07.01.2017

MigrationFremdenverkehr

Was haben all die Flüchtlinge nur mit diesem Land gemacht? Eine Winterreise durch die Gemeinden. Text und Fotos von Alexander Smoltczyk
Franz Grassl, den sie im Tal nur den Flinsei nennen, weil er vom Flinsenlehen stammt, und der die Autolackiererei in Schönau hat, da hinter Berchtesgaden, der Flinsei also hat von der Asylantenflut, wie sie das nennen im Tal und auch sonst wo, zwei abbekommen. Ahmed, den kleinen Syrer, der so flink im Fußball ist, und den Afghanen Qais, der zu Fuß aus Iran hergelaufen ist und jetzt Lackierer lernt beim Flinsei in der Werkstatt. Da, wo ein Foto vom Deutschland-Bob hängt. Weil der hier gespritzt wird, in Schwarz und Rot und Gold. Der Bob. Aber irgendwie auch der Ahmed und der Qais.
"I hob Ungarn g'habt, an Polen, an Türken, Slowaken, Bulgaren und durch dies hob i koa Angst ned, woaßt? Es gibt ja weiche, de hob'n Angst von de Ausländer. I scheiß ma do nix, auf Deitsch g'sogd." Sagt der Flinsei.
Hinterm Kehlsteinhaus, da ist Mekka. In diese Richtung beten sie. Das Kehlsteinhaus liegt da oben, auf dem Obersalzberg, wo Franz Grassl jetzt hinzeigt übers Werkstattdach, und hat mal dem Hitler gehört. Nein, er habe kein Problem mit dem Beten und dem Mekka: "Beim Rammadan, da bin i schon menschlich. I find des guat, dass sie's machen, weil des eana Glauben und ihr Dahoam is. Wenn mir schuahplattl'n, muass der a zuaschau'n."
Es ist ganz einfach.
Man muss nur das haben, was Franz Grassl "eine Linie" nennt und was mit "Heimat" zu tun haben mag, selbst wenn die irgendwo hinterm Kehlsteinhaus liegt, und mit Verwurzelung und einer Sprache, die mehr Heimat ist als alles andere und ohne die der Flinsei nicht der Flinsei wäre.
"Ob i mi verändert hob? Wegen dera Auslända? Na. I hob mei Linie. Bei mir gibt's koa Veränderung ned. De miass'n si nach uns richt'n, weil sonst miassen's dahoam bleib'n. Des Oanzige, was i im Betrieb g'ändert hob, beim Brotzeitmach'n kriag'n de scho de richtige Brotzeit, ohne Schweinefleisch. Da kennan's dann ihr Hendl essen, dös, wos sie kennan. Wia der zu mia g'sagd hod, er miassat um halbe zwölve in sei Richtung schau'n und bet'n, dann sag i: Geh auffi, nimm dein Teppich mit, und in zehn Minuten bist wieda do. Und die zehn Minuten muass er dann nacharbeit'n."
83471 Markt Berchtesgaden (73 Flüchtlinge)
Im Sommer 2015 stellten Unbekannte eine Google-Map ins Netz, eine "Übersicht zu Asylantenheimen in Deutschland". Jede Turnhalle, jeder Container war mit einem roten Stecknadelkopf markiert, und vor lauter Rot war kein Land mehr zu sehen. Die Absicht war dunkel, die Botschaft klar: Deutschland ist geflutet.
Sobald man sich jedoch in diese Karte hineinzoomt, verändert sich das Bild. Die Nadelköpfe lösen sich voneinander, sie entklumpen sich und bekommen Namen. Und wenn man diese Ortsnamen dann mit dem Wort "Flüchtling" zusammen googelt, kippt das ganze Bild, und es tauchen Berichte auf über gemeinsame Fußballspiele, Kümmerer, Gemeindefeste, Bürgerversammlungen.
Dies ist der Bericht über eine Reise zu acht dieser Stecknadeln. Manche rein zufällig gewählt, ihres Namens oder ihrer Lage wegen. Acht sehr gewöhnliche Orte, in denen kein Heim brannte und keine Studentin ermordet wurde. Es sind kleine und kleinste Orte, jeder auf seine Weise im Abseits, aber alle dann doch ins Zentrum eines Geschehens gerutscht, in jenem Moment, als die ersten Fremden kamen.
Franz Grassl ist selbst Bob gefahren. Er ist gut Freund mit dem Hackl Schorsch, dem Rodler, und mit dem anderen Franz, der auch oft im "Goldenen Bären" sitzt und Beckenbauer heißt. "I hob mit de Deitsche mehr Probleme ais mit de Auslända. De Deitsch'n woil'n ja nix mehr lerna, nimmer arbeit'n. Wenn de a Furz druckt, dann san's krank. Seit zehn Joar is des ganz scheee schlimm woan."
Der Nachbarn wegen würde er keinen Schwarzen einstellen, das nicht. Aber den Ahmed schon und den Qais, auch wenn der noch nicht anerkannt ist, aber immer mit dem Vokabelheft rumgelaufen ist. Die seien so fleißig: "De hob'n den Führerschein gemacht, lauter Oansa und Zwoara. De hob'n ja fui Deitsch g'lernt. Von 30 Schülern, do bleib'n 3 ibrig. Und de drei, von dene hob i genau zwoa dawischt. Zehn Prozent san des, mit dene du wirklich wos ofonga konnst. Sog i jetza. Ois oandre konnst wieda hoamschicka. Wenn sie selber Deitsch lerna woll'n, dann schaff'n sie's. Arbeit'n konnst du denen schon lerna, woaßt. Des Wichtigste is Deitsch lerna! Weil, sonst konnst di ned mit dena unterhoit'n."
