27.09.1999

ITALIENAus dem Sack geschlüpft

Giulio Andreotti, Italiens mächtigster Nachkriegspolitiker, Günstling der Päpste, Freund Helmut Kohls, wurde vom Mordvorwurf freigesprochen - die Beweise reichen nicht.
Vier Mafia-Kugeln, Kaliber 7,65, streckten Carmine ("Mino") Pecorelli in der Via Orazio mitten in Rom nieder. Der Journalist, Herausgeber eines kleinen, erfolglosen Enthüllungsblättchens, der schon mal für Geschichten kassierte, damit sie nicht erschienen, wurde von zwei Killern hingerichtet.
Es war am Abend des 20. März 1979. Einer von hunderten, vielleicht tausenden von Mafia-Morden im Italien der siebziger und achtziger Jahre, längst vergessen, wären da nicht Jahre später Cosa-Nostra-Bosse und ihre Gehilfen geschnappt worden, die, um ihre Haut zu retten, über Kumpels plauderten, Sponsoren und Auftraggeber verrieten.
Und als einige von ihnen über den Fall Pecorelli erzählten, blieb den Fahndern die Luft weg: Giulio Andreotti, Italiens mächtigster Nachkriegspolitiker, 21mal Minister, 7mal Regierungschef, ewiger Strippenzieher der Democrazia Cristiana (DC), der Katholiken-Partei mit traditionellem Führungsanspruch in Rom, habe die Mafia gebeten, ihm den lästigen Journalisten vom Hals zu schaffen. Denn der habe ihn erpresst.
Dreieinhalb Jahre lang suchte das Schwurgericht in Perugia nach der Wahrheit. Zwei Richter und sechs Geschworene verbrachten vorige Woche vier Tage in Klausur, eingesperrt in einem verbunkerten Betongebäude, ohne Kontakt nach draußen, von Scharfschützen bewacht, ehe sie sich am Freitagabend auf das Urteil einigten:
Freispruch für den 80-jährigen Andreotti und seinen Gefolgsmann, den ehemaligen christdemokratischen Senator und Ex-Minister Claudio Vitalone, der laut Anklage den Mordauftrag weitergeleitet haben sollte. Freispruch auch für die Mafia-Bosse Pippo Calò und Gaetano Badalamenti, die angeblich das Verbrechen geplant hatten, und ebenso für die als mutmaßliche Killer angeklagten Michelangelo La Barbera und Massimo Carminati. Eine Begründung gab es zunächst nicht.
"Es ist noch niemandem gelungen, mich in den Sack zu stecken", hatte der kleine, bucklige Mann mit den großen Ohren gelegentlich gespottet, wenn politische Gegner oder eifrige Staatsanwälte ihm zusetzten. Nun hat er es erneut demonstriert. Wieder einmal reichten die Beweise nicht. Bei der Urteilsverkündung hielt Andreotti es nicht für nötig, im Gerichtssaal anwesend zu sein.
Dabei hatte sich der Skandaljournalist Pecorelli, das stand schnell fest, seinerzeit tatsächlich an den Allermächtigsten herangewagt. Erst war er auf dubiose Wahlkampfspenden für die DC aus der Industrie gestoßen, dann offenbar auf noch weit brisanteres Material: Aufzeichnungen vom damaligen christdemokratischen Parteipräsidenten und Andreottis größtem Gegenspieler, Aldo Moro.
Moro war im Frühjahr 1978 von den "Roten Brigaden" entführt worden. Nach 55 Tagen wurde er in Rom ermordet aufgefunden. Kurz vor seinem Tod hatte er anklagende Texte verfasst, vor allem - so wird vermutet - über Andreotti. Bis heute blieb ein großer Teil von Moros Hinterlassenschaft unauffindbar. Diesen Blättern war Pecorelli auf der Spur.
Etwa 65 000 Mark hatte Andreottis "rechte Hand", der christdemokratische Abgeordnete Franco Evangelisti, dem Rechercheur schon für sein Schweigen geboten. Auch Andreotti selbst gab ein Zeichen, er übersandte dem Journalisten ein Kopfschmerzmittel. "Aus Solidarität unter Migränekranken", erklärte er später in Perugia vor Gericht.
Der ewig klamme Pecorelli wollte mehr Geld und bekam - wenig später - vier Kugeln.
Der Mordauftrag, so will es der Kronzeuge der Anklage, Ex-Mafioso Tommaso Buscetta, direkt vom Cosa-Nostra-Boss Gaetano Badalamenti erfahren haben, sei von "zio Giulio" gekommen, dem "Onkel Giulio". Nur, die Aussage Buscettas wurde von Badalamenti vehement bestritten: Mit einem kleinen Licht wie Buscetta hätte er, der große Boss, über derartige Geschichten gewiss nicht gesprochen.
Und selbst die Ankläger mochten am Ende ihrer jahrelangen Bemühungen nicht ganz ausschließen, dass die Mafia-Killer zwar im objektiven Interesse Andreottis tätig wurden, aber ohne dessen Auftrag, womöglich gar ohne Kenntnis. Unwahrscheinlich ist das nicht: Für eine kleine Gefälligkeit unter Ehrenmännern braucht es keinen Auftrag.
