14.01.2017

DebatteVor die Wahl gestellt

2016 war ein schlechtes Jahr für den Feminismus. 2017 muss besser werden. Von Susanne Beyer
Am kommenden Freitag wird Donald Trump als 45. US-Präsident ins Amt eingeführt. 53 Prozent der weißen Wählerinnen haben sich für ihn entschieden. Diese Frauen hatten die Wahl: zwischen der weißen, politisch erfahrenen und vom Feminismus geprägten Hillary Clinton und dem weißen, politisch unerfahrenen Mann, der sich nicht gerade um den Ruf bemüht hat, ein Freund der weiblichen Emanzipation zu sein.
Wieso haben sich so viele Frauen gegen die Frauen entschieden?
Beim Thema Geld zeigt sich, wie beharrlich sich in Deutschland traditionelle Rollenmuster halten. Obwohl diese Muster seit vielen Jahrzehnten infrage stehen. Ohne Zweifel hat sich viel verändert in den vergangenen Jahren – und trotzdem wählen viele Frauen offensichtlich immer noch die Rolle, die zumindest in materieller Hinsicht hochriskant für sie ist.
Die große Frage ist: Warum?
Menschen sind nicht so frei in ihren Entscheidungen, wie es aussehen mag. Die althergebrachte symbolische Ordnung ist wirksam, familiäre Bilder sind es auch. Ebenso Wünsche anderer, unbewusste eigene Wünsche. Aber wenn wir im Jahr 2017 über den Feminismus nachdenken, sollten wir uns, neben allen strukturellen, politischen Fragen, auch diese Frage stellen: Warum wählen ausgerechnet die Frauen, die so viel freier sind als jede Generation vor ihnen, eher traditionelle Rollen? Welche Wünsche verbergen sich dahinter, welche Ängste? Gibt es einen geheimen Gewinn?
Am Freitag wird neben Donald Trump Melania stehen, seine Frau. Sie hat ihr Studium abgebrochen, wurde Fotomodell, heiratete diesen reichen Mann und kümmert sich nun um das gemeinsame Kind. Das traditionelle Modell in Übergröße. Trotzdem hat die Mehrheit der weißen Frauen Melania Trump mitgewählt, Partner sind wichtig im amerikanischen Wahlkampf. Die Art, wie das Paar lebt, ist wichtig. Offenbar gilt das Rollenverhältnis der Trumps bei weißen Frauen als attraktiv.
Neben Donald und Melania Trump wird am Freitag ein weiteres Paar stehen, das zweimal gewählt worden ist und auch in Deutschland von vielen bewundert wird: der scheidende US-Präsident Barack Obama und seine Frau Michelle. Als sich Barack und Michelle kennenlernten, war er der Praktikant und sie seine Chefin. Sie sind beide exzellent ausgebildet. Michelle hat zeitweise mehr verdient als Barack. Sie ist außergewöhnlich begabt. Im Wahlkampf hat sie für Trumps Gegnerin Hillary Clinton gekämpft, klug, charmant, warmherzig.
Hat die scheidende First Lady im Weißen Haus aber eine andere Rolle eingenommen als jene, die Melania Trump aller Voraussicht nach ausüben wird? Sie sah fabelhaft aus, glatt, sportlich, gut gekleidet. Sie hat im Garten gearbeitet. Sie hat sich um die Kinder gekümmert, um ihren Mann. Nicht so sehr um Politik. Die Washingtoner Kabalen seien ihr zuwider, hieß es immer. Als nach ihren Auftritten im vergangenen Herbst der Wunsch aufkam, sie möge bald für das Präsidentenamt kandidieren, sagte ihr Mann, o nein, für Michelle sei das nichts. Michelle Obama war von einem Konjunktiv umgeben. Wenn sie wollen würde, könnte sie.
Eine Karriere im Konjunktiv hat zunächst Vorteile. Michelle Obama wird an ihrem Potenzial gemessen. Nicht an Fehlern, die auch sie machen würde, wenn sie politisch handelte. Wie ihr Ehemann. Oder wie Hillary Clinton.
First Lady zu sein ist hart. Michelle Obama war die erste schwarze First Lady in einem immer noch rassistischen Land, sie war der personifizierte Bruch mit einer Tradition. Sie hat vielleicht nicht auch noch den Bruch mit traditionellen Frauenbildern wagen wollen. Es wäre auch ein Risiko gewesen.
Aber wenn eine Frau wie sie, mit diesen herausragenden Fähigkeiten, es nicht tut, erweckt sie den Eindruck, es sei wirklich viel zu gefährlich. Wenn eine Frau wie sie eine solche Distanz zur Politik ausdrückt, dann wirkt es so, als sei zum sogenannten Establishment Abstand zu halten. Als stimmte damit irgendetwas nicht.
Doch woher sollen dann Frauen, die weniger privilegiert sind, den Mut nehmen aufzubrechen?
Menschen entscheiden sich meist für das, was ihnen weniger Angst macht und wovon sie sich einen größeren Gewinn erhoffen. Die traditionellere Frauenrolle gefährdet erwiesenermaßen die ökonomische Unabhängigkeit. Da sich trotzdem selbst Frauen, die die Wahl haben, für diese Rolle entscheiden, muss die Angst vor einem Rollenwechsel enorm groß sein. Oder der Gewinn in einem anderen, schwer fassbaren Bereich enorm hoch.
Worin ebenjener Gewinn liegt, das muss jede Frau sich selbst fragen. Mag sein, dass es einfacher, ja auch bequemer ist, am Potenzial gemessen zu werden als an konkreten Handlungen. Und es ist leichter, sich über Ungerechtigkeiten zu beschweren, als sie zu ändern. Damit müsste sich der Feminismus ehrlich auseinandersetzen.
Dass sich Frauen selbst befragen sollen, heißt aber nicht, dass Politik und Unternehmen genug getan hätten. Bei Weitem nicht. Und es fehlt auch an Vorbildern. Die Deutschen haben ihre Vorbilder gern in Amerika, im Weißen Haus, gesucht. Das ist jetzt nicht leicht. Ins Schloss Bellevue wird im März Frank-Walter Steinmeier einziehen. Seine Frau hat angekündigt, sie wolle in ihrem Beruf als Richterin bleiben. ■
Von Susanne Beyer

DER SPIEGEL 3/2017
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