26.11.2016

RohstoffeMogelei beim Mahagoni?

Indonesien gilt neuerdings als Vorreiter bei nachhaltigem Holz. Die EU besiegelte mit dem Land nun eine Partnerschaft. Sie ist äußerst fragwürdig.
Kleines Päuschen auf der Terrasse, sich mal kurz für zehn Minuten an die Nordsee beamen? Für den heimischen Kurzzeitausstieg nutzen viele Menschen ein relativ neues Wohnutensil: den Strandkorb. Eine der ersten Adressen für die klobigen Holzliegen ist die Firma Strandkorbprofis aus Buxtehude nahe der Elbe.
Unter Referenzen führt sie stolz auf, wen das Unternehmen bereits mit dem gepolsterten Gartengestühl beglückt hat: Franz Beckenbauer etwa, Helene Fischer oder TV-Koch Johann Lafer. Auch Popproduzent Dieter Bohlen hat kürzlich geordert – das Luxusmodell Kampen aus Mahagoni-Holz.
"Selbstverständlich", heißt es im Firmenprospekt, verwende man nur Hölzer aus kontrolliertem Anbau. Das Mahagoni trägt sogar das Siegel "Indonesian Legal Wood" – es soll von der indonesischen Insel Java stammen.
Doch so nachhaltig, wie das Tropenholz angepriesen wird, ist es womöglich nicht. Die Umweltschutzorganisation Robin Wood hat ein Stück des in Buxtehude verwendeten Mahagonis im Labor testen lassen. Mit großer Wahrscheinlichkeit, so das Ergebnis der Isotopenprobe, stammt es nicht aus Java. "Wir haben den Verdacht, dass hier illegal geschlagenes Tropenholz für den Export umdeklariert worden ist", sagt Sven Selbert von Robin Wood.
Das Unternehmen hält das "für ausgeschlossen", wie es in einer Stellungnahme zu den Vorwürfen heißt: "Wir erfragen bei unserem Vertragspartner die genaue Herkunft des Holzes und lassen uns die Zertifizierung des Holzes vorlegen." Überwacht werde dies "durch persönliche Besichtigung des Betriebes einmal im Jahr". Den Umweltschützern, mit denen es erst kooperierte, drohte das Unternehmen zuletzt mit rechtlichen Schritten. Die Holzprobe etwa hielt es für unseriös.
Der Streit um das indonesische Holz fällt ausgerechnet in den Monat, in dem das neue Holzhandelsabkommen zwischen der EU und Indonesien in Kraft tritt. Bereits im Frühjahr hatte EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker dem Land bestätigt, alle Bedingungen des EU-Aktionsplans Flegt (Forest Law Enforcement Governance and Trade) gegen illegalen Einschlag zu erfüllen. Seit Dienstag vergangener Woche können sich lizenzierte Einfuhren aus Indonesien offiziell mit dem Siegel "Legal Wood" schmücken. Das Prüfsystem in Indonesien gilt nun als so lückenlos, dass auf europäischer Seite nicht mehr nachgeschaut wird.
Vertrauen ersetzt zukünftig Kontrolle.
"Das wirkt wie Zauberei", sagt Johannes Zahnen, Waldexperte bei der Umweltorganisation WWF. Ein Land, dessen Forstbehörde bis vor Kurzem als Hort der Bestechung galt und das im Jahr 2004 noch schätzungsweise 70 Prozent illegales Holz geliefert habe, "ausgerechnet dieses Land soll plötzlich Vorzeigelieferant für sauberes Holz sein"? Immer wieder hat der WWF den deutschen Behörden in der Vergangenheit Beispiele für illegale Tropenholzprodukte aus Papier, wie etwa für Fotoalben oder Notizbücher, vorgelegt; oft kamen sie aus Indonesien.
"Passiert ist danach nicht viel", sagt Zahnen. "Die zuständige Behörde hat irgendwann mal beim Importeur nachgesehen und sich offenbar vorher brav angemeldet. Kein Wunder, dass die spätere Analyse dann sauber war."
Indirekte Kritik kam unlängst auch von Unep, dem Umweltprogramm der Vereinten Nationen. Eine gemeinsame Studie mit Interpol weist auf Möglichkeiten hin, wie illegaler Raubbau kaschiert werden könnte: Die Zahl der tatsächlich operierenden Holzplantagen ist für die in Indonesien produzierten Holzmengen viel zu klein. "Die Vermutung liegt nahe, dass Briefkastenplantagen dazu dienen, illegales Holz auf den Markt zu bringen und für den Export nach Europa reinzuwaschen", so Selbert.
Bizarr wirkt auch der Fall mit dem Strandkorbholz: Erst gab der indonesische Lieferant Südost-Sulawesi als Herkunftsort an, doch in dieser Region gibt es keine Mahagoni-Plantagen. Dann nannte er die Holzfirma Perhutani auf Java. Genau von dieser Firma bezieht Markus Boner jedoch seine Holzmuster, mit denen er die Strandkorbprobe verglich. Boner leitet das Labor Agroisolab in Jülich, er ist eine Art Rohstoff-Forensiker. Die Elemente Wasserstoff, Kohlenstoff, Stickstoff und Schwefel liefern ihm eine genaue Herkunftsspur des Ausgangsmaterials. "Wir haben hier quasi die DNA des Holzes vorliegen", sagt der Chemiker, "und die passt nicht zu Java."
Nachhaltiges Tropenholz – das sei weiterhin "oft Augenwischerei", sagt Selbert. Auch wenn die EU jetzt die neue Handelspartnerschaft mit Indonesien rühme, "Verbraucher sollten sich vom Wort ,Legal' nicht blenden lassen".
Ungeachtet der Kritik schreitet die EU-Kommission auf ihrem neuen Holzweg voran: Die nächsten vertrauenswürdigen "Partnerländer" für lizenziertes Holz stehen schon bereit. Darunter sind etwa Kongo oder Liberia.
Von Nils Klawitter

DER SPIEGEL 48/2016
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