30.12.2016

TERROR

In den 70er-Jahren hatte es der Westen vor allem mit Gruppen wie der Roten Armee Fraktion zu tun, heute sind es al-Qaida und der „Islamische Staat“. Die Welt verändern wollen sie alle. Haben sie sonst noch etwas gemeinsam? Eines auf jeden Fall – das Mittel Terror. Von Mathieu von Rohr und Britta Sandberg
Die Mitarbeiter im Krisenstab des Kanzleramts sind aufgewühlt. Sie haben ein Video vor sich, mit einem Mann in Unterhemd und Hose, er hat dunkle Ringe unter den Augen. Er hält ein Pappschild vor dem Bauch, auf dem steht: "Gefangener der R.A.F." Der Mann ist Hanns Martin Schleyer, Arbeitgeberpräsident, entführt von der Roten Armee Fraktion (RAF).
"Der Mann auf dem Bildschirm wirkte wie in Trance", schreibt der SPIEGEL in seiner Titelgeschichte vom 12. September 1977. "Mit schleppenden, anscheinend von Drogen gehemmten Bewegungen blätterte (Schleyer –Red.) in der 'Stuttgarter Zeitung' und las mit erschöpfter Stimme außenpolitische Nachrichten vor. Er schien unverletzt, und auch Spuren von Misshandlungen waren nicht zu erkennen, aber im verfallenen Gesicht spiegelte sich das ganze Elend des Gefangenen." Der damalige CDU-Chef Helmut Kohl wird an jenem Tag sagen, es sei das Erschütterndste gewesen, was er je in seinem Leben gesehen habe.
Eine Geisel in ihrem Unglück, vorgeführt als Machtdemonstration: Man wird das später in noch viel grausamerem Maße bei den Terroristen des "Islamischen Staats" erleben. Damals, im Deutschen Herbst, wirkt es wie ein Schock, es erschüttert die Bundesrepublik zutiefst.
In den 45 Tagen dieses Deutschen Herbstes erreicht der politische Terrorismus eine Dimension, die man bis dahin in der Bundesrepublik nicht gekannt und wohl auch nicht für möglich gehalten hatte.
Vorboten hatte es gegeben. Westdeutschland hatte Banküberfälle von RAF-Anhängern erlebt, hatte machtlos zugesehen, wie der Berliner CDU-Landesvorsitzende Peter Lorenz im Februar 1975 entführt worden war, hatte erfahren müssen, dass die RAF eine palästinensische Terrororganisation beim Anschlag auf die israelische Olympiamannschaft 1972 in München unterstützt hatte.
Aber dies war etwas Neues. Eine kleine Gruppe von Terroristen forderte den Staatsapparat heraus, hielt ihn 45 Tage lang in Atem und führte die Polizei in ihrer Hilflosigkeit vor, indem es ihr gelang, ihr Opfer in einem Apartmenthochhaus 20 Kilometer außerhalb von Köln wochenlang zu verstecken. 300 Kugeln hatten die Entführer verschossen, um die Schleyer-Begleiter außer Gefecht zu setzen. Vier von ihnen hatten nicht überlebt.
Damals in den Siebzigerjahren begann eine neue Ära, und sie dauert, wie in diesen Tagen nach dem Attentat von Berlin schmerzhaft zu erfahren war, bis heute an: das Zeitalter des internationalen Terrorismus, der die verletzliche liberale Gesellschaft attackiert. Ein Terrorist, heiße er Andreas Baader oder Anis Amri, will mit Gewaltakten Aufmerksamkeit erlangen. Er will die Macht angreifen, Strukturen zerstören.
Der Begriff Terrorismus geht zurück auf die Ära "terreur", die Schreckensherrschaft im Zuge der Französischen Revolution, und er hat keine eindeutige Definition. Der Begriff schillert, er hat Unschärfen. Was die einen als Terror betrachten, sehen andere möglicherweise als legitimen Befreiungskampf an.
Es gab den anarchistischen Terrorismus vom Ende des 19. Jahrhunderts an, in Frankreich und Russland beispielsweise, die "Propaganda der Tat". Es gab den nationalistischen Terror, wie ihn die IRA in Nordirland oder die Eta im Baskenland oder die "Tamilen-Tiger" auf Sri Lanka praktizierten. Und es gab den rechten Terror, der mit dem Mord an dem Sozialisten Kurt Eisner 1919 begann, in den Achtzigerjahren bei Massenanschlägen wie am Münchner Oktoberfest oder am Hauptbahnhof von Bologna zu zahllosen Toten führte, und später auch die NSU-Terrorzelle um Uwe Böhnhardt, Uwe Mundlos und Beate Zschäpe, die von 2000 bis 2007 mordete – deren Opfer waren vor allem Migranten, denen die Gruppe das Lebensrecht in Deutschland absprach.