Deutschlernen ist das Wichtigste.
02957 Weißkeißel (50 Flüchtlinge)
"Flüchtlingswelle überschwemmt Landkreis", hatte der "Berchtesgadener Anzeiger" anfangs geschrieben. Damals redeten alle wie die Wassertechniker, von Überflutung, Eindringen, Versickern, Obergrenze, manche auch von Durchmischung und Dammbruch. Es war wie beim Oder-Hochwasser.
Hinter dem Büro von Andreas Lysk parken Müllautos in Reihe, weiter hinten liegen nach Farbe sortiert die Tonnen. Abfallentsorger ist ein erfüllender Beruf. Außerdem muss jemand es ja machen. Deswegen ist Andreas Lysk auch nebenbei noch Ortsvorsteher geworden. "Bevor die Roten rankommen", sagt er. "Ich habe meine Erfahrungen mit den Leuten gemacht, zu Ostzeiten."
Weißkeißel liegt bei Weißwasser, was für manche der hinterletzte Ort Ostsachsens ist. Weißkeißel liegt noch dahinter. Eine Handvoll Häuser und viel Gegend. "Als die Flüchtlinge kamen, war die erste Frage von denen: Wo ist Köln? Wo ist Hamburg? Die mussten erst mal auf eine Karte schauen." Und da war kein Köln und auch kein Hamburg. Da war nur Weißwasser. Und Krauschwitz, wo der nächste Netto ist, und dann kommt nur noch Polen.
1285 Seelen. "Das hier ist Fläche ohne Ende", sagt Andreas Lysk. Wer hier durchfährt, an Truppenübungsplätzen und Seniorenheimen und Discountern vorbei, der meint, dass dem Land ein wenig demografische Bewässerung nicht schaden könnte. Der Staat müsste mehr machen, sagt Andreas Lysk, der Ortsvorsteher. "Nee, ich bin nicht der Staat. Staat ist, wer Gesetze machen kann. Ich kann nur die Satzung machen, wann der Hund bellen darf."
Nun stand da am Ortsrand das ehemalige Haus vom Bundesforstamt. "Da sagte der Bund zum Landkreis: Ihr braucht doch Platz für Flüchtlinge. Oh, dachte ich, jetzt ist es auch bei uns angekommen, in Ostsachsen. Na denn. Stellen wir uns der Geschichte."
Es gab die erste Demo in der Geschichte von Weißkeißel und eine Versammlung. Ein ortsfremder Reichsbürger machte Stimmung und musste von der Polizei herausgetragen werden, mitsamt des Stuhls, an dem er sich festkrallte. Ein Anwohner fragte: "Wie sind die überhaupt versichert? Das Bundesforstamt ist nicht über meine Wiese gelatscht."
Also wurde ein Zaun gebaut. "Die Stimmung war nicht abwehrend", sagt Andreas Lysk. "Eher abfragend. Die Leute verstanden nicht, weshalb jetzt plötzlich Geld da war und sonst die Lehrer und Polizei immer abgebaut wurden. Da muss man erst mal eine Antwort haben. Ich hatte nichts gegen Familien, möglichst aus denselben Ländern. Aber 30 Single-Herren aus Nordafrika, hier, wo um 17 Uhr die Bürgersteige hochgeklappt sind, das möchte ich nicht. Also haben wir Familien gekriegt."
Ortsvorsteher Lysk hätte sich natürlich was anderes gewünscht für seinen Leerstand. Andererseits: Wer zum Stichtag 30. Juni in Weißkeißel gemeldet ist, ist Bürger der Gemeinde. "Je mehr Leute hier wohnen, desto mehr Geld ist in der Kasse." Gewerbesteuer ist ja nicht viel.
Letztlich stellt man sich der Geschichte, wie man sich der Abfallentsorgung stellt. Ordentlich. "Man muss ordentlich miteinander umgehen. Wir haben geregelt, was zu regeln war. Als beim Dorffest ein Zelt aufgebaut werden musste, haben zehn Kerle von denen mit angepackt, da war der Fall erledigt. Dann hatten wir das Hexenbrennen mit dem Scheiterhaufen. Da waren die Jungs und Mädels Flüchtlinge da, bis es finster wurde und sie wohl ein bisschen Bammel hatten, dass sie auch Haue kriegen. Ihr braucht keine Angst zu haben. Dann haben sie sich unter die Leute gemischt, das war alles easy."
Aber unter den Flüchtlingen seien viele Lehrerinnen. Was ist mit denen? Wo sollen die Arbeit finden? Geschafft, sagt Lysk, sei noch gar nichts.
Er habe, als Gemeinde, mal einen Fußball vorbeigebracht, sagt Andreas Lysk. Sonst hat er keinen Kontakt gesucht. "Am Anfang bin ich hin zu denen, und die haben mir Bilder gezeigt von der Flucht. Ich hab das nicht so an mich rangelassen. Die bleiben nicht lang, das wusste ich. In Weißkeißel, da bleibt niemand."
Es gibt Köln und Dresden und Freiburg. Und es gibt das Fly-over-Deutschland, eine Welt, die in den Schlagzeilen bei Ausbruch von Rinderwahn auftaucht oder Geflügelpest oder besonders abgründigen Fällen aus dem Kriminalregister. Aber 42 Prozent der Deutschen leben in Orten mit weniger als 20 000 Einwohnern, und nicht immer in Speckgürteln. Sie leben in Orten wie Weißkeißel, Altglashütten, Torgelow, Haßloch oder Berchtesgaden. "In der Fläche", wie die Raumplaner sagen.
