30.12.2016

AufklärungDIE GROSSE EROSION

Der 70. Geburtstag des SPIEGEL fällt in eine kritische Zeit. Weltweit mischen Populisten die Politik auf, Wutbürger randalieren gegen die Eliten, im Internet blühen die asozialen Medien. Kann es sein, dass eine Revolution bevorsteht? Von Ullrich Fichtner
I.Wenn sich im neuen Jahr fortsetzt, was 2016 begonnen hat, wird sich das Gefühl verfestigen, dass gerade kein Stein mehr auf dem anderen bleibt: Dann wählt auch noch Frankreich Marine Le Pen vom Front National zur Präsidentin, schließt seine Grenzen und verlässt die Europäische Union. Dann wird der wegen Diskriminierung von Marokkanern verklagte Rechtspopulist Geert Wilders niederländischer Regierungschef und lässt Internierungslager für Muslime bauen. Dann wird in Deutschland, warum denn nicht?, der Milliardär Carsten Maschmeyer Bundeskanzler, und zwar nach einem vom russischen Geheimdienst manipulierten Wahlkampf, der sich darum gedreht haben wird, ob Angela Merkel wirklich Deutsche ist und ob eine Mauer entlang der Grenzen zu Polen und Tschechien zumindest das sächsische Abendland vor Terror, Überfremdung, Islamisierung bewahren könnte.
Zu abwegig? Zu spöttisch? Nun, vielleicht auch: immer noch viel zu fantasielos. Es gibt in Deutschland heute Menschen – und es heißt, ihre Zahl nehme zu –, die glauben, dass die Regierung und/oder andere Mächte allerlei Geheimpläne verfolgten, darunter vor allem jenen, die angestammte Bevölkerung durch ausländische Zuzügler zu ersetzen. Zudem glauben viele Mitbürger, dass die Medien, die öffentlich-rechtlichen sowieso, grundsätzlich ihre Berichte und Kommentare auf Anordnung von irgendwo "ganz oben" produzierten. Dass sie zum Beispiel über Flüchtlinge und sonstige Fremde nur Positives berichten dürften, also Negatives wo irgend möglich zu unterdrücken hätten, dass sie sich somit als "Lügenpresse" in den Dienst einer empörenden, vorsätzlichen Wirklichkeitsverfälschung stellten.
Es lohnt sich, das noch einmal anders zu formulieren, um es wirklich zu begreifen: Behauptet wird, dass die Süddeutsche Zeitung, die Frankfurter Allgemeine, die taz, die Stuttgarter Nachrichten, der Bonner General-Anzeiger, die Frankfurter Rundschau, die Märkische Oderzeitung, die Nürnberger Nachrichten, die Frankenpost, der Schwarzwälder Bote, die Neue Osnabrücker, die Badische und die Sächsische Zeitung, der Weser-Kurier und das Hamburger Abendblatt, der Tagesspiegel, die Magdeburger Volksstimme, die Westdeutsche und die Hannoversche Allgemeine, die Bild, die Welt, die Zeit, der Stern und der SPIEGEL, dazu die Deutsche Presse-Agentur, Bild.de und SPIEGEL ONLINE, t-online.de, die Huffington Post, Klassik Radio, Antenne Thüringen und die Radios Brocken, Charivari und Regenbogen – behauptet wird, dass sie und alle anderen Redaktionen Teil einer Verschwörung zur Abschaffung des deutschen Volkes sind. Noch Fragen?
Ja, da sind gerade sehr, sehr viele Fragen offen, denn wir leben in Zeiten einer großen allgemeinen Verunsicherung, eines Unbehagens, das sich keineswegs nur im Misstrauen gegen die Medien entlädt. Alles, was irgendwie nach "Elite" riecht oder Autorität behauptet, bekommt es gerade mit rebellischer Gegenwehr zu tun. Parteien, Politiker und Verbände haben, soweit sich derlei in Umfragen messen lässt, noch weit erschütterndere Zustimmungswerte als Zeitungen und Journalisten. Es gibt heute viele Bürger, die etwa auch der Justiz grundsätzlich misstrauen, den Gewerkschaften, den Kirchen, den Unternehmern, ja, man wird sagen müssen: Es gibt einen wolkigen, unspezifischen, aber nennenswerten Argwohn gegen "das System" an und für sich.
Was geht da vor? Was kann man darüber wissen? Welche Behauptungen lassen sich begründen, welche sind falsch? Wie schlimm ist es? Wer steckt dahinter? Steckt jemand dahinter? Wer profitiert? Wer verliert? Gibt es Widersprüche? Was sind die Belege? So fragen Journalisten. Das Fundament ihrer Arbeit ist die vernünftige Skepsis, und sie macht nicht vor der eigenen Wahrnehmung halt. Der Journalist fragt ständig: Sehe ich das ganze Bild – oder nur einen Ausschnitt? Höre ich die ganze Wahrheit – oder höchstens die halbe? Welche Interessen haben meine Gesprächspartner? Welche Interessen habe ich selbst? Ist die Geschichte interessant? Ist sie relevant? Stimmt sie wirklich?
Der SPIEGEL stellt sich solche Fragen seit 70 Jahren. Am kommenden Mittwoch, dem 4. Januar, ist es auf den Tag genau sieben Jahrzehnte her, dass das Magazin erstmals erschien, und vor gut 50 Jahren begann, nach Auffassung des Kollegen Heribert Prantl von der "Süddeutschen Zeitung", "mit der SPIEGEL-Affäre die aufgeklärte Demokratie in Deutschland; die Presse wurde vierte Gewalt", wurde der gesellschaftliche Wächter der drei klassischen Gewalten Regierung, Parlament und Justiz.
Damals ging der legendäre Gründer des SPIEGEL, Rudolf Augstein, für die Freiheit ins Gefängnis, und schon damals spielten interessierte Kreise das Lied von der Lügenpresse, wenn auch noch mit anderem Text. Aber damals, das war tiefes, fernes 20. Jahrhundert. Im Fernsehen prasselten noch nationale Lagerfeuer, und es gab eine wenig zersplitterte Öffentlichkeit, die sich an einer allgemein akzeptierten Tagesordnung abarbeitete. Das war, unter dem Strich, gar nicht so schlecht. Aber es ist vorbei, für immer.

