Von Berndt, Christina
Ihre Krankheit wird Sie nicht töten. Das ist die gute Nachricht", erklärt der Arzt, der Eva K. behandelt, mit freundlichem Lächeln. "Und die schlechte ist: Ihre Krankheit wird Sie nicht töten."
Die Patientin ist völlig aus dem Häuschen. Nicht etwa, weil ihr die Prognose eines vermutlich lang anhaltenden Leidens Sorgen bereitet. Die junge Frau ist glücklich: 21 Ärzte hat sie schon um Rat gefragt. Nummer 22 bestätigt ihr endlich, was sie selbst seit langem vermutet: Sie leidet an einer Krankheit, an einer wirklichen Krankheit! Und die hat sogar einen Namen: Chronisches Erschöpfungssyndrom (CFS).
Zu ihrer Odyssee durch die Arztpraxen ist Eva K., die allein lebt, jedes Mal von einer Wohnung aufgebrochen, die bizarr anmutet: Überall glitzert es; selbst in den dunkelsten Ecken kann man sich spiegeln - wenn auch ziemlich zerknittert.
Glanz und Glitter in ihrer spartanischen Bleibe rühren von der Alufolie, mit der sich Eva K. vor Chemikalien zu schützen versucht. Denn die, glaubt die magere Blondine, lauern überall auf sie, dringen aus Teppich, Möbeln und Tapeten - und sogar aus der Hartplastik-Klobrille.
Nur in ihrer silbrig-sterilen Welt kann es Eva K. überhaupt aushalten. Aber richtig gut geht es ihr auch hier nicht. Immer wieder befällt ein bleiernes Gefühl ihre Glieder und verleidet ihr die Freude am Leben. Manchmal monatelang jeden einzelnen Tag. Seit ein paar Jahren geht das schon so.
Wenn dieses bleierne Gefühl wieder da ist, fühlt sich die ehemalige Verwaltungsangestellte morgens so schlapp, dass sie einfach nicht aus dem Bett kommt. Sie schafft es kaum, sich etwas zu essen zu machen. Und alles tut ihr weh. Dabei war sie früher eine aktive Sportlerin - bis zu jenem Tag, an dem sie morgens aufwachte und sich einfach grässlich fühlte.
Eva K. ist mit ihrem Leiden auf der Höhe der Zeit. "Umweltkrankheiten" wie ihr CFS, das die Österreicher treffend "Müdkrankheit" nennen, das Multiple Chemikaliensyndrom (MCS), das Sick-Building-Syndrom (SBS), aber auch Nahrungsmittel-, Medikamenten- und Holzschutzmittelunverträglichkeiten sowie Schäden durch Amalgam und Elektrosmog sind Erscheinungen des 20. Jahrhunderts. Die meisten dieser Krankheiten sind kaum älter als zwei Dekaden.
"Allergisch gegen das 20. Jahrhundert", titelte daher die US-Zeitschrift "Health" sarkastisch. Doch um Allergien handelt es sich gar nicht. Weder Histamin noch Immunglobuline vom Typ E, die der Körper bei einer Allergie typischerweise ausschüttet, finden sich im Blut der Umweltkranken.
Überhaupt fällt der wissenschaftliche Krankheitsnachweis schwer. Denn bei allen Syndromen klagen die Patienten über die schädliche Wirkung von Chemikalien oder anderen Noxen, die in den gefundenen Konzentrationen normalerweise gar keine Effekte hervorrufen.
"Bisher sind nur sehr vage Zusammenhänge zwischen den Beschwerden der Patienten und äußeren Einflüssen erkennbar", konstatiert der Gießener Umweltmediziner Thomas Eikmann.
Das liegt unter anderem auch an der Vielfältigkeit der Krankheitssymptome, die Atem- und Herzbeschwerden genauso umfassen wie Erschöpfungszustände, Augenbrennen, Schmerzen aller Art, Konzentrations- und Denkstörungen oder Depressionen. "Ob Sie Kopfschmerzen haben oder sich morgens schlecht fühlen", resümiert Eikmann, "Sie können alles auf eine dieser Umweltkrankheiten zurückführen, da praktisch jedes Symptom durch jede beliebige Ursache ausgelöst wird."
"Früher nannte die Medizin Patienten, mit denen sie nicht zurechtkam, Simulanten", stichelt der Neuherberger Toxikologe Helmuth Müller-Mohnssen, "heute sagt man, sie hätten MCS."
So vage die Diagnose, so weit gestreut sind auch die Schätzungen zur Häufigkeit von MCS, CFS und SBS. Zwischen 1,5 und 15 Prozent der Bevölkerung sind demnach mittlerweile an einem dieser unklaren Syndrome erkrankt. Vier von zehn Deutschen geben irgendwelchen Umweltgiften die Schuld an ihren gesundheitlichen Problemen, und mehr als die Hälfte glaubt, in der heutigen Welt sei ein gesundes Leben ohnehin nicht mehr möglich.
Ökochondrie? Gar eine Massenpsychose? Zumindest liege diesen modernen Leiden "eine unbewusste, tiefe Zukunftsangst" zu Grunde, meint der Freiburger Mediziner Herbert Remmer.
