27.09.1999

UMWELTLandluft macht krank

Aus Geflügelfabriken entweichen giftige Keime. In der Umgebung der Massentierställe leiden deshalb ungewöhnlich viele Kinder an Allergien und Asthma.
Bei Westwind wird es ungemütlich im friesischen Nordseeheilbad Horumersiel. Zwei Hähnchenställe, in denen 80 000 Tiere ihr Dasein fristen, reichern die vom Meer her kommende Brise mit einer staubgeladenen Giftwolke aus Bakterien, Pilzen, Viren und Kotpartikeln an.
Auf einem nur rund 300 Meter von der Mastfarm entfernten Bauernhof beginnt dann das große Schniefen. Dem Landwirt und seinen beiden Töchtern treibt die reizende Fracht sofort Schleim und Tränen in die Lunge und in die Augen. Der Jungbauer greift zu Inhalationsgeräten und Asthmasprays. Seinen Namen will er auf keinen Fall in der Zeitung lesen: "Sonst schmeißt uns die Hühnermafia die Scheiben ein."
Immer mehr Asthmatiker und Allergiker husten und schniefen, weil sie Landluft einatmen müssen. "Ställe mit zehntausenden von Tieren sind kein Hühnerhof mehr", schimpft Karl-Heinrich Engesser, Mikrobiologe an der Universität Stuttgart.
Engesser hat festgestellt, dass hühnerstalltypische Mikroben, wie Aspergillen und Actinomyceten, auch bei Nichtallergikern die Produktion der Allergie-Antikörper IgE auslösen. "Allein das hätte für die Regierung Anlass genug sein müssen, etwas zu unternehmen."
Vor allem Kinder leiden unter den Emissionen der Massentierhaltung: Im "goldenen Gülledreieck" zwischen Cloppenburg und Vechta, der Region mit der größten Viehdichte Deutschlands, erkranken Kinder etwa doppelt so häufig an den Atemwegen wie in anderen Teilen des Bezirks Weser-Ems. Auch die Stadtkinder aus Hannover und Braunschweig leiden wesentlich seltener an Asthma und Allergien als ihre Altersgenossen vom Lande.
In zahlreichen Studien warnen Forscher seither davor, dass die Tierfabriken
* In Tweel bei Garrel (Oldenburg).
der Agrarindustrie eine Gesundheitsgefahr für die Anwohner bedeuten könnten. "Die Behörden haben die vielen ernsthaften Warnungen bisher einfach ignoriert", so lautet das Fazit der Autorin Jutta Altmann-Brewe, die unlängst alle verfügbaren Studien zur Intensivtierhaltung in einem Buch zusammengefasst hat.
Doch trotz der Fülle an Material fehlt nach wie vor der letzte Beweis dafür, dass tausende auf engstem Raum gehaltene Legehennen, Puten oder Schweine ihre menschliche Nachbarschaft krank machen können. "Eindeutige Zusammenhänge wurden nie nachgewiesen", wiegelt Bundeslandwirtschaftsminister Karl-Heinz Funke (SPD) ab.
Unterstützte Funke noch im vergangenen Jahr die niedersächsischen Bürger, die ihre Gesundheit durch den Bau von Riesenstallungen gefährdet sehen, so ruht er sich heute auf den bestehenden Gesetzen aus. "Mit unseren Hygieneverordnungen liegen wir an vorderster Front, das ist doch ein Fortschritt", lobt sich Funke mittlerweile.
Doch Hygiene im Hühnerstall ist relativ: Denn sicher ist, dass 40 000 Hähnchen die Luft jede Stunde mit 75 Milliarden Keimen belasten. Zwar sterben Bakterien außerhalb der feuchtwarmen Stallluft schnell ab. Ihre Toxine aber werden erst beim Zerfall der Mikroben frei und werden ebenso wie Viren, Pilze und deren Giftstoffe bis zu 50 Kilometer weit vom Wind getragen. Der Durchmesser dieser Partikel ist so winzig, dass sie - ähnlich wie Asbestfasern - bis in die kleinsten Lungenzipfel vordringen können.
Aufgehalten werden sie selten. "Meist sind die Ställe seitlich sogar offen", klagt Engesser. "Und die Abluftanlagen sind reine Notanlagen, die nur angeschaltet werden, wenn die Tiere im Sommer vor Überhitzung umzukippen drohen."
Ohnehin lasse sich gegen den höchst vitalen Staub kaum etwas ausrichten, meint der Tierhygieniker Jörg Hartung von der Tierärztlichen Hochschule Hannover: "Filtermatten sind in solchen Ställen gar nicht einsetzbar. Die sind nach zwei Tagen zugestaubt." Dann, so bestätigt Heinz-Werner Stockmann von der DMT, einer GmbH zur Prüfung von Filteranlagen und -materialien, "werden sie erst recht zur Bakterienschleuder".
