27.09.1999

LITERATURSex unter Rüsseltieren

Tilman Spengler über Barbara Gowdys Roman „Der weiße Knochen“
Spengler, 52, Schriftsteller und Journalist, lebt im bayerischen Ambach. Sein jüngster Roman "Die Stirn, die Augen, der Mund" ist soeben im Rowohlt Verlag erschienen. -------------------------------------------------------------------
Es muss endlich einmal gesagt werden, dass überraschend wenige Autoren einen packenden Roman über Elefanten schreiben können.
Ich meine damit nicht einen Roman, in welchem diese Tiere als Objekte zum Draufschießen vorkommen. Davon gibt es mehr, als die Regale halten sollten. Die Rede ist vielmehr von Romanen, die jene Tiere aus ihrer eigenen Sichtweise beschreiben: als Wesen, die vergnügt sind und hungern, kopulieren, sich schämen und träumen. Die, kurzum, vieles so machen wie wir, nur etwas bedächtiger, nachdrücklicher und mit einer den Uneingeweihten anfangs vielleicht befremdlichen Begeisterung für Kot und Urin.
Jetzt liegt so ein Roman vor, er trägt den Titel "Der weiße Knochen", und er erzählt so selbstverständlich und kühl, so unaufgesetzt und leidenschaftlich von Glück und Leid mehrerer Familien, dass die Leserschaft sich bald fragt: Warum nicht öfter Elefanten, oder: muss es denn immer gleich der Mensch sein?*
Die Autorin des Romans, die 1950 in Windsor/Ontario geborene Barbara Gowdy, ist hier zu Lande bekannt - noch lange nicht bekannt genug - geworden durch ihre Romane "Fallende Engel" (1993) und "Mister Sandman" (1995) sowie durch eine Sammlung von Kurzgeschichten "Seltsam wie die Liebe" (1993).
Wer diese Geschichten gelesen hat, weiß, dass sich Barbara Gowdy stets in jenen Randzonen bewegt, in denen nur ein Wimpernschlag das Vertraute von dem Monströsen trennt. In welchen, etwa, die Sehnsucht nach körperlicher Liebe aus der
Sicht eines siamesischen Zwillings, einer
* Barbara Gowdy: "Der weiße Knochen". Aus dem Englischen von Ulrike Becker und Claus Varrelmann. Verlag Antje Kunstmann, München; 304 Seiten; 39,80 Mark.
Nekrophilen oder einer scheuen Vorstadtexhibitionistin beschrieben wird.
Und damit zurück zu den Elefanten. Auf den ersten Blick taugen sie wenig als Identifikationsfiguren, denn moralisch sind uns diese Wesen turmhoch überlegen. Elefanten praktizieren ein weitgehend unangefochtenes Matriarchat, ernähren sich strikt vegetarisch, werden kriegerisch nur, wenn sie bedroht werden, zeigen ein beneidenswert entspanntes Verhältnis zur Sexualität und darüber hinaus noch viele andere löbliche Eigenschaften, von denen unsereiner nur träumen kann.
Hinzu kommt, dass die Menschen (also auch wir, die Leser) diesen Tieren in verwerflicher Habgier nachstellen, aus ihren Füßen Schirmständer fertigen lassen und aus ihren Zähnen geschmacklose Elfenbeinschnitzereien. Und: Die Elefanten können schon geringfügigere Kränkungen nicht vergessen.
Klingt das nicht nach dem Stoff, aus welchem Rührstücke gefertigt werden? Das tut es in der Tat, und man muss wohl schon eine sprachlich und geschmacklich so gefestigte Autorin wie Barbara Gowdy sein, um in einem Roman, der die Welt ganz selbstverständlich aus der Perspektive des Rüssels schildert, all den Fallstricken des Niedlichen, des Larmoyanten und Putzigen, des Drolligen und des Herzzerreißenden souverän ausweichen zu können.
Was uns bei anderen Schriftstellern vielleicht als Vorlage für "Ein Herz für Tiere" begegnet wäre, verwandelt sich unter Gowdys sehr kühler, sehr ironischer Feder in ein Drama des Untergangs, bei dem eine Elefantenherde einen entfernteren, allerdings weitgehend schuldlosen Zweig der Buddenbrooks verkörpern könnte.
So ertappt sich der Rezensent dabei, dass er nach kürzester Zeit überhaupt nicht mehr verwundert ist, wenn die Vertreterinnen der biologischen Ordnung Proboscidea miteinander reden, als seien sie dicke Frauen in den Vorstädten Nordamerikas. Jene Wesen, die, ausgestattet mit einer dem Betrachter unerklärlichen Kraft, dutzendköpfige Familien weitgehend unbeschadet durchs Leben bringen. Es verdutzt den Leser nur einige anfängliche Seiten lang, dass er als Mensch weder ein Privileg auf die Organisation von Macht und Tradition hat, noch sich etwas auf die Kenntnis wirksamer Heilkräfte einbilden sollte. Und wie der Rezensent wird auch das Publikum bald um das Schicksal seiner Elefantenherden und -helden bangen.
Die größte Aufmerksamkeit gilt natürlich der jungen Kuh "Matsch" (die Namen der Beteiligten sind bei der kanadischen Autorin in aller Regel vordergründiger als beim Schöpfer der Buddenbrooks). Matsch, das Tier mit dem lahmen Bein und mit dem grünen Auge aller Visionärinnen, jenes Geschöpf, welches mit seiner (Adoptiv-)Familie durch die Savannen Ostafrikas streift, immer größere Strecken zurücklegen muss, weil Dürre herrscht, weil Zäune gezogen wurden und weil noch niemand den magischen "Weißen Knochen" gefunden hat, dessen spitzes Ende den Weg zum "Sicheren Ort" weist.
Was der sichere Ort bedeutet, soll hier nicht verraten werden, die Spannung sei den Lesern gegönnt.
"Ich halte es für überhaupt nicht schwer, mich in einen Elefanten hineinzudenken", sagte Barbara Gowdy einem Reporter, "mich können die Tiere ja auch verstehen. Man passt sich einander an."
Dennoch wäre mir, müsste ich die physische Erscheinung der Autorin beschreiben, das Bild einer Elefantenkuh - wenn überhaupt - dann erst nach der Lektüre dieses Romans eingefallen. Hätte meine Mutter Fotos von Frau Gowdy gesehen, wären unweigerlich Eigenschaftswörter gefallen wie "feingliedrig", "zart", vielleicht sogar "zerbrechlich". Einschlägige Adjektive mithin, doch aus der Welt des Porzellans und damit direkt gegengängig dem bekannten Bild der Rüsseltiere.
Vielleicht rührt daher die delikate Meisterschaft der Autorin.
* Barbara Gowdy: "Der weiße Knochen". Aus dem Englischen von Ulrike Becker und Claus Varrelmann. Verlag Antje Kunstmann, München; 304 Seiten; 39,80 Mark.
Von Spengler, Tilman

DER SPIEGEL 39/1999
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