Und über die Fläche sind auch die Asylbewerber verteilt worden, die Flüchtlinge nach dem Genfer Abkommen, die Schutzbedürftigen, Migranten und Armutsflieher, Desperados und Glückssucher, mit einem Wort: die Fremden, mit denen Deutschland es zu tun bekommen hat.
Über den "Königsteiner Schlüssel" wurde jedem Landkreis seine Quote zugeschoben. So kam auch Hasi nach Sumte. Hasi heißt eigentlich Ramir, aber Sumte heißt Sumte.
19273 Sumte, Amt Neuhaus (1 Flüchtling)
Dreimal kam die Zukunft nach Sumte, dreimal zog sie wieder ab. "Möönsch, Hasi", sagt Bettina Sperling und gießt Kaffee in den Pappbecher – "My Mutti!", sagt Hasi, der eigentlich Ramir heißt.
Weil Sumte am falschen Ufer der Elbe liegt, war es früher DDR. Nach der Wende gelang es dem Dorf, an Niedersachsen zu fallen und damit quasi ans bessere Ufer. Bis die Sumter feststellten, dass sich eigentlich nichts geändert hatte außer dem Gesellschaftssystem. Die Nässe staute sich weiter in den Wiesen, und sonst war nix.
"Eine rauchen wir noch", sagt Mutti Sperling, und Hasi: "I was feel bad, but now ich bin glücklich." – "Ach, Hasi."
Dann kam eine Inkassofirma und setzte ein "Büro-Dorf" an den Ortsausgang, gegenüber vom Pferdebauern. Bis die Schuldeneintreiber selbst in die roten Zahlen gerieten und über die Elbe verschwanden nach Hannover. Und dann, im Sommer 2015, kam Hasi, der eigentlich Rami Allafa heißt und aus Damaskus stammt, und mit ihm 800 andere Flüchtlinge – "und ein paar Zerquetschte", fügt Bettina Sperling hinzu.
Sumte hatte zu dem Zeitpunkt noch 101 Bewohner. Sogar aus China kam das Fernsehen. Wenn ein Ort in Deutschland tatsächlich mit Fremden geflutet wurde, dann Sumte.
Über das, was in den nächsten Monaten geschah, gehen die Meinungen im Dorf auseinander. Die 89-jährige Frau Bilitzki aus dem Plattenbau an der Bushaltestelle, berichtet von 13 Schnapsflaschen, die sie gezählt habe, und dass "die überall rinjeschissen, auf Deutsch jesagt", hätten. Das Wasser habe ihr in den Augen gestanden. Denn auch sie sei Flüchtling, aus Angerburg, Ostpreußen, und "was die hier alles in Arsch geschoben jekriegt haben", das sei nicht richtig.
Auch Mutti Sperling sagt: "Das war Wahnsinn hier, absoluter Wahnsinn." Aber sie meint das anders. Sie erzählt von dem Kräuterbeet, das sie eingerichtet hatten, und dem Kinderhaus, von der Küche und vom Weihnachtsbasteln und der Krankenstation und davon, wie die Kinder dann, als alles vorbei war, noch mal aus dem Bus gestiegen seien und sie umarmt hätten. Und jetzt hat auch Bettina Sperling Wasser in den Augen.
Denn alle sind weg. Alle 800 Flüchtlinge sind umverteilt worden. Bis auf Hasi, den sie irgendwie übersehen haben.
"Then I have girlfriend with Alina, bisschen love", sagt Hasi. "Here in Deutschland they don't believe Allah. That's only difference. But they don't break feelings of other people. So nice people from deutsch. I was go to Arbeit with Mutti help."
"Der bringt ein bisschen Leben in die Bude. Aber wir haben den die acht Monate schon eingedeutscht, was, Hasi?"
171 Arbeitsplätze sind jetzt weggefallen, die Kräuterbeete weg, die Kleiderkammer weg, die Shisha-Bar, das Haus 7, "wo unsere Spezialisten waren", die mit den Schnapsflaschen am Wartehäuschen. Auch die, alles weg.
In den Wiesen ringsum die Staunässe, und von der Flut ist nichts geblieben. Die Letzten der Helfer sitzen im letzten noch geheizten Raum. Bezahlt wird keiner mehr, aber sie kommen trotzdem. Räumen noch ein bisschen rum und erzählen, wie einmal etwas los war in Sumte. "Jetzt hoffen alle natürlich, dass wieder Flüchtlinge kommen", sagt Olli dann, der von der Security und steckt sich "noch eine, die Letzte" an.
Sumte ist als Endlager für Atommüll im Gespräch. Hoffnung ist ja immer.
67454 Haßloch (226 Flüchtlinge)
Es gibt Stresstests für Banken und für Sportler, für den Bahnhof in Stuttgart, für das Containment von Atomkraftwerken. Und es gibt einen Stresstest für die deutsche Bundesrepublik, auf allen ihren Ebenen. Er läuft seit gut zwei Jahren und wurde nie gestartet, nie geplant und nie gewünscht.
Da standen eine Million Ungeplante im Wohnzimmer, und die meisten konnten kaum mehr sagen auf Deutsch als "Hallo" und "Danke".
Und "Bitte".
Ämter und Behörden, Regierungspräsidien, Rathäuser, Schulgremien, Dienststellen und Leitzentralen. Alle mussten unter verstärktem Druck zurechtkommen, üblicherweise ohne Vorwarnung. Die deutsche Bürokratie fand sich plötzlich dort, wo sie aus Prinzip nie sein mag: im Ausnahmezustand. Am Limit.
"Resilienz" nennen es die Systemforscher. Das heißt: Elastizitätsfähigkeit.