Was ein Leben in Keim- und Giftschwaden bedeuten kann, zeigt sich an den eingestallten Tieren selbst: 10 bis 15 Prozent der Schweine aus Mastbetrieben verenden an einer Lungenkrankheit. Bei fast jedem dritten Hähnchen sind die Atemwege schwer geschädigt. Auch Arbeiter in den Stallanlagen leiden häufig unter chronischer Bronchitis und Asthma - Krankheiten, die als "Farmer-" oder "Vogelzüchterlunge" zum Begriff geworden sind.
Obwohl sich Bernhard Behrends, Leiter des Gesundheitsamtes in Hannover, über die "Dauerexposition" der Ostfriesen Sorgen macht, wird weitergebaut: Hunderte von Anträgen liegen den Gemeinderäten in Ostfriesland, dem Emsland und Südoldenburg vor. Beliebt ist bei den Agrarindustriellen auch Mecklenburg-Vorpommern, das mit seinen ausgedienten LPG-Betrieben den modernen Fleischvermehrungsanstalten viel Platz bietet.
"Bei uns hier in Vechta wird einfach alles genehmigt", klagt Marrie Powell, die sich als Mitglied einer Bürgerinitiative gegen eine weitere Zunahme an Kotelett-
* Elektronenmikroskopische Aufnahme.
und Schlegelfabriken im "Viehstall der Nation" wehrt. Die Gemeinden hingegen berufen sich auf den Paragrafen 35 des Baugesetzbuchs, dem zufolge Bauvorhaben der Landwirtschaft und der gewerblichen Tierhaltung privilegiert zu behandeln sind: Wenn nicht "besondere Gründe" gegen das Vorhaben sprechen, müssen die Gemeinden zustimmen.
Dabei gelten Betriebe mit weniger als 40 000 Hähnchen immer noch als bäuerliches Anwesen, nur bei größeren Anlagen gelten Vorschriften für den Immissionsschutz. Entsprechend häufig sind Anträge für Ställe, die nur knapp unter dieser Zahl liegen. Allein in den ersten drei Monaten dieses Jahres gingen im Landkreis Cloppenburg 268 Anträge auf den Neubau oder die Erweiterung von Geflügelmästereien ein.
Nicht einmal die Sicherheitsabstände zwischen Wohnhäusern und Stallanlagen sind bisher hinlänglich erforscht. In einer Pilotuntersuchung hatte Hygieniker Hartung noch in einem Radius von 500 Metern um die Ställe mehrere Millionen Keime pro Kubikmeter Luft gefunden. Um diese Zahlen genauer zu prüfen, stellte er seit 1993 immer wieder Forschungsanträge - vergeblich. Ähnlich erging es dem Epidemiologen Martin Schlaud von der Medizinischen Hochschule in Hannover, der die erhöhte Asthmahäufigkeit in Cloppenburg und Vechta mitentdeckt hatte.
Jetzt endlich meldet das niedersächsische Sozialministerium, gründlich untersuchen zu wollen, ob die Abluft aus Massengeflügelställen die Gesundheit von Menschen gefährdet. Forschungsprojekte für insgesamt 2,2 Millionen Mark will das Land bewilligen - falls das Kabinett in Hannover zustimmt. In den mehrjährigen Projekten sollen tausende von Schulanfängern auf Atemwegserkrankungen untersucht und die Resultate von Kindern aus wenig belasteten Regionen mit solchen aus Gebieten mit Massentierhaltung verglichen werden.
Die ungeklärte Sachlage kommt indessen manchem Kommunalpolitiker gelegen. Einer Bürgerinitiative, die den Bau von zehn Zuchtanlagen mit insgesamt 37 000 Puten in der ostfriesischen Samtgemeinde Dornum verhindern möchte, eröffnete kürzlich Kreisbaudezernent Johann Aeils: "Wir werden die Genehmigung auch ohne Gutachten erteilen."
Auch Waltraut Aswegen-Gerdes kämpft gegen die Putenfabriken. Einer der zehn geplanten Ställe soll nur 300 Meter von ihrem Haus entfernt errichtet werden. Sohn Thorben, 8, leidet schon heute unter schwerer Neurodermitis. "Bei Schimmelpilzen bekommt er Schübe à la carte", sagt seine Mutter. "Wenn der Stall gebaut wird, können wir hier einpacken." CHRISTINA BERNDT
* In Tweel bei Garrel (Oldenburg). * Elektronenmikroskopische Aufnahme.
Von Christina Berndt

DER SPIEGEL 39/1999
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