27.09.1999

Harlekins Griff nach der Macht

Mit immer neuen Begriffs-Kapriolen unterhält Peter Sloterdijk seit Jahren seine Leser. Nun aber geht der wendige Ästhetik-Professor aufs Ganze: In Spekulationen über „Menschenproduktion“ will er sich als Groß-Denker etablieren.
Unlängst fanden viele es noch witzig, wenn der Metaphernjongleur ihnen überraschende Namen gab. Wer Geistliche zu Versicherungsangestellten erklärt, amüsiert selbst die so Genannten. Auch eine Festversammlung von Industriebossen durfte sich geschmeichelt fühlen, als Peter Sloterdijk ihr das pikante Kompliment machte, sie seien Berufsrevolutionäre - schließlich verlange ihr Gewerbe ja pausenloses Umdenken.
Seit kurzem jedoch erfreuen die vielen bunten Vergleiche des Karlsruher Ästhetik-Professors niemanden mehr. Seinen Protest gegen die Entlassung des Münchner Theaterchefs Dieter Dorn nahm Sloterdijk Ende Februar zum Anlass, die "neue Mitte" als "Unterwerfung der Begabten unter die Mittelmäßigen" anzuprangern - ein ziemlich durchsichtiger Versuch, Personalquerelen für den eigenen Auftritt zu nutzen. Und nun probt der Denker, der sich gern ostentativ bescheiden "Schriftsteller" nennt, den richtig groben Ton: Mit Geiferwörtern jeder Art überzieht Sloterdijk, 52, mittlerweile all jene, die vor seiner raunenden Rede über "Anthropotechnik" warnen.
Wie konnte es so weit kommen? Jahrelang galt der gelernte Literaturwissenschaftler als Harlekin der Philosophenszene. Während ringsum Kritischer Rationalismus, Hermeneutik und andere Denkerclubs unscheinbar ihr Wesen trieben, reiste Sloterdijk 1980 zum Bhagwan nach Poona und kam erleuchtet zurück. Drei Jahre darauf überraschte er mit einer "Kritik der zynischen Vernunft".
Hinter dem großspurig bei Immanuel Kant geborgten Titel verbarg sich, von allerlei "Erheiterungsarbeit" umrahmt, eine Abrechnung mit den angeblich grämlichen Denkern der Gegenwart und ihren Ahnherren: Sloterdijk sortierte die gesamte Ideengeschichte nach fröhlichfrechen "Kynikern" und bösen "Zynikern", Wölfen im Schafspelz der Aufklärung. Nur Kyniker wie Moses, David, Luther oder Eulenspiegel, Intellektuelle, die auch Watschen als Argument nicht scheuten, seien die wirklich treibende Kraft des Geistes gewesen. Spätere "Herrenzyniker" dagegen hätten keine gute, freche Stimmung verbreitet. In ihren "Großtheorien" herrsche ein übler "Zusammenhang zwischen Erkenntnistheorie und Erkennungsdienst".
Die zwei dicken, süffig geschriebenen Bände wurden rasch ein Bestseller und machten Sloterdijk zum Star. Erfinderisch hat er seither das Freund-Feind-Schema variiert und fortgeschrieben. Er bot neue Polaritäten auf wie "Kopernikanische Mobilmachung und ptolemäische Abrüstung", grübelte dem "Eurotaoismus" oder der "Hyperpolitik" nach, schrieb Essays, in denen Wortmonster umherschlottern wie in einer Wundertüte, und zwang so jedes Mal die Feuilletonisten zu rätseln, "was genauer er gemeint hat" ("Süddeutsche Zeitung").
Gern gibt sich Sloterdijk auch heute noch als Ideensurfer, dem nur daran liegt, sich "in die Bewegung des Elements einzulassen", als Anwalt eremitischer "Weltfremdheit" oder gar des "mystischen Weges". Gleich darauf mimt er den Geisteslenker und fordert, "dass das Subjekt einen planetarischen Realismus entwickeln muß". Ob er "Subversionsübungen gegen den Absolutismus der Geschichte" macht, einen "neuen Weltvertrag" anmahnt (ohne ihn überhaupt zu skizzieren) oder, wie in der jetzt erscheinenden Trilogie "Sphären", das Urbild menschlicher Sicherheit und Gefährdung in der platzenden Fruchtblase finden will, stets spielt er ums große Ganze.
Auf dem Weg zur kynischen Machtergreifung ist er auch schon recht weit gekommen. 1992 erhielt er einen Lehrstuhl an der Hochschule für Gestaltung in seiner Vaterstadt Karlsruhe. Nach viel Palaver wurde er Anfang 1993 Leiter eines "Instituts für Kulturphilosophie und Wahrnehmungslehre" an der Wiener Akademie der bildenden Künste. Der Diederichs Verlag gründete eine Buchreihe "Philosophie jetzt!" mit Sloterdijk als Herausgeber. Und neuerdings ist er als Berater des Frankfurter Suhrkamp Verlages tätig.
Inzwischen hat er sein Talent zum nebulosen Ausdruck weiter trainieren können. Vergangenes Jahr, am 9. November, taufte er die Nation zur "Stress-Gemeinschaft" um. Beim Bundesverband deutscher Banken empfahl er gegen den Schock der Globalisierung einen für jeden Menschen eigenen "Immun-Mix" - sprich: gute Versicherungen. Hauptsache, die Hörer sind verblüfft.
Auch seine Elmauer Rede inszenierte Sloterdijk mit der Geheimnistuerei eines Zauberkünstlers. Das humanistische "Phantasma" sei "unwiderruflich abgelaufen", erwiderte Sloterdijk auf Martin Heideggers "Brief über den Humanismus". Heutige Massenmenschen seien keine "Hirten des Seins" (Heidegger) mehr; überhaupt verbreite das Bild vom Hirten dubiose pastorale Harmonie.
Anstatt "bescheiden und zahm" zu bleiben wie die verkümmerten "letzten Menschen", die Nietzsches Zarathustra "Haustiere" nennt, müsse man in Zukunft die Herausforderung der "Menschenproduktion" "aktiv aufgreifen" - erzieherische "Zähmung und Befreundung" reiche nicht aus. So "verschwommen und nicht geheuer" es klinge, man müsse über "Merkmalsplanung" nachdenken. Dann fallen die Stichwörter "Anthropotechnik" und "Züchtung".
Kein Wunder, dass diese Mixtur aus gefährlich Ungefährem etliche Intellektuelle entsetzte. Doch inhaltlich hat Sloterdijk sich bis heute nicht auf die Proteste eingelassen. Viel lieber stilisiert er die Angriffe zum zynischen Kesseltreiben und erklärt mit wenig kynischem Machtanspruch: "Die Kritische Theorie ist gestorben." Konkret: Jürgen Habermas, ihr Nestor, habe als Oberzyniker abgewirtschaftet.
Doch für solche Eil-Abwicklungen eignet sich Habermas, übrigens ebenfalls Suhrkamp-Berater, denkbar schlecht. Weltweit anerkannt als wichtigster lebender Gesellschaftstheoretiker Deutschlands, hat er stets den Dialog der Begriffsarbeiter gesucht. So begrüßte er auch 1983 ein neues Buch, weil es eine "glanzvolle Verbindung zwischen philosophischer Essayistik und Zeitdiagnose" enthalte. Ironie der Geschichte: Das gelobte Werk war Peter Sloterdijks "Kritik der zynischen Vernunft". JOHANNES SALTZWEDEL
Von Johannes Saltzwedel

DER SPIEGEL 39/1999
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