Auch die Elastizität der Bevölkerung wurde auf die Probe gestellt und wird es noch. Nicht nur, weil Turnhallen freigeräumt und Kleider gesammelt werden mussten, Plakate gemalt und Facebook-Netze geknüpft. Auch weil man ja doch ein wenig Dankbarkeit erwartet hätte und weiß, dass das falsch ist. Aber trotzdem. "Die Flüchtlinge" haben Deutschland ziemlich geschafft.
Das größte Dorf der Pfalz heißt Haßloch. Am Bahnhof steht ein Junge mit einem Mundschutz, der ihm das Aussehen eines Totenschädels verleiht, und wartet auf die Bahn nach Mannheim. Er wundert sich, dass man sich darüber wundert.
Denn Haßloch ist normal. Sogar das Normalste, was es gibt in Deutschland. Die Gemeinde entspricht von der Bevölkerung, den Vorlieben, der Geburtenrate, dem Einkommen fast exakt dem deutschen Schnitt. Deswegen testen Marktforscher an den Haßlochern, was der Rest des Landes erst noch vor sich hat. Von der Milchschnitte bis zur ... "Na ja, die Große Koalition nicht, die haben wir dem Bund nachgemacht. Aber sonst gilt: Wenn es in Haßloch klappt, klappt es auch im Rest von Deutschland."
Das sagt der Anwalt Ralf Trösch, 45 Jahre alt, Beigeordneter, der so etwas wie der Peter Altmaier von Haßloch ist. Auch weil er sich um die Flüchtlinge kümmert.
"Von 400 Flüchtlingen und Asylbewerbern leben noch 226 bei uns", sagt Trösch. Das wären bei 20 500 Bewohnern gut ein Prozent. Bei 82 Millionen sind das 900 000.
"Sehen Sie?" Haßloch ist Deutschland.
"Als Beigeordneter besuche ich unsere Jubilare, etwa 30 jeden Monat. Da fragen mich die Leute: Haben wir auch Flüchtlinge? Ja, sage ich dann, ein paar Hundert. Wo sind denn die?, wird dann gefragt. Wir haben die relativ früh dezentral untergebracht. Wenn die Mischung stimmt, klappt das auch. Die sozialisieren sich weitestgehend selbst."
Anfangs hatte es ständig Polizeieinsätze gegeben, im Heim Bahnhofsstraße. Aber das habe sich beruhigt. Auch wurden die Obdachlosen von den Asylbewerbern getrennt, damit es keinen Neid gibt. Weil Letzteren die kaputte Waschmaschine ersetzt wird, Erstgenannten jedoch nicht. Weil ein Hartz-IV-Empfänger das Ansparen lernen soll, weswegen er auch mehr Geld bekommt.
Zwei Schulklassen wurden eingerichtet, zwei Kümmerer eingestellt. "Unsere Kümmerer", sagt Trösch, "fahren die Objekte in regelmäßigen Abständen ab. Als ein Schrank zerschlagen wurde, haben wir denen klargemacht: Egal aus welchem Kulturkreis, aber fremdes Eigentum wird nirgendwo kaputt gemacht. Und haben symbolisch kleinere Beträge vom Taschengeld einbehalten. Das spricht sich dann rum."
Es geht etwas Zufriedenes aus von Trösch, eine innere, fast schon buddhistische Ruhe, wie sie wohl nur ein Kommunalpolitiker haben kann, der weiß, dass er erwiesenermaßen die Mitte ist. "Das hat sich alles sehr beruhigt", sagt Trösch.
Haßloch macht das, was im 18. Jahrhundert "gute Policey" genannt wurde. Ordnende Regierungs- und Verwaltungstätigkeit. Für alles gibt es eine Lösung, und für den Rest gibt es die Ehrenamtlichen, ohne die es dann doch nicht geht.
Es hilft, dass Haßloch – untypisch – seit jeher von der Badischen Anilin- & Sodafabrik lebt, der BASF. "Geschafft?" Trösch weicht der Falle aus und sagt: "Nun, bisher war es die Willkommensphase. Jetzt geht es darum, das Leben zu organisieren. Jetzt kann ich arbeiten gehen, aber wie bekomme ich einen Job? Und seit einem halben Jahr kommen immer mehr bildungsfernere Menschen zu uns; Afghanen, Somalier, Eritreer." Wie überall eben.
Wo bleibt das Negative? Das Unbehagen, wenn am Eingang zum Bahnhof oder Supermarkt wieder eine Gruppe steht, die Gettomützen auf dem Kopf, ein wenig zu laut, ein wenig zu selbstbewusst. Die klammheimlichen Gedanken, wenn zwei Frauen mit Kopftuch ihre Kinderwagen schieben, einen Tick zu selbstverständlich. Und dass man als Mädchen vorsichtiger ist, die Straßenseite wechselt, öfter als früher, oder nicht?
79868 Altglashütten (48 Flüchtlinge)
Idyllisch wie eine Schneekugel liegt das Dorf im Hochschwarzwald. Ein Ruck, und es würde leise rieseln über Kirchturm und Schindeldächern, all die Ruheständler mit festem Schuhwerk. Hier heißt Tourismus noch Fremdenverkehr.
"Die Hoteliers gingen als Erste auf die Barrikaden. Die hatten Sorge, dass hier im Touristengebiet zu viele Fremde herumlaufen." Die Saarländerin Bettina Kirch ist irgendwann einmal hier zwischen Feldberg und Titisee hängen geblieben. Sie passt ungefähr genauso gut nach Altglashütten wie Percy, mit dem sie gerade im Lidl Tiefkühlpizzen in den Einkaufswagen geladen hat.
Percy ist Afroamerikaner und anerkannter Asylbewerber, dessen Lebens- und Leidensgeschichte, wie er meint, aber nichts zur Sache tue. Leider.