Es gibt den weltlichen Terror, und es gibt jenen, der sich auf Religion beruft, wie al-Qaida und der "Islamische Staat" (IS). Mit beidem hat sich der SPIEGEL über die Jahre ausführlich beschäftigt, und in manchen Zügen, das war festzustellen, gibt es Ähnlichkeiten.
Verglichen mit den Terrornetzwerken al-Qaida und "Islamischer Staat" nehmen sich die Anschläge und die internationalen Verbindungen der RAF bescheiden aus. Doch schon die RAF sah sich als Teil einer internationalen Bewegung. Sie hatte Kontakt zu anderen linksterroristischen Gruppierungen in Europa und zur PLO von Jassir Arafat, die logistisch Hilfe leistete.
Die RAF unterstützte die Ziele der palästinensischen Bewegung, denen sich später aus anderen Gründen auch Osama Bin Laden verschrieb. Mitglieder der Roten Armee Fraktion, der ehemalige RAF-Mann Peter-Jürgen Boock hat es im SPIEGEL beschrieben, wurden im Südjemen für Terroranschläge und Flugzeugentführungen trainiert.
Aber zunächst war die RAF ein westdeutsches Phänomen. Zu Beginn der Siebzigerjahre konnte sie auf einen großen Kreis von Sympathisanten setzen: Linke, die Verständnis für die Gewalt der vermeintlichen Weltverbesserer zeigten und die Gruppe für einen radikalen, aber letztendlich nicht so gefährlichen Ableger der Studentenbewegung hielten. Auch manche Akademiker oder Journalisten unterstützten die RAF und gewährten ihren Mitgliedern Unterschlupf.
"Würdest du einem von denen einen Schlafplatz anbieten, wenn sie abends bei dir klingeln?", war in jenen Kreisen damals eine beliebte, aber durchaus ernst gemeinte Partyfrage.
Deshalb erstaunt es nicht, dass erste Texte, die der SPIEGEL nach den Kaufhausbränden von Frankfurt zur Roten Armee Fraktion veröffentlichte, von den Protagonisten der Bewegung selbst stammten. Im Juni 1970, wenige Wochen nachdem die Journalistin Ulrike Meinhof den inhaftierten Andreas Baader gewaltsam befreit hatte und anschließend abgetaucht war, druckte der SPIEGEL unredigierte Auszüge eines RAF-Pamphlets. Meinhof, die mittlerweile steckbrieflich gesuchte Journalistin, hatte es auf Tonband gesprochen.
Darin erklärt sie, warum Baader befreit werden musste (weil er ein Kader sei und "um wirklich klarzumachen, dass wir es ernst meinen"). Sie beschreibt auch, wie weit die RAF gehen würde: "Bullen sind Schweine, wir sagen, der Typ in der Uniform ist ein Schwein, das ist kein Mensch, und so haben wir uns mit ihm auseinanderzusetzen ... es ist falsch, überhaupt mit diesen Leuten zu reden, und natürlich kann geschossen werden."
Dem Text ist nur eine kurze Einleitung vorangestellt, keine Distanzierung, kein Kommentar. Es ist unvorstellbar, dass man Jahrzehnte später ähnlich mit Pamphleten von Osama Bin Laden oder dem IS-Anführer Abu Bakr al-Baghdadi umgegangen wäre.
Noch werden die Terroristen der RAF nicht Terroristen genannt. Im allerersten Titel, den der SPIEGEL der Bewegung im Februar 1971 widmet, ist von Anarchisten die Rede, von "Chaotikern" der Freiheit, Linksradikalen oder auch von einer Berliner Stadtguerilla. Das Wort Terror fällt kein einziges Mal. Selbst das Bundeskriminalamt spricht damals lediglich von einer Gruppe, die "den radikalen Umsturz der gegenwärtigen Gesellschaftsordnung" anstrebe, warnt aber schon vor möglichen Entführungen "im öffentlichen Leben stehender Personen".
Auch die Politik ist Anfang der Siebziger noch nicht auf Terrorismus im eigenen Land eingestellt: Für den damaligen Innenminister Hans-Dietrich Genscher reduziert sich das Tun der Gruppe auf "gemeine Kriminalität", für Kanzleramtsminister Horst Ehmke sind die Gesuchten "die gefährlichsten Gangster, die es gibt".