II. Wer darüber nachdenkt, warum Hass und Unbehagen in unserer Gesellschaft gerade so sichtbar und in Form der AfD sogar politikfähig werden, darf den Vorwurf nicht aussparen, ein pflichtvergessener Politik- und Medienbetrieb habe die "berechtigten Sorgen der Bürger" allzu lange ignoriert und bekomme nun die Quittung.
Abgesehen davon, dass Politik und Medien nicht im selben Betrieb arbeiten, sondern voneinander getrennte Sphären sind und bleiben werden, ist dieser Vorwurf im Einzelfall durchaus nachvollziehbar: Es gibt in der Politik die Neigung, auf konkrete, alltägliche Probleme mit moralischen oder sonst wie großspurigen Allgemeinplätzen zu antworten. Und in den Medien fehlt hier und da die Frische, um neue Problemlagen, die sich vielleicht erst verstreut und im Kleinen zeigen, sogleich zu erkennen und aufzugreifen. Das ärgert die Bürger. Es ärgert die Leser und die Zuschauer, und zwar zu Recht.
Wer gerade, sagen wir, eine verstörte Tochter vor sich sitzen hat, die im Freibad, im Kino oder im Bus schon wieder von den nordafrikanischen Jungs aus dem Heim angemacht worden ist, der braucht keine Belehrungen darüber, dass man nicht alle Fremden über einen Kamm scheren dürfe, weil er das bestenfalls längst weiß, aber vor allem weil das gerade gar nicht sein Problem ist. Wer sich darüber beklagt, dass das Volleyballtraining nun schon seit vier Monaten ausfällt, weil die Halle für Flüchtlinge genutzt und Ersatz nicht zu finden ist, ist nicht zwangsläufig ein Rassist, sondern zunächst nur ein Mensch, der sich darüber ärgert, dass er nicht Volleyball spielen kann. Eltern, denen unbehaglich zumute wird, wenn in der Schulklasse zur Hälfte Migrantenkinder sitzen, die kein Deutsch können, wollen von der Politik nicht mit Sonntagsreden auf die allgemeine Menschlichkeit beschallt werden, sondern sie wollen praktische Vorschläge zur Lösung des Problems. Und wer sich fragt, ob genug getan wird, um weitere Terroranschläge zu verhindern, muss nicht als Scharfmacher verdächtigt werden.
Diese Liste ließe sich fortsetzen, auch mit Beispielen, die über das Erleben im Alltag zwar weit hinausgehen, unser Lebensgefühl aber trotzdem entscheidend mitprägen. Wer sich zum Beispiel Sorgen über die Kosten diverser europäischer Rettungsprogramme macht, will sich nicht abspeisen lassen mit Sprüchen darüber, dass Europa seit dem Krieg der Garant des Weltfriedens sei. Wer sich darüber empört, dass Banken und Börsen mit staatlichen Milliarden am Laufen gehalten werden, steht nicht automatisch im Lager der Populisten. Und wer Monat für Monat jeden Cent zweimal umdrehen muss, um über die Runden zu kommen, auf den mag so manches Berliner Statement über den alternativlosen Sparkurs der Bundesregierung samt "schwarzer Null" regelrecht höhnisch wirken.
Den Medien wird vorgeworfen, solche Gefühle, die zugehörigen Probleme und den berechtigten Ärger über die ganze pauschale Wir-schaffen-das-Politik nicht ausreichend abzubilden, und es fällt keinem Redakteur in Deutschland ein Zacken aus der Krone, die Berechtigung solcher Vorwürfe einzugestehen. Es soll ja vorkommen, wie jeder journalistische Profi weiß, dass es sich nicht nur die Politik, sondern manchmal auch eine Redaktion im publizistischen Tagesgeschäft ein bisschen zu leicht macht, dass Leitartikel zu schnell hingeschrieben werden, Alltagsprobleme manchmal nicht energisch genug recherchiert und lokale Kleinigkeiten pauschal als unwesentlich abgetan werden.
Das ist so, es ist aber nur die eine Seite, und die andere geht so: In die – berechtigte – Klage darüber, dass "berechtigte Sorgen" liegen bleiben, mischt sich in Zeiten des AfD-Aufstiegs und aufgrund der im Netz zu bemängelnden ideologischen Enthemmung, was man die "völlig unberechtigten Sorgen" der Bürger nennen könnte. Wer etwa glaubt, es gebe einen muslimischen Geheimplan, Deutschland umzukrempeln, hat die Grenze zwischen berechtigter Sorge und unbegründeter Angst weit überschritten und muss deshalb, auch vonseiten der Medien, mit scharfem Widerspruch rechnen. Wer meint, obwohl dies seit Jahrzehnten jede seriöse Statistik widerlegt, dass Ausländer irgendwie doch krimineller seien als Deutsche oder dass sie den Einheimischen "die Arbeitsplätze wegnehmen", der folgt Parolen ohne Wahrheitsgehalt und hat als Bürger und Wähler die Pflicht, sich besser zu informieren. Wer den verblasenen Sprüchen folgt, wie jetzt wieder nach dem Weihnachtsmarktattentat von Berlin, die Terroropfer seien "Merkels Tote", der macht es sich empörend einfach mit der komplexen Welt, die uns umgibt. Und wer schließlich glaubt, der SPIEGEL unterdrücke Artikel und tue dies womöglich auf Geheiß "von oben", weiß über die Arbeit des SPIEGEL und anderer Medien wirklich nichts, und er verkennt völlig die Grenzen und Möglichkeiten von Regierungsmacht im liberalen Rechtsstaat Deutschland.
Es gehört zum Grundauftrag einer freien Presse, Missstände zu thematisieren und durch Kritik die Verbesserung der Lebensverhältnisse zu befördern – die Wut von Mächtigen, die sich getroffen fühlen, gehört dazu. Und wo die Mächtigen diesen Auftrag gefährden, wo Regierungen gegen Berichterstatter vorgehen wie in Russland, Ägypten oder China (siehe Kästen), geschieht das nicht nur zum Schaden der Medien, sondern zum Schaden der Bürgerrechte im Land.
Es gehört zu den wichtigsten Aufgaben, unaufgeklärtes Denken auszustellen und zu bekämpfen. Journalismus ist immer auch ein Geschäft der ideologischen Mülltrennung, und hier genau sitzt der – unauflösbare – Konflikt zwischen den seriösen Medien und jenen, die diese Medien als Lügenpresse verunglimpfen. Es geht dabei nicht um einen Streit über die Wahrheit, es geht um etwas völlig anderes: Tatsächlich sollen Redaktionen durch populistischen Druck und Drohgebärden dazu gezwungen werden, den ideologisch aufgeladenen Themen von Rassisten, rechten Ideologen, Pegida-Rednern, intellektuellen Neurechten und sonstigen Verschwörungstheoretikern Raum zu geben. Und man will jene Bürger, die zwischen berechtigten und unberechtigten Sorgen schwanken, auf die falsche Seite ziehen.