"Egal", sagt Bettina Kirch. "Kurze Zeit hing auch ein Plakat bei uns in der Straße: Kein Asylheim in Altglashütten. Das war wüst. Na gut, man weiß nicht, wer kommt. Aber es sind nur einige wenige, die sich in die Luft jagen. Mir haben die Bewohner leidgetan. Die werden irgendwo im Wald in ein Haus reingesteckt, mehrere Nationen, mit verschiedenen Religionen und gefüttert, und das war's dann auch. Die sitzen nur rum in der – Pampa darf man ja nicht mehr sagen, das heißt ja jetzt Nischengegend. Also habe ich Pappen gemalt und mit dem Unterricht angefangen. Auch als Ablenkung. Ich habe denen gesagt: Kinder, kein Deutsch, kein Deutschland. Denn die Sprache ist der Schlüssel. Und nur Bitte und Danke sagen reicht nicht."
Es sei schwer gewesen, sich als deutsche Frau bei den Männern durchzusetzen. "Ich musste die brechen. Erst mal ganz runterholen und dann wieder hoch auf Augenhöhe. Man musste ihnen an die Ehre gehen, auch manchmal unter die Gürtellinie zielen, um zu sehen, ob sie etwas verstehen."
In einem ihrer vielen Leben ist Bettina Kirch auch mal Chefin einer Werbekolonne im Außendienst gewesen.
Das Haus, wo "unsere Asylis" leben, liegt ein wenig den Hang hoch, Blick auf den Skilift, und gehörte einmal dem Badischen Turner-Bund. Am Eingang hängt eine Liste mit 48 Namen.
Da ist der Gambier Niang, studierter Chemiker, der in der Schwarzwaldbäckerei in Bärental die Tortenteller abräumt und sagt, er möchte sein Leben stabilisieren.
Da ist ein Togoer, der wird zum Altenpfleger ausgebildet und arbeitet im Kur- und Pflegehaus. Drei Afrikaner jobben in der Gastronomie, "Römerhof", "Grüner Baum" und "Saigerhöh", zwei in der Spülküche des Hotel Schlehdorn ein paar Schritte den Hang hinunter. Einem anderen hat der Metzger ein Praktikum angeboten. Beim Dachdecker ist auch jemand untergekommen und beim Badischen Turner-Bund in Teilzeit. Die anderen Heimbewohner sind frühmorgens zu ihren Sprachkursen verschwunden oder sonst wo hin.
Doch es genügt ein kleiner Ruck, und das Schneekugelbild verändert sich. Und sei es nur in Nuancen. Etwa wenn die grüne Gemeinderätin Heidi Bauer erzählt, Hauswirtschaftslehrerin im Ruhestand und in Altglashütten die Erste, die sich für das Flüchtlingsheim eingesetzt hatte.
"Das war anfangs eine ganz breite Mischung. Von altem persischem Adel bis zu Leuten, die noch nie einen Wasserhahn bedient haben. Manches war haarsträubend. Und das Frauenbild ... Ich mit meinen 70 Jahren habe drei Heiratsanträge bekommen. Von baumlangen, richtig schnuckeligen Afrikanern. Denen graust's vor nichts."
Heidi Bauer ist glücklich verheiratet, ihr Mann betreibt den Skilift und organisiert im Sommer Erlebnispädagogik im Wald.
In der Wohnung der Bauers stimmt alles, vom Kaminofen bis zu den Plätzchen.
"Eine Lehrerin, die in Afrika gelebt hat, hat mir das erklärt. Die sind alle Kinder, und manche eben auch unerzogen und böse. Man muss ihnen zeigen, wie man eine Herdplatte bedient, wie man ein Klo putzt, die Duschen reinhält. Das sind zwei Welten."
Sie erzählt, wie es in den ersten Monaten gewesen ist, und manchmal erschrickt sie über ihre Sätze. Aber sie redet weiter. Denn so war es.
Sie erzählt von den Kleidern, die am nächsten Tag in der Mülltonne lagen – "Das sind junge Männer, die haben ihren Stil. Aber unser Hausmeister ist schier wahnsinnig geworden. Der hat morgens die Fremdschläfer über die Dächer verschwinden sehen. Das Haus war voll von irgendwelchen Freunden von Freunden. Zum Glück war der Hausmeister Kampfsportler und hat sich so oft wehren können. Es waren Hausmeister zur Vertretung da, die haben sich eingeschlossen in der Besenkammer und weinten. Das ist so. Im Landratsamt wollen sie das nicht wissen."
Sie erzählt von den Zuhältern, die ihren Mädchen nach einer Schwangerschaft das Geld vom Sozialamt für den Kinderwagen abgenommen haben. "Die Osteuropäer der Anfangszeit waren teilweise wirklich massiv, nach dem Motto: ,Ich mach dich alle.' Dann gehen die zum Auto, und im Kofferraum liegen lauter Nummernschilder. Und die Polizei ist nicht gekommen. Die Bevölkerung bekommt das teilweise mit, und dann sind wir bei unseren Wahlergebnissen."
Heidi Bauer hat Trommelkurse organisiert und Schulunterricht für die Kinder und Wohnungen, sie hat gebettelt und vermittelt und telefoniert und getan und gemacht, und sie war nicht die Einzige.
"Die Christen", hier macht Bauer Anführungszeichen in die Luft, "also unsere Evangelikalen hier am Ort, die waren vom ersten Tag an aktiv. Die haben einmal sogar geholfen, die Familie nachzuholen, aus Pakistan. Aber das war auch ein Flüchtling, der vom ersten Tag an gelernt hat. Der setzte sich in die Volkshochschule in Titisee-Neustadt bis abends, nur um die Sprache zu hören. Bei Wind und Wetter ist der mit dem Rad dahin gefahren, einmal sogar mit gebrochenem Arm. 10 bis 20 Prozent schaffen das."
