27.09.1999

PARTNERSCHAFTLiebe in vollen Zügen

Die Fernbeziehung gilt als Lebensform der Zukunft. Immer mehr Leute wechseln aus beruflichen Gründen den Ort und lassen ihre Partner zu Hause. Pendler klagen über hohe Kosten und Fremdheitsgefühle, Psychologen sehen gerade in der Distanz Chancen für die Partnerschaft.
Es war der Mond, den Goethe ansprach, wann immer ihn die Sehnsucht packte: "Doch du fühlst, wie ich betrübt bin, blickt dein Rand herauf als Stern! Zeugest mir, dass ich geliebt bin, sei das Liebchen noch so fern."
Dem unsicheren Liebesboten am Himmel braucht niemand mehr zu vertrauen - der Telekom sei Dank. Nacht für Nacht klingelt und säuselt es, von Stadt zu Stadt, von Land zu Land. Dass das Liebchen in der Ferne weilt - zu Zeiten des alten Dichterfürsten eher die Ausnahme -, ist heute eine Erfahrung, die immer mehr Leute kennen. Schon 13 Prozent aller Paare in Deutschland leben eine sogenannte Fernbeziehung, und das Heer der unfreiwillig von Tisch und Bett Getrennten wächst und wächst, seit Deutschland von Berlin aus regiert wird. Wie einst die Nomaden ziehen Männer und Frauen zwischen Spree und Rhein hin und her.
Für rund die Hälfte der Bonner Beamten, die mit der Regierung nach Berlin gekommen sind, ist die Hauptstadt nur Zweitwohnsitz, der Partner blieb zurück. So stehen jedes Wochenende für 2500 Heim-
wehkranke Sonderzüge und Flugzeuge bereit, die zusammenführen, was sich zusammenwünscht.
Silke Neuhaus, 30, wissenschaftliche Mitarbeiterin beim Bundestagsabgeordneten Friedrich Merz, ist regelmäßig dabei. Sie wurde vor anderthalb Jahren in Bonn nur unter der Bedingung eingestellt, dass sie später mit nach Berlin gehe: "Natürlich habe ich da zugestimmt, heute muss man Bereitschaft zur Flexibilität zeigen, sonst bekommt man keine Jobs."
Der Preis war klar: Ihren Freund Thomas Regh, der als Anwalt beruflich an Bonn gebunden ist, wird sie nun nur am Wochenende sehen - noch geben sich beide tapfer: "Wir schaffen das schon, in unserem Bekanntenkreis pendeln ohnehin die meisten, wir haben genug Vorbilder."
Eine ganze Generation scheint die Liebe zur Arbeit der Nähe zum Partner vorzuziehen, und viele Zeitgeist-Skeptiker wittern wieder einmal ein Indiz für Karrierismus, Egozentrik und Bindungsunlust postmodern verwirrter junger Leute.
Doch denen geht es meist gar nicht um die Verwirklichung hochtrabender Wünsche, sondern schlicht um einen Job, der annähernd der Ausbildung entspricht. Ein Blick in die Stellenanzeigen verrät es: Ob Volkswirt oder Ingenieur - Mobilität ist fast schon eine obligatorische Anforderung. Birgit Hasler, Personalbeauftragte bei IBM Deutschland in Stuttgart: "Weltweite Einsetzbarkeit ist bei Einstellungen immer ein Thema." Und: "Wer sich in neuer Umgebung beweist, hat gute Aufstiegschancen."
Doch: Anders als einige amerikanische Unternehmer fühlen sich deutsche Arbeitgeber nicht veranlasst, auch dem Partner eines neuen Mitarbeiters einen Job zu vermitteln. Und da die Töchter der Frauenbewegung nicht mehr so selbstverständlich ihrem Partner von Ort zu Ort folgen, wie es einstmals die Oma tat, sondern selbst die Koffer packen, wenn ein guter Job lockt, wird die Zahl der halb freiwillig Getrennten immer größer.
