20.09.1999

DEBATTEDer Denker fällt vom Hochseil

Peter Sloterdijks Plädoyer für einen gentechnisch aufgerüsteten „Menschenpark“ erregt die philosophisch interessierte Nation. Greift hier ein ehemaliger Linker auf NS-Phantasien von rassischer Veredelung zurück? Von Ludger Lütkehaus
Lütkehaus, 55, ist Schopenhauer-Herausgeber und Professor in Freiburg. Er veröffentlichte soeben im Haffmans Verlag den "endzeitlichen" Großessay "Nichts". -------------------------------------------------------------------
Vieles kann man dem Philosophen Peter Sloterdijk vorwerfen, nicht aber, dass er die Gabe der Prophetie in eigener Sache verloren hätte. Sein unidyllischer Vortrag in der Idylle von Schloss Elmau ("Regeln für den Menschenpark"), der jetzt, verspätet, die philosophische "Erregungsgemeinschaft" bewegt, stellt diese Gabe ins hellste Licht. Man muss nur ihr unfreiwillig ironisches Potenzial würdigen.
Sloterdijk erfreut sich da gleich am Anfang seines Vortrags der Fähigkeit der Philosophie, sich durch ihre Texte - "Kettenbriefe durch die Generationen" - "Freunde zu machen". Zwar schwant ihm nicht nur Gutes; denn nie weiß man, was für Freunde sich eines Tages melden werden. Nichtsdestoweniger lassen die Autoren, bewegt von einer Art telekommunikativer "Fernstenliebe", sich ein auf das Abenteuer, "den unbekannten Freund als solchen bloßzustellen".
Formulierungen von weitsichtigster Ambivalenz: In den letzten Wochen haben sich die bekannten wie die nun bloßgestellten unbekannten Freunde gleich scharenweise zu Wort gemeldet. Endlich, nach Jahren lähmender Langeweile, in denen die inständig beneidete Literatur allemal ihre angeschwollenen Bocksgesänge, ihre Strauß-, Walser- und Handke-Debatten hatte, aber die Philosophie den Schlaf der Vernunft weiterschlief, den selbst gelegentliche Hörsaalschlachten um den australischen Euthanatologen Peter Singer nur kurz unterbrechen konnten - endlich gibt es wieder einen veritablen Denker-Skandal.
Sloterdijk, der einst allseits gehätschelte Kritiker der zynischen Vernunft, steht unverhofft als postfaschistischer Über- und Untermenschenzüchter am Pranger. Der Neo-Zarathustra aus dem Hause Suhrkamp seinerseits, bei dem die kynische Heiterkeit seiner Anfänge der gänzlich humorlosen Empfindlichkeit eines philosophischen Divus gewichen ist, konstruiert eine ferngesteuerte Kampagne und revanchiert sich mit einer Kritik der denunziatorischen Vernunft.
Der Unterhaltungswert der Debatte ist beträchtlich. Und, wer weiß, vielleicht verspricht sie am Ende auch noch einen gewissen Erkenntniswert. Das freilich setzt voraus, dass man sich auf den harten Kern der Sache konzentriert, nun, da der Text des Vortrags (in der letzten Ausgabe der "Zeit") nachzulesen und nicht mehr nur das Gerücht darüber zu rezensieren ist.
Ein philosophischer Schriftsteller, der noch nie von zu großen Themen und Vorbildern einzuschüchtern war, versucht sich in der Heidegger-, Nietzsche- und Platon-Nachfolge (in dieser regressiven Sequenz). Sein "Antwortschreiben" zu Heideggers Brief "Über den Humanismus" entpuppt sich als eine Art von Post- oder Transhumanismus-Brief. Als Sohn oder "Affe Zarathustras", je nachdem, wagt er sich auf das riskanteste Hochseil, das derzeit zwischen "Tier und Übermensch" geknüpft ist. Und wie in der Vorrede zu "Also sprach Zarathustra" stürzt der Seiltänzer ab.
Die "Anthropotechnik" (Sloterdijk), die Gentechnologie, droht oder ermöglicht, dieses Hochseil zu knüpfen. Eine philosophisch kundig gemachte "Biopolitik" soll sich ihren - im Übrigen leider immer noch beschränkten - Kopf darüber zerbrechen, nach welchen Kriterien und zu welchen Zielen das geschehen kann. In Deutschland steht derlei aus evidenten historischen Gründen allemal unter NS-Verdacht.
