14.01.2017

LeitkulturPiepknack

Alexander Osang empfindet vorübergehend die Wut eines besorgten Bürgers.
Am Anfang freute mich die Taube. Ich hatte irgendwo gelesen, dass die Berliner Tauben aussterben. Ich mag keine Tauben, aber dass sie ganz verschwinden, wollte ich auch nicht. Als dann, es muss etwa anderthalb Jahre her sein, eine Taube auf unsere Dachterrasse landete, dachte ich: welcome. Wenig später holte die Taube ihren Partner nach. Es waren nun zwei. Dann vier. Sie schienen sich auf unserer Terrasse wohlzufühlen. Seit einem halben Jahr wohnen sie auf beziehungsweise in der Terrasse. Wie viele es inzwischen sind, weiß ich nicht. Man sieht sie nicht immer, aber man hört sie. Sie gurren, turteln, sie balzen und so weiter.
Es gibt kaum Gründe, wütend zu sein in Berlin-Prenzlauer-Berg, wo ich wohne. Wir haben zwei Rentner, die mit ihren Campingwagen Parkplätze blockieren. Die ärgern mich, machen mich aber nicht wütend. Die Tauben aber kitzeln die Wut in mir. Es ist, als pfiffe mir jemand ständig gut gelaunt ins Ohr, obwohl dort draußen alles den Bach runtergeht.
Wir haben alte CDs mit Bindfäden ans Geländer gehängt. Das soll, stand im Internet, Tauben vertreiben. Jetzt klimpern die CDs als Windspiele, die Taubenpaare sitzen manchmal direkt darunter wie im Konzert. Außerdem haben wir eine rote Spritzpistole, die mit Essigwasser gefüllt ist. Sobald ich mit der Pistole den Balkon betrete, fliegen die Taubenpaare über die Straße auf das Dach gegenüber, sehen zu mir rüber, warten, bis es mir zu blöd wird oder zu kalt. Sie kommen zurück, wenn ich die Balkontür hinter mir schließe. Man fühlt sich ohnmächtig, wenn man mit einer roten Spritzpistole mitten in der deutschen Hauptstadt auf einem Balkon herumsteht wie ein Kind im Körper eine mittelalten Mannes. Ich habe mir von einem Nachbarn eine schwarze Kunststoffkrähe geborgt, die man auf den Balkon stellen kann, um die Tauben zu erschrecken. Sie wirkt auf meine Frau, den Tauben ist sie egal.
Frau Jarchow, die seit 50 Jahren in unserem Haus wohnt, hat neulich erzählt, dass sie die Tauben hier früher mit Erbsen gefüttert hätten, die sie vorher in Alkohol eingeweicht hatten. Sie haben dann später die betrunkenen Tauben eingesammelt und entsorgt.
Entsorgt?
Piepknack, sagt Frau Jarchow.
Mit dem Wort hat ihr Sohn einst, als er klein war, beschrieben, warum sich sein Wellensittich nicht mehr bewegte. Besser kann man es nicht sagen.
Piep. Knack. Stille.
Heute darf man Tauben nicht mehr besoffen machen, vom Rest ganz zu schweigen. Man vergrämt sie. Gestern war der Vergrämer da.
Er empfahl die Terrassenvorderseite mit einer Stirnblattverblendung zu schließen. Ich wusste bis zu diesem Zeitpunkt nicht einmal, dass die Dachterrasse vorn offen ist. Man sieht es kaum. Fünf Zentimeter brauche die Taube, dann sei sie durch. Stirnblattverblendung bedeute Hebebühne, Straßenabsperrung, pipapo. Großes Besteck. Wenn die Stirnblattverblendung dran sei, heiße es aber nicht, dass automatisch die Tauben weg seien. Da gebe es, das müsse er ehrlicherweise sagen, 'ne Entwöhnungsphase, erklärte der Kollege von der Vogelabwehr. Sechs bis acht Wochen. Tauben seien hartnäckige Tiere. Sie verteidigten ihre Nistplätze. Zwei Pärchen seien schlimmer als hundert Einzeltauben. Sie brüten ganzjährig, wie oft, kann man gar nicht sagen. Das Geheimnis der Taube.
Was feststeht: Je mehr Futter sie bekommen, desto öfter brüten sie. Allerdings legen sie immer nur zwei Eier im Prenzlauer Berg. Ein, wie er sich ausdrückte, "limitierender Faktor fürs Geschäft". Er vergräme auch Schwalben. Und Krähen, die vor allem Penthousebewohner mit Gründach ärgerten.
"Wenn er richtig Kohle hat, versiegelt der Dachgeschossbesitzer jeden Stein seines Dachgartens einzeln mit Kunstharz", sagte der Mann, der sich nicht nur mit der Vogelpopulation in der Berliner Innenstadt auszukennen schien. Die neuen Bewohner des Prenzlauer Bergs investierten deutlich mehr in die Vogelabwehr als die alten. Früher gab's hier keine Penthouses und Gründächer, da gab's Satteldächer und Punkt, sagte der Experte. Früher, er redete von der alten Ostzeit, wurden Tauben auch hin und wieder vergiftet. Man lockte sie mit vergiftetem Toastbrot zu Sammelstellen, eine war zum Beispiel am Alexanderplatz.
"Toastbrot gab's ja im Osten genug", sagte der Experte.
Seit der Wende sei die Population der verwilderten Haustaube oder auch Türkentaube stabil.
Türkentaube?
"Sagen manche", sagte der Mann und sah in den Wintertag, der sich hinter unserer Terrasse ausbreitete. Die CDs klimperten im Wind. Ich dachte an die Rede, die Meryl Streep in der Nacht zuvor bei den Golden Globes gehalten hatte. Warum, weiß ich auch nicht genau.
"Klar ist nur, dass die Tauben nicht verschwinden. Die ziehen nur zum nächsten Haus", sagt er. "Dies sind Olympische Spiele."
Wir wussten beide, wer am Ende gewinnen würde.
Es gibt keine Atomkraftwerke in unserer Straße, es gibt keine Windräder, keine tiefergelegten Golfs, keine Skinheads und kaum Flüchtlinge. Irgendwann werden auch die Tauben weg sein. Sie fliegen zu den Leuten, die sowieso schon Wut auf alles haben. Vielleicht setzt sich am Ende eine Taube aufs Dach eines besorgten Bürgers und bringt mit ihrem Gewicht die Welt ins Rutschen.
Ich lasse erst mal den Kostenvoranschlag für die Stirnblattverblendung kommen und sehe dann weiter.
Von Alexander Osang

DER SPIEGEL 3/2017
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