19.11.2016

SlowenienDie verlorene Tochter

Während Europa mit dem Schock der US-Wahl ringt, feiert die Heimat von Melania Trump. Ein Besuch bei alten Freunden, einem Exliebhaber und dem Mann, der sie entdeckte.
Das Traurige ist, sagt der Bürgermeister, dass alle nach Melania fragen, obwohl seine Stadt doch viel mehr hervorgebracht habe als die künftige First Lady der USA. "Es gibt die Burg oben auf dem Hügel", sein Daumen deutet zum Fenster, "dazu ein jährliches Salamifestival, die Möbelfabrik und im Fluss 30 verschiedene Fischarten für Angler." Nicht zu vergessen die hübschen Wasserkraftwerke.
Der Bürgermeister heißt Srečko Ocvirk, ein freundlicher Herr mit Kinnbart, der an seinem Schreibtisch in der Kleinstadt Sevnica sitzt, im Südosten Sloweniens. Er hatte einen ziemlich ruhigen Job bis zur Präsidentenwahl in den USA. Seit voriger Woche aber wird sein Büro überrannt von Journalisten, die fragen, wie Melania Trump tickt und was die Welt von ihr im Weißen Haus erwarten darf. Melania wuchs in Sevnica auf und ging hier zur Schule, ihr Elternhaus steht am Stadtrand. Ocvirk will das nutzen. Er hofft auf Touristen. Zwar habe er Melania nie persönlich treffen dürfen, wünsche ihr aber Glück. Ach ja, zur Politik ihres Mannes Donald Trump sage er lieber nichts.
Sevnica liegt am Ufer der Save, des größten slowenischen Flusses. 6000 Einwohner, drei Brücken und, zur Freude der jüngeren Leute, ein schneller Zug nach Ljubljana, der Hauptstadt. Sevnica war begeistert über die Nachricht aus Amerika. Am Tag nach der Wahl hing eine US-Flagge gegenüber dem Bahnhof, die Stadt feierte. Während ein großer Teil Europas in Schockstarre verharrte, klirrten in Sevnica Sektgläser. Ein Plakat am Ortseingang zeigt Melania Trump neben den Worten: "Willkommen in der Heimat der First Lady".
Melania Trump wird nach Louisa Adams die zweite Europäerin sein, die ins Weiße Haus einzieht. Dazu muss man sagen, dass die Gattin des sechsten US-Präsidenten John Quincy Adams, der von 1825 bis 1829 regierte, zwar gebürtige Britin war. Allerdings hatte sie einen amerikanischen Vater, zählte also nur halb als Europäerin. Melania dagegen könnte kaum europäischer sein. Sie wurde 1970 in Slowenien geboren, das zu Jugoslawien gehörte und von Tito beherrscht wurde. Sie war dabei, als das Land zerbröckelte und sich der Kontinent veränderte. Als Slowenien unabhängig wurde, war sie 21.
Es ist ein beispielloser Weg, den Melania Trump zurücklegte. Von der slowenischen Provinz über Trumps Märchenresidenz Mar-a-Lago in Florida und den Trump Tower in New York bis ins Weiße Haus. Nüchtern betrachtet hat sie nicht viel dafür getan, außer zu lächeln, den richtigen Mann zu heiraten und hin und wieder mit einstudierten Phrasen auf die Fragen von Journalisten zu reagieren.
Als Hobbys nennt sie Pilates und das Lesen von Magazinen. Während des Wahlkampfs war sie großteils abwesend, was ihrem Mann, der gegen Einwanderer polterte, nicht schadete. Als sie doch eine Rede hielt, stellte sich heraus, dass Teile aus einer Ansprache stammten, die Michelle Obama acht Jahre zuvor gehalten hatte.
Melania wird gern als naive Schönheit abgetan, deren Merkmal tolle Beine sind, aber das ist ungerecht. Menschen, die sie von früher kennen, beschreiben sie als zurückhaltend, aber klug, eine Frau, die lieber Bücher las, anstatt auf Partys zu gehen.
Man muss in Sevnica nur den Kamerateams folgen, um alte Bekannte von ihr zu treffen. Vor der Grundschule interviewt Servus TV aus Österreich eine Frau in einem dunklen Mantel. Sie heißt Mirjana Jelančič, leitet die Schule im Ort und war eine Jugendfreundin. Nett sei Melania gewesen, sagt Jelančič, einfühlsam, respektvoll. Die beiden Mädchen strickten viel, Melania vor allem blaue Pullover. "Es gab hier Anfang der Achtzigerjahre kaum besondere Mode zu kaufen", sagt Jelančič. "Wenn man individuell aussehen wollte, musste man die Klamotten selbst machen."
Melanias Mutter Amalija arbeitete in der Textilfabrik, ihr Vater Viktor handelte später mit Autos und Motorrädern. Die Familie zählte zur Mittelschicht. In der Schule lautete das Motto: Lernen, lernen, lernen, erzählt Mirjana Jelančič. Arbeit, Ehrlichkeit, Respekt, mit diesen Werten sei Melania aufgewachsen. "Vielleicht gefällt das ihrem Mann an ihr." Was Frau Jelančič über Donald denkt? Behält sie für sich.
Wie alle Freunde von früher hat auch sie keinen Kontakt mehr zu Melania. Sobald Melania einen Ort verließ, brach die Verbindung ab. Als sie nach Ljubljana zog, um eine weiterführende Schule zu besuchen und Architektur und Design zu studieren, ließ sie die Freunde zurück. Ebenso, als sie nach Paris, Mailand und dann New York übersiedelte. Sobald sie den Fuß auf die nächste Stufe setzte, interessierte sie die Vergangenheit nicht mehr. Als sie 1998 im New Yorker "Kit Kat"-Club ihren heutigen Ehemann kennenlernte, kam sie nur noch selten nach Slowenien. Nur ihre Eltern und ihre Schwester Ines begleiten sie und leben ebenfalls in New York.