Selbst Bonns oberster Sicherheitschef, der Leiter des Verfassungsschutzes, Günther Nollau, bezeichnet die RAF als "eine Gruppe von Desperados", wenn auch eine sehr gefährliche. Irritierend findet er, "dass da so viele Mädchen dabei sind. Vielleicht ist das ein Exzess der Befreiung der Frau, was hier deutlich wird".
Ende der Siebzigerjahre ist die Sicht auf die RAF längst eine andere. Der Deutsche Herbst 1977 ist ein Wendepunkt. Dabei hatten ihre Mitglieder schon seit Langem gezeigt, dass sie auf Menschenleben wenig Rücksicht nehmen. Von der Devise der deutschen Linken – "Gewalt gegen Sachen – ja, Gewalt gegen Personen – nein" – hatten sie sich seit Jahren weit entfernt.
Später hieß es oft: Angriffe auf die "Herrschenden" seien legitim, nicht aber auf Normalbürger. Eine Differenzierung, die die RAF angesichts von Menschen, die der Tat im Wege standen, wie Polizisten oder Begleitpersonal, aber fallen ließ. Schon bei der Befreiung Andreas Baaders streckten sie einen Unbeteiligten mit einem Lebersteckschuss nieder. Im April 1977 starben der Generalbundesanwalt Siegfried Buback, sein Fahrer und ein weiterer Begleiter.
In jenem Herbst 1977 entscheidet die Regierung Helmut Schmidts, sich nicht erpressen zu lassen. Der Bundeskanzler sagt in einer Fernsehansprache, die in diesen Tagen wieder häufig zitiert und in den sozialen Medien verbreitet wird: "Der Terrorismus hat auf die Dauer keine Chance. Denn gegen den Terrorismus steht nicht nur der Wille der staatlichen Organe, gegen den Terrorismus steht der Wille des ganzen Volkes."
Elf Terroristen wollen Schleyers Geiselnehmer freipressen, dieselbe Forderung stellt das palästinensische Kommando, das flankierend dazu die Lufthansa-Maschine "Landshut" mit 82 Passagieren und 4 Besatzungsmitgliedern entführt. Schmidt lässt die "Landshut"-Geiseln in Mogadischu von der Elitetruppe GSG 9 befreien und nimmt damit den Tod Hanns Martin Schleyers bewusst in Kauf.
"Was in aller Welt unterscheidet das Killer-Quintett der letzten Woche von den faschistoiden Henkern Rosa Luxemburgs?", fragt SPIEGEL-Chefredakteur Erich Böhme in einem Kommentar. "Bestenfalls ihre kriminelle Energie. Nichts mehr von Gehirn oder Gesinnung einer Meinhof der 68er-Jahre, eines Dutschke ..." Ulrike Meinhof, von der Böhme mit halber Anerkennung spricht, lebt da schon nicht mehr. Im Mai 1976 hat sie sich umgebracht.
Die Schleyer-Entführung und die Tage, die ihr folgten, räumten mit dem verklärten Bild von Untergrundkämpfern auf, die, wenn auch äußerst brutal, für Solidarität und mehr soziale Gerechtigkeit einstehen, für die große sozialistische Utopie.
Der spätere SPIEGEL-Chefredakteur Stefan Aust wird in seinem Standardwerk zur RAF ("Der Baader-Meinhof-Komplex") schreiben, Gudrun Ensslin und ihre Kampfgefährten hätten sich selbst nie als Terroristen gesehen, "sondern als legitime Widerstands- und Freiheitskämpfer gegen ein unmenschliches ,System', legitimiert durch ein geradezu religiöses Recht auf Widerstand gegen Tyrannen jeglicher Organisationsform. Die blutige, inhumane Wirklichkeit der eigenen Handlungen blendeten sie weitgehend aus." Auch in dieser Logik werden andere folgen.
Der Terror der RAF wird die Bundesrepublik bis Anfang der Neunzigerjahre erschüttern und beschäftigen. Erst 1998 erklärt die Gruppe, das "Ende dieses Projekts" sei nun erreicht, da sich gezeigt habe, "dass wir auf diesem Weg nicht durchkommen konnten". Da erscheint der Linksterrorismus schon als ein Anachronismus. Längst hat sich eine neue Bewegung gebildet, die ebenfalls mit den Mitteln des Terrorismus die Welt verändern will, durch den Angriff auf den westlichen Kapitalismus. Doch ihre Ziele und Beweggründe sind ganz andere.
