27.09.1999

SPIEGEL-Essay DIGITALER KAPITALISMUS

PETER GLOTZ
Der Streit in der europäischen Sozialdemokratie, zum Beispiel zwischen Tony Blair und Gerhard Schröder auf der einen und Lionel Jospin auf der anderen Seite, in Deutschland gespiegelt in der Auseinandersetzung zwischen Gerhard Schröder und Reinhard Klimmt, ist die Reaktion auf die neuen Kommunikationsverhältnisse der Informationsökonomie. Bisher redete man verhüllend über Informationsgesellschaft, Wissensgesellschaft, telematische Gesellschaft. Kürzlich hat die Deutsche Bank den Befreiungsschlag versucht und (für eine große Tagung) erneut den Kapitalismus-Begriff benutzt. In der Tat ist es verrückt zu verstecken, dass der Kapitalismus gesiegt hat und dass Kapitalverhältnisse das Leben der Menschen entscheidend bestimmen.
Die Wahrheit ist: Der Industriekapitalismus wandelt sich zum digitalen Kapitalismus. Das ändert die Lage.
Schon der Blick auf die Entwicklung der letzten Jahre zeigt das Problem: "jobless growth". ABB hat durch Umstrukturierung seit Anfang der neunziger Jahre 34 600 Beschäftigte freigesetzt und gleichzeitig den Umsatz um 18 Prozent gesteigert. Siemens steigerte zwar seine Mitarbeiter im Ausland zwischen 1993 und 1997 von 153 000 auf 189 000; in Deutschland aber wurde der Personalstand in der gleichen Zeit von 238 000 auf 197 000 verringert.
Der VATM, der Verband der Anbieter von Telekommunikations- und Mehrwertdiensten e. V. in Deutschland, weist stolz darauf hin, dass die neuen privaten Telefongesellschaften in Deutschland schon 25 000 Arbeitsplätze geschaffen hätten. Weitere 25 000 seien darüber hinaus im Umfeld der Telekommunikation bei Online-Firmen, Software-Unternehmen und Hardware-Produzenten entstanden.
Die Deutsche Telekom AG musste allerdings zwischen 1992 und 1998 44 781 Arbeitsplätze abbauen. Mit derartigen Daten könnte man unendlich lang fortfahren.
Soweit die Entwicklung derzeit prognostizierbar ist, ist die Arbeitsplatzbilanz des digitalen Kapitalismus in den hoch entwickelten Gesellschaften negativ. Dabei muss man sich klarmachen, dass sich diese reifen Industriegesellschaften gerade erst im Übergang zum digitalen Kapitalismus befinden. Die meisten neuen Entwicklungen - zum Beispiel Electronic Commerce, die Ausdünnung der Filialstruktur der Banken und der Wegfall des durchschnittlichen Sekretariats - haben uns noch gar nicht erreicht. Aber schon für 1997 nahm der Sachverständigenrat für Deutschland de facto eine Arbeitslosenrate von 15,9 Prozent an.
Ist es angesichts dieser Zahlen wahrscheinlich, dass die Politik mit ihren traditionellen Instrumenten - sei es eine weitere Amerikanisierung der europäischen Gesellschaften, sei es eine Erneuerung neokooperatistischer Mechanismen (Bündnis für Arbeit) - die Vollbeschäftigung wiederherstellen kann? Die Antwort ist nein. Was entstehen dürfte, ist eine Zweidrittelgesellschaft mit Lagern, die sich bekämpfen werden.
Der Kampf zwischen dem Zweidrittelblock, der die Beschleunigung mitmacht, und dem "dritten Drittel", das ausgegrenzt wird oder die neue Lebensform zurückweist, wird sich im Kern nicht um technokratische und ökonomische Einzelkonzepte, sondern um die gefühlsbeladene Grundsatzfrage der Lebensführung drehen.
Die Ideologie der Mehrheitsgesellschaft hat sich nicht so schrecklich verändert, seit Benjamin Franklin im 18. Jahrhundert sein berühmtes "Zeit ist Geld" in die Welt setzte, das Max Weber dann Anfang des 20. Jahrhunderts zum Ausgangspunkt seiner Analyse des "Geistes des Kapitalismus" machte: Der Mensch berechnet und antizipiert, was der andere, der Konkurrent, der Markt tut.
Dieser Philosophie kann man "sozia-le Kälte" vorwerfen. Sie beruht auf Gewinnstreben, Egoismus und Konkurrenzdenken, belohnt die Stärkeren und bestraft die Schwächeren, schafft natürlich ganz und gar ungleiche, unter vielen Aspekten auch ungerechte Gesellschaften. Wer anpassungsfähig, beweglich und rastlos ist, wird ein gutes Stück nach oben kommen. Das entscheidende Argument aber ist: Man kann von einem schnell dahingleitenden Zug nur abspringen, wenn man bereit ist, das Leben zu riskieren.
