03.12.2016

LeitkulturSunny Side up

Alexander Osang macht Urlaub auf Kuba, als Fidel stirbt.
Vor zehn Jahren reiste ich nach Havanna, um über den unmittelbar bevorstehenden Tod von Fidel Castro zu berichten. Es hieß, Castro sei sterbenskrank. Nur bei übergroßen Helden wie bei Muhammad Ali, dem Papst oder Nelson Mandela liegt diese Todesstimmung in der Luft.
Zunächst hatte ich in den USA verschiedene Exilkubaner getroffen, die seit Jahren darauf warteten, Castros Land zurückzuerobern. Sie sahen alle aus wie der Schauspieler Andy García, mal mit Bart, mal ohne. Dann flog ich nach Havanna, was seinerzeit nicht einfach war. Havanna existierte in den USA nicht als Reiseziel, also gab es auch keinen direkten Weg dorthin. Ich flog über Mexiko.
In Havanna traf ich den Leibarzt von Fidel Castro, der mir versicherte, dass sein Chef bei bester Gesundheit sei. Ich war, man wagt es kaum zu sagen, ein wenig enttäuscht, schließlich hatte ich einen journalistischen Auftrag. Der Leibarzt lächelte. Ich traf ihn in einem Raum, der auf Kühlschranktemperaturen herunterklimatisiert worden war. Ein kleiner, dünner Mann, der in der Kälte überlebte. Er gab mir mit auf den Weg, dass bis zu zehn Tassen Kaffee am Tag medizinisch unbedenklich seien, allerdings müsse es Espresso sein. Auch eine gelegentliche Flasche Rum schade nicht, wenn es denn guter sei. Nur von Zigarren riet er ab. Auch sein Chef habe das Rauchen aufgegeben.
Er entließ mich in die Hitze Havannas wie in die Vorhölle. Von da an rechnete ich nicht mehr damit, dass Fidel Castro jemals sterben könnte.
In den folgenden Jahren trank ich nicht mehr als zehn Tassen Espresso am Tag, manchmal ein Glas Rum – und sah Bilder, auf denen Castro, oft im Trainingsanzug, Staatsmännern und Kirchenfürsten aus aller Welt Tipps für ein langes Leben gab. Nicht nur er schien unsterblich zu sein, auch seine Idee lebte. Das zumindest fühlte ich, als ich vor acht Tagen erneut nach Kuba aufbrach. Es war Urlaub diesmal, kein Auftrag.
Wieder startete ich in New York, aber diesmal war die Reise weniger beschwerlich. Die amerikanische Fluggesellschaft Jetblue flog von New York nach Fort Lauderdale und von da nach Santa Clara. Unter Präsident Obama haben sich die kubanisch-amerikanischen Beziehungen normalisiert.
Es war kalt und windig in New York, und auch sonst hatte ich das Gefühl, in eine bessere Welt zu reisen. Bei dem Zwischenstopp in Fort Lauderdale sah ich dicke, bleiche Menschen in unvorteilhafter Kleidung zwischen den Gates hin und her watscheln wie Gestalten aus Fantasyfilmen. Menschen, deren einzige Perspektive der nächste Kiosk zu sein schien, wo es Muffins für fünf Dollar gab und schlechten Kaffee für viereinhalb. Die amerikanischen Sicherheitsbeamten schienen in ihre Uniformen eingeschweißt zu sein. Sie waren mit viel Gerätschaft behängt, guckten ernsthaft, aber man hätte im Entengang vor ihnen fliehen können. So sah der Wachdienst eines untergehenden Reiches aus.