III. Der moderne Mensch ist gezwungen, mit vielen Widersprüchen zu leben, und es herrscht das Gefühl vor, die Paradoxien würden immer zahlreicher. So ist die heutige Medienvielfalt dank Internet zwar ungleich größer und die Freiheit der Meinungsäußerung praktisch grenzenlos, es steht aber noch keineswegs fest, ob die Demokratie und unser aller Leben dadurch bereichert werden. In diesen Zeiten wirkt es manchmal so, als redeten zwar alle mit, aber auch ständig aneinander vorbei. Die brutale Konkurrenz auf den digitalen Kanälen macht es zudem wahrscheinlich, dass das Laute und Grelle und bereits Berühmte leichter wahrgenommen werden als das Leise und Kluge und Abseitige. Es ist eine Spirale der Skandalisierung in Gang gekommen, die vielen Mediennutzern heute schlechte Laune macht bis hin zum Verdruss.
Aus jedem Sturm im Wasserglas wird ständig ein globaler Shitstorm, egal ob hier mal ein BH verrutscht, da ein Berühmter stolpert oder sich dort ein Minister verhaspelt. Alles rauscht ungeklärt durchs digitale Kanalsystem neben onanierenden Affen, lustigen Katzen, Bildern von blutverschmierten Kindern aus Aleppo und schicken Himbeertörtchen aus Paris. Heftig und hässlich wird auch Privates unter Privatleuten öffentlich ausgefochten, sodass sich aufs Ganze gesehen manchmal das mulmige Gefühl einstellt, die Digitalisierung unseres Alltags könnte auf Dauer genauso viel Fluch wie Segen bringen. Auf jeden Fall reift die Erkenntnis, dass die sogenannten sozialen Medien auch allem Asozialen eine nie gekannte Bühne bereitet haben.
Der Tübinger Medienwissenschaftler Bernhard Pörksen sieht uns am Beginn eines Zeitalters der "Empörungsdemokratie" angelangt. An die Stelle des "Gatekeeping" durch Journalisten, die Informationen beschaffen, bewerten, auswählen und veröffentlichen, trete ein "permanentes, oft sorglos betriebenes 'Gateblowing'", eine mediengetriebene Welt, in der jeder und jede mit einem Videofilmchen, einem Promi-Schnappschuss, einer SMS oder einem Tweet zum Nachrichten- und Skandalproduzenten werden könne. Das kann der Demokratie dienlich sein, wenn inhaltlich brisante Mitschnitte von Politikerauftritten oder Schüsse von Polizisten auf Bürger öffentlich werden. Es kann belanglos sein, wenn nur irgendein neuer "Erregungsvorschlag" gemacht wird, wie Bernhard Pörksen das nennt. Und es kann äußerst schädlich sein, wenn ahnungslose Leute glauben, sie müssten oder sollten Bilder von Unfallopfern veröffentlichen, die gerade irgendwo in einem Straßengraben verbluten.
Sagen wir es so: Es wird gerade klar, dass das Heilsversprechen, mit dem die Pioniere des Internets einst antraten, nicht gehalten werden kann. Es wird, im Gegenteil, deutlich, dass das Web nicht ins demokratische Bürgerparadies überall auf Erden führt, in dem sich alle Menschen gleichberechtigt am herrschaftsfreien Diskurs beteiligen können.
Nein, es zieht nur wieder eine neue imperfekte, ungeordnete Welt herauf, in der alle alten Konflikte fortbestehen, auch wenn sie nun mit neuen Mitteln ausgetragen werden. Und dabei stellt sich heraus, dass etwa in China, in Russland, aktuell in der Türkei und in vielen anderen Ländern das Internet die schlimmsten Albträume von totaler diktatorischer Überwachung, Verfolgung und Durchleuchtung überhaupt erst möglich macht.
In den demokratischen kapitalistischen Gesellschaften wiederholt sich währenddessen die alte Geschichte von Industriemonopolen, die ihre demokratiegefährdenden Nebenwirkungen entfalten.
Die Giganten aus dem Silicon Valley predigen zwar stets Offenheit und Transparenz, pflegen selbst aber eine Geheimniskrämerei, die einen eher an die CIA-Zentrale in Langley denken lässt. Angesichts der Bedeutung, die Google, YouTube, Facebook, Twitter und Apple mittlerweile für unser Leben haben, grenzt es an Wahnsinn, dass wir über diese Firmen außer schicken Werbeoberflächen so gut wie nichts wissen.
Wie sucht die Google-Suchmaschine, wie findet sie, und nach welchen Kriterien sortiert sie die Ergebnisse? Wer sieht welche Facebook-Posts? Wie entsteht ein Twitter-Trend? Welchen Kriterien folgt der Mitteilungsstrom auf den Apple-iPhones? Die ehrliche Antwort auf diese Fragen lautet: Außer den Entwicklern und Anbietern selbst weiß das niemand. Der Gesetzgeber hat davon keine Ahnung, und die Medien werden kaum je vorgelassen und wissen deshalb nie, wie viel sie eigentlich wissen – und wie viel nicht.
Es kommt jetzt, von Europa aus, Bewegung in die Sache. Die Politik scheint aufgewacht zu sein und will die Konzerne verpflichten, mehr Verantwortung für die täglich milliardenfach versendeten Posts, die Fotos und Filmchen und Sprüche zu übernehmen. Das wäre – für die Digitalwelt – ein Schock, der aus der wunderbaren Sphäre der Anarchie wenigstens einen kleinen Schritt zurück in die alte Ordnung brächte, in der der Journalismus groß wurde. Es gibt Vorschläge, ein Gütesiegel für geprüfte Informationen einzuführen, was sicherlich ein wenig hilflos nach Biofleisch und Regionalmilch klingt, es könnte aber unerfahrenen Mediennutzern, Jugendlichen, Kindern trotzdem eine Hilfe sein. Es gibt einen aufregenden Vorstoß der "Washington Post", die kurz vor Weihnachten ein Projekt zur laufenden Überprüfung und Kommentierung von Twitter-Tweets startete. Und schließlich hat auch Facebook auf Druck der Politik ankündigen müssen, Hass-Posts, Fake News und dergleichen künftig irgendwie aussieben zu wollen. Also: Da tut sich etwas.
Der Trend in die richtige Richtung findet sich auch in einer Idee wieder, die Medienwissenschaftler Pörksen propagiert. Wenn nun schon, argumentiert er, durch Web und soziale Netzwerke alle früheren Empfänger von Nachrichten selbst zu Sendern werden können, dann müssten die Ideale des Journalismus "zu einem Element der Allgemeinbildung werden". Pörksen weiter, in einem Beitrag für die "Zeit": "Der klassische Journalismus verknüpft den Akt der Publikation mit der Prüfung von Faktizität und Relevanz. Er liefert ein Wertegerüst für das öffentliche Sprechen." Der Journalismus habe Rechercheroutinen und Formen des Fact-Checkings und der Quellenprüfung entwickelt, um sich selbst "aus dem Gehäuse eigener Annahmen und Vorurteile herauskatapultieren" zu können. Klingt schmeichelhaft und stimmt sogar: Beim SPIEGEL ist heute die Abteilung der Dokumentarinnen und Dokumentare, die vor Veröffentlichung jede Tatsachenbehauptung auf ihren Wahrheitsgehalt hin überprüfen, eine der größten im Haus.
Wäre das also ein Weg? Ein Schulfach "Publizistik"? Oder der verbindliche Lehrstoff "Internetverhalten"? Oder Benimmkurse Marke "Netiquette"? Ein solcher neuer Bildungsauftrag kommt einem fast zwingend vor. Und man könnte dann auch gleich auf ein paar weitere Probleme hinweisen: darauf, wie Apple und die Netzkonzerne am Beginn des 21. Jahrhunderts die ökonomischen Probleme klassischer Medien aus lauter Geldgier noch weiter verschärften.
Weiß das eigentlich jeder? Dass der SPIEGEL oder die "New York Times" das Geld für jede über den iTunes-Store verkaufte iPad-Ausgabe mit dem Apple-Konzern teilen muss? Und dass Apple da richtig zulangt? Weiß jeder, dass weiterhin das Gros aller Nachrichten von Belang von den klassischen Medien produziert wird, ohne dass irgendeine parasitäre Internetplattform dafür auch nur einen Cent bezahlte? Dass das Internet mitsamt seinen Millionen schicken Start-ups die ökonomischen Grundlagen des Journalismus zwar nach Kräften zerstört – seine gesellschaftlichen Aufgaben und redaktionellen Leistungen im Gegenzug aber nicht oder nicht ausreichend übernimmt?