Kapitalismus ohne Wachstum funktioniert nicht; und die politischen Steuerungsmöglichkeiten ("Was soll wachsen?") sind im Zeichen der Medienwende am Ende des 20. Jahrhunderts geringer geworden. So hat die auf Marktwirtschaft erpichte Mehrheitsgesellschaft den "Realismus" auf ihrer Seite. Wer den Übergang zum digitalen Kapitalismus mit seiner hohen Rate der Geschwindigkeitsänderung bewusst verzögern wollte, müsste schmerzhafte Wohlstandsverluste in Kauf nehmen.
Die Minderheit ist gerade dabei, wieder einmal eine eigene neue Welt von Werten und Normen zu entwickeln. Das ist ein legitimer Vorgang. Man muss sich wehren dürfen. Denn diesen Leuten wird ja entgegengehalten, sie seien faul und untüchtig und hätten die "Tugenden" des Industrialismus verraten.
Dabei wird nicht gefragt, was man im digitalen Kapitalismus mit den Tugenden des Industriekapitalismus eigentlich anfangen kann, wenn man keinen der begehrten Arbeitsplätze der Informationsverarbeitung ergattern kann. Erklärlich, dass Leute, die lange genug sowohl nach einer ernährenden als auch befriedigenden Tätigkeit gesucht haben, schließlich und endlich auf Paul Lafargues "Recht auf Faulheit" zurückgreifen und sich gegen den seine Arbeitszeit genau einteilenden und voll ausbeutenden Manager als lebenskluge, nachdenkliche, Ressourcen schonende und menschlich einfühlsame Ökologen profilieren.
Die Antwort auf die Beschleunigung, die der digitale Kapitalismus hervorbringt, lautet "Entschleunigung". Daraus entwickelt sich gerade eine regelrechte Philosophie. Ihre Schlüsselworte heißen "Nachdenklichkeit", "Sinn", "Leben jenseits der Ökonomie", "Ökologie", "Gemeinsinn" und eben "Entschleunigung".
Die neue Ideologie greift um sich wie ein Ölfleck. Wer in der Arbeitswelt zurückgestoßen wird, wird begründen, warum "Arbeit" im überlieferten Sinne, Erwerbsarbeit, fragwürdig sei. Es werden Millionen darauf verfallen, dass Eltern sich viele Stunden täglich ihrem Säugling widmen müssen, dass Menschen meditieren sollten, dass ein gesunder Körper viel Pflege braucht, dass nur ein sparsamer Lebensstil ökologisch sei oder dass das Weltgericht so unmittelbar bevorstehe, dass es keinen Sinn mache, neue Teilchenbeschleuniger zu bauen oder neuartige Zahnzwischenraumbürsten zu vermarkten.
Eine neue Welle der antirationalistischen Kulturkritik wird aufsteigen: pathosgeladene Proteste gegen die "Vergletscherung der Seele", neue Familienwerte, eine Dosis neuer Religiosität, aber auch politisch, mystisch oder apokalyptisch auftretende, widerständige Zirkel. Inzwischen dröhnt uns der Streit dieser Wertsysteme in den Ohren. Noch ist die Ideologie des Zweidrittelblocks dominant, die des dritten Drittels unterlegen. Aber wie lange?
Schon ziehen sich Manager in abgelegene Klöster zurück, um sich von teuer bezahlten Gurus Augustinus, Konfuzius oder Teilhard de Chardin auslegen zu lassen. In den Ecken vieler Parks vermehrt sich die Zahl ganz normal aussehender Leute - eigentlich denkt man, das sind "Arbeitnehmer" -, die langsam seltsame Verrenkungen machen und dabei irgendwelche Laute ausstoßen. Wenn man sich informiert, hört man, diese Übung heiße Tai Chi und werde von Yin- und Yang-Formeln begleitet.
Die Sehnsucht nach dem interpretativen Mehrwert von Religion wächst; allerdings richtet sie sich immer weniger auf die Volkskirchen. Die Tochter dreht dem Vater das Wasser ab, das er beim Rasieren laufen lässt, im Hinblick auf das Wasserproblem auf der südlichen Halbkugel. Unter den Mischehen zwischen den beiden Klassen explodieren die Konflikte.
"Ich bin nicht dazu da, darauf aufzupassen, dass sich unser Kind beim Herumkrabbeln nicht den Kopf anstößt, das kann auch ein nettes, kinderliebes Mädchen mit qualifiziertem Hauptschulabschluss", brüllt der aufsteigende Enddreißiger, der in einer Beratungsfirma gerade "Partner" geworden ist. "Ich habe dich nicht geheiratet, um ständig allein und in dieser Scheißvilla begraben zu sein", antwortet ihm seine Frau. Es fliegen die Fetzen, und das, was wir heute erleben, ist nur der Anfang.
Ich verstehe durchaus, dass diese Analyse des digitalen Kapitalismus die Aktivisten verärgert; ich war schließlich lang genug selber Aktivist.