Die kubanischen Beamten dagegen, die uns in Santa Clara empfingen, wirkten lässig und lächelten, als sie uns in ihr Land winkten. Die Uniformen saßen, die Sonne schien. Roberto, der uns am Flughafen abholte, sprach fließend Englisch, obwohl er Kuba nie verlassen hatte. Er fuhr einen Moskwitsch mit einem Peugeot-Motor, der weit weniger verbrauchte als das sowjetische Original. Auch die alten formschönen amerikanischen Straßenkreuzer aus den Fünfzigern fahren inzwischen mit sparsamen japanischen Motoren. In unserer Pension gab es nichts, was aus Plastik war, nur schönes Geschirr und Besteck, das die Kolonialherren zurückgelassen hatten. Zum Frühstück, statt Bagels, servierten sie Mangos, Melonen, Ananas und Guaven.
Dies schien mir der Erfolg versprechende Ansatz zu sein.
Man versteht das eine Land nicht ohne das andere, glaube ich.
In Santa Clara fotografierten sich Besucher aus aller Welt vor dem riesigen Denkmal Che Guevaras, dessen Gebeine in der Stadt beerdigt worden waren, die er mit ein paar Kampfgefährten einst erobert hatte. In New York sprach Donald Trump gerade mit den Kollegen der "Times". Er redete wie ein dicker, nicht sonderlich begabter Zehnjähriger, der einer Erwachsenenrunde die Welt erklärt. Die klügsten Köpfe der "New York Times" sekundierten, als wären sie erleichtert, dass ihr neuer Präsident sich wenigstens nicht in die Hosen pinkelte, während er ihnen stolz von seinen Golfplätzen und Hotels erzählte.
Roberto fuhr uns nach Trinidad. Unterwegs erzählte er, dass er eigentlich Anwalt sei. Aber als Anwalt verdiene er monatlich nur so viel, wie er für die Taxifahrt von uns bekomme. Der Moskwitsch gehöre seinem Vater, der habe ihn für 30 Jahre treue Dienste in der kubanischen Armee bekommen. Er sagte, er wolle irgendwann gern ein besseres Auto über bessere Straßen fahren, er würde gern wieder als Anwalt arbeiten. Er wolle allerdings keine amerikanische Flagge auf dem Dach.
Er erzählte von Krankenhäusern, Universitäten und Säuglingssterblichkeit. Es war ein seltsamer Mix aus Stolz und Angewidertsein, der mir aus den letzten Tagen der DDR bekannt vorkam. Als ich das ansprach, sagte er: Ihr seid alle deutsch. Aber wir sind Kubaner, und die sind Amerikaner.
Ab und zu fragte er mich, bei einem entgegenkommenden Auto: Was ist das?
Polski Fiat, SIL, Wolga, Ural, Lada, Niva. Ein sozialistisches Autokartenspiel.
Der Trabant war nicht populär in Kuba, sagt er, aber für ein DDR-Motorrad der Marke MZ bekam man immer noch mehr als für eine Zweizimmerwohnung.
In meiner zweiten Nacht in Trinidad starb Fidel. Ich schlief schlecht, weil unser Bett praktisch auf der Straße stand. Aber bestimmt auch wegen des revolutionären Geistes. Am Morgen stellte uns unser Gastgeber den Obstteller hin, den Kaffee und den Brotkorb. Ein junger tätowierter Mann, der die Pension zusammen mit seinem kleinen Bruder und seiner Schwester betrieb. Wenn die drei zusammen auf dem Hof standen, sahen sie aus wie eine Punkband. Er räusperte sich, und ich dachte, er habe vergessen, wie wir die Eier wollten.
"Sunny side up", sagte ich.
"Ja, das auch", sagte er mit einem Lächeln, das ich lange nicht vergessen werde.
"Heute Nacht ist unser Comandante gestorben", sagte er. Er fuhr sich mit der Hand über den Hals. Er schlug sich mit der Faust aufs Herz.
Dann brachte er die Eier.
Seine kleine Schwester saß in einem engen schwarzen Kleid in der Küche, reglos, die Augen rot. Ich dachte an Kuba, das Traumland. An die kleine rote Insel, die in den politischen Weltkarten meiner Kindheit wie ein roter Barrakuda vor Amerika lag. Ich dachte an den Moskwitsch, den mein Vater fuhr und den ich als Junge auf jeder Urlaubsreise vollkotzte. Es war auch ein Teil meines Lebens, der in dieser Nacht zu Ende ging.
