DER SPIEGEL



Sie haben uns das Leben gerettet

PORTRÄT

Von Bölsche, Jochen

Kurt Masur: Die Autorität des Gewandhaus-Stars half in Leipzig ein Blutbad vermeiden.

Eigentlich wollte Professor Kurt Masur am Vormittag des 9. Oktober 1989 mit dem Leipziger Gewandhausorchester den "Till Eulenspiegel" von Richard Strauss proben. Doch er sagt den Termin ab - der Maestro will nicht musizieren, "während draußen ein Massaker stattfinden kann".

Der Kapellmeister hat die Gerüchte vernommen, dass "die Armee eingreift" - eine Information, die an diesem Tag auch den Superintendenten Friedrich Magirius von der Nikolaikirche auf vielerlei Kanälen erreicht.

Aus Angst vor einem Blutbad operiert der Dirigent einen Tag lang als Diplomat. Der Künstler, international geachtet und daher nur schwer antastbar, will seine Autorität nutzen, um die bornierte Leipziger SED-Führung von dem bislang verfolgten Konfrontationskurs abzubringen.

Weil der 1. Sekretär Horst Schumann seit Monaten krank ist und dessen Stellvertreter Helmut Hackenberg als Betonkopf gilt, ruft Masur um 13.45 Uhr eine subalterne Charge an: den SED-Kultursekretär Kurt Meyer, mit dem er sich bereits drei Tage zuvor voller Sorge über die zunehmend bedrohliche Lage ausgetauscht hat. Masur zu Meyer: "Lassen Sie uns gemeinsam darüber nachdenken, was man tun kann, um heute Abend das Schlimmste zu verhindern."

Meyer verspricht, zurückzurufen und berät sich mit seinen Sekretärskollegen Jochen Pommert (Propaganda) und Roland Wötzel (Volksbildung). Beide sagen ihre Unterstützung zu, Pommert weist auf das Risiko hin, das sie eingehen: "Parteiausschluss, denn die Parteiführung sieht die Massen auf der Straße als Konterrevolution an, und wir drei stellen uns auf diese Seite."

Die drei bieten Masur an, ihn sofort zu Hause aufzusuchen und zwei weitere prominente Leipziger mitzubringen: den Theologen und CDU-Politiker Peter Zimmermann (von dem später bekannt wird, dass er lange Zeit als IM "Karl Erb" für die Stasi gearbeitet hat) und den Kabarettisten Bernd-Lutz Lange von den "Academixern". Masur ist einverstanden.

Im Wohnzimmer des Dirigenten formuliert die Gruppe gemeinsam ihren - an beide Seiten gerichteten - Aufruf zur "Besonnenheit" samt Versprechen, sich für einen politischen Dialog einzusetzen. "Masur", erinnert sich Lange, "hatte schon entsprechende Gedanken parat."

Um 16.30 Uhr rasen die Sechs in drei Autos ins Gewandhaus. Academixer Lange vervielfältigt den Appell-Text mit einer Schreibmaschine und Kohlepapier, Zimmermann rennt mit den Durchschlägen in die vier Kirchen, in denen gerade die montäglichen Friedensgebete stattfinden.

Schweißgebadet bittet der Kurier die Pastoren, den Text am Ende des Gottesdienstes "mit allem Nachdruck" zu verlesen. Die Pfarrer folgen der Bitte.

Masur und seine Mitstreiter sind nicht die Einzigen, die an diesem Nachmittag zur Gewaltlosigkeit auffordern. Drei Arbeitskreise der Bürgerbewegung appellieren an die Bevölkerung:

Auch der letzte Montag in Leipzig endete mit Gewalt. Wir haben Angst. Angst um uns selbst, Angst um unsere Freunde, um den Menschen neben uns und Angst um den, der uns da in Uniform gegenübersteht ... Gewalt schafft immer nur Gewalt. Gewalt löst keine Probleme. Gewalt ist unmenschlich. Gewalt kann nicht das Zeichen einer neuen, besseren Gesellschaft sein.

