26.11.2016

HollywoodMachtwechsel in der Unterwelt

Die deutsche Kamerafrau Anna Foerster hat in der männlich dominierten US-Filmindustrie Karriere gemacht, nun führte sie Regie beim Action-Blockbuster „Underworld: Blood Wars“.
Wer begreifen will, wie viel Spaß es machen kann, Filme zu drehen, muss sich von Anna Foerster erzählen lassen, wie sie das Weiße Haus in die Luft gesprengt hat. Foerster war für den Film "Independence Day" verpflichtet worden. In ihrer Abteilung für visuelle Effekte war sie eine von zwei Frauen unter fast 50 Männern.
Das Modell des Weißen Hauses, etwa fünf Meter groß, war aus Gips, im Innern standen miniaturisierte Möbelstücke. Ein Puppenheim, das sie und das Team pulverisieren durften. Wochenlang rechneten sie Belichtungszeiten aus und testeten Sprengstoffe. Am Ende wussten sie so gut wie alles über Feuer und Explosionen und hatten eine der berühmtesten Einstellungen der jüngeren Filmgeschichte erschaffen.
Foerster, heute 45, wurde in Hollywood so etwas wie die Expertin fürs Weiße Haus und die Möglichkeiten, es in Schutt und Asche zu legen. 2012 stand sie bei dem Actionfilm "White House Down" hinter der Kamera, in dem Terroristen den Wohnsitz des Präsidenten stürmen. Nie zuvor hatte in Hollywood eine Frau bei einer 150-Millionen-Dollar-Produktion die Bilder gemacht.
Nun hat die gebürtige Tübingerin erstmals bei einem Kinofilm Regie geführt. Am Donnerstag läuft "Underworld: Blood Wars" an, der fünfte Teil einer düsteren Vampirsaga mit Kate Beckinsale in der Hauptrolle. Alle vorherigen Filme der Serie waren von Männern inszeniert und fotografiert worden. Für sie sei es immer ganz normal gewesen, sich in Männerdomänen zu bewegen, erzählt Foerster. Nur ab und zu sei ihr bewusst geworden, dass sie weit und breit fast die einzige Frau gewesen sei.
In Hollywood sind Frauen in vielen Bereichen extrem unterrepräsentiert. Im vergangenen Jahr wurden nur sechs Prozent der 250 erfolgreichsten amerikanischen Filme von Frauen fotografiert, noch nie hat eine Frau den Oscar für die beste Kamera gewonnen.
Bei der Regie sieht es besser aus, doch die wenigen Frauen, die sich an klassische Männergenres wie den Horror- oder Katastrophenfilm wagten, konnten sich kaum durchsetzen. Oscargewinnerin Kathryn Bigelow ("Zero Dark Thirty") ist eine Ausnahme. 88 Prozent aller amerikanischen Filme werden von Männern inszeniert.
Foerster glaubt, dass sich das ändern wird, auch deshalb, weil Frauen inzwischen häufiger ins Kino gehen als noch vor Jahren. "Noch nie in der ,Underworld'-Reihe wurde ein Trailer von so vielen Frauen angeklickt", erzählt sie. Aber sie will keine Filme machen, die ausschließlich auf ein weibliches Publikum zugeschnitten sind. Den Begriff "Frauenfilm" mag sie nicht besonders. "Chick flick" findet sie viel besser, das geht flotter über die Lippen und klingt nach mehr Lebensfreude.
Foerster sieht sich eher als Handwerkerin, die in verschiedenen Bereichen des Kinos in die Lehre gegangen ist und jetzt ihren Meister gemacht hat. Da hat man es nun mal überwiegend mit Männern zu tun, muss sich durchsetzen, zeigen, dass man gut ist. Sie ist eine Bastlerin, die einen Stoff zu formen versucht, den man nicht anfassen kann: Licht. Selten zuvor wirkten Sonnenstrahlen, für Vampire bekanntlich todbringend, im Kino so physisch und zerstörerisch wie in "Blood Wars".
Zur Fotografie fand Foerster Mitte der Achtzigerjahre als Teenager. Später jobbte sie in einer Firma für Werbefilme. "Da hast du nicht gedreht, weil du eine schöne Geschichte zu erzählen hast oder dich als Künstlerin ausdrücken kannst", sagt sie. "Es ging darum, ein Produkt zu verkaufen. Eine gute Schule."
