03.12.2016

Großbritannien„Merkel um den Finger wickeln“

Der Brexit sei das außergewöhnlichste Ereignis der Nachkriegszeit, schreibt Tim Shipman in seiner Rekonstruktion jenes merkwürdigen Sommers, in dem die Briten für den EU-Austritt stimmten. Shipman ist Politikchef der "Sunday Times" und hat jetzt ein packendes Buch über die Kämpfe vor dem Volksentscheid vorgelegt. Er sprach mit sämtlichen Protagonisten des Referendums, sein Buch zeigt, wie fahrlässig und planlos die Brexit-Schlacht hinter den Kulissen ablief. Premierminister David Cameron glaubte in fröhlicher Ignoranz bis zuletzt an den Sieg, er hoffte, dass die Anti-Europäer sich selbst entzaubern würden. Die wichtigste Nebenfigur in dieser Geschichte ist die Bundeskanzlerin. "Die Strategie war stets: Wickle Merkel so gut es geht um den Finger", zitiert Shipman einen Cameron-Berater in der Downing Street. Die beiden Regierungschefs stritten darüber, ob die Briten Immigranten aus EU-Ländern abweisen dürfen. Wäre Merkel nachgiebig gewesen, so die Vermutung der Cameron-Leute, wäre das Referendum anders ausgegangen. Cameron, meint Shipman, hätte es mit mehr Zeit und mehr Druck auf die EU gewinnen können. Die Mehrheit für den Brexit war relativ klein, nur etwas mehr als 600 000 Wähler hätten die Seite wechseln müssen. Die Pro-Europäer hielten zu lange an der Botschaft fest, ein Austritt aus der EU bringe wirtschaftliche Nachteile – während die Gegenseite mit einer Kampagne gegen Einwanderer Wähler an sich zog. Cameron hätte wohl auch entschiedener gegen die Lüge angehen müssen, die Türkei werde bald in den europäischen Klub aufgenommen. Shipmans Fazit: Die britische Mitgliedschaft in der EU wurde nicht verloren, sondern verspielt.
Tim Shipman: "All Out War. The Full Story of How Brexit Sank Britain's Political Class". HarperCollins Publishers; 688 Seiten; 23,60 Euro.
Von Cx

DER SPIEGEL 49/2016
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