20.09.1999

MEDIKAMENTEStille Nacht mit Valium

Machen Pillen glücklich? Psychopharmaka zählen zu den meistverordneten Medikamenten. Viele von ihnen werden missbraucht - als legales Doping für den Alltag, mit dem hunderttausende ihre Trübsal zu vertreiben suchen.
Millionen Deutsche sind chronisch unglücklich. Sie schlafen schlecht und fühlen sich überfordert, sie leiden am Gestern und am Heute, sie fürchten sich vor dem Morgen, dem Übermorgen, dem Ehepartner oder der ganzen Welt.
Was tun? Psychotherapie? Kegeln gehen? Glückspillen schlucken?
Die Pharmaindustrie hält für die Klientel der Unglücklichen und seelisch Kranken ein weit gefächertes Arsenal parat. Es sind Medikamente, die, so ein Werbespruch, eine "rosarote Brille für die Psyche" verleihen; chemische Krücken mit wundersamer Kraft: Sie tilgen Depressionen aus dem Hirn, blasen Neurosen, Angst- und Spannungszustände weg, lassen Wahnvorstellungen und Panikattacken schmelzen wie Butter in der Pfanne.
Mehr als 300 Psychopräparate sind in deutschen Apotheken vorrätig. Und sie werden immer zahlreicher, denn die Pharmaindustrie schätzt die Produkte sehr: Psychopharmaka zählen zu den meistverordneten Arzneien.
Jeder Deutsche, so die Statistik, kauft sich im Durchschnitt jedes Jahr genau eine Packung Psychodrogen für seine wunde Seele. Alle Deutschen zusammen schlucken im Jahr über eine Milliarde Tagesdosen Antidepressiva, Tranquilizer und Neuroleptika - aber macht sie der Pillenberg wirklich glücklicher?
Der Erfolg der Psychopharmaka hat zumindest den Insassen der Psychiatrie viel Elend erspart. Vor Entdeckung der Seelendrogen in den fünfziger Jahren wurden Geisteskranke mit Elektroschocks traktiert, mit Schlägen, Fesseln, Zwangsjacken, eiskalten Duschen und Gummizellen. Diese inhumane Gangart ist dank der Psychopharmaka weitgehend verschwunden. Für wirklich Kranke - schwer Depressive, Schizophrene und Maniker - sind die bunten Pillen, richtig angewandt, ein Segen.
Für viele andere aber, die ihren Frust mit Hilfe solcher Präparate totzuschlagen versuchen, sind sie ein Fluch. Auf gefahrvolle Weise, so das pharmakritische Standardwerk "Bittere Pillen", habe die Werbung den Eindruck erweckt, als seien Psychopharmaka "der Schlüssel zur Harmonie des Menschen".
In Deutschland, mahnt etwa Gerd Glaeske, Pharmaexperte der Barmer Ersatzkasse in Wuppertal, werden "viel mehr Psychopharmaka eingesetzt, als medizinisch begründbar ist". Seit Jahren beklagt auch der Suchtstoffkontrollrat der Vereinten Nationen den Psychopharmaka-Konsum der Europäer - er ist weltweit unübertroffen.
Allzu leichtfertig verschreiben Mediziner die Gemütsdrogen als legales Doping für den Alltag, und für diese Freigebigkeit müssen Patienten teuer zahlen: Viele leben im dauernden Bewusstseinsnebel, andere leiden unter dramatischen Nebenwirkungen. Vor allem aber sind hunderttausende abhängig geworden. Und Wegbereiter für ihre Pillensucht war ausgerechnet der Arzt ihres Vertrauens.
Die Zahl der Pharmajunkies liegt Schätzungen der Krankenkassen zufolge bei bis zu 1,2 Millionen - damit übersteigt sie die der Abhängigen von illegalen harten Drogen um das Sechsfache.
Suchtrisiken birgt vor allem die Wirkstoffgruppe der Benzodiazepine, auch bekannt als Tranquilizer. Zu ihnen zählen die bekannten Mittel Valium, Mogadan oder Rohypnol. Schon nach drei Wochen regelmäßiger Anwendung fällt es den Patienten schwer, von den angstlösenden Pillen wieder loszukommen; häufig gelingt das Absetzen nur in stationärer Behandlung. Die Entzugssymptome gleichen denen, zu deren Bekämpfung die "Benzos" einst verordnet wurden: Schlaflosigkeit, Schweißausbrüche, Unruhe, Angst.