Der Münchner Kunsthistoriker Jan Wittmann, 30, ist zwar oftmals betrübt, dass seine Freundin Henrike Hahn, 29, sich jedes Jahr viele Monate im Ausland aufhält; aber, so sagt er, daran lasse sich nun mal nichts ändern: Sie forscht als Politologin über transatlantische Beziehungen - also ist sie gezwungen, zuweilen selbst eine zu führen. "Meine Freundin hat so viel Lust an der Arbeit, ich will ihr da nicht im Weg stehen. Die Zeiten des Heimchens am Herd sind endgültig vorbei", formuliert Wittmann so selbstlos wie möglich.
Für die beiden Jungwissenschaftler läuft es wohl auf eine Lebensform hinaus, die Soziologen und Psychologen Dual Career Couple (DCC) nennen - eine Beziehung, zwei Karrieren. Und die finden immer häufiger an verschiedenen Orten, nicht selten sogar in verschiedenen Ländern statt.
Prominente Beispiele: ZDF-Klatschmoderatorin Nina Ruge (München) und Ford-Manager Wolfgang Reitzle (London). Auch Lothar Matthäus, Fußballstar unter weißblauer Flagge, hat eine Bayern-Britannien-Connection aufgebaut. Seine neue Freundin Maren Müller-Wohlfahrt studiert in London. Eine privilegierte Fernliebe allerdings: Zittert sie vor Prüfungen, kann er es sich leisten, sich zum Händchenhalten einfliegen zu lassen.
Doch die meisten Paare auf Distanz sind alles andere als die Helden der Globalisierung. Sie erweisen sich, folgt man den Experten, als bedauernswerte Kreaturen, die ihren Arbeitgebern Nerven und auch Geld rauben können.
So beschreibt die Sozialwissenschaftlerin Ariane Ladwig in ihrer Dissertation zum Beispiel den unwillkürlichen Motivationsabfall vieler DCCs. Peter Rogahn, 35, aus Hamburg, der wie alle Unternehmensberater unterschiedliche Firmen betreut und daher regelmäßig seine Einsatzorte wechselt, sagt: "Ganz klar: Der Hauptgrund, warum Kollegen irgendwann ihre meist glänzend bezahlten Jobs bei Unternehmensberatungen kündigen, ist die Dauerbelastung der Beziehungen durch die Distanz."
Die Liste der Peinigungen ist lang. Da sind die enormen Zusatzkosten: "Würden wir an einem Ort wohnen", ärgert sich ein Paar, das zwischen Hamburg und Frankfurt pendelt, "könnten wir ein ganzes Haus mieten." Nun aber lebt jeder in einer Zweizimmerwohnung, jeder bezahlt rund 1000 Mark Miete und monatlich 200 Mark fürs Liebesgeflüster am Telefon. Knapp 600 Mark geben sie insgesamt fürs Hin- und Herreisen aus.
Zu den Un-Kosten kommen psychologische Abgründe. Viele Paare berichten von totaler Erschöpfung durch die Reise und von der Neigung, sich der Müdigkeit nicht hinzugeben, um keine wertvolle gemeinsame Zeit zu vergeuden. Mögliche Folge: Die Partner verausgaben sich und trauen sich die Reiserei irgendwann gar nicht mehr zu.
Etliche stöhnen, dass sie an zwei Orten wohnen, sich aber an keinem wirklich zu Hause fühlen: Am Heimatort vernachlässigen sie alte Freundschaften, um Zeit für den Partner zu haben, am Arbeitsort knüpfen sie keine neuen Kontakte, weil sie diese am Wochenende nicht pflegen können.
Oder aber: Flüchtige verwurzeln sich schnell am neuen Ort, das bisherige Leben verliert an Reiz, denn neue Eindrücke sind immer stärker als Vertrautes. Irgendwann wird die alte Amour "wie ein Zeitungsabo, das man vergessen hat zu kündigen" - so zynisch sinniert ein Betroffener über seine Fern-Ehe, die viele Jahre, bevor sie geschieden wurde, am Ende war.