Der radikale Islamismus entstand in den Zwanzigerjahren in Ägypten. Einer seiner wichtigsten Vordenker war Sajjid Kutb, ein Muslimbruder und Antikolonialist, für den sich der große Kampf der Zukunft zwischen dem wahren Islam und dem Materialismus abspielen würde.
Seine Idee einer panislamischen Revolution inspirierte unter anderem einen Mann namens Osama Bin Laden, den Sohn des reichen saudi-arabischen Bauunternehmers Mohammed Bin Laden. Er wurde seiner Familie abtrünnig und zog in den Achtzigerjahren nach Afghanistan, um sich am Kampf der Mudschahidin gegen die Sowjetunion zu beteiligen. Erst später fand er einen noch lohnenderen Feind: die USA.
Zum ersten Mal tauchte Osama Bin Laden in einer SPIEGEL-Geschichte im November 1995 über Saudi-Arabien auf, als ein Tycoon, "der angeblich vom Sudan aus auch militante Fundamentalisten in Algerien oder Ägypten sponsert".
Es folgt eine kurze Meldung im Oktober 1996: Der "ausgebürgerte saudi-arabische Multimillionär Ussama Ibn Ladin", wie er damals geschrieben wurde, finanziere und leite ein Trainingslager für Araber, die in Afghanistan an der Seite der "radikalislamischen Taliban-Milizionäre" kämpfen wollten. Ganz so unauffällig war er also nicht, wie später oft behauptet wurde. Bis zum 11. September 2001 wird er in 52 SPIEGEL-Geschichten namentlich erwähnt. Sie zeichnen in Grundzügen seinen Weg nach: die Anfänge in Afghanistan, die Attentate auf die US-Botschaften in Nairobi und Daressalam im August 1998, sein Aufstieg zum "Kopf einer neuen, weltweit wirkenden islamistischen Terrororganisation".
Im Jahr 1998 wird auch der Name "el-Qaida" erstmals im SPIEGEL genannt: In Bayern war ein Mann namens Mamduh Mahmud Salim festgenommen worden, der als Finanzchef von al-Qaida galt. "Die Vorwürfe gegen ihn sind nach Ansicht der deutschen Behörden nur dürftig belegt", stand in dem Artikel. Doch sie erwiesen sich als richtig, der Mann wurde an die USA ausgeliefert.
Zwei Jahre später, im Oktober 2000, folgte das Attentat auf das Kriegsschiff USS "Cole" im Jemen, bei dem 17 US-Soldaten starben.
Dann kam der 11. September 2001.
Der Erscheinungstermin des SPIEGEL wurde vorgezogen. Die Ausgabe mit der Titelzeile "Der Terror-Angriff: Krieg im 21. Jahrhundert" erzielte die höchste Auflage seiner Geschichte: 1,4 Millionen Hefte. SPIEGEL ONLINE, im damals noch relativ neuen Medium Internet, zählte fast zehn Millionen Zugriffe – fünfmal so viele wie an den besten Tagen davor.
Einige Attentäter vom 11. September hatten in Hamburg gelebt, nur wenige Kilometer vom SPIEGEL-Haus entfernt. Die Reporter erfuhren als erste Journalisten weltweit die Namen der Attentäter, sie begleiteten Polizeieinsätze in Hamburg-Harburg. Eine Gruppe von Redakteuren widmete sich den Biografien der Täter, ihrem Netzwerk und rekonstruierte deren Leben in Deutschland und die Vorbereitung der Anschläge.
Was hatte diese gut situierten jungen Männer, die in Deutschland studierten, zu Osama Bin Laden getrieben? Es war die gleiche Frage, die später immer wieder gestellt werden sollte, auch nach den Anschlägen auf "Charlie Hebdo" im Januar 2015 und auf Caféterrassen und die Konzerthalle "Bataclan" in Paris am 13. November des vergangenen Jahres, als ebenfalls große Reporterteams versuchten, das Leben der Attentäter zu erforschen – weil sich der Terrorismus ohne die Motivation der Täter nicht verstehen lässt.
Waren es Unterlegenheitsgefühle angesichts der Arroganz des Westens gegenüber der muslimischen Welt?
War es Orientierungslosigkeit, Suche nach Werten, ins Fürchterliche gekippt?