Donald Trump war bislang einmal mit Melania in Slowenien, 2002. Die beiden waren ein Paar, aber noch nicht verheiratet, und wollten auf dem Weg von London nach New York mal dort vorbeischauen. Trumps Boeing landete auf dem Flughafen von Ljubljana. Von dort fuhren sie nicht nach Sevnica, sondern in die Gegenrichtung, nach Bled, so beschreiben es die slowenischen Journalisten Bojan Požar und Igor Omerza in ihrer Biografie "Melania Trump – The Inside Story". In Bled betrat Trump ein Restaurant, das für andere Gäste geschlossen war, aß ein Schnitzel mit Zwiebeln und Kartoffeln und trank Cola light. Drei Stunden später hob die Boeing wieder ab.
Man könnte meinen, dass ihre Heimat mehr Dankbarkeit fordert, schließlich fing hier alles an. Aber die meisten Slowenen sind einfach froh, dass die bald wichtigste Frau im Weißen Haus aus ihrem Land stammt. Als Model wurde Melania auf der Straße in Ljubljana entdeckt, mit 16. Ein schlankes Mädchen, groß, braune Haare, schüchternes Lächeln. Der Mann, der sie damals sah, heißt Stane Jerko und wohnt heute am Rand von Ljubljana. Er ist 79 und schwärmt von den katzenhaften Augen Melanias, als stünde sie vor ihm.
Jerko bittet in sein Wohnzimmer, die Fotos hat er bereitgelegt. Er war damals als Modefotograf bekannt und gab Melania seine Nummer. Beim ersten Shooting sei sie schüchtern gewesen, sagt er. Jerko zieht Schwarz-Weiß-Fotos hervor, ein lachendes Mädchen ist darauf zu sehen, fröhlich bis skeptisch, manchmal melancholisch, aber sehr hübsch und sehr unschuldig.
Der Fotograf lernte eine junge Frau kennen, die schnell begriff, was man von ihr erwartete. Beim zweiten Shooting wollte sie bei der Beleuchtung mitreden. "Sie hatte eine große innere Energie, einen Motor, der sie vorwärtstrieb." Als Melania bei einem Schönheitswettbewerb der Frauenzeitschrift "Jana" den zweiten Platz belegte, war sie nicht mehr aufzuhalten.
Hätte sie mehr gearbeitet, sagt Jerko, hätte sie eine größere Karriere machen können. Sie tauchte in Magazinen und in der Werbung auf, seltener auf Laufstegen. Ein Supermodel, wie ihr Mann sie nennt, wurde sie nie. Jerko blättert in einem blauen Buch. "Ich habe ihre Maße noch: 85, 65, 93." Die würden natürlich nicht mehr stimmen. Jerko glaubt, dafür sei ein plastischer Chirurg in Zagreb verantwortlich.
Sie werde eine fantastische First Lady abgeben, sagt er. Melania habe gute Chancen, die neue Mode-Ikone Amerikas zu werden, schön, schlau, unaufdringlich.
Donald Trump? "Kein Kommentar."
Natürlich freut sich Slowenien auch aus strategischen Gründen über den Einzug von Melania, der verlorenen Tochter, ins Weiße Haus. Es hilft, zu einer Weltmacht gute Beziehungen zu pflegen, Donald Trump hin oder her. Es gibt viele in Slowenien, die hoffen, zur Amtseinführung fliegen zu dürfen.
Jure Zorčič lacht, als er eine Hotellobby in Ljubljana betritt. Er lacht eine Stunde lang. Und wer kann einem Mann die gute Laune übel nehmen, der von sich behaupten darf, mit der künftigen First Lady eine Romanze angefangen zu haben?
Zorčič hatte Melania in der slowenischen Hauptstadt über einen Kumpel kennengelernt. Er studierte Wirtschaftswissenschaften und war zwei Jahre älter als sie. "Sie war keine Frau, hinter der viele Männer herliefen, dafür war sie zu introvertiert", sagt er. Zorčič fuhr damals eine rote Vespa. "Wir hatten eine Sommeraffäre."
Es war 1991, das Jahr des Unabhängigkeitskampfes. Zehn kurze, gefährliche Tage lang herrschte Krieg, jugoslawische Panzer rollten durch Ljubljana. "Die Stadt war heiß und leer. Wir hörten Falco und The Clash und fuhren ohne Helme durch die Straßen." Melania trank schon damals kaum Alkohol, ein züchtiges Mädchen, sagt Zorčič. Verliebt habe er sich nie.
Die Geschichte könnte hier enden, aber Zorčič traf Melania zehn Jahre später noch einmal in New York. Er hatte Basketballkarten und hinterließ seine Nummer im Trump Tower. Zwei Tage später trafen sie sich. Melania wirkte erst distanziert, wie der Prototyp einer New Yorker Oberschichtsdame. Die ersten zehn Minuten sprach sie Englisch mit ihrem Exlover, bis Zorčič verzweifelt rief: "Melania, lass uns bitte Slowenisch reden!"
Jure Zorčič sagt, Melania werde sich bestens im Weißen Haus einleben. Eine stille, schöne, würdevolle Präsidentengattin, dafür werde ein Stab von Beratern sorgen. Sein Lachen hallt minutenlang durch die Hotellobby in Ljubljana.
Von Christoph Scheuermann

DER SPIEGEL 47/2016
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