Das Urteil hat das Ansehen der italienischen Justiz im Lande weiter erschüttert. Mehr als drei Prozessjahre mit 231 Zeugen und 20 Anwälten haben zwar 650 000 Aktenblätter, aber wenig Klarheit gebracht. Schriftsätze und Protokolle türmten sich nach Berechnung der Zeitung "La Repubblica" zu einem Hochhaus mit 25 Stockwerken. Ein vollständiges Exemplar der Dokumente verschlänge 60 000 Mark an Kopierkosten. 33 Stunden dauerte allein die Verlesung der Anklage. Und am Ende weiß man kaum mehr als zuvor.
Als Ergebnis des bürokratischen Monsterverfahrens bleibt vor allem ein finsteres Bild italienischer Politik in den siebziger und achtziger Jahren: Sie stellt sich dar als ein verworrenes Geflecht zwischen der verbotenen Geheimloge P2, die einen Staatsstreich vorbereitete, der sizilianischen Cosa Nostra und der politischen Klasse in Rom, insbesondere der christdemokratischen Regierungspartei DC. Man kannte sich, man half sich. Ob P2-Gründer Licio Gelli oder der Mafia-Geldwäscher Michele Sindona - Andreotti konnte mit allen gut.
Seit langem gerichtsbekannt sind auch Mafia-Kontakte enger christdemokratischer Parteifreunde Andreottis, etwa des Ex-Bürgermeisters von Palermo, Vito Ciancimino, oder des sizilianischen Euro-Parlamentariers Salvo Lima. Der eine ist längst wegen Korruption verurteilt, der andere von der Cosa Nostra beseitigt. Nur Andreotti überstand mehr als 20 Versuche von Parlament und Justiz, ihm etwas nachzuweisen.
Als Opfer von Lügen und Intrigen gibt sich der Freigesprochene aus: "Ich soll als Sündenbock der Democrazia Cristiana für Jahrzehnte politischer Herrschaft bezahlen." Noch darf er sich nicht ganz sicher fühlen, denn in Palermo harrt Andreotti auf das Urteil in einem zweiten Verfahren. Dort plädiert der Staatsanwalt auf 15 Jahre Haft.
Andreottis Seilschaft in der DC - in Sizilien war die Partei traditionell besonders stark - sei "eine Struktur zur Unterstützung der Mafia gewesen", behauptete jedenfalls der Ankläger. Sie habe der Cosa Nostra ermöglicht, Ziele anzusteuern, "die sie mit ihrer eigenen militärischen Organisation nicht hätte verfolgen können". Im Gegenzug habe die Mafia für zufrieden stellende Wahlergebnisse gesorgt, also Stimmen für die DC eingefahren.
Der einstige "Boss der Bosse", Salvatore ("Totò") Riina, soll Italiens Ex-Premier bei einem vertraulichen Treffen im Herbst 1987 sogar auf beide Wangen geküsst haben - ein Ritual der Mafia innerhalb der "Familie".
Andreottis Reputation hat das nie geschadet. Noch Anfang des Jahres tröstete Papst Johannes Paul II. den unter Mordverdacht stehenden treuen Katholiken mit einem Glückwunschtelegramm zum 80. Geburtstag, auf "dass der Schmerz und das Leid, das über Sie gekommen ist, sich als Quelle von etwas Gutem für Sie und für die ganze italienische Gesellschaft erweisen mögen".
Während der Feierlichkeiten zur Seligsprechung des Kapuzinerpaters Pio, am 2. Mai, pickte der römische Pontifex den frommen Andreotti aus der Schar der VIP-Gäste heraus und segnete ihn demonstrativ vor Millionen TV-Zuschauern in aller Welt - zwei Tage nachdem der Staatsanwalt in Perugia "lebenslänglich" gefordert hatte.
Und als Helmut Kohl, die Vaterfigur der europäischen Christdemokraten, im Mai in Rom über die Zukunft Europas referierte, hob auch er aus der versammelten konservativen Elite des Gastlandes nur einen heraus, den "lieben Giulio", seinen "Freund".
Nun dürfen auch andere hoffen, dass die oft spektakulär gestarteten Prozesse gegen die politische Kaste am Ende kläglich scheitern. Die Verfahren gegen den Medienzaren, einstigen Regierungs- und jetzigen Oppositionschef Silvio Berlusconi zum Beispiel verlaufen langsam im Sande.
Die anfängliche Begeisterung im Volk für die Richter und Staatsanwälte - allen voran die Mailänder Anti-Korruptions-Gruppe mit dem Ehrentitel "Mani pulite" (Saubere Hände) - ist der nüchternen Frage gewichen: Was hat es gebracht?
Gewiss, die Fahnder orteten in einem Sumpf von Korruption und Bestechung bedeutende politische Köpfe. Der ehemalige Sozialistenchef Bettino Craxi floh nach Tunesien, die christdemokratische Staatspartei zerplatzte wie ein angestochener Luftballon. Ein Ex-Kommunist regiert heute mit einer buntgescheckten Koalition in Rom. Aber die Unantastbaren von damals konnten sich meistens der persönlichen Verantwortung entziehen.
"Politik ist ein schmutziges Geschäft", resümierte einst Vincenza Enea, die vergangene Woche mit 82 Jahren starb. Sie sollte es wissen: Mehr als 30 Jahre lang war sie Giulio Andreottis Privatsekretärin. HANS-JÜRGEN SCHLAMP
Von Schlamp, Hans-Jürgen

DER SPIEGEL 39/1999
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