Aber nicht nur das soziale System der Gebeutelten wankt - auch ihr Hormonhaushalt gerät zuweilen durcheinander: In einsamen Stunden suchen die Liebes-Leidenden Trost, beginnen Affären, die die eigentliche Beziehung ruinieren können. Paarforscher Hans Wilhelm Jürgens, Leiter des Anthropologischen Instituts der Kieler Universität, analysiert mitleidsvoll: "Diese Affären sind selten leichtfertige Abenteuer, sondern haben mit der Suche nach Geborgenheit zu tun."
Doch für solch verständnisvolle Motivforschung haben Pendler-Partner keine Nerven. Viele berichten von diffuser Dauereifersucht. Der eine kennt das Umfeld des anderen nicht, weiß etwa nicht, ob die Kollegin, von der der Partner "verdächtig oft" spricht, es auf ihn abgesehen hat und wahrscheinlich am Ende der Grund ist, warum er die letzten Abende telefonisch nicht erreichbar war.
Von wüsten Betrugsszenen, in einsamen Nächten imaginiert, erzählen viele, wollen aber öffentlich nicht dazu stehen, weil sie selbst dem Partner gegenüber die Eifersucht nicht zugeben würden.
Denn wo für Romantik wenig Zeit bleibt, soll kein Zwist die kostbaren Stunden stören. Probleme zu bereden, sich gar zu streiten - damit tun sich Zwangsdistanzierte schwer. Zoffereien am Telefon oder zwischen Tür und Angel frustrieren, fehlen doch Muße und Nähe zur leidenschaftlichen Versöhnung. So werden Konflikte verschoben, Ärger staut sich auf, und irgendwann kann es so gewaltig krachen, dass die Beziehung auseinander fliegt.
Ist die Teilzeitliebelei also eine Sackgasse, der Anfang vom Ende?
Friedhelm Julius Beucher, 53, der wie alle Bundestagsabgeordneten zwischen Wahlkreis und Regierungssitz hin- und herreisen muss, sieht ziemlich schwarz, wenn er sich die Pendelprofis seines Berufsstandes anschaut: "Ehen von Abgeordneten sind alle latent gefährdet und enden oft im Desaster."
Auch der Berliner Guido Sigl, 40, der als Ausbilder von Animateuren in Ferienclubs Fernbeziehungsopfer geradezu züchtet, glaubt nicht an die erfüllte Liebe auf Distanz. "In der Regel", weiß er, "scheitern die Beziehungen der Animateure zu ihren Partnern daheim. Das Leben im sonnigen Club unterscheidet sich so sehr vom grauen Alltagstrott des anderen, dass man sich rasch fremd wird." Sigl kategorisch: "Wer die Liebe des Lebens gefunden hat, geht gar nicht erst weg."
Und weil er selbst in die Ferne liebt - seine Freundin Claudia Schumann lässt sich in Wien zur Fachärztin ausbilden -, überlegt er, ihr bald hinterherzuziehen. Die Freundin ist vorsichtiger: "Auf Dauer kann man zwar nicht getrennt sein", aber sich eine gute berufliche Basis aufzubauen sei eben auch ein wichtiger Teil der persönlichen Entwicklung.
Der Wunschberuf als Liebestöter - mit dieser unglückseligen Tendenz beschäftigt sich auch Michel Domsch, Soziologieprofessor an der Bundeswehr-Universität Hamburg: Er beobachtet, dass heutzutage der Freund oder die Freundin ganz pragmatisch mit den Städten gewechselt wird, in die es die kosmopolitischen Arbeitnehmer verschlägt. Habe das 18. Jahrhundert die Liebesehe statt der schnöden Zweckehe propagiert, praktiziere das späte 20. Jahrhundert das berufskompatible Bündnis auf Zeit.