IV. Wer das Geschrei der Empörungsdemokraten einmal ausblendet und in Ruhe nachsieht, wie es um Journalismus und Öffentlichkeit in Deutschland steht, lässt die Schwarz-Weiß-Malerei schnell hinter sich. Es gibt eine Reihe einschlägiger Statistiken, die von der seriösen Medienwissenschaft zurate gezogen werden, aus denen hervorgeht, dass sich das Vertrauen in die Medien im Großen und Ganzen über die Jahre nicht wesentlich verändert hat und auf relativ hohem Niveau liegt, vergleichsweise.
Dabei hängt es von der Fragestellung ab, wie düster sich die Lage anfühlt. Welcher vernünftige Mensch würde zum Beispiel mit einem kernigen Ja die Frage beantworten, ob er volles Vertrauen zu "den Medien" habe? Man wüsste doch zumindest gern, welche da gemeint sind, und so bringen derart allgemeine Umfragen häufig Ergebnisse, die schlechter aussehen, als die Lage wirklich ist.
Einen besseren Ansatz verfolgt der "Reuters Digital News Report". Er fragt weltweit Leute, ob sie in ihrem Alltag "den meisten Nachrichten die meiste Zeit vertrauen" – eine Frage, die auch auf allgemeine Zufriedenheit oder Unbehagen zielt. In Deutschland bejahten 2016 52 Prozent die Frage, das bedeutet unter 26 betrachteten Ländern den siebten Platz. Die Finnen vertrauen ihren Nachrichten zu 65 Prozent, das ist Platz eins. Weit hinten erst kommen die USA, Frankreich, Ungarn und andere, wo nur jeweils um die 30 Prozent der Befragten ihr grundsätzliches Vertrauen in die Nachrichten bekundeten.
Alle diese Zahlen sind relativ, aber sie helfen doch beim Nachdenken. Die vielleicht aussagekräftigsten Daten erhebt die Leipziger "Mitte"-Studie, die sich jedes Jahr ausführlich mit den Einstellungen der Deutschen beschäftigt. Der Münchner Kommunikationswissenschaftler Carsten Reinemann hat sie jüngst an der Universität Hamburg ausführlich zitiert, in Hamburg läuft seit Herbst eine Ringvorlesung mit dem schönen Titel "Lügenpresse – Medienkritik als politischer Breitensport".
Eine der Tabellen zeigt zum Beispiel dies: In Deutschland sagen 65,5 Prozent der Leute, dass sie Vertrauen zur Polizei hätten, das ist Platz eins. 63,5 Prozent vertrauen dem Verfassungsgericht, 54 Prozent haben Vertrauen in die Justiz und 52,3 Prozent in den öffentlich-rechtlichen Rundfunk, das sind die ersten vier Plätze. Man versteht also die Lage besser, wenn man dazu Carsten Reinemanns rhetorische Frage hört, ob in Deutschland – angesichts des geringen Vertrauensvorsprungs der Justiz vor den Medien – denn irgendwer von einer Justizkrise sprechen würde? Man möchte anfügen: oder gar von einer Lügenjustiz?
Die Fernsehberichterstattung und die Tages- und Wochenzeitungen folgen in dieser Liste auf den Rängen fünf und sechs, und danach geht es immer steiler abwärts, vom Bundestag zur Bundesregierung, zu den sozialen Medien, zum privaten Rundfunk, zu den Kirchen – und schließlich, ganz unten, zu den politischen Parteien, denen gerade noch 23,1 Prozent der Deutschen Vertrauen entgegenbringen, während 47,7 Prozent sagen – ein dramatischer Spitzenwert – sie hätten in die Parteien "kein Vertrauen".
Kommunikationsforscher Reinemann leitet daraus einerseits ab, dass das Misstrauen den Medien gegenüber, und zumal den "klassischen", nicht so groß ist wie es einem so mancher Sprechchor auf diversen Dresdner Demos suggerieren möchte. Zugleich sieht er aber eine beunruhigende Entwicklung in Gang gekommen: Eine nennenswerte gesellschaftliche Minderheit gleite gerade von einer Haltung der vernünftigen Medienskepsis hinein ins Reich des irrationalen Misstrauens. "Wenn in einem Land 14 Prozent der Leute sagen, die Presse lügt, dann ist das viel", sagt Reinemann. Er glaubt allerdings auch, dass der Medienverdruss selbst nur wieder Symptom einer noch größeren Krankheit sei, die letztlich auf eine systemische Krise hinauslaufe.
"Menschen, die Fundamentalkritik an den Medien üben", sagt Reinemann, "tun dies offenbar, weil sie politisch unzufrieden sind. Sie finden ihre Meinung nicht in den Medien repräsentiert und empfinden die Medien deshalb als Stütze der etablierten Kräfte." Und wenn ebendiese etablierten Kräfte so tief in der Grütze sitzen, wie sie das gerade tun, dann ziehen sie die Medien und allerlei andere Instanzen zu sich herab.
Diesen Zusammenhang verkennt die Politik, Bundesaußenminister Frank-Walter Steinmeier verkannte ihn, als er in einem Gastbeitrag für die "Frankfurter Allgemeine" einmal relativ gönnerhaft mahnende und tröstende Worte an die Medien austeilte. Medien seien die Grundlage einer stabilen Demokratie, schrieb Steinmeier, und so weiter, aber sie seien eben in der Krise, inhaltlich und ökonomisch, und wenn sich die Bundesregierung ein so schlechtes Krisenmanagement leistete wie die Medienbranche, dann könne sie sich, so Steinmeier, in Schlagzeilen und Kommentaren "auf einiges gefasst machen".
Der Minister zählte dann Gründe auf, warum der Journalismus in der Krise stecke, und sie waren alle falsch. Dass die Politik im Allgemeinen und Besonderen auch etwas mit einer Krise der Medien zu tun haben könnte, diesen Gedanken streifte Steinmeier nicht einmal, vielleicht kommt er als Bundespräsident noch einmal auf das Thema zurück.
Er könnte dann nämlich darüber reden, wie vor allem die Politik das Internet verschlafen hat und wie sie seit Jahren, wenn nicht seit Jahrzehnten, nicht das Geringste dafür getan hat, den hier beschriebenen Wildwuchs einzudämmen.
Nichts hat die Bundesregierung unternommen, um die demokratiegefährdende Macht der Digitalkonzerne zu zähmen, nichts haben SPD, CDU und die anderen zustande gebracht, um die ständigen Rechtsverletzungen im Netz, den Hass, die illegalen Angriffe, die Schmähungen und Volksverhetzungen, die Sexismen und rassistischen Ausfälle aller Art zu unterbinden. Die Parteien haben, von ein paar irrlichternden Exoten Marke "Piraten" abgesehen, die größte gesellschaftliche Baustelle unserer Zeit einfach weiträumig umfahren. Ob es jetzt reicht, ab und an Justizminister Heiko Maas dort vorbeizuschicken, ist zumindest fraglich.

