03.12.2016

KubaLasst Kondome fliegen

Die Jugend in Havanna interessiert sich mehr für Smartphones als für Sozialismus. Und ob Castros Ideen überleben werden, hängt nun von einer Karikatur des Klassenfeinds ab: Donald Trump.
Habt ihr Angst vor Donald Trump?" Die Jugendlichen auf dem Platz der Revolution von Havanna schütteln den Kopf. "Trump berührt uns nicht", sagt Marlon, 17, Schüler an der Musikhochschule. "Fidel hat uns vorbereitet auf alles, was kommt", sagt seine Freundin Maciel. "Wir haben in den Achtzigern Reagan überstanden, schlimmer kann es kaum werden", sagt ihre Lehrerin.
Da ruft es aus dem Hintergrund: "Wir haben Angst vor Trump!"
Amerikaner.
Miriam und Aidan stammen aus San Francisco, Jacob aus New York. Sie sind 20 Jahre alt, seit August studieren sie an der Universität von Havanna. Dass sie hier sein dürfen, verdanken sie Barack Obama, er hat die Reisebeschränkungen für US-Amerikaner gelockert.
Bei seinem Besuch in Kuba im März dieses Jahres rief er seine Landsleute zum Besuch der Insel auf. Jetzt fürchten die drei jungen Amerikaner, dass sein Nachfolger die Annäherung zwischen den einstigen Erzfeinden erstickt, bevor sie richtig begonnen hat.
Für ein Gastsemester sind die drei nach Kuba gekommen, ihre Universität hat die Reise organisiert. An diesem Abend stehen sie zusammen mit Hunderttausenden Kubanern auf dem Platz der Revolution und nehmen Abschied von Fidel Castro. "Es ist ein historischer Moment, da will man dabei sein", sagt Jacob.
Äußerlich sind die Yumas, wie westliche Ausländer auf Kuba genannt werden, kaum von kubanischen Jugendlichen zu unterscheiden. Sie tragen genauso Jeans und T-Shirt, wie alle recken sie ihr Smartphone in die Höhe und filmen, als die Nationalhymne erklingt. Sie klatschen sogar schüchtern mit, als einer der eingeladenen Staatschefs auf dem Podium "Viva Fidel!" ins Publikum schmettert.
Nur als die Kubanerin Maciel grinsend ein Kondom aufbläst, mit ihrem Lippenstift "Fidel para siempre" ("Fidel in alle Ewigkeit") auf das Gummi schreibt und das zigarrenähnliche Gebilde durch die Luft pfeffert, gucken die drei Amerikaner ungläubig. In den USA gibt es für solche Zwecke Luftballons. Die sind in Kuba Mangelware. Kondome erfüllen den gleichen Zweck, und sie haben den Vorteil, dass sie zu Billigpreisen in den Apotheken ausliegen. Zu Dutzenden schweben sie an diesem Abend über der Menge. Jugendliche boxen sie quer über den Platz, sie sind mit Herzen und Abschiedsbotschaften an Fidel Castro verziert.
Es ist Tag fünf nach dem "physischen Verschwinden des Chefkommandanten". So lautet die offizielle Sprachregelung der Regierung für das Ableben des Revolutionsführers und Landesvaters.
Der Mensch Fidel mag tot sein, doch seine Gedanken sind unsterblich, das ist die Botschaft. Ob Fidels Ideen Bestand haben werden, werden Kubas Jugendliche mitentscheiden. Gesundheit und Bildung, die großen Errungenschaften der Revolution, nehmen sie für selbstverständlich. Sie wollen reisen, Geld verdienen und konsumieren. Daran hatte der Máximo Líder nicht gedacht, als er mit seinen Guerilleros 1959 in Havanna einmarschierte. Man trifft die Jungen, Kubas Zukunft, weniger auf dem Platz der Revolution als auf der "Plaza Wifi" – so nennen die Habaneros einen beliebten Platz in der Altstadt von Havanna, auf dem sie mit dem Handy ins Internet können.
Wenn viele Kubaner in diesen Tagen mit gesenktem Kopf durch die Stadt laufen, liegt es nicht am Tod Fidel Castros. Sondern an den Smartphones in ihren Händen. An etlichen Stellen in Havanna offeriert die staatliche Telefongesellschaft WLAN. Fidels revolución ist vorbei, die digitale Revolution aber hat in Kuba gerade erst begonnen.
