30.12.2016

TunesienWarten auf ein Wunder

Aus dem Musterland des Arabischen Frühlings kommen erstaunlich viele Kämpfer des IS, auch der Attentäter von Berlin. Ein Besuch in seinem Heimatort – bei seiner Familie und verzweifelten jungen Männern. Von Nicola Abé
Jeden Tag sitzt Haythem Bouraoui im Café Arrabiaa und kämpft gegen das Nichts. Seit Jahren geht das schon so. Gegen elf Uhr morgens steht er auf, trinkt einen Kaffee, zieht an einer Wasserpfeife und trifft ein paar Freunde hier. Sie müssen irgendwie die Zeit totschlagen. Manchmal spielen sie Karten. Sie bleiben bis nach Einbruch der Dunkelheit. Dann gehen sie nach Hause, fernsehen.
Bouraoui hofft auf irgendetwas, ein Wunder. "Soll ich kriminell werden oder gleich Terrorist?", fragt er mit trotzigen Lippen. Er habe sich für eine dritte Variante entschieden, und die heiße "Geduld". Seine Freunde lachen. Heute sind sie zu neunt. Neun junge Männer in Jogginghosen, hellen Jeans und Kunstlederjacken, nur einer von ihnen hat einen Job, kein einziger eine Frau. Neun Männer, gefangen in einer endlosen Warteschleife des Lebens.
Das Café Arrabiaa befindet sich in Oueslatia im tunesischen Hinterland. Es ist jener Ort, aus dem Anis Amri stammt, der junge Tunesier, der auf grauenhafte Weise den IS-Terror nach Deutschland brachte, der am 19. Dezember einen Lastwagen in die Menschenmenge auf einem Berliner Weihnachtsmarkt steuerte, 12 Menschen tötete und mehr als 50 verletzte. Die Männer im Arrabiaa sind im gleichen Alter wie der Attentäter, sie kannten Amri, waren seine Freunde und Nachbarn.
Wie Amri gehören sie zu einer ganzen Generation von jungen Tunesiern, die abseits der Küstenmetropolen lebt und für die es nichts zu gewinnen gibt. Einer von ihnen, der Gemüsehändler Mohamed Bouazizi, löste Ende 2010 die Arabellion aus, als er sich in dem Ort Sidi Bouzid 200 Kilometer südlich von Tunis aus Protest selbst anzündete. Danach flohen Tausende junger Männer in Booten nach Europa in der Hoffnung auf ein besseres Leben. Heute rekrutiert der "Islamische Staat" in ihren Kreisen so erfolgreich wie nirgendwo sonst. Die Zahl der ausländischen Kämpfer aus Tunesien wird, je nach Quelle, auf 5000 bis 7000 geschätzt. Angesichts der geringen Bevölkerungszahl (rund zehn Millionen) sind das erschreckend viele.
Tunesien gilt als Musterland des Arabischen Frühlings, weil der Staat hier nach der Revolution nicht völlig zerfallen ist wie in Libyen oder Syrien und weil auch die Diktatur nicht nach kurzer Pause zurückkehrte wie in Ägypten. Es gibt freie Wahlen, die Säkularen bilden mit gemäßigten Islamisten eine Regierung der nationalen Einheit. Tunesien ist fast sechs Jahre nach der Jasmin-Revolution eine Demokratie, wenn auch eine fragile.
Doch die jungen Männer sind noch immer da. Für sie hat sich nichts verbessert. Sie sind jetzt verzweifelter als früher. Denn nun sind sie nicht nur die Verlierer der jahrzehntelangen Diktatur, sondern auch noch Verlierer ihrer eigenen Revolution. Nicht nur Anis Amri gehörte zu dieser Gruppe, auch Mohamed Lahouaiej Bouhlel, der am 14. Juli in Nizza einen Lkw in eine feiernde Menge steuerte und 86 Menschen tötete.
Auf einer Verkehrsinsel in der Nähe des Cafés Arrabiaa in Oueslatia steht eine bizarre Statue: Zwei gigantische Bienen, die Flügel brüchig, halten eine Weltkugel. Der Ort ist bekannt für Honig und Oliven. Bouraoui winkt ab: "Alles eine Lüge", sagt er. Die wenigsten würden hier einen Job in der Landwirtschaft finden. Die einzige Fabrik im Ort, eine Textilfirma, ist vor Jahren abgebrannt.