V. Jeder Mensch muss ständig seinen eigenen Ort in der Welt bestimmen, sein Verhältnis zu den Dingen, seinen Abstand zu Ereignissen, jeder stellt sich auf seine Weise, aktiv interessiert oder passiv konsumierend, zu den Fragen der Zeit. Jeder muss dafür die ihn umgebende immense Komplexität reduzieren, irgendwie handhabbar machen, Schneisen schlagen oder Geländer finden, an denen entlang es weitergeht. Das kann über Theorien geschehen, die die Wissenschaft vorschlägt, es kann aus Lebenserfahrung kommen, aus versichernden Traditionen, aus familiärer Liebe, oder der Glaube an einen Gott kann helfen. Schwierig wird es, wenn nichts davon richtig funktioniert. Wenn man verloren geht in der Unübersichtlichkeit, wenn sich Unbehagen breitmacht bis an den Rand des Ekels. Alles gerät dann ins Rutschen.
An dieser Schwelle stehen in den modernen, digital beschleunigten Gesellschaften heute so viele Menschen, dass es nicht übertrieben scheint, von einer Systemkrise zu reden. Der Weltmeister der Vereinfachung, Donald Trump, ist ihr bislang spektakulärster Profiteur, ein Mann, der zwischen Wahrheit und Lüge nicht mehr unterscheiden kann und will und der Behauptungen, Beschimpfungen, Legenden, Lügen, Gerüchte, berechtigte und unberechtigte Sorgen, falsche Hoffnungen und aus der Luft gegriffene Versprechen ganz oben in einen Trichter schüttet, und unten kommt dann auf wunderbare Weise die Formel heraus: Make America Great Again.
Die wesentliche Zutat in Trumps Erfolgsrezept, und dieses Problem ist längst auch in Europa und in Deutschland zu Hause, ist eine grassierende Verschwörungsmentalität. Die bereits zitierte Leipziger "Mitte"-Studie über die Einstellungen und politischen Ausrichtungen der Deutschen fördert da Erschütterndes zutage. Die Zahlen für 2016 weisen zum Beispiel aus, dass 38,6 Prozent der Deutschen dem Satz zustimmen: "Es gibt geheime Organisationen, die großen Einfluss auf politische Entscheidungen haben." 34 Prozent stimmen der Aussage zu, dass die meisten Menschen nicht erkennen würden, "in welchem Ausmaß unser Leben durch Verschwörungen bestimmt wird, die im Geheimen ausgeheckt werden". 28 Prozent stimmen teilweise, 34,8 Prozent stimmen voll zu, wenn es heißt: "Politiker und andere Führungspersönlichkeiten sind nur Marionetten der dahinterstehenden Mächte."
Man kann das dreimal lesen und immer noch nicht glauben. Aber diese Zahlen sind solide und in den Zirkeln der Wissenschaft als seriös anerkannt. Der niederländische Sozialforscher Stef Aupers leitet aus ihnen und aus vielen anderen Daten und Beobachtungen den Beginn einer neuen, ungemütlichen Epoche ab. In einem Aufsatz vom Beginn des Jahres 2016 erzählt er die Geschichte vom Ausbruch der Schweinegrippe 2009 und wie Verschwörungstheoretiker ihre Funken daraus schlugen.
Es kursierten damals zum Beispiel Geschichten, der Erreger wäre von der US-Regierung willentlich in Umlauf gebracht worden, um die Weltbevölkerung zu reduzieren. Oder es wurde geraunt, dass die zugehörigen Impfstoffe unsichtbare "Nano-Chips" enthielten, eigens dafür entwickelt, die behandelten Bürger fortan gewissermaßen fernzusteuern.
Man meinte die längste Zeit, das alles zu kennen und abtun zu können, die inszenierte Mondlandung, die Thesen über die Ermordung John F. Kennedys, die Verschwörung hinter dem 11. September, die "wahre" Geschichte über die Tötung Bin Ladens, die "wahren" Todesumstände von Lady Di, die "Wahrheit" über Freimaurer, Juden, Jesuiten und, natürlich, die "Wahrheit" über den Muslim und Kenianer Barack Obama – das alles hat es in vielen Spielarten irgendwie immer gegeben, und es wirkte stets wie ein intellektueller Nischensport für Spinner. Es scheint nur, dass diese Zeiten enden.
Stef Aupers kann zeigen, wie die abstrusen Theorien Boden gutmachen und wie die Verschwörung an und für sich – auch über TV-Serien wie "X-Files", Blockbuster-Filme Marke "Matrix" und natürlich Dan Browns "Da Vinci Code" – als Denkmuster und Interpretationsangebote in unseren Alltag einsickert. Aupers zitiert eine Studie, der zufolge 80 Prozent der Amerikaner sagen, dass die Regierung mehr über Außerirdische wisse, als sie zugebe, in Worten: achtzig Prozent.
