27.09.1999

SPEKULATION„Wie Motorrad fahren“

Die Daytrader Wieland Steinich, 39, Eugen Zandmann, 30, und Frank Behrens, 23, über Börse und Gier
SPIEGEL: Herr Steinich, die Stimmung an den Weltbörsen ist gedrückt, der Dax sinkt fast täglich, und einige Experten warnen sogar vor einem Crash im Oktober - schlechte Zeiten für gute Geschäfte. Wie lief es gestern bei Ihnen?
Steinich: Gut. Das Schöne am Daytrading ist eben, dass man Kursbewegungen in alle Richtungen nutzen kann. Ich habe gleich erkannt, dass der Dax-Future nach unten geht, und habe die Gewinne laufen lassen. SPIEGEL: Was haben Sie verdient?
Steinich: Knapp 2000 Mark.
Zandmann: Ich habe gestern wenig gehandelt. Zunächst habe ich darauf spekuliert, dass der Dax hochgeht, aber das war nicht der Fall. Das habe ich aber frühzeitig erkannt und bin mit 250 Mark Gewinn nach Hause gegangen.
SPIEGEL: Werden Sie nervös, wenn Sie vor dem Bildschirm sitzen und der Kurs sich anders entwickelt als erwartet?
Steinich: In dem Moment, wo ich im Markt bin, stehe ich unter Stress.
SPIEGEL: Wie schnell reagieren Sie?
Steinich: Ich habe schon in fünf bis zehn Sekunden entschieden: Hey, jetzt liegst du völlig falsch.
Zandmann: Wir haben in unserem Düsseldorfer Trading-Center einen, der seit sechs
* Name von der Redaktion geändert.
Monaten nur guckt, wo der kurzfristige Indikator hinzeigt. Der nimmt drei, vier, fünf Punkte mit ...
SPIEGEL: ... 150 bis 250 Mark ...
Zandmann: ... und geht gleich raus. Er ist noch nicht einmal 15 Sekunden in der Position drin, sondern 5 Sekunden. Das macht er mehrere Male am Tag.
SPIEGEL: Herr Steinich, Sie sitzen seit März in einem Berliner Tradingsaal. Wie ist Ihre Bilanz?
Steinich: Positiv.
SPIEGEL: Was war Ihr schlechtester, was Ihr bester Tag?
Steinich: Einmal 2500 Mark Verlust, einmal 7000 Mark Gewinn.
Behrens: Ich handele seit drei Monaten nur auf dem Papier. Ich gucke mir den Markt an, um später wieder einzusteigen.
SPIEGEL: Sie üben jetzt, weil Sie beim Einstieg ins Daytrading eine Menge Geld verloren haben. Wie viel?
Behrens: Nach zwei Monaten waren 25 000 Mark weg.
SPIEGEL: Daytrader müssen 50 000 Mark als Sicherheit hinterlegen. Hat bei Ihnen die Bank die Notbremse gezogen?
Behrens: Die Bank und eigene Einsicht.
SPIEGEL: Wie haben Sie reagiert, als die Verluste einsetzten?
Behrens: Man wird panisch, hektisch, man handelt viel. Ich war eine Zeit lang unter psychischem Druck, weil ich überlegt habe, wie es weitergehen und ob ich aufhören soll.
SPIEGEL: Warum hören Sie nicht auf? Warum glauben Sie, dass Sie es beim nächsten Mal schaffen werden?
Behrens: Ich mache jetzt seit drei Monaten Probetraining, versuche den Markt kennen zu lernen und bereite mich auf die Börsenhändlerprüfung vor.
SPIEGEL: Sie waren Angestellter im Öffentlichen Dienst. War Ihnen der Job zu langweilig?
Behrens: Ja. Ich möchte auf jeden Fall in der Börsenbranche bleiben.
SPIEGEL: Was sagen Sie, wenn Sie heute jemand nach Ihrem Beruf fragt?
Behrens: Dass ich an der Börse handele.
SPIEGEL: Ein bisschen vage. Warum sagen Daytrader nicht einfach, dass sie Berufsspieler sind?
Steinich: Das ist kein Spiel, das ist harte Arbeit, weil man sich mit Informationen auseinander setzen muss und da sehr vorsichtig, sehr achtsam und sehr genau arbeiten muss. Daytrading ist Präzisionsarbeit, weil man innerhalb von Sekunden die Kursbewegung ausnutzen kann. Da darf man sich keine Fehler erlauben.
SPIEGEL: Sie handeln hier alle mit dem Dax Future, das heißt, Sie schließen Wetten darüber ab, wie der Deutsche Aktienindex in ein paar Wochen oder Monaten steht. Die einen setzen darauf, dass der Dax steigt, die anderen, dass er fällt.
Zandmann: Das ist keine Wette, das ist eine Prognose. Man hat sich eine Meinung gebildet, die kann richtig oder falsch sein. Diese Meinung ist Ergebnis einer sorgfältigen Analyse.
Steinich: Es gibt Indikatoren. Die sagen mir, welche Erwartungen die anderen Marktteilnehmer haben. Die Regeln funktionieren mit einer Wahrscheinlichkeit von Risiko und Chance. Wenn mein Risiko-Chance-Verhältnis 10 zu 90 ist, heißt das, dass 10 Prozent Risiko da sind. Aber die Wahrscheinlichkeit, dass die 90 eintreten, ist höher als die 10. Also werde ich mich entsprechend positionieren und für den Fall, dass die 10 Prozent eintreten, vorher Maßnahmen treffen.
* Im Hamburger Actior Trading Center.
SPIEGEL: Stört es Sie, wenn man Ihre Tätigkeit als Zocken bezeichnet?