Idania del Río, 35, chattet nicht nur mit ihrem Handy, sie ist auch beruflich viel im Internet unterwegs. Am Computer entwirft sie Hemden, Taschen und Dekorationsartikel, die sie in ihrem Designladen in der Altstadt verkauft.
Ihre Mutter hat noch die Revolution erlebt; sie weinte, als Präsident Raúl Castro vor einer Woche im Fernsehen Fidels Tod verkündete. Die Regierung verordnete neun Tage Staatstrauer, doch Idania schloss ihr Geschäft nur für einen Tag, dann machte sie wieder auf. "Fidel war ein Großvater für mich", sagt sie. "Ich respektiere ihn, aber er hat schon lange keinen Einfluss auf meinen Alltag mehr."
Die junge Frau profitiert von der wirtschaftlichen Öffnung, die Fidels jüngerer Bruder Raúl eingeleitet hat. An Flucht denkt sie nicht, sie genießt die neuen Freiheiten. Auf ihren Produkten macht sie Anspielungen auf den kubanischen Alltag, die Zensur, den Generationenkonflikt. Bislang lässt die Regierung sie gewähren.
Fürchtet sie, dass jetzt eine neue Eiszeit beginnt? "Das hängt von Trump ab", sagt sie. "Unter Raúl läuft bislang alles weiter wie gehabt." Amerikanische Touristen haben die Europäer als wichtigste Kunden in del Ríos Laden abgelöst. Vier Tage nach Fidels Tod drängen sich die Käufer in dem kleinen Geschäft in der Altstadt. "Auf Fidels Tod waren wir vorbereitet", sagt die Jungunternehmerin. "Kompliziert wird es, wenn Raúl stirbt." Mit 85 Jahren ist Kubas Präsident nur fünf Jahre jünger als sein verstorbener Bruder, doch er wirkt gesund und entschlossen.
In der Grundschule "Concepción Arenal" im Stadtzentrum, wo sich Passanten in ein Kondolenzbuch eintragen können, hängt ein riesiges Foto von ihm, es ist dreimal so groß wie das Bild des verstorbenen Fidel. Viele Kubaner kommen spontan herein und unterschreiben. Die meisten gehören der älteren Generation an, viele weinen. Darío Alejandro Escobar, 28, ist einer der wenigen Jungen, die sich in das Buch eintragen. Er steht treu zum System, aber er räumt ein: "Die Jugend ist gespalten. Fidel hat einige Irrtümer begangen. Er hätte eine andere Wirtschaftspolitik betreiben müssen."
Für Wirtschaft hat sich der Máximo Líder nie besonders interessiert, er war ein Träumer, ein Visionär. Dass seine Vorstellungen oft an der Realität scheiterten, hat er ignoriert.
Im Vorort Cotorro, wo Havanna ausfranst in eine tropische grüne Buschlandschaft, steht eines der Luftschlösser der Revolution, mit denen Kuba reich gesegnet ist. Cotorro war die letzte Station der Guerilleros, bevor Fidel mit seiner "Karawane der Freiheit" am 8. Januar 1959 triumphal in die Hauptstadt einzog. An der örtlichen Brauerei habe er angehalten und ein Malzbier getrunken, erzählen die Anwohner ehrfürchtig. Jetzt ist der Ort die erste Station auf Fidels letzter Reise zurück nach Santiago de Cuba, wo der Triumphzug der Revolutionäre begonnen hatte und wo die Urne mit seiner Asche an diesem Sonntag beigesetzt werden soll.
In Cotorro ließ Castro einst ein Zentrum für künstliche Besamung errichten, es war ein Vorzeigeprojekt der Revolution. Der Máximo Líder war von Wissenschaft und Technologie besessen, er wollte Kubas Rinder genetisch aufpeppen. Heute verfallen die Gebäude, die Anlage liegt seit Jahren brach. Zwei Fidel-treue Anhänger wachen hinter dem Tor. Sie machen ein bisschen Subsistenzwirtschaft, pflanzen Bananen und Yucca. "Die Anlage wird renoviert", beteuern sie. "In einigen Monaten machen wir wieder auf."