Und der Rest? Die grüne Gemeinderätin Heidi Bauer schenkt Tee nach, Plätzchen. Das bisschen Ärger sei auszuhalten. Etwas anderes liegt ihr auf der Seele. "Wir hatten eine Familie aus dem Kosovo, die Kinder bestens integriert. Und die mussten dann gehen. Gnadenlos. Das treibt mich um. Unser Staat trifft immer die, die er erwischt. Aber die anderen, die mit den drei, vier Pässen, die erwischt es nicht. Das ist so eine Ungerechtigkeit. Das treibt mich um. Ich kann manchmal nachts nicht schlafen. Ich muss Abstand gewinnen."
Der Stresstest, dem Deutschland unterworfen ist, läuft noch, und es ist offen, ob er bestanden wird. Aber schlecht sieht es nicht aus. Dank sehr vieler Leute, die nicht auf Twitter zupacken, sondern dort, wo es gebraucht wird. Eigentlich könnte dieses Land ziemlich stolz auf sich sein. Wenn es nur nicht so deutsch wäre.
17358 Torgelow (400 Flüchtlinge)
Geflutetes Land? Die Orte Vorpommerns laufen aus wie lecke Kanister. Die wenigen Menschen auf den Straßen scheinen immer noch hinter einer Mauer zu leben. Bleich-lila oder grau sind die Ballonkappen der alten Frauen, die paar Männer in Funktionsjacken wie vom Kik-Discounter, und es ist ihr gutes Recht.
Es ist kalt in Torgelow. Auf der Eisenbank in der Borkenstraße sitzt der Frührentner Ronald Dieter Adam, auch er 57 Jahre alt, ein kugelbäuchiger Herr im Blaumann, vor sich einen Müllbeutel, sein Schnauzer ist sorgfältig rasiert. Neben ihm zwei Kolleginnen von der Arbeitslosenhilfe, ein wenig freudlos wirkende Frauen, alle mit einem kommunalen Abfallgreifer in der Hand.
Vorpommern hat einen Ruf, für seine Arbeitslosigkeit, seine Neonazis und andere Trostlosigkeiten. Wenn irgendjemand schlecht auf Flüchtlinge zu sprechen sein sollte, dann diese drei Menschen auf der Parkbank.
"Flüchtlinge? Ja, die haben wir ..." – "In Spechtberg." – "Ja, Spechtberg." – "Die sind alle freundlich, kommen aus Syrien." – "Oder von Eritrea oder was." – "Aber die sind eigentlich freundlich, grüßen freundlich." – "Da kann man nicht meckern." – "Die meisten Jüngeren können ja Deutsch. Die was zur Schule gehen, die können gut Deutsch." – "Manche schon, ja, ja." – "So schlimm ist das nun nicht. Man muss mit sie alle auskommen, sagt man hier."
Auch in Adams Aufgang, im Plattenbau in der Beethovenstraße, wohne eine Familie aus Syrien, sagt er. Da sind jetzt andere Gerüche. Und freitags um halb drei kommt ein Palästinenser mit einem Lieferwagen und verkauft arabisches Essen. "Der Edeka hat ja nun zugemacht. Da müssen wir alle mit Fahrrad oder mit Auto zu Aldi oder Lidl. Die Rechten, das ist mehr Anklam und Ueckermünde. Wir Älteren sind ja für so was sowieso nicht. Wir brauchen keine Rumkrakeeler."
Adam erzählt, er habe Schlosser gelernt. Zu DDR-Zeiten war er Panzerfahrlehrer: T-54 und T-55. Den T-72 nicht, an den durfte nur die Stasi ran.
"Manche fühlen sich ja auch hier noch wohl. Im Jugendklub, da gehen sie vormittags hin, da ist so eine Integrationsgruppe." Da ist kein lauernder, abwartender Ton in dem, wie Adam erzählt, und die beiden Frauen neben ihm assistieren. Es ist immerhin die Woche, in der in Freiburg ein Mädchen zu Grabe getragen wird, das von einem Flüchtling vergewaltigt und ermordet worden sein soll.
Ronald Adam sitzt auf seiner Bank, den Müllgreifer vor sich, und sagt: "Wenn da eines Tages mal kein Krieg mehr ist, möchten die bestimmt gern wieder zurück in ihr eigenes Land. So habe ich manche verstanden. Dass sie sagen, wir bleiben erst mal hier, so lange, bis da Ruhe eingekehrt ist."
Wo ist der Hass, wo tobt es, das Volk? Auf der ganzen Reise fiel selten nur ein böses Wort, je kleiner der Ort, je direkter der Fremdenverkehr, je einfacher – nicht schlichter – der Befragte, desto mehr. Mag sein, dass die Leute abends Hassmails verfassen. Aber wenn es diese andere Wirklichkeit gibt, dann wird sie dort behalten, wo sie hingehört: für sich.
Seit 26 Jahren ist Ralf Gottschalk der Bürgermeister von Torgelow. Er ist geblieben, anders als viele seiner Bürger. 600 Wohnungen hat Gottschalk in Torgelow abreißen lassen, und die Stadt steht immer noch leer. "Aber wenn ich mich hinstellen und sagen würde, nun schickt uns noch mal 1000 Syrer, dann würden viele Torgelower den Kopf schütteln und sagen, das geht nun doch zu weit."
In Torgelow musste keine Turnhalle geräumt werden, kein Zelt errichtet. Jede Familie hatte ihre eigene Wohnung. Das ändert vieles, vielleicht alles.
