14.01.2017

Die Augenzeugin„Wir sind sexuelle Wesen“

Sollte der Staat sexuelle Dienstleistungen für Pflegebedürftige und Behinderte finanzieren? Eine Grünenpolitikerin hat diese Frage aufgeworfen, seither wird darüber diskutiert. Nina de Vries, 55, arbeitet seit vielen Jahren als Sexualassistentin. Sie sagt: Mit Geld allein ist es nicht getan.
"Die Bezeichnung Sexualassistenz hat sich erst vor etwas mehr als zehn Jahren durchgesetzt, davor habe ich mich als Berührerin oder tantrische Masseurin bezeichnet. Ich biete Menschen mit Beeinträchtigungen sexuelle, sinnliche Berührungen an. Das kann die Genitalzonen einschließen und bis zum Orgasmus führen – muss es aber nicht. Ich richte mich nach dem, was meine Kunden wollen, was ihnen guttut. Manche wollen gestreichelt oder massiert werden, andere wollen kuscheln, wieder andere wollen zusammen nackt sein. Manche sind aufgrund einer schweren geistigen Behinderung nicht in der Lage, selbst herauszufinden, wie sie masturbieren können – da versuche ich, durch meine Berührungen eine Idee zu vermitteln. Einige Sexualassistenten bieten auch Geschlechts- oder Oralverkehr an, ich tue das nicht. Bei vielen meiner Kunden spielt das auch keine Rolle.
Ich verstehe nicht wirklich, warum es gerade so ein Aufbäumen um dieses Thema gibt. Wir alle sind sexuelle Wesen, und wir alle können behindert oder pflegebedürftig werden. Klar, Sexualität ist nicht nötig, um zu überleben. Aber um eine bestimmte Lebensqualität zu haben, kann es schon wichtig sein. Von dem Vorschlag, sexuelle Dienstleistungen staatlich zu fördern, halte ich aber nicht viel. Erstens ist er unrealistisch. Und zweitens brauchen das nicht alle Pflegebedürftigen. Sinnvoller wäre meiner Meinung nach ein Budget für Menschen mit schwerer geistiger Behinderung, die man auf kognitiver Ebene nicht erreicht, die aber ganz offensichtlich unter einer fehlenden Unterstützung auf diesem Gebiet leiden. Wenn ein autistischer Mann regelmäßig zwanghaft in der Öffentlichkeit die Hosen runterlässt, kann man ihm Medikamente geben, um seinen Sexualtrieb zu unterdrücken – oder ihm einen Sexualassistenten finanzieren. Noch wichtiger wäre, Pflege- und Ausbildungseinrichtungen zu verpflichten, das Thema Intimität angemessen zu behandeln. Wir müssen mehr über Sex reden. Menschen, die das nicht oder nicht mehr für sich organisieren können, brauchen ein Umfeld, das bereit ist, ihre Bedürfnisse wahrzunehmen. Diese Offenheit entsteht nicht durch Gelder."
Von Sophia Schirmer

DER SPIEGEL 3/2017
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