Viele Paare, glaubt Domsch, leben dabei ein zermürbendes "Eigentlich-Leben": Sie sehnen sich eigentlich nach einer stabilen Beziehung, sie wollen eigentlich keine Geburtstagsfeier ihrer Kinder verpassen. Ansprüche, denen Pendelpartner und -eltern selten gerecht werden.
Tatsächlich zerbrechen 57 Prozent der Long-Distance-Beziehungen - so will das Magazin "Elle" herausgefunden haben. Die Frauenzeitschrift beziffert auch die Gründe für das Scheitern: 93 Prozent aller befragten Pendelkundigen (2096 Männer, 2123 Frauen) beklagen den Mangel an Zärtlichkeit, 91 Prozent ist der doppelte Lebensunterhalt zu teuer, 69 Prozent leiden an dem Gefühl, sich zunehmend auseinander zu leben.
Paarforscher Jürgens findet aber auch ermutigende Worte: "Pendelbeziehungen können funktionieren." Die Partner müssten so nervenschonend wie möglich miteinander umgehen. Hilfreich sei es, Rituale zu schaffen, sich an Verabredungen zu halten. Ein wenig Kontinuität für die sporadische Zweisamkeit.
Ein Ratgeberbuch ("Ich in Bremen, du in Zürich", Herder-Verlag) legt nahe, "Perspektiven zu schaffen", also das Getrenntsein als Übergangsphase zu begreifen, wohl wissend, dass man sich in nicht allzu ferner Zukunft auf einen Ort einigen wird.
Schauspielerin Heike Makatsch, 28, hatte jedenfalls schnell die ständigen Trennungen satt. Sie zog nach wenigen Monaten zu ihrem Freund, dem Schauspieler Daniel Craig, nach London.
Paare, die nicht so bald zusammenkommen können, müssen sich anders trösten: "Jedes Treffen ein Fest", heißt es im Ratgeber. Wenn sich die Schmachtenden schon den Unbilden von Autobahn, Zug und Flugzeug ausliefern, warum sollen sie dann das Rendezvous nicht exzessiv zelebrieren?
Von diesem Vorsatz hält auch Unternehmensberater Rogahn viel. Gerade weil auf ihn am Wochenende nicht nur die Ehefrau, sondern auch die beiden Kinder warten. Den Kleinen zuliebe versuche er, die Zeit so nett wie möglich zu gestalten: "Mal fahren wir an die See oder gehen gut essen. Andere Familien investieren ihr Geld in den Hausbau, wir in schöne Momente."
Allgemein gilt: Pendler gehen gestaltungswütiger an Beziehungen heran als sesshafte Langzeitpaare, und sie sind tendenziell harmoniesüchtiger - keine schlechten Voraussetzungen für das Funktionieren einer Verbindung.
Ein weiterer Pluspunkt: Jeder ist durch die getrennte Haushaltsführung sein eigener oberster Dienstleister, leidige Abwasch- und Müllentsorgungsdebatten erübrigen sich meist.
Und zuletzt: Das gewisse Fremdeln, das viele Partner empfinden, wenn sie nach längerer Auszeit aufeinander treffen, hat nicht nur Nachteile: Gerade Fremdheit trägt zur Spannung der ersten Verliebtheit bei - umso besser, wenn Paare dieses Gefühl immer wieder erneuern können.
So ist nicht alle Hoffnung verloren, wenn sich die Fernbeziehung tatsächlich zur Lebensform der Zukunft entwickeln sollte.
Denn in der absurden Logik der Liebe stimmen auch jene Worte, die Goethe im "Faust" seinen Oberon sagen lässt: "Gatten, die sich vertragen wollen, lernens von uns beiden! Wenn sich zweie lieben sollen, braucht man sie nur zu scheiden." SUSANNE BEYER, ULRIKE KNÖFEL
Von Susanne Beyer und Ulrike Knöfel

DER SPIEGEL 39/1999
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