalten hätte.
Und wie ein Junkie sackte die DDR immer tiefer in einen Sumpf staatlicher Beschaffungskriminalität: Blutspenden gingen nicht an Befreiungsbewegungen in der Dritten Welt, wie den gutgläubigen Spendern vorgegaukelt wurde, sondern in den kommerziellen Export; systematischer Kunstraub in Museen und Bibliotheken lieferte Nachschub für Alexander Schalck-Golodkowskis Devisen bringende "Kunst & Antiquitäten GmbH"; bedenkenlos wurden gegen Westwährung Waffen auch in Spannungsgebiete exportiert.
Wenn es gar zu knapp wurde, schafften Herren der DDR-Staatsbank Ostmark in schweren Koffern zu Wechselstuben in West-Berlin, wo sie ihr Frischgedrucktes, noch mit Staatsbank-Banderole versehen, zum Marktkurs von 1 zu 15 umrubelten.
Das Leben von der Hand in den Mund war der späte, hohe Preis für die Anfangserfolge Honeckers. Der gab sich gleichwohl weiterhin dem Größenwahn hin, die DDR sei unter ihm zum zehntgrößten Industriestaat aufgestiegen - ein Hirngespinst, das auch im Westen viele für real hielten.
Mit Hightech hoffte Honecker es noch zu richten. Doch von den 17 268 "Industrierobotern", die 1982 laut SED-Statistik in den VEB auf "Weltniveau" produzierten, verdienten nach international üblicher Definition gerade einmal 1005 Stück dieses Prädikat. Mit großem propagandistischem Pomp ließ sich der Generalsekretär im September 1988 den ersten 1-Megabit-Speicher aus DDR-Herstellung überreichen - doch der kam nie zum Einsatz, es blieb bei einer Pilotserie von 20 000 Stück. Westfirmen produzierten solche Chips da bereits als Standardware, allein Siemens zwei Millionen Stück monatlich.
Statt mit moderner Technologie den Westen zu "überholen, ohne einzuholen", wie Ulbricht phantasiert hatte, degenerierte die DDR unter Honecker fast zu einem Schwellenland, dessen Pro-Kopf-Sozialprodukt 1989 unter dem Zyperns lag.
Während gutes Geld in teure, aber unrentable Prestigeprojekte gepumpt wurde, verrottete alles andere - die Maschinenparks der Betriebe, die Straßen und Verkehrswege, die Bausubstanz der historischen Altstädte. Als das DDR-Fernsehen 1988 eine Folge der Serie "English for you" mit dem Titel "In den Elendsquartieren von London" im England des Manchester-Kapitalismus spielen ließ, fand man die perfekte Szenerie allgemeiner Verwahrlosung samt rußgeschwärzter Häuser kostengünstig gleich vor der Haustür in Bitterfeld.
Wenige Monate zuvor hatten dort Öko-Oppositionelle den Umweltfrevel heimlich auf Video dokumentiert und dem Westfernsehen zugespielt. Diesen Versuch der Diversion hatte das Fernsehen der DDR mit einem hastig produzierten Heimatfilm zu kontern versucht: Unterlegt mit lustiger Wandermusik, bekamen die Zuschauer die ökologische Krisenregion als intaktes Naherholungsgebiet präsentiert; um kahle Bäume, qualmende Schlote und schäumende Seen hatte man diesmal sorgfältig herumgefilmt.
Die oppositionellen Filmemacher fand die Stasi nie, zum Glück. West-Journalisten traf schlimmstenfalls die Ausweisung - so die SPIEGEL-Korrespondenten Jörg R. Mettke (1975 wegen eines Berichts über Zwangsadoptionen, der nicht von ihm stammte) und Ulrich Schwarz (1978 nach dem Abdruck des "Manifests der Opposition"). Die Videopiraten wären in Bautzen gelandet.
Dabei ist nicht sicher, ob die SED das Westfernsehen zu Recht als Stachel im Fleisch ihrer Macht empfand. Sowohl der einstige DDR-Korrespondent Peter Merseburger wie auch George Urban, von 1983 bis 1986 Leiter von Radio Free Europe, meinten, dass die virtuelle Republikflucht nach Feierabend eher als Blitzableiter diente als dazu, die Sehnsucht nach politischer und geistiger Freiheit zu stimulieren.