Auch Landesbischof Johannes Hempel beschwört die Gläubigen: "Ich hoffe, ich bitte, ich flehe, dass diese Nacht in Leipzig vorübergeht ohne schlimme Dinge."

Doch die breiteste und stärkste Wirkung erzielt der Aufruf der Sechs. Immer wieder wird der Appell, den Masur einem Mitarbeiter von Radio Leipzig auf Band gesprochen hat, über Stadt- und Rundfunk ausgestrahlt.

"Dass der Aufruf zünden konnte", urteilt Mitunterzeichner Zimmermann, "lag wesentlich an der moralischen Autorität von Masur."

Der Hüne mit dem verhangenen Blick wird von den musikbegeisterten Leipzigern verehrt, seit er 1970 die Leitung von Deutschlands ältestem bürgerlichem Symphonieorchester übernommen hat und damit Nachfolger von Dirigenten-Denkmälern wie Felix Mendelssohn Bartholdy und Wilhelm Furtwängler geworden ist.

Zwar nutzt die DDR Masur als kulturpolitisches Aushängeschild. Doch der eigenwillige "Vetter Martin Luthers" ("Time") widersetzt sich jedem Versuch, sich von der SED instrumentalisieren zu lassen. Im Gegenteil: Masur setzt seinen Ruhm ein, um den Partei-Oberen viel Geld und ein neues Haus für sein Orchester abzutrotzen.

So verfehlt der Appell des Gewandhaus-Stars nicht seine Wirkung. Als Kabarettist Lange sich abends unter die Menge mischt, haben - "Das war neu" - die Menschen begonnen, mit den Uniformierten zu diskutieren. Zimmermann wird Zeuge, wie Kampfgruppen-Angehörige ihre Helme absetzen, Schilde und Knüppel weglegen und sich den Menschen, die noch Stunden zuvor als "Konterrevolutionäre" und "Row- dys" diffamiert worden waren, zum Gespräch anbieten. Zimmermann: "Eine großartige Erfahrung."

Am nächsten Tag ziehen Bürgerrechtler zu Masurs Haus und schmücken den Zaun mit Blumen. Leipziger schlagen den Dirigenten der Wende für den Friedensnobelpreis vor, eine Frau spricht ihn tief bewegt an: "Im Namen meiner Kinder, meiner Familie und meiner Freunde bedanke ich mich bei Ihnen, dass Sie uns das Leben gerettet haben."

Die Leipzigerin steht mit ihrem Urteil nicht allein. Ein Stasi-Bericht bestätigt: "Einfluss auf die Lageentwicklung und die Verhinderung von Gewalt hatte u. a. der im Rundfunk verlesene Aufruf zur Besonnenheit von Professor Masur."

Als "Politiker wider Willen" (Masur) agiert der Kapellmeister noch einige Wende-Wochen lang; für den Dialog mit den Regierenden stellt er sein Gewandhaus zur Verfügung. Der Versuchung, in die große Politik einzusteigen, widersteht er - etwa 1993, als Christdemokraten ihn als Bundespräsidenten ins Gespräch bringen.

Stattdessen übernimmt der Gewandhaus-Chef zusätzlich die Leitung des New York Philharmonic Orchestra. Fünf Jahre lang ist Masur der einzige Mann, der gleichzeitig zwei Orchestern von Weltrang vorsteht - bis er, nach Querelen um Zuschüsse und Zuständigkeiten, 1996 in der so genannten Heldenstadt vorzeitig abdankt.

Von den Leipzigern verabschiedete sich der Dickschädel mit Beethovens "9. Symphonie" - und mit den bitteren Worten: "Hier haben wir im Augenblick einen Umgang miteinander, der dem Geschenk der Wiedervereinigung nicht adäquat ist." JOCHEN BÖLSCHE


DER SPIEGEL 41/1999
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