AUKTIONEN
Ausverkauf im Arsenal
Der verschuldete Stuttgarter Ex-Musical-König Rolf Deyhle muss seine wertvolle Kunstsammlung verkaufen - ein Glücksfall für das Auktionshaus Sotheby's.
Das Porträt des angesehenen Dresdner Juristen Fritz Glaser, 1921 in Öl gemalt, geriet schonungslos realistisch: eine ergraute, leicht gekrümmte Gestalt, die hilflos die Hände ballt. Faltige Augenringe, die auf eingefallenen, grauen Wangen liegen, dazu ein hadernder Blick.
Selten zuvor hatte ein Maler einen zerknitterten Seelenzustand so brachial erfasst wie der Radikal-Realist Otto Dix auf dem Bildnis seines verehrten Freundes Glaser. Er lieferte eine gemalte Psycho-Analyse: Gerade deshalb gilt das melancholische Bild als kunsthistorisches Glanzstück.
Eines, nach dem der Kunstmarkt giert und von dem sich der internationale Großversteigerer Sotheby's deshalb ein besonders erfreuliches Geschäft erhofft.
Am Mittwoch will das Auktionshaus das Gemälde in London für mindestens zwei Millionen Mark versteigern. Mit ihm weitere Prunkstücke: Bilder von deutschen Vorzeigeklassikern wie Max Liebermann oder Oskar Schlemmer, Grafiken von Max Beckmann und Käthe Kollwitz.
Die Stücke stammen aus der Kollektion eines illustren Stuttgarter Sammlers: des Ex-Musical-Königs Rolf Deyhle, 61 - zu Erfolgszeiten wegen seiner Öffentlichkeitsscheu ehrfurchtsvoll als schwäbisches "Phantom" ("Wirtschaftswoche") gefeiert.
Doch die Jahre, in denen sich Deyhle als Immobilientycoon und Geldgeber von "Cats" oder "Starlight Express" sein eigenes Wirtschaftswunder bastelte, sind vorbei. Der Unternehmer hat die Milliarden erst um- und dann in den Sand gesetzt. Aus seinem Musicalreich musste er sich bereits im vergangenen Jahr verabschieden.
Das Debakel verursachte mehr Aufmerksamkeit, als dem verschuldeten Deyhle lieb war. Nun pochen die Banken auf den öffentlichen Ausverkauf der Privattrophäen: vor allem des wertvollsten Teils der Kunstkollektion - die Schadenfreude gegenüber dem "Milliardär a. D." ("Süddeutsche Zeitung") ist groß.
Der Herrscher über ein undurchsichtiges Firmenlabyrinth hatte sich aber auch, wenn er sich zu Wort meldete, eitel als gelungene Mischung aus Künstler und Kaufmann bezeichnet; das Gerücht, er lasse auch bei Steuererklärungen Phanta- sie walten, veranlasste auch die Staatsanwaltschaft zu Ermittlungen.
Deyhle verschanzte sich weiterhin ungerührt in seinem Büro, widmete sich wie ein schwäbischer Dagobert Duck der stetigen Geldvermehrung. Privat hortete er ebenso einsam und leidenschaftlich Kunst.
Bereits als Twen hatte Deyhle, damals noch Finanzbeamter, sein Geld in alte Madonnen investiert. Dann machte er sich selbständig, baute Golfplätze und Hotels, produzierte Filme oder Musicals - und belohnte seine Emsigkeit mit angeblich über tausend Gemälden, stapelweise Grafiken, Vitrinen voller Skulpturen.
Dabei bewies der Vermarkter leichter Musical-Kost Sinn für Qualität und gute Gelegenheiten: Das Glaser-Porträt von Dix galt 20 Jahre als Prestigestück der Dresdner Kunstsammlungen. Nach der Wende forderte Glasers Sohn die Leihgabe zurück - Deyhle war alsbald mit einem überzeugenden Angebot zur Stelle.
Als der Kunsthistoriker Heinz Spielmann, lange Jahre Direktor des Schleswig-Holsteinischen Landesmuseums, Deyhle 1990 besuchte, geriet er angesichts der Renoirs und Slevogts in Verzückung. Mit dem "Arsenal", lobte er, könne kein Museum in Baden-Württemberg mithalten.
Spielmann organisierte sogar Ausstellungen, und Deyhle genoss solche Anerkennung: Prompt protzte er mit dem Wert der Kollektion, angeblich 450 Millionen Mark, und erträumte für seine Schätze einen "schwäbischen Louvre" im Stuttgarter Neuen Schloss - aus war der Traum, als sich Deyhle mit Immobiliengeschäften übernahm und einen "Trümmerhaufen" ("Börsenzeitung") hinterließ.
Im Rahmen seiner Herbstveranstaltung "Deutsche und österreichische Kunst" versteigert Sotheby's am Mittwoch mit 119 Werken zwar nur einen Bruchteil der Deyhle-Sammlung, im November darf aber in München um weitere 130 Kunst-Stücke gefeilscht werden. Mindestens 15 Millionen Mark sollen beide Auktionen bringen.
Kleiner Trost für den klammen Deyhle: Zu einem besseren Zeitpunkt hätte die Zwangsverramschung kaum stattfinden können. Denn derzeit boomt der Markt für deutsche Kunst - gerade aus dem ersten Jahrhundertdrittel, die der kunstsinnige Pleitier frühzeitig favorisiert hatte.
An dessen Gesamtbestand war Sotheby's seltsamerweise nicht interessiert. Und so muss er den Rest der Kollektion eigenhändig unter die Kunsthändler bringen.
Deyhles Pech war, dass er einige Maler allzu konsequent sammelte. Allein vom Realisten Karl Hofer stehen sechs Bilder zum Verkauf. Doch so bedeutend jedes Werk für sich sein mag, sorgt sich eine Sprecherin von Sotheby's: "Die plötzliche Überpräsenz eines Künstlers auf dem Markt kann die Preise auch verderben."
Es sei, ließ Deyhle zu der ganzen Misere wissen, sein Herzblut, das da unter den Hammer komme. Doch wolle er seine Schulden begleichen. Ansonsten hat das Ex-Phantom beschlossen, künftig wieder zu schweigen. ULRIKE KNÖFEL
DER SPIEGEL 40/1999
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