27.09.1999

ERDÖLDas Kartell lebt

Die Opec ist wieder da: Mit erstaunlicher Disziplin hat sie die Förderung gedrosselt und so den Ölpreis verdoppelt.
Lange hatte der saudi-arabische Thronfolger, Prinz Abdullah Ibn Abd al-Asis, mit sich gerungen. Er sah, wie sich Anfang des Jahres sein Königreich maßlos verschuldete, die Öleinnahmen flossen nur noch spärlich. Sollte er jetzt die Opec-Länder beschwören, gemeinsam mit ihm die Förderung zu drosseln? Würden dann die Preise endlich steigen?
Seine Berater warnten ihn. Einige Förderländer würden solche Vereinbarungen immer wieder brechen, gaben sie zu Bedenken; sie drehten heimlich den Ölhahn wieder auf, um schnelles Geld zu kassieren - und dann stehe Saudi-Arabien noch schlechter da als zuvor.
Der Prinz ging das Risiko ein. "Eine eitrige Entzündung kann erst geheilt werden, wenn man sie mit starkem Feuer behandelt", entschied Abdullah.
Das Feuer zeigte Wirkung. Der Preis für Rohöl hat sich von rund 10 Dollar pro Barrel (159 Liter) zu Jahresbeginn auf inzwischen 24,41 Dollar mehr als verdoppelt, der Rohstoff ist so teuer wie seit 33 Monaten nicht mehr.
Sämtliche Opec-Länder haben strikt wie selten zuvor die Förderquoten eingehalten, die die elf Ölminister im März in Wien vereinbart hatten, und damit die Fachwelt verblüfft - auch den ehemaligen saudi-arabischen Ölminister Ahmed Saki al-Jamani: "Die Vereinbarung ist für die Katz, kein Land wird sich daran halten", polterte er damals.
Jamani hatte den Leidensdruck der klammen Förderstaaten unterschätzt. Die Öleinnahmen der Golfanrainer waren 1998 um ein Drittel gesunken, die fetten Jahre schienen ein für alle Mal vorbei. Saudi-Arabien sah sich sogar gezwungen, die Preise ausgerechnet für Benzin zu erhöhen: von 0,16 Dollar auf 0,24 Dollar pro Liter.
Die Not hat das Kartell geeint, das viele schon totgesagt hatten. Seit die Petrodollars wieder fließen, sind die Golfkooperationsstaaten dabei, ihr Haushaltsdefizit von 23 Milliarden auf 12 Milliarden fast zu halbieren. Den Förderländern kommt zugute, dass die Nachfrage in Asien wieder wächst: In Südkorea stieg der Ölverbrauch in den ersten vier Monaten um gut 20 Prozent.
Grundlage für die unerwartete Geschlossenheit ist der neue Geist zwischen Saudi-Arabien und Iran, den Hauptakteuren im Kartell. Die Nachbarn sind wieder näher zusammengerückt, seit der vergleichsweise liberale Staatspräsident Mohammed Chatami Iran führt. Gemeinsam wollen sie sich aus der "Hegemonie der USA auf dem Ölsektor befreien", heißt es in einem internen Gesprächsprotokoll.
So versuchen sie, die Schrauben weiter anzuziehen. Vorige Woche bei der jüngsten Konferenz in Wien beschlossen die Ölminister, die niedrigen Förderquoten bis März kommenden Jahres beizubehalten - wenn nicht sogar noch länger.
Längst spüren die Verbraucher auch in Deutschland die Folgen der Quotendisziplin. Wer vor einem Jahr 3000 Liter Heizöl einkellerte, zahlte etwa 1300 Mark. Heute kostet dieselbe Menge 1840 Mark. Dass die Preise in den nächsten Monaten wieder fallen, ist unwahrscheinlich - schließlich steht der Winter noch bevor.
Eher dürfte die kalte Saison den Preis pro Barrel auf 25 bis 28 Dollar hochschrauben, erwartet Bernhard Hillebrand, Energieexperte des Rheinisch-Westfälischen Instituts für Wirtschaftsforschung (RWI). So werden manche Autofahrer am Neujahrsmorgen an der Tankstelle eine böse Überraschung erleben: Weil am 1. Januar auf Kraftstoff erneut sechs Pfennige Ökosteuer aufgeschlagen werden, "könnten wir die Zwei-Mark-Grenze streifen", vermutet Hillebrand.
Der RWI-Forscher rechnet damit, dass Deutschland insgesamt in diesem Jahr gut zehn Milliarden Mark mehr für Rohölimporte ausgeben muss als im Vorjahr: "Das wird einen inflationären Impuls zur Folge haben."
Erinnerungen werden wach an die Ölkrisen der siebziger Jahre, als die Opec die Ölwaffe entdeckte. Damals stieg der Preis so drastisch, dass die Industriestaaten in die Rezession schlitterten.
Mit solch dramatischen Folgen rechnet heute allerdings kaum jemand. Das teure Öl wird zwar den Preisauftrieb etwas beschleunigen, Heizöl und Kraftstoffe haben in einem Jahr immerhin um 14,3 Prozent zugelegt. Doch gleichzeitig sind die Telefontarife um 12,6 Prozent gefallen, die Inflationsrate verharrt weiter bei 0,7 Prozent. "Und bald kommen die Preisvorteile aus dem liberalisierten Strommarkt dazu", erwartet Wolfgang Nierhaus, Konjunkturforscher am Münchner Ifo-Institut.
Noch ist ohnehin nicht klar, ob die Opec das Preisniveau auch nach dem Winter halten kann. Der Irak will nach dem Golfkriegsembargo wieder zur Nummer zwei der Ölexporteure hinter Saudi-Arabien aufsteigen; schon jetzt bringt er seine Förderung auf Hochtouren.
Zudem macht ein Preis jenseits der 20 Dollar die Exploration auch in schwierigen Weltregionen wie der Nordsee wieder rentabel - und schon schwimmt die Welt wieder in Öl. ADEL S. ELIAS, ALEXANDER JUNG
Von Adel S. Elias und Alexander Jung

DER SPIEGEL 39/1999
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