Hatten Wut- und Hassgefühle in den Gettos mit sozialer Verelendung zu tun? Die Suche nach den Ursachen dauert an, die Auseinandersetzung mit dem Islam, die Frage nach der Brüchigkeit westlicher Werte, nach der Zerbrechlichkeit offener Gesellschaften – Fragen, die sich nach Attentaten wie dem in Berlin, mit neuer Dringlichkeit stellen.
Es begann eine neue Sicherheitsdebatte, die in Variationen bis heute geführt wird: die Rufe nach Vergeltung und Intervention, die militärische Aufrüstung.
Es begann die Jagd auf die Qaida-Anführer in Afghanistan, auf ihre Anhänger weltweit. Zu beobachten war die zunehmende Verwandlung der straff geführten Terrororganisation al-Qaida in ein Franchiseunternehmen, das die Ideologie und den Namen zur Verfügung stellte, aber kaum mehr selbst an der Ausführung der Attentate beteiligt war. Zu berichten war über den amerikanischen Anti-Terror-Kampf, die Redaktion begleitete ihn kritisch. Besonders vehement kritisierte sie später den Irakkrieg, der den Terrorismus in der Region massiv beförderte.
Was dabei herauskam, beschrieb der SPIEGEL am 8. Dezember 2003 so: "Seit Jahren ziehen militante Islamisten aus Deutschland in alle Welt, um den Heiligen Krieg zu kämpfen. Ihr neues Ziel: der Irak." Ein Mann mit dem Kampfnamen Abu Musab al-Zarkawi kommt in diesem Text vor, der "ehemalige Leiter eines der Ausbildungslager Osama Bin Ladens".
Zarkawi, ein Jordanier, kam in den Tagen vor der US-Invasion nach Bagdad; ein damals 36-jähriger, tätowierter Schulabbrecher mit einer Vision: die Errichtung eines sunnitischen Kalifats von Syrien bis zum Golf. Mit Anschlägen auf Schiiten will er einen Religionskrieg entfachen, der alle Sunniten in sein Lager treiben und die Schiiten ins Exil zwingen soll. Er beginnt fünf Monate nach der Invasion mit einer Serie spektakulärer Bombenanschläge, darunter einen auf das Uno-Hauptquartier in Bagdad, und greift vor allem Schiiten und ihre Heiligtümer an.
Zunächst schließt er sich 2004 Osama Bin Laden an und nennt seine Organisation "al-Qaida im Irak". Doch bald gerät er in Konflikt mit Bin Laden, der von einem Religionskrieg wenig hält. Nach Zarkawis Tod nennt sich die Gruppe um in "Islamischer Staat im Irak" (ISI), bleibt al-Qaida aber weiter verbunden. Sie verwandelt den Irak in den kommenden Jahren in eine Hölle aus Bombenanschlägen auf Zivilisten, irakische und US-Soldaten.
Als ein US-Luftschlag Zarkawi im Jahr 2006 tötet, sagte der jordanische König Abdullah II. dem SPIEGEL in einem Gespräch: "Wir haben nun Grund, nach vorn zu schauen. Aber womöglich ist das nur ein taktischer Sieg. Unser strategisches Ziel muss dagegen die Stabilität für den Irak sein, die dem Land Hoffnung gibt. Nur so lässt sich der Terrorismus bezwingen." Damit sollte er recht behalten.
Im Juni 2014 erschien ein Nachfolger Zarkawis auf dem SPIEGEL-Titel mit der Zeile: "Das neue Gesicht des Terrors". Sein Name: Abu Bakr al-Baghdadi. Überraschenderweise hatte sich die Organisation, die Zarkawi einst im Irak gegründet hatte, nach Syrien ausgebreitet, von al-Qaida losgesagt und ein Gebiet von der Größe Großbritanniens eingenommen. Damit hatte sie den Traum ihres Gründers wahr gemacht, die von den Kolonialmächten gezogene Grenze zwischen dem Irak und Syrien ausgelöscht und ein "Kalifat" gegründet. Der IS war der große Nutznießer des Chaos in Syrien und im Irak.
Aber wer sind diese Leute, die einen Staat des Terrors errichten wollen, im "Namen Gottes"? Wie sind sie organisiert? In die Hände des SPIEGEL-Reporters Christoph Reuter gelangten 2014 geheime Papiere des Architekten des IS, eines Mannes namens Haji Bakr. Er hatte eine Art Bauplan des IS hinterlassen, eine prall gefüllte Mappe handschriftlicher Organigramme, Listen und Ablaufpläne, die beschrieben, wie sich ein Land schrittweise unterwerfen lässt: "Der Quellcode der erfolgreichsten dschihadistischen Terrorarmee der Neuzeit", schrieb Reuter in der Geschichte "Der Stratege des Terrors".