In einer idealen Welt würden die Neuankömmlinge auf Altenpflege umschulen. Ihre Kinder würden die Schulen wieder bevölkern, die Handwerker unter ihnen würden die alten Gebäude für sich instand setzen. Die fehlende Generation ersetzen. In einer idealen Welt würde aus der Flutwelle eine Bewässerung werden.
"Da kamen natürlich Fragen: Was sollen wir tun, wenn da ein Schwarzer auf der Terrasse sitzt am Sonntagnachmittag? Der Zaun war da, aber das Tor war nicht verschlossen. Muss ich Angst haben? Ist der kriminell? Was sollte ich den Leuten sagen? Lade den ein? Hol die Polizei? Wir sind zum Betreiber des Heims gegangen und haben die gebeten, noch mal zu erklären, was Eigentum ist."
Gottschalk hat in den letzten Monaten des Stresstests seine eigene Theorie des Zusammenlebens entwickelt, die "Sechs-Prozent-Regel". "Wir hatten in der Spitze 550 Zuwanderer, das waren sechs Prozent der Bevölkerung. Das war eine Dimension, die schien zu gehen." Nach dieser Rechnung wäre noch Platz in Deutschland. Wenn es nur überall so leer wäre wie in Torgelow.
Auch dieser Bürgermeister spricht von der immensen Hilfsbereitschaft der Ehrenamtlichen, von pensionierten Lehrern et cetera: "Das war unbezahlbar. Nicht immer perfekt und nicht immer wirtschaftlich effizient, aber unbezahlbar. So etwas verändert eine Kommune auch. Das geht bis in die Sportvereine rein. Es bleibt die Frage: Kriegen wir daraus einen gewissen Nutzen gezogen, die langfristige Einbindung in die Arbeitswelt. Da gibt es erst zarte Anfänge. 400 Personen, vielleicht 10 davon in Arbeit oder Training. Da sitzt mein Problem. Wenn das zu lange dauert, dann kann die Stimmung wieder kippen. Manche wollen sich integrieren, und manchen reicht das Sozialsystem. Wenn wir Pech haben, werden die Ehrgeizigen bald wieder weg sein, und wir behalten wieder die anderen."
Wie nach der Wende und wieder, als die Russlanddeutschen kamen.
Gar nicht weit von hier, am anderen Ufer der Oder, lebte im 18. Jahrhundert der Staatsphilosoph Johann Heinrich Gottlob Justi. Der verfasste für Preußen "Die Grundfeste zu der Macht und Glückseligkeit der Staaten; oder ausführliche Vorstellung der gesamten Policey-Wissenschaft" und darin das "Achte Hauptstück: Von der Vergrößerung der Bevölkerung durch Anreizung und Aufnahme der Fremden".
Darin stehen viele kluge Sätze, was ein Land zu tun hat, wenn es "viel ledige Hütten" hat und sonst nicht viel. "In zwey bis drey Zeugungen wird von (einem) neuen Volke keine sichtbare Spuhr mehr vorhanden seyn", sofern die Fremden keine andere Religion und Sprache haben. Andernfalls gebe es "einige Beschwehrlichkeiten", und man müsse "30 bis 40 Jahre" eine gewisse Absonderung tolerieren. Oder wie Franz Grassl es sagen würde: "Geh auffi, nimm dein Teppich mit, und in zehn Minuten bist wieda do."
02826 Görlitz (676 Flüchtlinge)
Das Durchschnittsalter in dieser Stadt entspricht in etwa der durchschnittlichen Lebenserwartung am Horn von Afrika. Knapp über fünfzig. So kommt es, dass Mohammed Mahmoud zwischen Daunenjacken und leise rieselnden Klängen auf dem Untermarkt steht und seinen ersten Glühwein trinkt.
Görlitz liegt am Dreiländereck zu Polen und Tschechien und ist Europastadt. Nur für Flüchtlinge ist die Neiße so breit wie das Mittelmeer. In Polen, fürchten sie, würden sie sofort verhaftet und abgeschoben. Am anderen Ufer ist Afrika.
Deswegen auch keine Kajaktouren. "Der Großteil der Leute verhält sich anständig. Ich schätze, einmal pro Woche wird einem vor die Füße gespuckt. Negerpapa haben sie mir einmal im Krankenhaus gesagt."
Das sagt Nils Matthiesen, einer der Betreuer im Flüchtlingsheim. Mohammed Mahmoud schaut auf die Buden, er ist 16 Jahre alt und will seine Jacke trotz der Kälte offen lassen. "Ist okay." Sein Blick scannt die Räume zwischen den Buden. "Okay. Kein Problem." – "Ich bin ja aus Neumünster. Da ist es immer wieder krass, welche Sprüche hier als normal empfunden werden. Hey, Kanacke, und so."
Ein Obdachloser mit zur Hälfte tätowiertem Gesicht fragt nach einer Spende. Er sei Russe. Mahmoud gibt ihm seinen Glühwein. "Thanks, brother", sagt der Mann.
"Es gibt nirgendwo so billigen Wohnraum wie in Görlitz. Mit Stuckdecke für vier Euro den Quadratmeter. Aber dann rufst du wegen einer Idee in einer Schule an, und der Rektor sagt: Wir schließen. Für immer. Es ist der Wahnsinn", so Nils Matthiesen.
Statt der erwarteten 3000 sind 900 in die Region gekommen. In Görlitz leben 157 Familien aus 17 Nationen, ein gutes Drittel davon aus Syrien. 73 unbegleitete Minderjährige. Wer anerkannt ist, verlässt die Stadt und das Land schnell Richtung Westen. 80 Prozent sollen schon wieder weg sein aus Sachsen.
