20.09.1999

ZEITGESCHICHTE

Seele verkauft

Von Rietzler, Rolf

Der Chefarchitekt und Rüstungsminister Adolf Hitlers, Albert Speer, bekannte sich nach 1945 zu seiner Mitschuld an der NS-Herrschaft. Von dem Jahrhundert-Verbrechen an den Juden wollte er aber nichts gewusst haben. Hitler-Biograf Joachim Fest geht in einem neuen Buch dem Rätsel Speer auf den Grund.

Etwas spröde, bescheiden, fast demütig". Der Publizist Joachim Fest erinnert sich noch genau, wie Albert Speer auf ihn wirkte, als er ihm Ende 1966 zum ersten Mal persönlich begegnete. "Ich konnte es kaum glauben, dass dieser freundliche Herr mit dem NS-Minister, der einer der mächtigsten Männer im Dritten Reich war, identisch sein sollte."

Wenige Monate zuvor, nach 20 Jahren Haft, aus dem Spandauer Gefängnis entlassen, suchte der 61-jährige Speer damals einen Experten, der bereit war, ihm bei seinen Memoiren zur Hand zu gehen. Das traf sich gut, denn Fest, Jahrgang 1926, war gerade mit den Vorarbeiten für eine umfangreiche Hitler-Biografie beschäftigt. Ein Zeitzeuge wie Speer, der dem sagenumwobenen Diktator so nahe gestanden hatte wie vielleicht kein Zweiter, kam dem Historiker wie gerufen.

In den folgenden zwei Jahren half Fest - zusammen mit dem Verleger Wolf Jobst Siedler - als eine Art Lektor und historischer Berater, die "Erinnerungen" Speers in eine lesbare Fassung zu gießen.

Der Haftentlassene hatte im Gefängnis schon vieles notiert und in nahezu 2000 Kassibern herausschmuggeln lassen. Sein Gedächtnis arbeitete hervorragend, wenngleich offensichtlich selektiv. Lücken ließen sich auch durch insistierende Vorhaltungen nicht immer schließen. Fest: "Bei bestimmten Fragen wich er, statt konkret zu werden, ins Ungefähre aus."

Speers "Erinnerungen" wurden, als sie im Herbst 1969 erschienen, trotzdem - oder gerade deswegen - ein beispielloser Erfolg. Der geläuterte Nazi, der stellvertretend Reue zeigte, fand Gefallen bei den vielen, die schlechten Gewissens waren. Die Medien rissen sich um den gebildeten Herrn mit den guten Manieren. Sarkastisch brachte der Historiker Eberhard Jäckel den Lebenslauf des letzten Überlebenden aus dem innersten Kreis der Nazi-Macht auf den Begriff: "Everybody''s darling - Hitlers Lieblingsarchitekt, seit 1942 sein Lieblingsminister, in Nürnberg der Lieblingsangeklagte und heute der Lieblingsspätheimkehrer der westdeutschen Gesellschaft".

Speer blieb eine merkwürdig schillernde Gestalt der Zeitgeschichte, höchst umstritten, von allen NS-Größen die rätselhafteste, gerade weil er etwas aus der Reihe fiel. Viele meinten, des "Teufels Architekt" habe sich beim Nürnberger Prozess und später dann in seinen Memoiren seine eigene Legende mit Bedacht und eiskaltem Kalkül fabriziert. Der Psychoanalytiker Alexander Mitscherlich legte dagegen bei dem "feinsinnigen Schuldig-Unschuldigen" massive Verdrängungsmechanismen bloß: "ein schönes Beispiel unbewusster Selbstblendung".

"Von den Ermordungen der Juden hatte ich keine Kenntnis" - bei dieser Aussage vor dem Internationalen Militärgericht blieb Speer im Kern sein Leben lang.

Erst nach seinem Tod (1981) wurde Speers ganz persönliche Beteiligung an der "Ent-mietung" und Vertreibung der Berliner Juden und der Ausbeutung der Zwangsarbeiter für die Rüstungsindustrie systematisch erforscht und aufgedeckt.

Das ließ den Historiker Fest nicht ruhen. Seine Hitler-Biografie (1973), auch sie ein Bestseller, hatte für Furore gesorgt. Danach hatte sich der Buchautor anderen Themen zugewandt: den Brüdern Thomas und Heinrich Mann, Italien und dem Widerstand gegen Hitler ("Staatsstreich", 1994).

Mit Speer aber stand noch eine Rechnung offen. Fest wusste inzwischen: Sein Gesprächspartner von damals hatte ihm nicht alles gesagt, und nicht alles, was er gesagt hatte, diente der Wahrheitsfindung. Auch musste den Publizisten, 20 Jahre lang Mitherausgeber der "Frankfurter Allgemeinen", der immer wieder erhobene Vorwurf kränken, er habe bei der Selbststilisierung Speers Formulierungshilfe geleistet. Zudem gab es noch ein Konvolut von Notizen, die er damals gemacht hatte, ohne sie bislang auszuwerten.

So erscheint nun nächste Woche am 28. September seine Speer-Biografie, ein brillant geschriebenes Werk, aus dem der SPIEGEL einen Auszug vorabdruckt (siehe Seite 266)*.

* Joachim Fest: "Speer. Eine Biographie". Alexander Fest Verlag, Berlin; 540 Seiten; 58 Mark.