Die Entdeckung belegte erstmals, welche Rolle die ehemaligen Kader aus dem nach 2003 zerfallenen Geheimdienst des irakischen Diktators Saddam Hussein bei der Gründung des IS spielten, mit welcher Akribie sie die Einnahme von Dörfern planten, wie sie nach alten Geheimdienstmethoden Spitzel einsetzten, um an Informationen über einzelne Bewohner zu kommen, die sie dann mit dem erworbenen Wissen erpressten und für ihre Zwecke einsetzten. Der Terror des IS erschien auf einmal überraschend bürokratisch.
Über den Unterschied zwischen Guerillero und Terrorist schrieb in den Siebzigerjahren der Journalist Franz Wördemann: "Der Guerillero will den Raum, der Terrorist will dagegen das Denken besetzen." Der IS hingegen will beides, er wurde als Terrorstaat mit eigenem Territorium gegründet. Zugleich verpackte er die Ideologie von Kutb und Bin Laden, das brutale Morden zu einem Mix aus Pop, Videoclip und Splattermovie, der Zehntausende Dschihadisten aus aller Welt anzog.
Politisch verbindet den radikalen Islamismus und die RAF nicht viel, sieht man davon ab, dass sich beide diffus antimaterialistisch und antiimperialistisch positioniert haben. Vielleicht ist das Gemeinsame vor allem die berauschende Wirkung, die sie auf ihre Anhänger ausüben.
Der Terrorexperte Peter Neumann vom Londoner King's College sagt, der "Islamische Staat" habe natürlich etwas mit dem Islam zu tun, aber auch beim IS gehe es um eine Protestideologie, einen Gegenentwurf zur westlichen Gesellschaft, ähnlich wie in den Siebzigerjahren bei der RAF. Und um eine Bühne für Menschen, die ihre Bedeutung beweisen wollen und müssen, Menschen wie Andreas Baader.
Wäre Baader heute womöglich zum IS gegangen? Neumann hält das nicht für ausgeschlossen. Baader sei letztlich kein sehr ideologischer Mensch gewesen, habe im Mittelpunkt stehen wollen, habe ein starkes Bedürfnis nach Abenteuer und Aufmerksamkeit gehabt, anders als Ulrike Meinhof und Gudrun Ensslin, die starken Frauen der RAF.
Andreas Baader ähnelt darin vielmehr den "foreign fighters" des IS, die aus den französischen Vorstädten oder deutschen Kleinstädten gen Syrien und Irak aufbrechen, um dort Kämpfer zu werden und endlich nicht mehr Verlierer zu sein. Der Terrorismus ist immer wieder das Mittel derer gewesen, die aus der Gesellschaft ausbrechen wollen und sich von ihm ein grausames Abenteuer versprechen.
Wie also umgehen mit dem Terrorismus? Wie ihn besiegen?
Der 2002 verstorbene SPIEGEL-Herausgeber Rudolf Augstein widmete sich nach den Anschlägen vom 11. September 2001 in einem seiner letzten Kommentare dem amerikanischen Krieg gegen den Terror.
Er schrieb Sätze, die bis heute gelten: "Täter, die man kennt, kann man womöglich aufspüren und unschädlich machen. Den Terror als solchen zu bekämpfen ist hingegen eine Verlegenheit, eine Unmöglichkeit. Auf welche Weise soll man denn den weltweiten Terrorismus ausrotten, der in so vielen Erscheinungsformen daherkommt, der so viele unterschiedliche Wurzeln hat?" ■

Auszug aus dem SPIEGEL vom 24. Oktober 1977

Nach der Befreiung der entführten Lufthansa-Maschine "Landshut" im somalischen Mogadischu veröffentlicht der SPIEGEL in seiner Titelgeschichte Details zum Ende des 106-stündigen Geiseldramas: "Mediziner und Sanitäter, vorwiegend Italiener, gingen in der Flughafenhalle auf Position. Im münsterländischen Milte richtete sich eine 42 Meter hohe Antenne auf Somalia: Mit Direktleitung in Kanzlers Krisencenter wurde auf den Kurzwellensprechverkehr von Mogadischu geschaltet." Die ganze Geschichte lesen Sie unter spiegel.de/spiegel/print/d-40749082.html oder in der App.
Von Mathieu von Rohr und Britta Sandberg

DER SPIEGEL 1/2017
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