20.09.1999

LITERATURHelvetische Kraftpillen

Jeden Herbst das Gleiche: Urlaub vorbei, Filme entwickelt, und schon werden landauf, landab die Nachbarn vor der Dia-Leinwand zusammengetrieben. Nur einer widersetzt sich seit Jahrzehnten dem Ritual: Peter K. Wehrli aus Zürich. Ausgerechnet er, der als altgedienter Fernsehjournalist täglich Bilder sprechen lässt, entschloss sich im revolutionären Jahr 1968 zu einer privaten Widerstandsaktion: Seine Erinnerungs-Schnappschüsse bestehen aus Sprache, und die deckt eben oft auf, was Kameras entgeht. Zum Beispiel erscheint "der idyllische Dorfbahnhof, der in nichts erkennen lässt, dass er der Bahnhof der Großstadt Tripoli ist, außer durch die auf Tafeln verkündete Tatsache, dass er der Bahnhof von Tripoli ist". Oder aber "das Rascheln der Viper im dürren Laub hinter San Grato und die darauf folgende Stille, die so intensiv ist, dass ich mir sage, wenn man Stille riechen könnte, würde mich der Geruch von Lärm überhaupt nicht interessieren". Jahrelang bekamen allerdings nur Freunde und ein paar Leser exklusiver Literaturzeitschriften diese helvetischhintersinnigen Kraftpillen zu kosten. Nun aber hat Wehrli, 60, der seine Sammlung mit dem Understatement des Surrealisten einen "Katalog von Allem" nennt, sich doch bereden lassen und 1111 der Augen öffnenden Mikro-Werke (samt etlichen Zugaben) zum Buch gebündelt: von ersten Beobachtungsexperimenten während einer langen Zugfahrt nach Beirut bis zum fulminanten Schluss, wo auf knappstem Raum "das Gute", "die Poesie", "die Konstante", "der Wesenszug", "das Nichts" und schließlich "das Ganze" sprachlich dingfest werden. Mag der eine beim Lesen an Beat-Prosa, an den von Wehrli verehrten Richard Brautigan denken, ein anderer Verwandtschaften zum Gedankenblitz-Labor des alten Georg Christoph Lichtenberg spüren: Diese Wort-Vignetten drehen den Blick - aufs wirklich Wichtige.
Peter K. Wehrli: "Katalog von Allem". Albrecht Knaus Verlag, München; 416 Seiten; 44,90 Mark.
Peter K. Wehrli: "Katalog von Allem". Albrecht Knaus Verlag, München; 416 Seiten; 44,90 Mark.

DER SPIEGEL 38/1999
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Helvetische Kraftpillen

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