An Fakten bringt Fests Buch kaum etwas, was nicht auch schon woanders stand. Gleichwohl bietet seine abwägende Darstellung dem Leser neue Einsichten. Meisterhaft versteht es der Autor, die Facetten dieser Biografie herauszuarbeiten und so zu arrangieren, dass sich die innere Dramatik offenbart. Er holt die Gestalt Speers quasi aus dem Wachsfigurenkabinett der Geschichte und reanimiert sie zu einer historischen Person mitsamt ihren Lebenslügen und eklatanten Widersprüchen.

Ein Charmeur, ein Fachmann der Improvisation, ein roboterhafter Workaholic, unbestechlich und karrieresüchtig, hingabebereit und machthungrig. Der Architekt Speer war all dies und noch mehr. Aber auf ein entscheidendes Defizit macht Fest aufmerksam: "In einem Charakter wie dem seinen war kein Raum für Grundsätze." Der alte Speer selbst sagte über seine Berufsanfangsjahre: "Für einen großen Bau hätte ich wie Faust meine Seele verkauft."

In einer Schlussbetrachtung nennt ihn Fest "einen Mann mit vielen Fähigkeiten, aber ohne Eigenschaften", ein "Genie der Anpassung", letzten Endes abhängig von seinem Meister, den er sich in Hitler gesucht hatte.

Für diesen empfand er eine "grenzenlose Bewunderung". Schon als er Ende 1930 den nationalsozialistischen Parteiführer zum ersten Mal als Redner erlebte, sei er ihm verfallen.

"Ich war 30, als er mir eine Welt zu Füßen legte", erklärte Speer nach 1945 seine Faszination. Der Architekt und sein hoch gestellter Bauherr verstanden sich großartig, offenbar beide bewegt von einer erotisch gefärbten Zuneigung. Sein Bürochef Karl Maria Hettlage soll es Speer hinterbracht haben: "Sie müssen wissen, Sie sind Hitlers unglückliche Liebe."

Beide fühlten sich als Künstler. In endlosen Nachtgesprächen entwarfen sie Bauwerke, deren Dimensionen alle menschlichen Maße sprengten.

Für Berlin-Mitte plante Speer riesige Achsenstraßen von über 100 Meter Breite, an deren einem Ende sich ein Triumphbogen erhob, um vieles mächtiger als der in Paris. Neben dem Brandenburger Tor entstand auf dem Reißbrett eine gigantische Versammlungshalle, 290 Meter hoch und mit einer Kuppel von 250 Meter Durchmesser. 1950 sollte alles fertig sein und Berlin als Metropole eines neuen germanischen Weltreichs in "Germania" umgetauft werden.

Als "Generalbauinspektor" beglückte Speer seinen Gönner mit einer neuen Reichskanzlei, 391-Quadratmeter- Arbeitszimmer für den Hausherrn inklusive. Bei den Massenaufmärschen der Partei in Nürnberg sorgte er als "Chefdekorateur" mit Flakscheinwerfern für die spektakulären Lichtdome, Wahrzeichen nationalsozialistischer Ästhetik.

Als Nachfolger des verunglückten Rüstungsministers Fritz Todt demontierte der Aufsteiger seinen Rivalen Göring und entmachtete Minister und Generäle, die ihm im Weg standen. Mit Goebbels hingegen paktierte er, um den "totalen Krieg" voranzutreiben.

Unter Speers Ägide verdreifachte sich die deutsche Rüstungsproduktion. Untergebenen, die nicht spurten, drohte er mit dem Konzentrationslager. Als er 1943 auf dem Höhepunkt seiner Macht die gesamte Kriegswirtschaft dirigierte, brachte er sich selbst als Kronprinzen ins Gespräch.

Ein Traum, der nicht lange währte. Wenig später torpedierten die Bomberangriffe der alliierten Luftflotten auch die Position des Rüstungsministers. Die Produktionsziffern sanken, und mit ihnen sein Stern. Um ihn herum Intrigen und interne Machtkämpfe. Speer litt, weil er sich von Hitler zurückgesetzt fühlte. Die Welt zu seinen Füßen? Nein, ein Trümmerhaufen.

Als endlich auch er, Anfang 1945, den Krieg verloren gab, unterlief er die in seinen Augen "verbrecherischen" Vernichtungsanordnungen ("Nero-Befehl") seines Chefs und sabotierte sie, wo er konnte. Für Fest stellt dies einen überraschenden Bruch in Speers Biografie dar, der nicht leicht zu erklären ist.

Wirklich unbegreiflich ist ihm jedoch, dass Speer am 23. April noch einmal in das Berliner Bunker-Inferno zurückkehrte, um von seinem geliebten Führer persönlich Abschied zu nehmen und ihm seine unverminderte Loyalität auszudrücken. Da kapituliert der für sein verständnisvolles Einfühlungsvermögen berühmte Autor: "An dieser Stelle muss der historische Betrachter einen Augenblick lang aus seiner Rolle als distanzierter Chronist heraustreten und seine Ratlosigkeit bekennen." ROLF RIETZLER

* Joachim Fest: "Speer. Eine Biographie". Alexander Fest Verlag, Berlin; 540 Seiten; 58 Mark.

DER SPIEGEL 38/1999
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