Das Unternehmerlager muss "ins Gelingen verliebt sein"; Suggestion und Selbstsuggestion sind Vehikel des Erfolgs. Warum soll man über strukturelle Arbeitslosigkeit reden und die sowieso Mutlosen noch mutloser machen? Eine realistische Nebenbemerkung in der Aufsichtsratspause über die Bohnensuppe hinweg - in Ordnung. Aber keine öffentlichen Bekenntnisse. Und Politiker neigen, von wenigen Churchills abgesehen, habituell zu abwiegelnder Allgemeinheit.
Die liberal-konservative Seite denkt, sie müsse die Invisible Hand verteidigen, und in der Sozialdemokratie gibt es eine alte Tradition, Programmsätze und moralische Postulate so lange zu verteidigen, bis die Wirklichkeit sie endgültig ad absurdum geführt hat. Eduard Bernstein sagte, was zu Marx und Engels zu sagen war, 1899. Die SPD akzeptierte diese Erkenntnisse in ihrem Godesberger Programm, also 1959.
Warum sollte ein Politiker einräumen, dass Vollbeschäftigung nicht erreichbar ist, wenn doch gerade alle Anhänger sie von ihm verlangen?
Um den Gesundbetern nicht ins Messer zu laufen, fasse ich die Perspektiven für mein Land noch einmal nüchtern ins Auge.
Diese derzeit - im Vergleich zu anderen - reiche Gesellschaft hat in der Spätzeit des Industrialismus ein paar schwierige Probleme. Sie ist fabelhaft im Kraftfahrzeugbau, der Chemie, dem Maschinenbau und der Elektrotechnik, aber schwach bei den schnellen Branchen der Zukunft, also der Mikroelektronik, bei Computern, Computerperipherie, Software, Medien. Dieser Rückstand ist in einigen Bereichen vermutlich aufholbar, wie das Beispiel erfolgreicher Neugründungen - die Software-Firma SAP aus Walldorf zum Beispiel - zeigt. Ein Durchbruch auf breiter Front verlangt aber einen Kulturwandel.
Die deutsche Tradition kollektiver Regulationsmechanismen wird dem Individualismus in der Computer-Galaxis nicht mehr gerecht. Die Schaffung neuer Arbeitsplätze, die vor allem in jungen Unternehmen oder unabhängigen Product-Divisions aufgelockerter Konzerne entstehen werden, sind von Arbeitgeberverbänden nicht zu garantieren. Die Systemanalytiker sind an Gewinnbeteiligungen sehr, an Betriebsräten dagegen nur mäßig interessiert. Die Gewinnmargen in den Betrieben der gleichen Branche entwickeln sich extrem unterschiedlich, was Flächentarifverträge erschwert. Die Arbeitszeitinteressen unterschiedlicher Arbeitnehmergruppen streben auseinander.
All diese Entwicklungen erzwingen einen prinzipiellen Einstellungswechsel.
Der kann durchaus gelingen. Deutschland hat einen unschätzbaren Vorteil: ein bis in die letzten Winkel reichendes, solides, in den Spitzen allerdings dringend reformbedürftiges Bildungswesen. Mag also sein, dass hungrige, flexible, arbeitswütige und gewinnsüchtige junge Leute mit Computer- und Media-Literacy die starren, von Seilschaften organisierten, kompliziert verästelten Superstrukturen einfach unterlaufen und jenen Kulturwandel erzwingen. Sie werden dazu das System in die Krise stürzen.
Nur bedeutet das durchaus erreichbare Wachstum von Produktivität und Sozialprodukt nicht mehr, dass auch die Zahl der angemessen bezahlten Arbeitsplätze wächst. In der Industrie wird der Prozess ähnlich verlaufen wie in der Landwirtschaft, nur langsamer und weniger radikal: Immer weniger Leute werden immer mehr produzieren.
Die Informationswirtschaft setzt von vornherein auf die schlanke Organisation, die kleine Form, die lockere Assoziation. Fraglich ist also nicht die Entstehung oder Verfestigung einer neuen "Underclass"; die politischen Klassen sind längst nicht mehr mächtig genug, diese Entwicklung zu verhindern. Fraglich ist, ob die jeweilige politische Führung noch versucht, das untere Drittel (oder Viertel) kommunikativ und sozial in die Gesellschaft einzubinden oder ob es von vornherein ausgegrenzt wird.
Die Alternative heißt Einschluss oder Ausschluss. Alles andere ist edle Illusion oder blanker Betrug, oft genug eine Mischung von beidem.
Glotz, 60, war Bundesgeschäftsführer der SPD und amtiert derzeit als Gründungsrektor der Universität Erfurt. Sein Beitrag ist seinem neuen Buch "Die beschleunigte Gesellschaft" entnommen, das Anfang Oktober im Kindler-Verlag erscheint (288 Seiten; 44,90 Mark).
Von Glotz, Peter

DER SPIEGEL 39/1999
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