Der ausformulierte Vortragstext belegt diesen Verdacht nicht in dem Maße, wie man es nach den Frontalattacken der ersten Kritiker erwartet haben mochte. Vielleicht hat doch, wie Sloterdijk in seinem polemischen offenen Brief an Thomas Assheuer in der "Zeit" vom 9. September unterstellt, etwas zu heftig die Glocke des - biopolitisch korrekten - "Alarmismus" geschrillt. Es ist Sloterdijk abzunehmen, dass seine Distanzierung von der NS-Eugenik und ihrer "gestiefelten" Nietzsche-Lektüre keine leere Geste war. Und seine Heidegger-, Nietzsche- und Platon-Interpretation ist natürlich nicht umstandslos mit seiner eigenen Meinung kurzzuschließen.
Einzuwenden ist höchstens, dass Sloterdijk Zarathustra-Nietzsches Selektionsideen seinerseits zu selektiv liest; dass von Nietzsches untereinander heftig konkurrierenden Konzepten nur der "Übermensch" und der untergründig anklingende "Wille zur Macht" übrig bleiben. Die - neben solcher Kraftprotzerei melancholische - Idee der "ewigen Wiederkehr" und des "Amor fati", der das Leben bejaht, so wie es mehr schlecht als recht ist, bleibt auf der Strecke.
Auf der anderen Seite tut Sloterdijk Heideggers seinsfrömmelnden "ontologischen Hirtenspielen" vom Menschen als dem vorindustriellen Hüter und "Hirten des Seins" noch zu viel der Ehre an, ganz zu schweigen von Heideggers Seinsermächtigungsgesetz, demgemäß das Sein einst nach dem Führerprinzip gerufen hat. Das sozusagen "ontopastorale" Echo dieser Hirtenspiele ertönt heute aus dem Munde von Dolly und ihren Nachfahren, die auf ihre schafsmäßige Weise dem "Seyn" (Heidegger) ohne die Worte des Glöckners von Meßkirch Stimme geben.
Den allzu großzügig gewährten NS-Malus wird man zwar nach der Lektüre des Vortrags relativieren müssen.
Trotzdem ist die Fähigkeit des Textes und seines Autors gering, sich damit "Freunde zu machen". Mittelbar liegt das an dem Bärendienst, den Sloterdijk sich mit seinem offenen Brief an Jürgen Habermas in der "Zeit" erwiesen hat - einer einzigen Peinlichkeit: Just der Statthalter
der Kritischen Theorie in Deutschland, der
* Boris Karloff in "Frankenstein" (1931).
weiß Gott publizieren kann, was und wo er will, wird der denunziatorischen Bauchrednerei und des spätjakobinischen Tugendterrors verdächtigt, auf dass Sloterdijk in der Rolle des verlorenen Sohnes gleich die ganze Kritische Theorie der Frankfurter Schule seit dem 2. September für tot erklären kann.
Wieso der 2. September? Nun, da begann der ferngesteuerte Generalangriff der Habermaserei auf Sloterdijks "Zarathustra-Projekt". Selten kam so viel Verfolgungs- mit so viel Größenwahn zusammen. Dass die Philosophen die Könige spielen wollen und demgemäß Erbfolgekriege inszenieren, weiß man nicht erst, seit es im Hause Suhrkamp um die "Machtergreifung" geht - ist der Habermas-Verlag etwa jetzt das Haus der Nachkritischen Theorie?
Aber auch der Vortrag selber gibt nur begrenzt Anlass zur Entwarnung. Zu flüssig gehen Sloterdijk seine genetisch ingeniösen Wortspiele von der Zunge, die die philosophische Wagnerei mit der Heideggerei kreuzen, damit sich die "Selektion" auf die "Lektion" und das "Auslesen" auf das "Lesen" reimen kann.
Nur zu vertraut ist das Syndrom (bio-)technologischer Avanciertheit mit den tiefschwarzen Glaubensartikeln einer konservativen Anthropologie, die vom Menschen zuverlässig das Allerschlimmste erwartet - das ist schon richtig; dies aber nur, um desto besser auf die instrumentelle Vernunft der "Merkmalsplaner" und "Anthropotechnologen" setzen zu können. Das ist das uralte Dilemma aller pessimistischen Anthropologen: Misanthropen in Bezug auf den Menschen, wie er nun einmal meistens ist, sind sie Philanthropen in Bezug auf die Eliten, die Herrscher, die Könige, und zugleich Anthropotechniker, Zähmer der Bestien und Züchter der Besten, die den pädadogischen Idealen der Dichter und Denker den Rang ablaufen.