Foerster fing an, sich mit visuellen Effekten zu beschäftigen. Miniaturfotografie, kleine Dinge groß erscheinen lassen, das kannte sie aus der Werbung. Wie filmt man ein Feuer, sodass es auf der Leinwand wie eine Walze auf den Zuschauer zurollt? Bei "Moon 44", einem Science-Fiction-Film, den Roland Emmerich mit amerikanischen Schauspielern in einer ehemaligen Panzerfabrik bei Stuttgart drehte, wirkte sie bei den Miniaturaufnahmen mit.
An der Filmakademie Ludwigsburg bekam sie jedoch den Ratschlag, es vielleicht besser mit der Regie oder dem Schreiben zu versuchen. Eine Karriere als Kamerafrau schien wenig aussichtsreich. Früher war das Knochenarbeit, die Kameras waren schwer und unhandlich, man brauchte ziemlich viel Kraft. In Gewerken wie Kostümbild oder Schnitt arbeiten weitaus mehr Frauen.
Doch mit der Zeit wurden die Kameras leichter. "Heute ist es keine Frage der Muskeln mehr", sagt Foerster, selbst eher zierlich. Am Geschlechterverhältnis hat das nicht viel geändert. In Deutschland gibt es einige sehr erfolgreiche Kamerafrauen. "In Hollywood ist das schwerer", erzählt sie. "Das Schubladendenken ist dort viel ausgeprägter."
Doch mit einem Mal war sie drüben und steckte mitten in einer Blockbuster-Produktion. Emmerich drehte "Independence Day" und verpflichtete einige frühere Mitarbeiter. Der enorme Erfolg von "Independence Day" beschleunigte auch Foersters Karriere. Eigentlich hatte sie nie vorgehabt, in den USA zu bleiben. Doch nun bekam sie Aufträge für Großproduktionen wie "Alien – Die Wiedergeburt" und inszenierte als Chefin des zweiten Drehteams viele Einstellungen für Emmerichs Katastrophenfilm "The Day After Tomorrow".
Schließlich wurde sie von den "Underworld"-Produzenten verpflichtet, um die zur Splatter-Orgie verkommene Reihe wiederzubeleben. Selene, Hauptfigur der "Underworld"-Filme, ist eine im Grunde ziemlich fragile Frau, die Massen von hünenhaften Männern massakriert. Aus dieser Killermaschine wollte Foerster ein verletzliches, empfindsames Wesen machen.
"Bei einer Filmreihe, die über so viele Jahre läuft, gibt es strenge Regeln", erzählt sie. Als sie vorschlug, die Haarfarbe der Hauptfigur zu verändern, war das eine Revolte. Um Gottes willen, weiße Strähnen, wie bei einer alten Frau! Am Ende setzte sie sich durch, weil auch Hauptdarstellerin Beckinsale die Idee cool fand.
Foerster hat den engen Spielraum der Serie maximal ausgedehnt. Es ist erstaunlich, wie sie aus dieser Auftragsarbeit einen ganz eigenen Film gemacht hat, wie sie die Farben aus den Bildern genommen hat, um das Blut besser zur Geltung zu bringen, wie sie das Gesicht ihrer Hauptdarstellerin so gefilmt hat, dass man darin weit mehr entdecken kann als Härte und Kälte.
Hollywood findet immer mehr Gefallen an souveränen weiblichen Hauptfiguren, macht aus ihnen aber meist Frauen ohne Unterleib. Macht ja, Sex nein – auch mit dieser Regel fand sich Foerster nicht ab. In einer Szene zeigt sie die Gegenspielerin der Heldin, eine Art Lady Macbeth der Vampirwelt, wie sie sich von einem ihrer Krieger oral befriedigen lässt.
Foerster musste für diese Szene kämpfen, diesmal war auch Beckinsale dagegen. Wenn man den Star seines Films und die prüden Moralvorstellungen eines Landes gegen sich hat, ist das ein ziemlich harter Kampf. Foerster hat ihn gewonnen. Sie habe einfach versucht, das Beste daraus zu machen, sagt sie.
Von Lars-Olav Beier

DER SPIEGEL 48/2016
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