Gegenüber, vorm Rathaus, hat eine "Dialogkrippe" gestanden, "Bethlehem und Europa". Mit den Namen von Städten. Addis Adeba war nicht dabei. "No problem. Nicht alle du kannst nehmen", sagt Mahmoud.
Er hat schon gut Deutsch gelernt.
Am nächsten Morgen sitzt eine Familie im Frühstücksraum des Hotel Börse, ein reizendes kleines Mädchen; sie sehr gepflegt, das Haar zurückgebunden; er ein wenig älter, vom Typus Kulturwissenschaftler, Cordjackett und ansprechende Gesichtszüge. Eine westdeutsche Familie, vermutlich auf Bildungsurlaub in Görlitz. Er spricht mit geübter Stimme, die Antworten der Frau sind nicht zu hören.
"Ich höre schon kein Radio mehr, weil ich das Gutmenschengesülze nicht ertragen kann. Insofern ist Lügenpresse schon nicht ganz falsch." – "Wenn ein Rechtsradikaler eine Deutsche umgebracht hätte, würden alle aufschreien." – "Klar, dann wäre die Weltpresse hier." – "Um den 17-Jährigen zu schützen ...! In Wirklichkeit ist der 21. Der kommt mit 15 Sozialstunden weg, und das war's." – "Alles die Schuld von der Merkel. Nach den Wahlen gibt es wieder eine Große Koalition, und es geht von vorne los."
Eine Familie beim Frühstück, keine Ostdeutschen, sondern alte Bundesrepublik, bestes Bildungsbürgertum, das nichts dabei findet, sich in aller Öffentlichkeit derart zu entblößen. Und das war vor dem Breitscheidplatz.
45966 Gladbeck-Zweckel (ca. 170 Flüchtlinge)
Es war eine Reise durch Deutschland, am Ende des alten Jahres. Zufällig waren die Begegnungen, vielleicht hätte eine andere Route eine andere Geschichte erzählt. Aber genauso ist es gewesen, und das kann nicht nur ein Zufall sein.
Das Land ist sich erstaunlich gleich geblieben, trotz allem. Und das spürt man umso mehr, je kleiner die Gemeinden sind, je weniger es klumpt. Die Verteilung der Neuen ist ein Glück, das nicht von langer Dauer sein wird. Denn sobald die Flüchtlinge ihren Status haben, werden sie, wie die Deutschen auch, weiter in die Städte fliehen. In Weißkeißel bleibt niemand.
Und dann ist da noch Uwe Langkau. Er ist kein Bürgermeister, kein Politiker, kein Aktivist. "Ich bin jetzt 58, mit meiner Petra verheiratet, und der Sohn hat nun auch seinen Meister gemacht, als Schornsteinfeger." So stellt Langkau sich vor, wenn man ihn fragt. Außerdem ist er immer schon beschäftigt bei der Zechenbahn der Hütte "Prosper", der letzten aktiven Zeche im Ruhrgebiet.
Bis nächstes Jahr werde die noch betrieben. Langkau hat eine Ähnlichkeit mit Thomas Müller, dem Fußballspieler, die gleiche Mundpartie. Wenn Langkau Besuch hat, fährt er ihn auf die Halde oberhalb der Zeche. Von hier hat man den besten Blick auf die Landschaft. Die Kokerei, der Förderturm, die Gleisanlagen, hinten das Kraftwerk Karnap. Es ist sehr windig oben auf der Halde. Er habe es gut gehabt, sagt Langkau. Da müsse man auch was zurückgeben können.
"Mein Vater war auch immer Arbeiter gewesen. Ich bin in keiner Partei. Aber sozial eingestellt, das ja. Und natürlich habe ich die Dauerkarte für Schalke", sagt Langkau und dann: "Unter Tage muss man füreinander einstehen. Das prägt die Menschen. Da geht es um Leben oder Tod." Unter Tage ist jeder recht schnell schwarz.
Irgendwann im Sommer sei das gewesen, sagt Uwe Langkau. Die Kirchengemeinde hatte eine Bleibe für eine albanische Familie gesucht. Der Mann Koch, sie Psychologin, zwei Mädchen. Und alle auf der Liste irgendeiner Mafia in Tirana.
Mancher hätte die Tür doppelt abgeschlossen. Uwe Langkau nicht. Da war das Haus der Schwiegereltern in Gladbeck-Zweckel. Im Krieg ausgebombt und wieder aufgebaut. Er hatte gerade neues Laminat gelegt, das Bad neu gemacht. "Mir ist es gleich, welche Hautfarbe, wo er herkommt, ob er Deutsch spricht oder nicht, ob das Amt die Miete zahlt. Ich habe andere Sozialhilfeempfänger im Haus", sagt er, und: "Ich gehe grundsätzlich von dem Guten aus." Die Familie ist jetzt eingezogen.
Eigentlich eine Weihnachtsgeschichte. Für manchen ein Zeichen von hoffnungsloser Naivität, für Langkau selbst eigentlich nicht der Rede wert. Mag sein, dass er eine Minderheit ist. Aber letzten Endes ist jeder eine Ein-Mann-Minderheit.
Das ist das Gute am Menschen.

Über den Autor

Alexander Smoltczyk, Jahrgang 1958, in Berlin geboren, schreibt seit 1997 Reportagen für den SPIEGEL. Als Korrespondent berichtete er aus Paris, Rom, dem Vatikan und Abu Dhabi. Zurzeit lebt er mit seiner Familie in Freiburg im Breisgau. Auf seiner Reise lernte er ein sehr ziviles Deutschland kennen, jenseits aller "sozialen" Netzwerke.
Von Text, und Fotos von Alexander Smoltczyk

DER SPIEGEL 2/2017
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