Ich dachte an Fräulein Lüdecke, meine Sportlehrerin, die uns in der vierten Klasse tränenüberströmt berichtet hatte, dass sie Allende getötet hatten. Ich dachte daran, wie ich Luis Corvalán, einen chilenischen Kommunisten, im Spalier an der Schönhauser Allee begrüßt hatte. Der erste journalistische Text meines Lebens handelte von Antonio Maidana, einem politischen Gefangenen im Paraguay des Militärherrschers Alfredo Stroessner. Die "Stroessner-Schergen" hatten Maidana in die "Hölle von Ascunción" verschleppt, wie ich mich als Volontär der außenpolitischen Zeitschrift "horizont" ausdrückte. Der Text entstand am Schreibtisch, denn als Ostberliner Volontär durfte ich die Hölle von Ascunción nicht besuchen. Mein Lateinamerikabild war dem Bild nicht unähnlich, das Karl May vom Wilden Westen hatte.
Wir fuhren mit Sammeltaxis durchs Land. Vor den Zuckerrohrplantagen wehten die kubanischen Flaggen auf halbmast, Frauen diskutierten am Straßenrand, Männer starrten ins Leere. Unsere New Yorker Freunde gratulierten uns in Mails zum perfekten Timing. Gevatter Tod und seine Gemahlin reisten durch die Welt.
Am ersten Advent badeten wir im türkisfarbenen Meer. Im Hotelfernseher auf CNN erzählte irgendein republikanisches Arschgesicht, dass der Tag, an dem Fidel Castro starb, ein Tag der Freude sei. Im Nachrichtenticker am Bildrand las ich, dass Obama dem Verstorbenen seinen Respekt zollte und Trump erklärte, er sei gegen diplomatische Beziehungen zu Kuba.
Am Tag des Staatsaktes machten wir uns auf den Weg nach Havanna. Wir fuhren im Sammeltaxi auf der Straße nach Westen, die auch Fidels Urne benutzen würde. Im Radio: Reden, Wehklagen und Trompeten. Arbeiter stutzten Bäume und flickten Schlaglöcher für Fidels letzte Reise auf der Protokollstrecke. Sie hatten ein neuntägiges Alkoholverbot ausgesprochen, als wäre ein König gestorben oder ein religiöser Despot.
Ich dachte an die halbhoch gestrichenen Fassaden in der Greifswalder Straße, die Erich Honecker auf der Heimfahrt aus dem Fenster seines Citroëns sehen konnte. Ich dachte an Prince, an meinen Kater, Alan Rickman, Leonard Cohen und an den Vater meines besten Freundes, die alle in diesem Jahr gestorben waren. So viele tote Männer.
Nachts kamen wir in Havanna an und gingen erst mal etwas trinken. Im Fernseher wurde der Trauerakt übertragen. Daniel Ortega, der Präsident Nicaraguas, redete in kaltem Licht. Es sah unglaublich langweilig aus. In Havannas Bars trank man gegen das Alkoholverbot an. Im Morgengrauen ging ich durch verwitterte Häuserlandschaften wie durch ein Bürgerkriegsgebiet zum Malecón, um zu sehen, wie Fidels Asche am Meer entlang auf ihre letzte Reise ging.
Es war früh, aber es standen viele Leute an der Straße. Der revolutionäre Geist schien zu leben. Jemand drückte mir eine kleine kubanische Fahne in die Hand. Kurz nach sieben kam die Kolonne. Sie wirkte erstaunlich kurz, auch die Urne sah sehr klein aus. Ich hob die Fahne und winkte der Geschichte hinterher, auch meiner eigenen.
Von Alexander Osang

DER SPIEGEL 49/2016
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