Die Zahlen scheinen ihnen Recht zu geben: Die mit Abstand höchste Zahl der Ausreiseanträge verzeichnete das "Tal der Ahnungslosen" um Dresden, in dem Westprogramme nicht zu empfangen waren. Mit
* Bei einem Fototermin an der Grenze nach dem Abbau eines SM 70-Selbstschussgeräts Anfang 1976.
dem Land verfiel auch die oft beschworene und noch öfter ausgenutzte Aufbaumoral der Bürger. Deren soziale Lage - heute gern verklärt - verschlechterte sich in den achtziger Jahren ständig. Inflation und Arbeitslosigkeit breiteten sich, gut versteckt, auch in der DDR aus: Statt teurer wurden die Packungen kleiner; billige Produkte verschwanden und wurden durch teure ersetzt. Weil die überalterten Maschinen zu Bruch gingen, wurde in den Betrieben Däumchen gedreht; was Lohn hieß, war oft genug Schweigegeld für eigentlich Beschäftigungslose.
Dass die Sozialversicherung nicht umsonst war, sondern jedem, bis zur Bemessungsgrenze von 600 Mark, pauschal zehn Prozent vom Lohn (Mitte der siebziger Jahre im Schnitt 870 Mark) abgezogen wurden und der Betrieb, wie im Kapitalismus, noch einmal dasselbe drauflegte, ist heute vergessen - ebenso, dass in der späten DDR 80 Prozent der Berufstätigen eine Freiwillige Rentenzusatzversicherung abgeschlossen hatten, da die staatliche Grundsicherung hinten und vorn nicht reichte.
Auch Steuern gab es im Sozialismus, und nicht zu knapp. Von jeder Mark, die der gemeine Mann im HO-Markt ließ, hatte der Staat im Mittel 52 Pfennig auf den Nettokaufpreis draufgeschlagen. Der Höchststeuersatz für private Einkommen betrug 60 Prozent. Allein für die teure Grenzsicherung und den MfS-Etat musste jeder "Werktätige" jährlich rund zwei Monatslöhne berappen.
Arm dran waren die meisten Alten. Die rechnerische Höchstrente in der DDR, nach 40 beitragspflichtigen Arbeitsjahren, betrug 1989 gerade 480 Ostmark. Auch die ab und an verkündeten Erhöhungen änderten nichts daran, dass Altersarmut in der späten DDR allgegenwärtig war. "Danke, ausgezeichnet", ließ der Volksmund den Rentner auf die Frage nach dem werten Befinden antworten, "viel besser als morgen."
Nicht alle konnten über ihre Lage scherzen, bestimmt nicht die Kranken. Für gerade einmal 40 Prozent der schwer Nierenkranken gab es in der DDR lebenswichtige Dialyseplätze. Psychisch Kranke und geistig Behinderte wurden in psychiatrische Krankenhäuser abgeschoben - oft hausten sie, medikamentös ruhig gestellt, gemeinsam in Sälen mit 40 oder gar 60 Betten. Es war die sonst geschmähte Kirche, die mit ihren Einrichtungen - Altenheimen, Krankenhäusern, Schulen - wenigstens die gröbsten Mängel im staatlichen Sozialsystem aufzufangen versuchte.
Und von wegen mehr Gemeinsinn: Im "Kollektiv" geborgen war nur, wer mitmachte, die Rituale respektierte. Wer sich dem Anpassungsdruck auf Dauer widersetzte, fand sich irgendwann vor der Tür der "entwickelten sozialistischen Gesellschaft" wieder und konnte die Hoffnung auf Bildung und berufliches Fortkommen aufgeben. Abiturienten, die sich nicht für drei Jahre bei der Nationalen Volksarmee verdingten, hatten kaum Chancen auf einen Studienplatz, und schon eine punkige Frisur konnte ausreichen, um die Lehrstelle loszuwerden. Ein echter Punk lief Gefahr, als "asozial" im Knast zu landen.
Ironischerweise produzierte die SED gerade durch ihren zwanghaften Drang, alles und alle aneinander anzugleichen, immer mehr Randständige - Deklassierte des Realsozialismus, die vom System nichts mehr zu erwarten hatten.
Eine Ersatzheimat, geistig wie sozial, suchten viele von der offiziellen DDR Verstoßene in dem Freiraum, den die Kirche als einzig unabhängige Institution im Realsozialismus versprach. Doch die war im Ganzen ein weithin getreues Abbild der DDR-Gesellschaft; wie dort dominierten Angepasste, wurden die wenigen unabhängigen Köpfe von einer konfliktscheuen, IM-durchsetzten Kirchenleitung bedrängt.
Eine weitere Ironie: Die SED subventionierte ihre Gegner gleich mit. Ungewollt bot sie auch Ausgestiegenen die materielle Basis für eine unangepasste Existenz. Ohne Schrippen zu fünf Pfennig das Stück und Wohnraum zu Mieten von 1936 hätte so mancher zum Friedhofsgärtner abgestiegene Dissident hungern müssen.