"Ich habe jede Hoffnung verloren", sagt Bouraoui. Er hat die Schule kurz vor dem Abitur abgebrochen. Rund fünf Jahre ist das her. "Wir hatten kein Geld mehr für die Bücher", erzählt er. Bouraouis Vater verkauft Teppiche und Ersatzteile für Mobiltelefone, sein Einkommen ändert sich von Monat zu Monat. "Aber ich habe einen Führerschein", sagt Bouraoui stolz. Er habe versucht, Arbeit in der Lkw-Branche zu finden. Bei der Polizei habe er sich beworben, bei einem Stromproduzenten, als Busfahrer. Nie habe irgendwer zurückgerufen.
11 000 Menschen leben in Oueslatia. 80 Prozent der jungen Leute hier hätten keinen Job, sagt ein Vertreter der örtlichen Arbeitervereinigung. Und wer kein Geld verdiene, könne auch nicht heiraten. Eine Freundin habe er zwar mal gehabt, sagt Bouraoui. Doch geküsst hätte er sie nie, unmöglich sei das im Ort. Als sie sich mit ihm verloben wollte, beendete er die Beziehung. "Ich kann ja nicht einmal für mich selbst sorgen, wie soll ich mir eine Familie leisten?"
Oueslatia liegt gerade mal 140 Kilometer von Tunis entfernt, doch die Fahrt dauert drei Stunden, so schlecht sind die Straßen. Im Ort gibt es einen Laden für Brautmode, eine freie Fläche zum Fußballspielen und das Arrabiaa. Das war's. "Wir werden hier komplett ignoriert", sagt ein Freund von Bouraoui.
Nur in diesen Tagen gilt die Weltaufmerksamkeit für einen kurzen Moment dem Leben der jungen Männer. Und der Anlass ist kein guter. Nicht nur viele Journalisten sind im Ort, es wimmelt auch von Polizisten in Zivil. Es ist der 23. Dezember, im Fernsehen laufen gerade Bilder, die den toten Körper von Anis Amri unter einer Folie auf einem Platz nahe Mailand zeigen.
Vor der Straße, die zum Haus der Amris führt, steht ein Van, darin zwei Aufpasser, die nach der staatlichen Genehmigung der Reporter fragen. Wer kein Fax aus dem Büro des Premierministers vorweisen kann, wird nicht durchgelassen. Es sind Methoden, die an den alten Polizeistaat des Diktators Zine el-Abidine Ben Ali erinnern.
Die Amris wohnen in einem flachen Haus, davor sitzen Männer. Innen ist es kalt und karg. An den Wänden hängen Bilder von karibischen Stränden und europäischen Wäldern. Nachbarinnen und Verwandte haben sich eingefunden, küssen das rote Gesicht der Mutter Nour und sprechen ihr Beileid aus. Sie nehmen auf Plastikstühlen Platz. Nour Amri wiegt sich in ihrem Schmerz vor und zurück: "Warum mussten sie meinen Jungen gleich erschießen? Ich will die Wahrheit wissen! Keiner weiß, ob er schuldig war." Drei Schwestern weinen. Die vierte, Halima, hält sich im Hintergrund.
Unschuldig war Amri nicht. Spätestens seit ein Video auftauchte, in dem er dem "Islamischen Staat" seine Treue schwört und zu Attentaten an Nichtmuslimen aufruft, ist das allen hier bewusst. Am Abend nimmt die Polizei Amris Neffen Fedi fest, einen 18-jährigen Jungen, gekleidet ganz in Schwarz. Fedi ist der Sohn von Halima, die sich nicht zeigen wollte.
Amri sei der Kopf der Terrorzelle gewesen, wird Fedi später aussagen. Sein Onkel habe ihm unter einem Decknamen Geld geschickt, damit Fedi ihm nach Deutschland folge. Sie hätten über die Telegram-App kommuniziert, die Nachrichten verschlüsselt. Laut Angaben der tunesischen Polizei soll Amri dem 18-Jährigen auch den Auftrag erteilt haben, den Mann von Amris Schwester Najoua, einen Polizisten, zu töten. Mit der Tat sollte er seine Zugehörigkeit zum IS beweisen.