Solche Einstellungen könnten nur in einer Kultur blühen, sagt Aupers, in der die Wahrheit ziemlich grundsätzlich abhandengekommen sei, und der Niederländer bejaht das mit plausiblen Argumenten: Die Wissenschaft sei mit ihrem alten Versprechen gescheitert, an die Stelle von Religion und Aberglauben eine auf Vernunft und Überprüfbarkeit gebaute Welt zu setzen. Gelungen sei ihr seit den Sechzigerjahren nur, so Aupers, die Macht der Religionen nach und nach zu unterminieren – aber die dadurch entstandene Sinnlücke habe sie keineswegs füllen können, im Gegenteil.
Im ewigen Thesenstreit über alles und jedes hätten die Wissenschaften nicht Sinn gestiftet, sondern nur immer mehr Verwirrung: "Fischöl ist gesund, Fischöl verursacht Krebs; Kinder sollten mit Liebe und Empathie erzogen werden, Kinder brauchen klare Regeln und Disziplin; die Gewalt in westlichen Ländern nimmt ab, die Gewalt in westlichen Ländern nimmt zu; vor uns liegt ein ökologisches Desaster, die Warnungen vor dem Klimawandel sind übertrieben; Impfungen gegen die Schweinegrippe sind zwingend, Impfungen dagegen sind ineffektiv und gefährlich." Jeder kennt Aupers' Beispiele; und sie machen jedem schlechte Laune.
Die Medien stellen solche Widersprüche durchaus dar, profitieren aber auch von ihnen. Das massenmediale Geschäft, schreibt Aupers, sei nun einmal auf Konflikt gerichtet und nicht auf Konsens.
Unumstrittene Wahrheiten, so der Niederländer, seien nicht sehr sexy. "Nichts ist für die Einschaltquote einer Talkshow besser als zwei Klimawissenschaftler, die sich absolut uneins sind über den Treibhauseffekt." Nur ist die Kehrseite der Show auf Dauer eine Erosion allen Vertrauens.
Zuerst verliert die Wissenschaft an Glaubwürdigkeit und danach alle anderen Instanzen, und dann erfasst die Erosion – verstärkt durch die tausendfältigen Möglichkeiten heutiger medialer Verbreitung – den Alltag. Was kann man noch glauben? Was nicht? Wenn darüber alle Klarheit abhandenkommt, wird jede Diskussion nur noch zu einem Austausch von Gefühlen, eigenen Erfahrungen und Instinkten. Wahrscheinlich wäre Donald Trump im US-Wahlkampf auch mit der Behauptung durchgekommen, die Erde sei eine Scheibe, denn das neue Motto gesellschaftlicher Debatten lautet: rational, irrational, scheißegal.
Noch der größte Unsinn findet ein diskussionsfreudiges Publikum, und man sollte sich nur kurz in die Lage eines aufgeweckten, neugierigen Jugendlichen versetzen, der mit all diesen Märchen aus tausendundeiner digitalen Fälscherwerkstatt zum ersten Mal konfrontiert wird. Wie soll er sich orientieren? Zumal die Geschichten ja oft sehr gut sind. Und alles plausibel wirkt. Und die Autoren tragen sogar Doktortitel. Was also stimmt? Was nicht? Kann man überhaupt irgendetwas wirklich glauben?
Diese Fragen betreffen heute nicht mehr nur esoterische Phänomene, sondern die ganz reale Welt. Und was früher als Krankheit mit Tendenz zur Paranoia wegsortiert wurde, wird von Sozialforscher Aupers heute als rationale Strategie von überforderten Bürgern gewertet, sich irgendwie in dieser heillos komplizierten Welt zurechtzufinden.
Die Europäische Union bietet sich dafür als Beispiel an: Wer weiß schon, was hinter ihren Kulissen läuft? Wie sie funktioniert? Aus welchen Behörden sie überhaupt besteht? Wer das Sagen hat? Ein Menschenleben reicht kaum aus, um das herauszufinden; was also soll der Normalbürger tun? Er macht sich auf die Suche nach Deutungsangeboten, die Komplexität reduzieren helfen, und sie dürfen – je geringer sein Interesse, je schlechter seine politische Bildung, je prekärer sein Sozialstatus – auch einfach auf den Vorschlag hinauslaufen: abschaffen! Brüssel zumachen! Schluss damit!
Aupers' unbequeme Nachricht an die Welt lautet also, dass die Verschwörungstheorien gekommen sind, um zu bleiben. Dass sie für viele heute die einzige Möglichkeit sind, mit der überbordenden Komplexität der Welt und der alltäglichen Überforderung fertigzuwerden. Verschwörungstheorien seien wie eine Krücke, die helfen soll, die Angst vor unverstandenen Zusammenhängen zu bannen – und in verständliche Geschichten zu übersetzen. Und wenn das so stimmt, dann wird sich das politische Spiel von Grund auf verändern müssen, um die Menschen wieder zu erreichen und die Trumps dieser Welt in die Schranken zu weisen.