Konsummäßig offerierte die DDR ohnehin wenig Aufregendes. Honeckers Versuch der organisierten Volksbestechung lief zunehmend ins Leere, denn der Maßstab der Bevölkerung war nicht Polen, sondern die "BRD" - und die zog immer mehr davon. In der DDR dagegen blieb das Angebot, mit der vielsagenden Ausnahme des Alkoholsortiments, auch bei den Waren des täglichen Bedarfs knapp und schlecht.
Weil etwa der Import alternativer "Sättigungsbeilagen" wie Reis zu viele Devisen verschlang, konsumierte der durchschnittliche DDR-Bürger jährlich 150 Kilo Kartoffeln - fast dreimal so viel wie seine bundesdeutschen Brüder. Südfrüchte gab es dafür nur halb so viel (18 Kilogramm) wie im Westen - wobei die SED-Statistik Säfte und Nüsse mit einrechnete.
Weltspitze war die Honecker-DDR nur im Fleischkonsum, auch wenn Böswillige ätzten, man könne in der DDR die Fleischereien nicht von Fliesenfachgeschäften unterscheiden: Mehr als 100 Kilogramm wurden zwischen Rügen und Zwickau pro Kopf und Jahr verzehrt. Dabei war Wurst östlich der Elbe noch ungesünder als anderswo. Denn auch Fleisch, das wegen veralteter Anlagen nicht ausreichend gekühlt werden konnte, kam per Ausnahmegenehmigung in den Verkauf - im Jahr 1985 volle 29 Prozent des DDR-Schlachtaufkommens.
Der kleine Wohlstand, den Honecker den Bürgern bieten konnte, half anfangs zweifellos, seine Position zu sichern. Doch hatte diese Herrschaftstechnik einen Nachteil: Einmal angefüttert, verlangten die Ost-Käufer nach mehr; zurückdrehen ließ sich die Konsumschraube erst recht nicht.
Schon 1977 war es zu einem veritablen Verbraucheraufstand gekommen, der für die SED zum Menetekel wurde: die "Kaffeekrise". Das Politbüro hatte verfügt, einen devisensparenden Kaffee in die Läden zu bringen. Den Bürgern aber mundete der mittels Zichorie, Spelzen, Roggen, Gerste und getrockneten Zuckerrübenschnitzeln zum Muckefuck gestreckte Morgentrunk der Marke "Kaffee-Mix" (Kilopreis: 48 Ostmark) nicht.
Umgehend überfluteten Eingaben empörter Bürger die Polit-Panscher: "Mit großer Enttäuschung kochten wir uns heute früh den Kaffee", schrieb ein Kollektiv aus Löbau. "Wir sind der Meinung, dass der Kaffee nicht als Bohnenkaffee angeboten werden dürfte, da er weder den beliebten Kaffee-Geruch noch Geschmack besitzt." Und Elfriede L. aus Weißenfels brachte die Kritik auf den wunden Punkt: "Meiner Meinung nach kann es nicht im Interesse der Beschlüsse des IX. Parteitages der SED sein, auf eine solche Art das Lebensniveau der Bürger zu erhöhen."
Also mussten wieder mehr Kaffeebohnen beigemischt werden, vor allem minderwertige Sorten - die bekam man auch ohne Westgeld, aus Angola im Tausch gegen Waffen. "Wir geben allein 400 Millionen Mark in Devisen aus für den Kaffee, unwahrscheinlich", brüstete sich Honecker 1978 gegenüber Bundeskanzler Helmut Schmidt, sein Dilemma wie üblich in eine Leistung verkehrend. Zehn Jahre und 200 000 weggegangene DDR-Bürger später erklärte Honecker Ende 1988 noch immer allen Ernstes öffentlich, der Lebensstandard in der DDR sei "im Grunde genommen höher als in der Bundesrepublik".
Andere Töne hörte man zu diesem Zeitpunkt aus Moskau: "Es gibt ein eindeutiges Maß, an dem wir unseren Erfolg messen können", schrieb ebenfalls 1 988 der "Iswestija"-Kommentator Alexander Bowin: "Die Zahl derjenigen, die ,hinüber'' auswandern wollen, soll geringer als die der Einreisewilligen sein." Denn, so Bowin: "Wem es gut geht, der wird nicht fort wollen. Das ist auch eine Wahrheit, die wir über uns selbst aussprechen müssen."