Anis Amris Geschichte beginnt wie die vieler junger Männer aus Oueslatia. Er ist eines von neun Geschwistern, Sohn eines Gemüseverkäufers. Als Jugendlicher interessierte er sich für Popmusik, verehrte die tunesische Sängerin Thekra.
"Er zog sich gern schick an und frisierte sich die Haare mit Gel", erzählt eine Schwester. Doch schon als Kind fing Amri an, sich zu prügeln und Dinge zu klauen. Mit 15 brach er die Schule ab. Weil er keinen Job fand, steckten die älteren Geschwister ihm Geld zu, schließlich war er ja der Jüngste. Die meisten der neun Geschwister haben Oueslatia verlassen, arbeiten als Lkw-Fahrer oder am Fließband. Eine seiner Schwestern aber ist zur Universität gegangen und ist heute Gerichtsvollzieherin. Die Brüder wollten Amri überreden, auch Lkw-Fahrer zu werden.
Doch Anis Amri investierte sein Geld in Haschisch und Alkohol. Laut dem Polizeichef von Oueslatia sei er deshalb kurzfristig in Gewahrsam genommen worden. Er startet trotzdem eine kriminelle Karriere: 2008 soll er einen Lastwagen gestohlen und den Fahrer bedroht haben, so tunesische Behörden. Als er 2011 in den Nachwehen der Revolution auf einem Flüchtlingsboot nach Italien entkommt, droht Anis Amri in Tunesien schon eine Haftstrafe. Doch ein Mörder, sagen seine Brüder, sei er damals nicht gewesen.
In Italien sitzt Amri vier Jahre lang im Gefängnis wegen Brandstiftung. Dort habe er sich verändert, sei religiös geworden, erzählen die Brüder. Als er abgeschoben werden soll, stellen die tunesischen Behörden die nötigen Papiere nicht aus. Amri taucht unter, über Freiburg reist er schließlich nach Deutschland ein. 2015 schickt er seinem Bruder ein Foto aus Berlin: Amri sitzt am Steuer eines offenen Fahrzeugs und streckt seinen Zeigefinger in die Luft, das Zeichen für die Einheit Gottes, ein Indiz für die Zugehörigkeit zum "Islamischen Staat", der dieses Symbol für sich vereinnahmt hat.
Radikalisiert hat sich Amri laut seiner Familie erst in Europa. Und ist dabei nur einer von vielen aus Oueslatia. Rund 40 junge Männer aus dem Dorf hätten sich dem IS angeschlossen, sagt der Vertreter der Arbeitervereinigung. Die Terrorgruppe bietet ihnen vermeintlich alles, was der tunesische Staat nicht bieten kann: einen Job, Geld, Frauen und eine Antwort auf die Frage nach dem Sinn des Lebens.
Abd al Kader Abdaoui, 65, hat gleich zwei seiner Söhne an den IS verloren. Er kommt gerade vom Freitagsgebet zurück, ein Mann mit grauem Schnauzbart und wachen Augen. Auf seiner Stirn ist ein Gebetsfleck erkennbar. Erst will er nicht reden, doch dann holt er aufgeregt Dokumente aus seinem Schlafzimmer.
Wütend sei er gewesen, als sich sein Sohn Khaled 2011 an den Massenprotesten gegen Ben Ali beteiligte. Schließlich sei er selbst ein Anhänger der Partei des alten Diktators gewesen. "Du bist nicht mehr mein Sohn", habe er ihn angebrüllt. Khaled sei damals Student gewesen und an der Universität in die falschen Kreise geraten. Abdaouis Sohn verschwindet 2013 nach Syrien. Dort steigt er zu einem ranghohen IS-Kämpfer auf. Es gibt Aufnahmen aus dieser Zeit, in denen er einem anderen Tunesier den Kopf abschneidet. Mit der Familie hält Khaled zunächst Kontakt über Facebook: Er will seinen Zwillingsbruder Walid davon überzeugen, ihm zu folgen.
Weil die Familie nur einen einzigen Computer besitzt, entdeckt die Schwester in Walids Nachrichten den Plan auszureisen. Abdaoui zieht einen Zettel aus seiner Tasche und liest vor: In der nahe gelegenen Islamistenhochburg Kairouan habe sein Sohn einen Mann namens "Kakaa" treffen sollen, dieser würde ihn zu einem Scheich Ajoub bringen. Vorläufige Endstation sollte Libyen sein, bei Scheich Abu Oubeid Allah.