Von einem "Kausalitätszwang" spricht auch Günter Niklewski: Die Patienten ignorierten die psychischen Ursachen ihrer Krankheit und schöben die Schuld lieber auf äußere Faktoren, um sich nicht mit ihren eigenen Problemen auseinander setzen zu müssen. Eine Untersuchung der Universität Erlangen-Nürnberg aus dem Jahre 1995 gibt dem Berliner Psychiater Recht. Ihr zufolge sind mehr als zwei Drittel der Patienten, die eine umweltmedizinische Sprechstunde aufsuchen, psychiatrisch auffällig.
Sehr viel konkreter stellt der Arzt und Sozialwissenschaftler Felix Tretter Umwelt-Angst und Umwelt-Leid in einen Zusammenhang: Es sei gerade die Furcht vor den Umweltschäden und ihren Gesundheitsgefahren, die "in zunehmendem Maße selbst zur Ursache von Gesundheitsstörungen wird".
Die Umweltkrankheiten haben Deutschland erst vor etwa fünf Jahren erobert, obgleich die größten Umweltkatastrophen - Seveso, Bhopal, Tschernobyl, Sandoz - bereits 10, 20 und mehr Jahre zurückliegen. Seitdem ist nichts Vergleichbares mehr geschehen. Luft und Flüsse sind so sauber wie noch nie seit Beginn der industriellen Revolution, die chemische Industrie jammert über eine Vielzahl gesetzlicher Auflagen, auch der Atomausstieg zeichnet sich ab.
Trotzdem ergeben Amalgam, Elektrosmog, Schwermetalle und Asbestablagerungen für immer mehr Menschen ein Bedrohungsszenario ersten Ranges. "Zwar ist die Zahl der Umweltschadstoffe insgesamt zurückgegangen, dafür sind sie aber auch weniger sichtbar", erklärt Thomas Eikmann das hartnäckige Phänomen. "Heutzutage bedrücken uns Dinge, die wir nicht sehen und fassen können. Und gerade das macht Angst."
Es fällt auf, dass Umwelt-Ängste und Öko-Hysterien in den letzten 20 Jahren stets parallel gingen mit der öffentlichen Debatte über wachsende Umweltprobleme. So waren die Jahre 1986 bis 1989, die sich an die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl anschlossen, die Jahre der Kernkraftängste. Der Beginn der neunziger Jahre war hingegen die Hoch-Zeit der Chemophobien - verstärkt durch den gelben Regen, den der Hoechst-Konzern 1993 über den Frankfurter Stadtteil Schwanheim entließ.
"Keine Generation in der Menschheitsgeschichte hat so viel wissenschaftlichtechnischen Wandel verkraften müssen wie wir", notierte 1996 der damalige Hamburger Umweltsenator Fritz Vahrenholt im SPIEGEL. Doch nicht die Störfälle seien die eigentlichen Katastrophen gewesen, sondern die Informationspolitik der Verantwortlichen: So behauptete die Hoechst AG 1993 hartnäckig, ihr gelber Fallout sei ungefährlich, obwohl es sich um eine krebserregende Substanz handelte. "Angst und Unsicherheit wurden geschürt", so Vahrenholt, und "Vertrauen zerstört".
Die Umweltmedizin, die das Zeitgeistphänomen der Öko-Leiden aufklären soll, krankt selber an einem entscheidenden Problem: Kausale Zusammenhänge nachzuweisen ist in diesem Bereich generell schwierig.
So wurde bis heute wissenschaftlich nicht einwandfrei geklärt, ob die erhöhte Zahl an Leukämiefällen in der Elbmarsch tatsächlich mit der Nähe zum Kernkraftwerk Krümmel zusammenhängt oder nicht. Woher ein Krebs kommt, ist nicht mehr festzustellen, wenn er erst einmal entstanden ist.
Umweltkranke sehen das allerdings meist anders. Sie laufen häufig mit bereits gefestigten Vorstellungen von ihrem Leiden und dessen Ursache in die Arztpraxen und machen, ähnlich wie Eva K., so lange "Doctor-Shopping", bis jemand ihre unverrückbare Überzeugung bestätigt.
Paradoxerweise vergrößert auf diesem langen Weg jeder eigentlich beruhigende Befund die Sorgen der Umweltkranken, an einer besonders schlimmen - aber eben noch unbekannten - Erkrankung zu leiden.
Ihre Ängste werden dabei so groß, dass sie sich der Signale ihres eigenen Körpers nicht mehr sicher sind. Sie haben, so die Psychologin Lydia Hartl, die Fähigkeit verloren, zwischen bedeutsamen und unbedeutenden Wahrnehmungen zu unterscheiden.
"Es kommen Menschen, die leiden an Haarausfall und beschuldigen den Nachbarn, der sich gerade ein Handy gekauft hat", klagt Thomas Zunder von der Umweltambulanz der Universitätsklinik Freiburg.
Solche Patienten sind besonders schwere Fälle. Denn häufig haben sie sich noch in einer der zehntausenden von Selbsthilfegruppen, die es hier zu Lande bereits gibt, Bestätigung geholt und lassen sich kaum mehr von ihrer Meinung abbringen.
"Das sind keine einfachen Patienten", fasst Thomas Eikmann zusammen. "Sie nerven die Ärzte furchtbar."
CHRISTINA BERNDT
DER SPIEGEL 38/1999
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