VI. Krisen befeuern immer das große Schwarze-Peter-Spiel. In Deutschland war das gut zu beobachten, als nach der berüchtigten Silvesternacht von Köln Anfang 2016 ein paar Politiker damit begannen, auf die Medien einzudreschen. Der Bürger wolle "Wahrheit und Klarheit", sagte etwa CSU-Generalsekretär Andreas Scheuer, der es in seiner alltäglichen Arbeit mit beidem nicht weiter genau nimmt, und der ehemalige Bundesinnenminister Hans-Peter Friedrich sprach gar von einem "Schweigekartell" der öffentlich-rechtlichen Medien, eine Ungeheuerlichkeit, an der noch einmal gut sichtbar wird, wie selbstverständlich Verschwörungstheorien heutzutage in Umlauf gebracht werden, sogar von Menschen, die selbst fest im System verankert waren oder sind.
Aber so ist nun die Lage, und sie wird es lange bleiben: Es gibt derzeit große Minderheiten, die mit den eingeübten Denkmustern und Deutungsangeboten der Demokratie des 20. Jahrhunderts nicht mehr allzu viel anfangen können. Viele Menschen finden sich in der politischen Kultur der Repräsentation nicht mehr wieder, das digitale Zeitalter entfaltet eine sagenhafte antiautoritäre Sprengkraft. Es wird pauschal gegen "Eliten" und alles Elitäre randaliert, Kompetenz wirkt verdächtig, Erfahrung gilt als Nachteil, Bildung als anrüchig.
Wie sehr sich die Zeiten geändert haben, zeigt ein kleines Gedankenspiel: Man stelle sich nur kurz vor, die Bundeskanzlerin würde, wie einst Kanzler Helmut Schmidt, heute irgendwo öffentlich – und mit Orchester – als Pianistin auftreten; sie erntete sehr wahrscheinlich nicht Anerkennung, sondern Eierwürfe.
Es hat gerade alles etwas von vorrevolutionärer Stimmung, Brexit und Trump haben das sehr grell herausgestrichen. Was galt, gilt nicht mehr; was kommt, ist unklar. Für den Moment sind die Parteien, nicht die Medien, die größten Verlierer dieser Zeit, weil der politischen Klasse selbst angst und bange wird, wenn "Volkes Stimme" laut wird. Viele Menschen, womöglich bald eine kritische Masse, werden vom System nicht mehr richtig erreicht, wodurch das System wiederum Legitimität verliert.
Das Land geht, auch wenn darüber fast nie gesprochen wird, durch eine schwierige Phase, das Grundrauschen aus beunruhigenden Nachrichten wird lauter. So viel Argwohn, so viel Hass gegen die Macht und die Mächtigen war nach dem Krieg kaum je, höchstens Ende der Sechzigerjahre. Damals endete eine Epoche. Und eine neue begann.