"Ich hab meinen Sohn genommen und zur Polizei geschleppt", sagt der Vater. 2012 sei das gewesen. Dort habe man ihm allerdings nicht geholfen, sondern nur Walids Pass verbrannt – so könne er das Land nicht mehr verlassen. Abdaoui schüttelt den Kopf. Im September 2014, er war mit seiner Frau verreist, sei der Junge zusammen mit einigen anderen aus dem Ort verschwunden. Er zeigt Fotos, auf denen sein Sohn Khaled mit Vertretern der Islamistenpartei Ennahda zu sehen ist. Ihnen gibt er eine Mitschuld am Schicksal seiner Söhne. Unter Diktator Ben Ali waren islamistische Bewegungen verboten. Bei der ersten freien Wahl nach der Revolution gewann dann die Ennahda-Partei.
Und Abdaoui musste zusehen, wie sich unter ihrer Regierung in den Moscheen des Landes ungestört radikale Imame einrichteten, auch in Oueslatia. Die örtliche Moschee wurde umbenannt, der neue Iman sprach auf einmal vom Dschihad. Ein ominöser Zahnarzt rekrutierte im Ort junge Männer. Er habe sie zu teuren Behandlungen überredet, zahlen könnten sie in kleinen Raten. Neben Goldkronen verkaufte er ihnen auch die Ideen der Terroristen.
"Es ist so schrecklich für Tunesien", sagt Abdaoui, "wir sind zu einer Kolonie des IS geworden."
Nach den Attentaten im Frühjahr und Sommer 2015, im Bardo-Museum in Tunis und am Strand bei Sousse, beschließt die Regierung ein neues Antiterrorgesetz. Moscheen und Prediger werden wieder stärker kontrolliert. Doch für Abdaouis Söhne und viele andere junge Männer aus Oueslatia ist es da bereits zu spät. 2014 sieht er in den Nachrichten, dass sein Sohn als IS-Kämpfer bei einem Selbstmordattentat in Libyen getötet wurde. 2014 lässt die Ennahda-Partei nach Unruhen Neuwahlen zu. Es kommt zu einer Koalition der moderaten Islamisten unter Rachid al-Ghannouchi mit der 2012 gegründeten Partei Nidaa Tounes. Mit dieser Teilung der Macht zwischen Islamisten und Säkularen sorgte Tunesien international für Aufsehen. Doch dem Vertrauen vieler, besonders junger Tunesier schadet die Versöhnung eher. Sie empfinden das Handeln der Politiker als undurchsichtig.
"Für uns ändert sich sowieso nichts. Wir brauchen keine Politiker, sondern Magier", sagt Bahoun im Arrabiaa.
Die Partei Nidaa Tounes, ein Zusammenschluss von Linksliberalen, Geschäftsleuten und Politikern der Vergangenheit, repräsentiert für viele das alte Ben-Ali-Regime. Ohnehin zerfällt die Partei derzeit aufgrund interner Machtkämpfe – es fehlt eine wirkliche gemeinsame Idee. Und so gibt es keine starke Kraft, um die wirtschaftlichen und sozialen Probleme des Landes anzugehen.
Es sind vor allem die Rückkehrer aus Syrien und Libyen, die dem Land zu schaffen machen. Seit der "Islamische Staat" an Territorium verliert, wollen viele Kämpfer nur noch weg. Ihre Mission können sie auch woanders fortsetzen, der IS hat zu Anschlägen in Europa und Nordafrika aufgerufen. Rund 800 Dschihadisten seien bereits nach Tunesien zurückgekehrt, teilte das Innenministerium mit. Andere warteten in der Türkei auf ihre Rückreise in die Heimat. Und wieder andere wollen erst gar nicht nach Tunesien, weil ihnen dort lange Haftstrafen drohen. Sie wollen lieber mit gefälschten Papieren nach Europa.
Viele reisen unter falscher Identität, genaue Zahlen gibt es dazu nicht, die 461 Kilometer lange Grenze zu Libyen ist in großen Teilen durchlässig. Selbst die Anzahl der im Gefängnis sitzenden Exkämpfer ist ungewiss, weder das Justizministerium noch die Gefängnisverwaltungen kennen sie. Laut Schätzungen von Terrorexperten dürften es rund 300 sein.
