20.09.1999

TERRORISTEN„Fast wie beim Duell“

Österreichischen Polizisten gelang ein Schlag gegen die Rote Armee Fraktion: In Wien erschossen sie Horst Ludwig Meyer und verhafteten seine Begleiterin Andrea Klump - glatter Zufall, die beiden lebten dort lange unbehelligt als Untermieter eines Studenten.
Ein paar Fingerabdrücke, Zigarettenstummel, Haare - viel ist da nicht. Seit knapp drei Jahren sichtet eine Sonderkommission des Wiesbadener Bundeskriminalamts (BKA) abgelegte Akten, stöbert in Asservaten und versucht so, den letzten Terroristen der Roten Armee Fraktion auf die Spur zu kommen. Taktische Aufgabe: Eingrenzung des "potenziellen Täterkreises durch neue und fundierte Erkenntnisse".
Doch Experten der "Koordinierungsgruppe Terrorismusbekämpfung" haben die RAF längst für tot erklärt - bevor die Terrortruppe dann selbst im April 1998 ihre Auflösung bekannt gab. Auch das Kölner Bundesamt für Verfassungsschutz meldete "Zweifel" an, ob einige der mit Haftbefehl Gesuchten tatsächlich "zum Kreis der Illegalen" gehörten - und nannte ausdrücklich zwei Namen: Horst Ludwig Meyer, 43, und Andrea Klump, 42.
Am Mittwoch vergangener Woche wurde der gelernte Starkstromelektriker Meyer bei einer wilden Schießerei mit Polizisten in Wien getötet - Meyer trug einen gestohlenen italienischen Pass auf den Namen Francesco Spinola bei sich und eine Beretta-Pistole vom Kaliber 7,65 mit Schalldämpfergewinde sowie ausgefräster Seriennummer.
Seine Begleiterin Andrea Klump hieß laut Ausweis Monica Arini. Sie war mit einem Messer bewaffnet, hatte einen nachgemachten Fahrschein in der Tasche, dazu gerade mal 100 Schilling.
Beide trugen doppelte Kleidung, für Fahnder ein sicherer Hinweis auf ein bevorstehendes Verbrechen. Die Deutsche sagte bei ihrer Festnahme nur einen einzigen Satz: "Ihr tut euren Job - und ich tue meinen."
Hofrat Max Edelbacher, Chef des Wiener Sicherheitsbüros, versuchte persönlich, sie zum Sprechen zu bringen - ohne Erfolg. Die Hände hielt sie zu Fäusten geballt, den Daumenabdruck mussten Beamte von einem Wasserglas nehmen.
Der Shoot-out von Wien und die zufällige Festnahme lenken das Augenmerk wieder aufs größte Fahndungsfiasko der deutschen Polizeigeschichte - die Suche nach den RAF-Terroristen der sogenannten dritten Generation.
Von den seit 1985 begangenen tödlichen Verbrechen, zu denen sich die RAF bekannte, ist keines annähernd aufgeklärt - ausgenommen der Bombenanschlag auf die Frankfurter U. S. Air Base im August 1985 (2 Tote, 23 Verletzte). Letztes RAF-Opfer war 1991 Treuhand-Chef Detlev Karsten Rohwedder.
Die RAF-Terroristen verhöhnten ihre Jäger sogar. "Sie wissen nicht viel über uns", hieß es in einer Erklärung von 1996, "sie haben noch nie wirklich durchgeblickt, wie unsere Strukturen aussehen oder wer in der RAF organisiert ist."
Etliche Mitglieder der zweiten Generation waren Anfang der achtziger Jahre plötzlich spurlos verschwunden - sie verbargen sich in der DDR. Ihre Nachfolger wichen dem Fahndungsdruck ebenfalls aus, sie gingen in den Nahen Osten. Das war so gut wie alles, was die Polizei hier zu Lande von ihnen wusste.
Einige Terror-Verdächtige, wie etwa der Arztsohn Christoph Seidler, hielten es im selbst gewählten Refugium nicht mehr aus. Seidler hatte sich nach Vorgesprächen mit einem Kölner Verfassungsschützer (Deckname: "Hans Benz") 1996 gestellt. Der Haftbefehl gegen ihn, der ursprünglich schwerster Mordtaten beschuldigt worden war, ist längst aufgehoben; ob es jemals eine Anklage geben wird, ist ungewiss.
Im Mai dieses Jahres kam aus libanesischem Exil auch Barbara Meyer heim - die schon lange getrennt lebende Ehefrau des in Wien Getöteten. Sie und ihr Mann hatten sich Anfang der achtziger Jahre stark in der RAF-Sympathisantenszene engagiert, sie besuchten inhaftierte Terroristen und arbeiteten bei dem "Komitee gegen Isolationsfolter".
Im Herbst 1984 verschwand das Paar von der Bildfläche - und mit ihm offenbar auch Andrea Klump. Die Meyers setzten sich über Norwegen und Österreich nach Syrien ab, um schließlich in den Libanon überzusiedeln. Barbara Meyer arbeitete als Pflegerin in einem Hospital der libanesischen Stadt Saida, gar nicht weit davon lebten Gesinnungsgenossen - japanische Militante, niederländische Extremisten oder Italiener der Roten Brigaden.
Ihren Mann, gab Barbara Meyer bei einer Vernehmung zu Protokoll, habe sie letztmalig 1987 gesehen. Wohin er ging und was er trieb, ist bis heute weitgehend unklar. BKA-Experten vermuten, er könne sich zusammen mit Andrea Klump lange Jahre bei befreundeten italienischen Rotbrigadisten aufgehalten haben.
