27.09.1999

UNTERNEHMERDer Makel des Prinzen

Vergeblich kämpft ein bayerischer Königsspross seit Jahren um eine Bierlizenz für das Oktoberfest. Jetzt soll ihm das Volk zu seinem Recht verhelfen.
In dem idyllischen Ort Lionshead am Fuße des Vail Mountain im US-Staat Colorado weiß man die Braukünste des Prinzen Luitpold von Bayern zu würdigen. Im folkloristisch-kitschigen Ambiente des "Kaltenberg Castle" werden jährlich an die 10 000 Hektoliter Kaltenberger Bier ausgeschenkt; bei örtlichen Volksfesten ist das süffige "König Ludwig Dunkel" ein Schlager. Auch in Südafrika, Polen, Kroatien, Großbritannien, Italien und Schweden berauscht man sich gern an dem königlichen Gebräu.
Auf heimatlichem Boden dagegen fühlt sich Prinz Luitpold stiefmütterlich behandelt. Seit fast 20 Jahren kämpft er hartnäckig dafür, dass sein Bier auch auf dem Oktoberfest in München ausgeschenkt werden darf. Ebenso lange erteilt ihm die Stadt schon eine Abfuhr.
Der Makel des Prinzen: Seine Schlossbrauerei steht nicht auf Münchner Stadtgebiet, sondern etwa 40 Kilometer westlich in dem Ort Kaltenberg. Laut Paragraf 50 der Betriebsvorschrift für das Oktoberfest darf an Wies'n-Besucher aber "nur Münchner Bier der leistungsfähigen und bewährten Münchner Traditionsbrauereien ausgeschenkt werden".
Die Stadt hält eisern an dieser Vorschrift fest: "Wir wollen den Brauch wahren und die Münchner Brauereien als Imageträger unterstützen", sagt Oberbürgermeister Christian Ude. Ebenso wie die Münchner Festwirte befürchtet Ude, dass eine Lockerung des Monopols großen Brauereien aus dem In- und Ausland die Tür öffnen würde. "Dann gäbe es bald Warsteiner und Bitburger auf der Wies'n", prophezeit der Sprecher des Bayerischen Brauerbundes, Lothar Ebbertz - eine Horrorvision für Einheimische.
Prinz Luitpold pocht dagegen auf eine andere Tradition: Der Spross der Wittelsbacher beruft sich darauf, dass die Welt den alljährlichen bayerischen Nationalrausch seinen Ahnen zu verdanken hat. Die haben das Oktoberfest im Jahre 1810 anlässlich der Vermählung seines Urururgroßvaters, des späteren Königs Ludwig I., mit Therese von Sachsen-Hildburghausen gegründet. Außerdem hat Luitpolds Vorfahr Herzog Wilhelm IV. anno 1516 das Reinheitsgebot für Bier erlassen.
Die Verdienste der Familie seien unbestritten, kontert Gerhard Omeis, Geschäftsführer der Münchner Augustiner-Brauerei, aber: "Kaltenberg war ursprünglich eine rein bürgerliche Brauerei und wurde erst 1954 von der Wittelsbacher Familie aufgekauft."
In Wahrheit geht es weniger um Brauchtum und Tradition als ums Geschäft. Während der zweieinhalb Wochen Oktoberfest flossen im vergangenen Jahr knapp 5,5 Millionen Liter Bier, für die sechs auf der Wies'n vertretenen Brauhäuser macht das einen Umsatz von mehr als 60 Millionen Mark. Um sich daran einen Anteil zu sichern, schreckt Prinz Luitpold auch vor Krawall und Finessen nicht zurück.
1983 gründete er eigens eine Filiale in München, um als Ortsansässiger zu gelten. Die Stadt stellte sich jedoch stur. Auch den Antrag auf eine mobile Brauerei, mittels welcher der Prinz seinen Gerstensaft direkt vor Ort brauen wollte, beschied sie abschlägig.
1987 stürmte er mit geschwenktem Maßkrug und einem Tross von Getreuen nebst Pferdewagen mit Kaltenberger Bierfässern die Festwiese. Das brachte ihm Strafanzeigen wegen Nötigung, Beleidigung und Widerstands gegen die Staatsgewalt ein.
Nun will der Wittelsbacher das herrschertreue bayerische Fußvolk anrufen: Zusammen mit zehn anderen Brauereien aus dem Umland, die es ebenfalls auf das größte Volksfest der Welt zieht, plant Luitpold ein Bürgerbegehren "WWW - Wider den Wucher auf der Wies'n". Nach einer im Auftrag des Prinzen erhobenen Umfrage des Münchner Peinelt-Instituts wünschen sich 61 Prozent der befragten Münchner, dass Bier aus den Umland-Brauereien auf der Wies'n ausgeschenkt werden soll.
Die Rebellen wollen mit dem Versprechen auf Stimmenfang gehen, die Maß Bier für rund zehn Mark anzubieten - bis zu zwei Mark billiger als heuer die Wies'n-Wirte. Die sehen der Attacke gelassen entgegen. "Das ist ein Kampfpreis, den niemand halten kann", rechtfertigt Wirte-Sprecher Willy Heide das Oktoberfest-Niveau.
Die Erfolgschancen des Begehrens stehen ohnehin schlecht: Zwar zweifelt kaum jemand daran, dass der Prinz die 30 000 benötigten Unterschriften zusammenbekommt. "Ich kann mir aber nicht vorstellen, dass das Bürgerbegehren durch den Stadtrat geht", sagt OB Ude. Er hält Luitpolds Aktion ohnehin lediglich für eine "geniale Marketing-Idee", um den eigenen Umsatz zu fördern, wo auch immer.
Der Hochadlige exportiert schon jetzt große Mengen seines Gebräus ins Ausland, derzeit etwa 500 000 Hektoliter jährlich. Etwa dieselbe Menge Kaltenbergischen Biers wird in auswärtigen Lizenzbetrieben hergestellt.
Fernab der Heimat fühlt sich der Bayern-Prinz deshalb auch als König der Biere: "Die meisten wissen eben doch, was gut ist." NICOLE ADOLPH
Von Nicole Adolph

DER SPIEGEL 39/1999
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