Die drohende Terrorgefahr und der Umgang mit den Kämpfern aus Syrien und dem Irak spaltet Politik und Gesellschaft: "Wir haben nicht genug Platz für all die Rückkehrer in unseren Gefängnissen", erklärte Staatspräsident Béji Caïd Essebsi vor Kurzem. Ennahda-Parteichef Ghannouchi forderte bei einem Besuch in Kairouan, man müsse die Terroristen aufnehmen, sich um sie kümmern und ihnen psychologische Betreuung zukommen lassen. Zugleich demonstrierten in der Hauptstadt Tunis Hunderte gegen die Wiederaufnahme der Dschihadisten.
"Sie haben Tunesien verraten", brüllen sie, "wir wollen diese Leute nicht!" In den Gefängnissen würden die Terroristen nur weitere radikalisieren.
"Sie haben sich gegen die Nation Tunesien entschieden und für das Kalifat", sagt der prominente Philosoph Youssef Seddik. Schuld daran seien "die Monster von Ennahda, die die Regierung übernommen haben". Mit dieser Meinung ist er nicht allein. Der Hass auf die Partei wächst mit jedem Anschlag.
Fadoua Braham, eine 35-jährige Menschenrechtsanwältin, sitzt in der Lobby des Mövenpick-Hotels in Sousse und lächelt. Sie gilt als gefährdet, seit sie auch IS-Rückkehrer verteidigt, aber so sei das eben, "auch Terroristen haben Rechte".
Oft seien die Männer noch sehr jung und traumatisiert. "Sie wollen nur nach Hause zu ihren Familien", sagt die Anwältin. Doch nach allem, was sie gesehen und getan hätten, "die Gewalt, die Drogen, die Frauen, das Töten", sei es für sie unmöglich, in ein normales Leben zurückzufinden. Bereuen würden sie ihre Taten nicht.
Wer nach Tunesien kommt und identifiziert wird, sitzt mit Kriminellen in den überfüllten Massenzellen der Hochsicherheitsgefängnisse. Bis zu 160 Menschen teilten sich dort einen Raum, beim Schlafen wechselten sie sich ab, so Anwältin Braham. Die tunesische Justiz sei vollkommen überfordert im Umgang mit den neuen Herausforderungen. Es gebe gerade mal acht Antiterrorrichter und nur ein einziges Gericht in Tunis, vor dem die Fälle verhandelt würden. Hinzu kommt, dass die Verbrechen von IS-Kämpfern in Syrien und Libyen kaum zu beweisen sind. Wenn die Betroffenen nicht aussagen, bleiben die Akten leer und Staatsanwälte und Richter müssen die Männer gehen lassen.
Einmal in seinem Leben, erzählt Bouraoui, der trotzige junge Mann aus Oueslatia, habe er wirklich eine Chance gehabt. Damals glaubte er, im Tourismus einen Job finden zu können. Er machte ein Praktikum bei einer tunesischen Reiseagentur, auf der Insel Djerba und im Badeort Sousse. Doch dann erschoss ein islamistischer Attentäter am 26. Juni 2015 in der Nähe am Strand 39 Menschen. Bouraouis Traum war vorbei. Der Tourismus, eine der wichtigsten Einnahmequellen des Landes, hat sich von diesem Schock seither nicht erholt.
"Die Terroristen haben mich gefickt", sagt er. Drei Tage später zündet sich in Oueslatia ein Freund von ihm an. Er stirbt. Der junge Mann war 24 Jahre alt und arbeitslos.

Über die Autorin

Nicola Abé, Nahostkorrespondentin des SPIEGEL mit Sitz in Tel Aviv. Seit 2010 arbeitet sie für das Nachrichten-Magazin, zunächst in der Multimediaredaktion. Später berichtete sie aus Krisengebieten wie Afghanistan, Ägypten und Irak. In Tunis, Sousse und Oueslatia, wo auch immer Abé bei ihrer Recherche erzählte, dass sie aus Deutschland komme, begannen die Leute, sich bei ihr zu entschuldigen: "Es tut uns so leid, bitte sagen Sie das den Deutschen. Wir fühlen ihren Schmerz mit!"
Twitter: @NicolaAbe
Von Nicola Abé

DER SPIEGEL 1/2017
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