Jede dritte Pille, so schätzt Pharmaexperte Glaeske, wird nur noch geschluckt, um die Sucht zu bedienen. Hauptbetroffene sind Frauen über 40 Jahren - Männer, so scheint es, betäuben sich lieber mit Alkohol. Vor allem Rohypnol spielt zudem "in der Drogenszene eine wachsende Rolle", wie der Mediziner Wolfram Keup beklagt, Leiter des Sucht-Frühwarnsystems FWS in Pöcking bei Starnberg. Aufgelöst und in die Vene gespritzt, verstärkt Rohypnol die Wirkung von Heroin.
Mediziner haben das Problem der Benzo-Sucht lange übersehen. Vor allem Allgemeinärzte und Internisten verschrieben die als "Happy Pills" bekannten und beworbenen Medikamente oft und gern - auch deshalb, weil Benzodiazepine gleich viele Probleme lösen: Die Pillen machen selbst schwierige Patienten handzahm. Das Rezept auszustellen ist allemal leichter als die Gründe zu finden oder gar zu behandeln, die zu Angst oder Depression geführt haben. Und weil die Pillen so wirksam sind, kommen die Patienten gern und zufrieden wieder in die Praxis - nur um noch mehr davon zu verlangen.
Bedrohliches wandelt sich unter Einfluss der Benzos in eine leicht verkraftbare Unwichtigkeit, Unruhe transformiert sich in Gelassenheit, Furcht zerrinnt. Psychische Tiefen gibt es nicht mehr, aber Höhen auch nicht. Tranquilizer dämpfen Gefühl und Bewusstsein wie ein Wattebausch, doch die Erlösung, die sie zu geben scheinen, ist trügerisch.
Tranquilizer sind - wie die übrigen Psychopharmaka auch - in Wahrheit eine Mogelei: Das Leben fühlt sich mit ihnen weniger schrecklich an, tatsächlich hat es sich keinen Deut gebessert. Die Ursachen des seelischen Missvergnügens bleiben unter der pharmakologischen Abwehrkruste weiter bestehen, ebenso Ängste und Depressionen. Statt sich aktiv mit dem Ursprung seiner Probleme auseinander zu setzen, lullt sich der Patient chemisch ein.
In Extremsituationen kann diese Form der Betäubung nützlich sein: Wenn ein nahe stehender Mensch stirbt, mögen Tranquilizer dem Trauernden als Mittel zur Überbrückung dienen - das Furchtbare hat dann Zeit, langsam ins Bewusstsein zu tröpfeln. Benzos helfen aber nicht, den Verlust psychisch zu verar-beiten.
Vor allem in den Altenheimen hat die Benzodiazepin-Sucht wie eine Epidemie eingeschlagen. Jeder zweite Heimbewohner, so konstatiert Siegfried Weyerer vom Mannheimer Zentralinstitut für Seelische Gesundheit, schluckt regelmäßig Psychopharmaka - allen voran Tranquilizer, aber in steigendem Maße auch Neuroleptika und Antidepressiva.
Der hohe Verbrauch an Psychopillen zeugt von Einsamkeit, Angst, Depression und Unruhe der Heimbewohner, aber häufig auch vom Kalkül der Heimbetreiber: Wo abends Valium ausgegeben wird, da steht eine stille Nacht bevor. "Billige Psychopharmaka ersetzen teures Personal", sagt Pharmaexperte Glaeske. Die Überversorgung mit Psychodrogen in vielen Heimen gleiche "chemischer Gewalt".
Benzos wirken vor allem bei älteren Menschen auch am nächsten Tag nach, weil Nieren und Leber im Alter weitaus länger brauchen, um die Psychosubstanzen abzubauen. Die Alten sind daher immerzu benebelt und gehen unsicher. Das Risiko von Stürzen mit schwer heilenden Oberschenkelhalsbrüchen, so Weyerer, "steigt unter Einfluss von Psychopharmaka um mindestens 50 Prozent".
Die Dauerberieselung mit den schwer abbaubaren Benzos führt zudem dazu, dass sich die wirksame Dosis im Körper immer weiter hochschaukelt. Zahlreiche Alte, die dement und schrullig wirken, sind tatsächlich nur Benzodiazepin-Vergiftete. Wenn Ärzte die Dosis langsam reduzieren ("ausschleichen") und das Suchtmittel schließlich ganz absetzen, kehren in vielen Fällen verschüttet geglaubte Geisteskräfte wieder zurück.