Lesen Sie im nächsten Heft Teil I einer Serie anlässlich des 70. Geburtstags: Der SPIEGEL und seine Storys – Wie blickt der Autor Hans Magnus Enzensberger, der 1957 über "Die Sprache des SPIEGEL" schrieb, heute auf dieses Magazin?

Über den Autor

Ullrich Fichtner, Jahrgang 1965, bereist als Reporter des SPIEGEL seit 2001 die Welt und hat aus vielen Krisengebieten berichtet. Berlin, Paris, New York und Hamburg waren seine Dienstsitze, zwei Jahre lang leitete er das Gesellschaftsressort. Fichtners Arbeiten wurden vielfach ausgezeichnet, mehrmals erhielt er den Egon-Erwin-Kisch- und den Henri-Nannen-Preis. Twitter: @UllrichFichtner
Von Ullrich Fichtner

DER SPIEGEL 1/2017
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 1/2017
Titelbild
Der digitale SPIEGEL
Diese Ausgabe jetzt digital lesen

Die digitale Welt der Nachrichten. Mit interaktiven Grafiken, spannenden Videos und beeindruckenden 3-D-Modellen.
Sie lesen die neue Ausgabe noch vor Erscheinen der Print-Ausgabe, schon freitags ab 18 Uhr.
Einmal anmelden, auf jedem Gerät lesen - auch offline. Optimiert für Windows 8, Android, iPad, iPhone, Kindle Fire, BlackBerry Z10 sowie für PC/Mac.

Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

Aufklärung:
DIE GROSSE EROSION

  • Bayern-Gegner Liverpool: "Die Meisterschaft ist der heilige Gral"
  • Im Klötzchen-Universum: Die irren Maschinen des Lego-Meisters
  • Russland: Schwarzer Schnee in Kohleregion
  • Regisseur erklärt Szene: "Alita - Battle Angel"