Steinich: Ja.
Zandmann: Ich bin kein Zocker. Ein Zocker ist derjenige, der glaubt, leicht und schnell Geld verdienen zu können.
SPIEGEL: Beim Daytrading ist relativ leicht und schnell Geld zu verdienen.
Steinich: Eben nicht. Es ist zwar schnell, aber nicht leicht.
SPIEGEL: In der Öffentlichkeit gilt Daytrading als unseriös.
Steinich: Wer beeinflusst die Öffentlichkeit? Die Medien.
SPIEGEL: Das Image ergibt sich durch die Tätigkeit. Da sitzen Menschen vor dem Bildschirm, drücken ein paar Tasten und haben in wenigen Sekunden 2000 Mark gewonnen oder verloren.
Zandmann: Was ist daran unseriös? Fragen Sie mal die Deutsche Bank, ob die etwas anderes macht.
Steinich: Die Banken machen im Eigengeschäft dasselbe wie wir.
SPIEGEL: Der Papst beklagte kürzlich, dass Reichtum heute ohne Bezug zu einer konkreten Arbeit angehäuft wird.
Steinich: Da frage ich die Kirche: Können wir uns mal die Anlagestrategien für euer Vermögen anschauen? Spekulation ist der Motor der Wirtschaft, das ist eine Grundregel.
SPIEGEL: War jemand von Ihnen schon mal im Spielcasino?
Zandmann: Ich.
SPIEGEL: Wo sehen Sie den Unterschied?
Zandmann: Daytrading ist eine Form der Börsenspekulation. An der Börse zu spekulieren heißt generell, viele Informationen beherrschen und verarbeiten zu können. Zum Daytrading gehört auch viel Disziplin. Das ist ein Unterschied zum Casino, der Kugel können Sie keinen Stopp setzen.
SPIEGEL: Also sind Gewinn und Verlust nur eine Frage der Disziplin? Haben Sie deshalb verloren, Herr Behrens?
Behrens: Ja. Ich habe zum Beispiel zu lange gewartet, Verluste zu lange gegen mich laufen lassen, Gewinne nie mitgenommen.
SPIEGEL: Herr Steinich, Sie waren zwölf Jahre lang Immobilienmakler und haben im März den Beruf gewechselt. Verdienen Sie jetzt mehr?
Steinich: Ja, und ich muss nicht mehr klagen, um an meine Provisionen zu kommen. In der Immobilienbranche läuft man bis zu zwei Jahre seinem Geld hinterher. Jetzt wird das Geld gleich auf dem Konto gebucht.
SPIEGEL: Nach amerikanischen Untersuchungen machen 70 Prozent der Daytrader Verluste. Warum sollten ausgerechnet Sie zu den Gewinnern zählen?
Steinich: Warum nicht? Ich analysiere vorher die Prognose, ich verhalte mich diszipliniert und sage: Mehr Geld wechselt an dem Tag nicht zu mir. Weil beim Daytrading Emotionen eine Rolle spielen, muss ich mir vorher ein klares Limit setzen: bis dahin und nicht weiter.
SPIEGEL: Meinen Sie mit Emotionen Gier?
Steinich: Gier ist eine Form der Angst, zu wenig zu bekommen. Angst ist ein schlechter Ratgeber an der Börse. Bevor ich überhaupt in die emotionale Phase komme, muss ich Entscheidungen treffen: Wo gehe ich in den Markt, wo gehe ich aus dem Markt? Was kann ich an Verlusten akzeptieren, bei wie viel Prozent Gewinn steige ich aus?
Zandmann: Wer schlecht mit Verlusten fertig werden kann, sollte die Finger vom Daytrading lassen.
SPIEGEL: Sie arbeiten weiterhin nebenbei noch in Ihrem alten Job als Vermögensverwalter bei einer kleineren Gesellschaft. Ist Ihnen bei Ihrem Arbeitgeber der Aktienhandel nicht aufregend genug?
Zandmann: Das sind zwei verschiedene Dinge wie Auto und Motorrad. Ich spekuliere mit Aktien, das ist wie Auto fahren; Daytrading ist Motorrad fahren.
SPIEGEL: Motorradfahrer holen sich eher eine blutige Nase.
Zandmann: Daytrading sollte man als einen Bereich der Anlagestrategie betrachten und nur einen Teil des Depots hoch spekulativ anlegen.
SPIEGEL: Wie viel Prozent?
Zandmann: Nicht mehr als 20 bis 30 Prozent.
SPIEGEL: Woher nehmen Daytrader ihren Optimismus, dass sie das System beherrschen?
Steinich: Ich halte mich für beherrschbar. Ich will nicht den Markt und auch nicht das System beherrschen, ich will es nutzen. INTERVIEW: HERMANN BOTT,
FRANK HORNIG
[Grafiktext]
So funktioniert Daytrading (1) Über ein angemietetes Börsen- informationssystem unterrichtet sich der private Händler via Inter- net ohne Zeitverzögerung (real- time) über weltweite Marktdaten. (2) Ein Handelsprogramm schickt die Order per Internet direkt an die internationalen Börsen, wo sie sekunden- schnell ausgeführt werden. (3) Bank Kauf oder Verkauf werden daraufhin im Wertpapierdepot des Daytraders verbucht.
[GrafiktextEnde]
* Name von der Redaktion geändert. * Im Hamburger Actior Trading Center.
Von Hermann Bott und Frank Hornig

DER SPIEGEL 39/1999
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