Von den Benzos wurden allein 1997 über 383 Millionen Tagesdosen verschrieben - genug, so Pharmaexperte Glaeske im "Jahrbuch Sucht", um 1,1 Millionen Menschen Tag für Tag auf Pegel zu halten. Allerdings ist der Benzodiazepin-Konsum, auf nach wie vor hohem Niveau, seit Jahren rückläufig, da seine Risiken weithin bekannt geworden sind. Stattdessen "steigen viele Anwender auf Neuroleptika und Antidepressiva um", hat Pharmakritiker Glaeske festgestellt. Beide Substanzklassen verzeichnen steigenden Absatz.
Als "Happy Pills" kommen sie noch weniger in Frage. Zwar machen sie nicht süchtig, aber um in den Genuss der erwünschten Hauptwirkung zu kommen, müssen ihre Anwender, je nach angewandter Dosis, schwere bis sehr schwere Nebenwirkungen in Kauf nehmen.
Neuroleptika bekämpfen zwar Schizophrenie, Wahn und Halluzinationen und stellen hochgradig erregte Menschen ruhig. Dafür mindern sie aber Antrieb und Bewegungsdrang, das Denken klappt nicht mehr wie zuvor, Gefühle werden zum Rinnsal schwacher Reize.
Das sind noch nicht einmal die gravierendsten Nebenwirkungen. Häufig stellen sich Krämpfe in der Schlund-, Zungen- und Kiefermuskulatur ein, es kommt zu Sehstörungen, Schwindel und Erbrechen. Viele Anwender entwickeln zudem ein sogenanntes Parkinsonoid: Ihre Muskeln werden steif, ihre Gliedmaßen zittern, als litten sie an der Parkinsonkrankheit. Manche Symptome verschwinden nach Absetzen des Medikaments, andere bleiben bis zum Tod.
Auch bei den Neuroleptika sind die Alten die Hauptkonsumenten: Die Hälfte der 207 Millionen Tagesdosen, die die Ärzte 1997 verschrieben haben, wurden von Menschen über 65 Jahren geschluckt.
Den meisten Antidepressiva steht ebenfalls keine Karriere als Lifestyle-Droge bevor. Viele von ihnen können - nach wochenlanger Einnahme - zwar die Schwermut vertreiben, allerdings zum Preis von Mundtrockenheit, Benommenheit, Erektionsstörungen und schlechteren Gedächtnisleistungen. Ihre Anwender fühlen sich oft wie gefangen unter einer Käseglocke.
Erst Gemütsaufheller der neuesten Generation wie Prozac (deutscher Handelsname: Fluctin) weisen deutlich weniger Nebenwirkungen auf. In den USA ist Prozac zum Kultmedikament geworden, dem Zeitschriften ganze Titelgeschichten widmeten. Zum Objekt der Begierde wurde die Pille vollends, als sich herumsprach, dass sie sogar die Fettsucht günstig zu beeinflussen vermag.
Für hunderttausende Amerikaner gehört Prozac bereits zum Leben wie der Kaffee am Morgen oder der Alkohol am Abend. Die vergleichsweise pharmascheuen Deutschen hingegen vertrauen sich lieber anderen Mitteln an, um des depressiven Grundtons ihres Alltags Herr zu werden.
Was Prozac den Amerikanern, das ist den Deutschen ihr altbewährtes Johanniskraut. Schon Paracelsus lobte die Heilpflanze im 16. Jahrhundert als Wundermittel gegen allerlei Gebrechen und so auch "gegen die dollen Phantaseien". Extrakte dieser fast schon mythisch umrankten Pflanze sind frei verkäuflich in Reformhäusern und Apotheken, ihre Verkaufszahlen steigen seit Jahren.
Johanniskraut ist zahlreichen Studien zufolge tatsächlich wirksam gegen leichte und mittelschwere Depressionen; unerwünschte Nebenwirkungen scheint es nicht zu geben.
Das gilt nicht für alle Fläschchen aus der Hausapotheke. Spannungs- und Erregungszustände lassen sich, so verspricht die Werbung, auch mit "Klosterfrau Melissengeist" vertreiben (Slogan: "Nie war er so wertvoll wie heute"). Als Nebenwirkung dieses Trunks ist bei häufiger Einnahme Alkoholismus zu befürchten.
Tatsächlich ist das Hausmittel mit den netten Ordensschwestern auf dem Etikett kaum mehr als Schnaps im Tarngewand der Arznei: "Klosterfrau Melissengeist" enthält 79 Prozent Alkohol. MARCO EVERS
Von Marco Evers

DER SPIEGEL 38/1999
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