Gleich ob vis-à-vis der "Spiele" in den Amphitheatern der Römer oder der Enthemmungen der brutalen Medienwelt - Sloterdijk plädiert für die "Zähmung" der brutalisierten Humannatur durch "Anthropotechnik"; und vergisst im vorauseilenden Fortschrittsgehorsam, dass die medialen wie einst die circensischen Entfesselungen nur das ergänzende Unterhaltungsprogramm zur Zähmung sind.
Zu drückend ist schließlich die Erblast der sogenannten Humanismus-Briefe, die nach dem fatalen Vorbild von Heideggers Brief gegen den Humanismus ironischerweise allesamt die Neigung verraten, zu Anti-Humanismusbriefen zu geraten.
Schon Sartres - Heidegger vorausgehende - existenzialistische Version des Humanismus, davor Nietzsches seiltänzerische Sendung des Menschen als des "noch nicht festgestellten Tieres" auf dem Weg zum "Übermenschen": Beide verkünden, dass das paradoxe "Wesen" des Menschen seine Wesenlosigkeit, seine "Bestimmung" seine Unbestimmtheit sei. Das war jene "negative Anthropologie", die mit ihrer Vorgängerin, der "negativen Theologie", darin übereinstimmte, dass über den neuen wie über den alten Gott keine definitive Aussage möglich sei.
Sie war vom Pathos der Freiheit, von einem zur Selbsterschaffung radikalisierten Selbstentwurf geprägt. Sartres Formeln von der "Existenz, die der Essenz vorangehe", vom Menschen, der nichts anderes sei als das, wozu er sich mache, wie Heideggers Verwahrung gegen jede "feststehende Auslegung" des Menschenwesens haben eine Leerstelle freigeräumt, deren Platzhalter zwischen Sein und Nichts ein namenloser Mensch ohne Eigenschaften war. Jetzt, in dem epochalen Moment, in dem der Selbstentwurf möglich wird, füllt ausgerechnet die "Anthropotechnik", die "Menschenproduktion" die Lücke. Das ist die farcenhafte Probe auf den Fortschritt der Geschichte im Bewusstsein der Freiheit.
In ihrer Sloterdijkschen Variante weiß die Anthropotechnik zwar, dass das Menschenwesen doch nicht ganz so unbestimmt, vielmehr aggressiv, ja bestialisch sei. Um so dringlicher wird ihr die Selbstumschöpfung in der "expliziten Merkmalsplanung" der "genetischen Reform". Insofern ist Sloterdijks Posthumanismus-Brief - im Blick auf das tierische Un-Tier Mensch - im Grunde menschenflüchtig.
Aber das verschlägt nichts. Denn auch der avancierteste Anthropotechniker steht wie der "negative Anthropologe" in einer frommen Ahnenreihe: Gott als der erste Merkmalsplaner war der erste Biotechnologe, als er den Menschen mit dem nötigen kleinen Unterschied "nach seinem Bilde" schuf. Nicht nur in ihrem Namen schließt die Genetik an die biblische Genesis an.
Allerdings lobt sie ihren Schöpfungstag schon vor dem Abend. Auch redet sie heute etwas anders: Statt von "Schöpfung" oder "natürlicher Geburt" spricht Sloterdijk von "Geburtenfatalismus". Und die in der Tat prekäre "Geworfenheit" des "gebürtigen" Daseins, die Heideggers "Seinshirt" einst auf seinen Feldwegen noch vor Augen hatte, überbietet er mit dem potenzierten Diktat "pränataler Selektion" und einer "optionalen Geburt". Die Frage bleibt nur, wessen Option sie ist.
In seinem apologetisch offenen Brief an Thomas Assheuer hat Sloterdijk herablassenderweise zum besseren Verständnis seines Gegners "zwischen legitimen genmedizinischen Optimierungen für die Einzelnen und illegitimen Biopolitiken für Gruppen" unterschieden. So weit, so gut. Aber als ob derlei das Thema seines Posthumanismus-Briefes gewesen wäre. Das Pathos dieses Briefes gilt dem von Nietzsche "postulierten ... Kampf zwischen den Kleinzüchtern und den Großzüchtern des Menschen - man könnte auch sagen zwischen Humanisten und Superhumanisten, Menschenfreunden und Übermenschenfreunden". Mit einem Wort: Freunde allerorten.
Der Titel des Vortrags redet klareren zynischen Text: Es geht um "Regeln für den Menschenpark", das heißt nach Sloterdijks Platon-Auslese: um den "Betrieb von Menschenparks", organisiert von "züchterischem Königswissen". Tatsächlich eine rundum "zoo-politische Aufgabe": Schon das Vokabular ist gruselig inhuman.
* Boris Karloff in "Frankenstein" (1931).
Von Ludger Lütkehaus

DER SPIEGEL 38/1999
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