Honecker aber wollte von solchen Wahrheiten nichts wissen und flüchtete sich in die Visionen der Vergangenheit. "Den Sozialismus in seinem Lauf", hielt er mit August Bebel noch Mitte August 1989 dagegen, "hält weder Ochs noch Esel auf."
Nicht aufzuhalten waren zu diesem Zeitpunkt aber allein die DDR-Bürger, die in Massen über die Grenze von Ungarn nach Österreich strömten. Seit Anfang Mai wurden dort die Sperren abgebaut; am 27. Juni hatten der ungarische Außenminister Gyula Horn und sein österreichischer Kollege Alois Mock symbolisch den Draht des Eisernen Vorhangs durchtrennt - und damit den Lebensfaden der DDR.
Der Rest war Röcheln. Ab dem 11. September null Uhr durften DDRler Ungarn legal verlassen. Am 18. Oktober zwang ein panisches Politbüro Honecker zum Rücktritt. Am 9. November vermasselte die neue SED-Führung um Egon Krenz die Bekanntgabe einer neuen Reiseregelung; die Ost-Berliner verstanden Günter Schabowskis Gestammel vor der Weltpresse auf ihre Weise und überfluteten die Grenze.
Auch die letzte Hoffnung der SED war da längst zerronnen: Die Ausreiserströme schwächten nicht mehr den Widerspruch, sondern stärkten ihn - aus "Wir wollen raus!" wurde "Wir bleiben hier!" Am Tag vor der endgültigen Öffnung der ungarischen Grenze war in Ost-Berlin das Neue Forum gegründet worden, tags darauf die Bürgerbewegung "Demokratie jetzt", die zu "Einmischung in eigener Sache" aufrief und freie Wahlen forderte.
Einer ihrer Initiatoren war ein junger Pfarrer, der drei Jahre zuvor im Knast gelandet war, weil er an der Mauer für das Recht auf Reisefreiheit demonstriert hatte: Reinhard Lampe.
Hans Michael Kloth, 35, ist SPIEGEL-Redakteur und Mitherausgeber des Bandes "Arche Nova. Opposition in der DDR 1988 - 90", BasisDruck Verlag, Berlin 1995.
"Den Sozialismus in seinem Lauf hält weder Ochs noch Esel auf."
ERICH HONECKER IM AUGUST 1989
"Lasst uns ihn würdig empfangen - empfangt ihn als einen unserer Brüder!"
ALTBUNDESKANZLER HELMUT SCHMIDT IM SEPTEMBER 1987 ZUM HONECKER-BESUCH
DIE THEMENBLÖCKE IN DER ÜBERSICHT: I. DAS JAHRHUNDERT DER IMPERIEN; II. ... DER ENTDECKUNGEN; III. ... DER KRIEGE; IV. ... DER BEFREIUNG; V. ... DER MEDIZIN; VI. ... DER ELEKTRONIK UND DER KOMMUNIKATION; VII. ... DES GETEILTEN DEUTSCHLAND: 50 JAHRE BUNDESREPUBLIK; VIII. ... DES SOZIALEN WANDELS; IX. ... DES KAPITALISMUS; X. ... DES KOMMUNISMUS; XI. ... DES FASCHISMUS; XII. DAS JAHRHUNDERT DES GETEILTEN DEUTSCHLAND: 40 JAHRE DDR; XIII. ... DER MASSENKULTUR
* Hermann Axen, Werner Krolikowski, Horst Sindermann, Erich Honecker, Willi Stoph, Hans-Joachim Böhme, Werner Eberlein. * Am 8. April 1989 am Übergang Berlin-Chausseestraße. * Beim Besuch von Bundeskanzler Helmut Schmidt in Güstrow im Dezember 1981. * Bei einem Fototermin an der Grenze nach dem Abbau eines SM 70-Selbstschussgeräts Anfang 1976. DIE THEMENBLÖCKE IN DER ÜBERSICHT: I. DAS JAHRHUNDERT DER IMPERIEN; II. ... DER ENTDECKUNGEN; III. ... DER KRIEGE; IV. ... DER BEFREIUNG; V. ... DER MEDIZIN; VI. ... DER ELEKTRONIK UND DER KOMMUNIKATION; VII. ... DES GETEILTEN DEUTSCHLAND: 50 JAHRE BUNDESREPUBLIK; VIII. ... DES SOZIALEN WANDELS; IX. ... DES KAPITALISMUS; X. ... DES KOMMUNISMUS; XI. ... DES FASCHISMUS; XII. DAS JAHRHUNDERT DES GETEILTEN DEUTSCHLAND: 40 JAHRE DDR; XIII. ... DER MASSENKULTUR
Von Hans Michael Kloth

DER SPIEGEL 38/1999
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