19.11.2016

Eine Meldung und ihre GeschichteSag's dem Wind

Warum Tausende trauernde Japaner zu einer ausgedienten Telefonzelle pilgern
Jahr für Jahr laufen Tausende Japaner in eine kleine Grünanlage an einem Berghang über dem Pazifik, aus der ein weiß angepinseltes Telefonhäuschen ragt. Der Lärm von Bulldozern und Betonmischern dringt von Otsuchi herauf: Der Fischerort in Nordostjapan, der am 11. März 2011 durch das gewaltige Erdbeben und den folgenden Tsunami verwüstet wurde, ist seither eine einzige staubige Baustelle.
In der Telefonzelle steht ein altmodisches schwarzes Telefon mit Wählscheibe, es ist nicht angeschlossen, die Schnur liegt aufgerollt daneben: Von hier aus rufen die Besucher ihre Verstorbenen an.
"Kaze no denwa" – das "Windtelefon" – ist die wohl berühmteste Fernsprechzelle in Japan. "Die Leitung führt ins Nichts, die Menschen vertrauen ihre Trauer allein dem Wind an, der hier weht", sagt Itaru Sasaki, 71. Der einstige Stahlarbeiter trägt weiße Haare und einen grauen Bart. Das Telefonhäuschen hat er wenige Monate vor dem Tsunami hier aufgestellt, im Garten hinter seinem Haus. Eigentlich wollte Sasaki in der Telefonzelle ganz privat trauern, er hoffte, im Gespräch zu bleiben mit seinem geliebten Cousin, der vor sieben Jahren an Krebs gestorben ist.
Sasaki ist nicht religiös. Aber wie viele seiner Landsleute lebt er in der buddhistischen Tradition. Danach sind Tote nicht einfach tot, sie begleiten ihre Hinterbliebenen weiter im Alltag. Deshalb haben viele Japaner kleine Hausaltäre, davor knien sie nieder, sie berichten ihren Verstorbenen von täglichen Erlebnissen und Sorgen, fragen sie um Rat und opfern ihnen Lieblingsspeisen und -getränke.
Insofern brauchen sie eigentlich keine Telefonzelle, in der sie trauern. Aber dies ist ein besonderer Ort in einer besonderen Gegend: Allein in Otsuchi fielen über 1200 Menschen dem Tsunami zum Opfer, an der ganzen Küste waren es an die 20 000 Menschen; viele werden nach wie vor vermisst. Daher vermeiden Japans Medien Wörter wie "tot" oder "gestorben" – aus Rücksicht auf die Hinterbliebenen: Für diese gelten Verschollene oft erst dann als tot, wenn ihre Leiche gefunden ist. Die vermissten Seelen leben gleichsam weiter in einer Welt zwischen Leben und Tod.
Und so bietet das "Kaze no denwa" vielen Trauernden eine Verbindung in ein Jenseits, das gerade hier im zerstörten Otsuchi auf erdrückende Weise ganz gegenwärtig erscheint.
Berühmt wurde das Windtelefon einige Wochen nach der Tsunami-Katastrophe durch einen Zeitungsbericht. Daraufhin kamen nicht nur Trauernde, sondern auch Reporter, die den Besuchern der Telefonzelle teilweise gar auflauerten, um sie über ihr Leid zu befragen.
Wohl auch um den Medienandrang etwas zu kanalisieren, erlaubte Sasaki dem öffentlich-rechtlichen TV-Sender NHK ein erstaunliches Projekt: Dieser durfte einige Telefonate in der Zelle aufzeichnen, die Trauernden aus respektvoller Entfernung filmen und sie anschließend interviewen.
Am 10. März dieses Jahres, vor dem fünften Jahrestag des Tsunami, wurde das Programm ausgestrahlt. Der Fernsehabend wurde zur kollektiven Andacht für die Nation, die das Trauma von 3.11 – so nennen die Japaner die Katastrophe – längst nicht bewältigt hat. Es waren vor allem die schlichten Worte, welche die Trauernden ins Windtelefon sprachen, die viele tief berührten.
Zu sehen und zu hören war beispielsweise eine 70-Jährige, deren Ehemann durch den Tsunami umkam. Mit zwei Enkeln betrat sie das Telefonhäuschen. "Moshi moshi", sprach einer von ihnen in die Sprechmuschel – "hallo, hallo", wie bei einem normalen Anruf. "Nächstes Jahr komme ich in die zweite Klasse", sagte er. "Oma geht es auch gut." Und: "Opa, ich habe alle Hausaufgaben gemacht."
Eine andere Trauernde namens Hirano stand lange wortlos in der Telefonzelle. Durch den Tsunami hat sie ihren Mann, einen Fischer, verloren und das gemeinsame Haus. Schließlich wählte sie 425744 – ihre alte Telefonnummer, unter der jetzt niemand mehr den Hörer abnimmt.
Auffällig war, dass unter den Gefilmten viele Männer waren, die dem Windtelefon ihre Sorgen anvertrauten. Gerade für japanische Männer ist es nicht üblich, Gefühle wie Zuneigung oder Trauer offen zu zeigen. "Hallo, hallo, Nobuyuki", rief einer von ihnen mit tränenerstickter Stimme seinen verstorbenen Sohn an. "Ist Mutter bei dir? Verzeih, dass ich dich darum bitte, aber sorge auch für Oma und Opa." Dann wandte er sich an seine tote Frau, die er nur "Mutter" ("Okaasan") nannte, wie in vielen japanischen Ehen üblich: "Mutter? Ich komme wieder, ja? Mutter, ich komme wieder. Also, bis dann."
Tatsächlich kehren viele Anrufer häufig zurück zur weißen Telefonzelle. Seit der TV-Dokumentation kommen immer mehr Menschen, um ihre verlorenen Angehörigen anzurufen.
Manchmal wird Sasaki das alles zu viel. Er sagt: "All das Leid, das die Menschen mit sich hierhertragen – das kann einen seelisch überwältigen." Aber das Windtelefon, das soll hier für immer stehen, in dem Garten hoch über dem Meer, der für viele Verzweifelte nun ein Wallfahrtsort ist.
Von Wieland Wagner

DER SPIEGEL 47/2016
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