Doch das neue Kuba will nicht länger warten. Einige Hundert Meter neben der Besamungsanlage leuchtet es in Gestalt eines rosafarbenen Oldtimers. Zwei Brüder haben das prärevolutionäre Buick-Cabrio umlackiert, ursprünglich war es blau. "Die amerikanischen Touristen stehen auf Pink", sagt der ältere der beiden. Der größte Teil der Oldtimer-Flotte im Zentrum von Havanna ist daher neuerdings rosa.
Der Ansturm der Amerikaner ist hauptsächlich dafür verantwortlich, dass die meisten Hotels in Havanna ausgebucht sind und ihre Preise verdoppelt wurden. 320 Euro nimmt das staatliche Hotel Nacional für eine nach Urin riechende Klause, die Amerikaner zahlen klaglos.
Es ist eine Ironie der Geschichte, dass drei Tage nach Fidel Castros Tod der erste Linienflug aus den USA seit 55 Jahren in Havanna landete. Auch Kreuzfahrtschiffe aus Miami laufen wieder Kuba an. Die Amerikaner sollen Kubas Wirtschaft vor dem Zusammenbruch retten, wenn die Hilfe aus Venezuela ausfällt, das ist der Plan der Regierung. Caracas beliefert Havanna bislang mit Öl zu Vorzugspreisen, so bezahlen sie für die Entsendung Tausender kubanischer Ärzte.
Doch die Wirtschaftskrise in Venezuela verschärft sich von Tag zu Tag, die Regierung von Präsident Nicolás Maduro ist selbst knapp an Devisen und hat bereits die Öllieferungen gekürzt. So hat sich auch die Versorgungslage in Kuba in den vergangenen Monaten verschlimmert. Es kommt wieder häufiger zu Stromausfällen, in den Staatsläden fehlen Butter und andere Lebensmittel. Havanna hofft, dass China und Russland mit Investitionen und Milliardenkrediten einspringen. Vor allem aber hat die Regierung auf die Amerikaner gebaut. Bis Donald Trump die Wahlen gewann.
Der künftige US-Präsident hat angekündigt, dass er die von Obama geschlossenen Abkommen nur beibehalten will, wenn Havanna den Amerikanern politische Zugeständnisse macht. Welche das sind, hat er nicht gesagt. Es geht wahrscheinlich um die Demokratisierung des politischen Systems und um Menschenrechte.
Doch Havanna lässt sich nicht unter Druck setzen, diese Erfahrung haben bislang alle amerikanischen Präsidenten gemacht. Immer wenn Washington seine Politik verhärtet hat, sind auch die Castro-Brüder auf Konfrontationskurs gegangen.
Je mehr Druck die Amerikaner ausüben, desto enger steht die Insel zusammen.
Die drei amerikanischen Studenten Miriam, Aidan und Jacob haben sich zu den kubanischen Jugendlichen auf den Boden gesetzt. Sie sind erschöpft, die Huldigungen an Fidel Castro wollen kein Ende nehmen, gerade redet der Präsident von Namibia. Kaum einer der Jungen hört noch hin; sie starren auf ihre Smartphones oder knutschen. Die Stimmung ist gelöst, nichts erinnert an eine Trauerfeier.
Was nehmen die jungen Amerikaner mit aus Kuba, wenn sie in ihre Heimat zurückkehren? Was haben sie gelernt?
"Die Kubaner leiden keinen Hunger, wie man uns immer erzählt", sagt Aidan.
"Ich kann in Havanna als Frau nachts ungefährdet durch die Straßen laufen, das geht in San Francisco nicht", sagt Miriam.
"Zu Hause in den USA wurde uns immer nur eine Version über Kuba erzählt", sagt Jacob. "Aber es gibt viele Wahrheiten."
Die revolución ist vorbei, aber die digitale Revolution hat gerade erst begonnen.
Havanna hofft jetzt auf Milliardenkredite aus Russland oder China.
Lesen Sie zum Thema auch das aktuelle Heft SPIEGEL BIOGRAFIE Fidel Castro
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Von Jens Glüsing

DER SPIEGEL 49/2016
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