Am 20. Mai dieses Jahres erschossen Mitglieder der Brigate Rosse in der römischen Via Salaria den früheren Staatssekretär und Hochschullehrer Massimo D'Antona. Der Mordanschlag gab den italienischen Terrorspezialisten Rätsel auf - war es doch der erste tödliche Anschlag seit elf Jahren, außerdem blieb das Motiv unklar.
Aber es hieß, auch eine Frau habe dem Mordkommando angehört; als öffentlich über eine Kooperation von Rotbrigadisten und übrig gebliebenen RAFlern gemutmaßt wurde, wiegelte Regierungschef Massimo D'Alema ab: Er schloss die "ausländische Spur" nachdrücklich aus. Jetzt, nach dem Wiener Fall, soll geprüft werden, ob möglicherweise doch die beiden Deutschen beteiligt waren - auch wenn sie nach Überzeugung der Polizei bereits seit 1996 im österreichischen Untergrund lebten.
Ein ahnungsloser Jurastudent hatte sie damals als Untermieter aufgenommen. Sie bewohnten in der Springergasse im zweiten Stock zwei Zimmer; er nannte sich Jens Jensen und behauptete, aus Dänemark zu sein. Sie trug sich als Heide Vieri ein.
Dem Paar ging es offenbar finanziell sehr schlecht. Um in Wien mit Bus oder Bahn fahren zu können, fälschten sie, ziemlich grob, die Tickets. Sie machten auf Naturfreunde und lasen viel. Manchmal arbeitete Klump als Babysitterin.
Mitte Juli fiel Zeugen ein Pärchen auf, das sich häufig an einer Straßenkreuzung im Wiener Bezirk Donaustadt herumtrieb. Offenbar kundschafteten Meyer und Klump ein Objekt aus - in der Nähe liegen mehrere Banken und ein Wettbüro.
Von Konspiration, auf die gerade Terroristen der dritten Generation großen Wert gelegt hatten, keine Spur: Beide standen fast immer zur gleichen Zeit dort und trugen, trotz sommerlicher Hitze, langärmelige Hemden und Jacken.
Vergangenen Mittwoch tauchten sie wieder auf, sonnenbebrillt, Baseballkappen auf dem Kopf. Ein Anwohner alarmierte die Polizei und schoss ein Foto von den Verdächtigen.
Als sich eine junge Polizistin näherte und nach den Ausweisen fragte, zog Meyer seine Pistole. Auch die Beamtin griff nach ihrer Dienstwaffe. "Die beiden", so ein Zeuge, "standen sich Auge in Auge gegenüber, fast wie bei einem Duell."
Meyer, ausgebildeter Karatekämpfer, gelang es zusammen mit Andrea Klump, die Polizistin niederzuwerfen und ihr die Waffe zu entreißen. Das Paar flüchtete. Eine halbe Stunde später wurde es von Elitepolizisten nahe eines Kindergartens gestellt - beim Schusswechsel verletzte Meyer, aus beiden Waffen feuernd, einen der Verfolger, ehe er tödlich getroffen zusammenbrach.
Wie tief Meyer und Andrea Klump in terroristische Verbrechen verstrickt sind, ist längst nicht geklärt. Nach ersten Einschätzungen deutscher Sicherheitsexperten scheint es eher, als gehörten sie einer Fraktion von Versprengten an, die den Ermittlern bis zum Wiener Show-down nicht bekannt war - Ex-Desperados der deutschen Linken, die sich heute möglicherweise mit Hilfe anderer Terrorgruppen oder Sympathisanten verbergen. Ein Staatsschützer vermutet sogar, dass sie "längst keine Staatsfeinde mehr sind, sondern nur noch Allgemeinkriminelle".
Dafür könnte sprechen, dass mit Meyers Beretta im August 1996 bei einem Überfall auf einen Wiener Supermarkt eine Verkäuferin niedergeschossen wurde. Waren die klammen Deutschen die Täter?
Wie nahe die beiden an der RAF-Kommandoebene dran waren, ist unter Fahndern umstritten. "Ziemlich dicht" scheint einem die Beleglage, dass Meyer am Mordanschlag auf den Siemens-Manager Karl Heinz Beckurts und seinen Fahrer Eckhard Groppler am 9. Juli 1986 beteiligt gewesen sei; dann müsste er allerdings vom Libanon aus zum Attentat eingereist sein.
Bei Andrea Klump scheint der Fall anders zu liegen. Dass sie den Schritt aus der illegalen Unterstützerszene in die RAF-Spitze je vollzog, gilt als unwahrscheinlich. BKA-Experten sind überzeugt, dass sie eher eine beliebig einsetzbare Legionärin war.
So hat Klump einen Fingerabdruck auf jenem roten mit Sprengstoff beladenen Motorrad hinterlassen, mit dem im spanischen Rota vor über zehn Jahren eine von amerikanischen Soldaten gern besuchte Disco in die Luft gejagt werden sollte. Nur ein Zufall verhinderte ein Blutbad.
Madrid hat einen internationalen Haftbefehl gegen Klump erlassen, die Deutschen auch. Der Generalbundesanwalt beschuldigt sie unter anderem, am Attentat auf den Deutsche-Bank-Vorstandssprecher Alfred Herrhausen beteiligt gewesen zu sein.
Einziger Hinweis: die Aussage eines psychisch kranken Zeugen, den kaum noch einer ernst nimmt. Unter Staatsschützern gilt Klumps Beteiligung daher längst als höchst unwahrscheinlich. GEORG BÖNISCH,
GEORG MASCOLO
Von Georg Bönisch und Georg Mascolo

DER SPIEGEL 38/1999
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