11.10.1999

Frankfurter BuchmesseDIE VERLORENE TOCHTER

Jenny Erpenbeck debütiert mit einer Parabel über die ewige Kindheit
Ein Mädchen, "ganz und gar Waise", steht nachts allein auf der Straße. Der Eimer, den es in der Hand hält, ist seine einzige Habe - er ist leer wie jene Stelle im Kopf, "wo bei den anderen eine Meinung sitzt".
Die Polizei fragt aus dem dicken, mondgesichtigen Wesen mit dem klobigen, schrankförmigen Körper nur das Alter heraus: Es ist vierzehn, aber an Name und Herkunft kann es sich nicht erinnern. So kommt es in ein Kinderheim mit Internatsschule, Sporthalle, Werkstätten, eine kleine Stadt am Waldrand, umzäunt und bewacht wie ein Lager.
So beginnt die "Geschichte vom alten Kind", der Romanerstling der Berliner Opernregisseurin Jenny Erpenbeck, 32. Die Debütantin, die heute bei Graz lebt, stammt aus einer Schriftstellerfamilie - ihre Großeltern, Hedda Zinner und Fritz Erpenbeck, waren in der DDR der fünfziger, sechziger Jahre bekannte Autoren.
So wirkt die Fabel vom wortkargen Findling ohne Erinnerung wie der Versuch einer jungen Autorin, sich mit einer Art Nullpunkt-Figur zu identifizieren, um von Grund auf, der wortmächtigen Familientradition zum Trotz, eine eigene Sprach-Welt bauen zu können. Die Erzählerin selbst möchte als namenloses "Mädchen" wie "vom Mond gefallen" sein. Und die Dinge neu erfinden.
Vielleicht rührt daher die seltsame Euphorie, mit der die Heldin die eigenen Defizite bejaht: den ungeschlachten Körper mit Rotznase, das Versagen im Englischunterricht, die tölpelhaften Bewegungen beim Ballspiel, die linkischen Seitenblicke auf alles Erotische, das ewige Kränkeln und Nicht-Mitkommen.
Das "Mädchen" ist unter allen Heimkindern "das schwächste", und diese Schwäche, nicht "verwendbar" zu sein, macht es in Wahrheit stark. Statt die literaturüblichen Zöglingsverwirrungen auf dem Schulhof und im Schlafraum bloß zu erleiden, genießt es geradezu die "Gnade, aufgegeben worden zu sein".
Warum bloß? Der unterste Platz in der Hierarchie der Anstalt ist unangefochten - gesichert durch "Unfähigkeit", nicht, wie die höheren Ränge, durch irgendeine "Tauglichkeit", die jederzeit in Frage gestellt werden kann. Das Mädchen "beneidet keinen von denen, die das Gelände" am Wochenende verlassen dürfen, "denn es weiß ja, wie es draußen zugeht: Man steht mit einem leeren Eimer auf einer Geschäftsstraße und wartet".
Noch sicherer als der Aufenthalt im Kinderheim ist das Ausharren im Krankenbett. Wo das Mädchen denn auch landet - in einem dramatischen Finale.
Die Parabel vom Kind, das sich nicht nur der Welt und ihren Erfolgsmaßstäben entziehen will, sondern auch der Zeit - dem Älterwerden - , endet mit einer Überraschung, von der nur so viel verraten sei: Was trauriges, noch vom letzten Weltkriegsbrand grundiertes Schicksal zu sein schien, erweist sich als grandiose "Maskerade" einer verlorenen Tochter.
Gewiss liegt es bei dieser Autorin nahe, das Kinderheim als Bild für die geschlossene Gesellschaft der DDR zu deuten. Und die trotzige Weltflucht des Mädchens als typisch ostdeutsches Verhaltensmuster nach der Wende.
Wichtiger ist: Das Buch greift auf ein klassisches Verweigerungsmotiv zurück - von Kaspar Hauser, dem geheimnisvollen Naturkind, bis zu Peter Pan, der aus dem märchenhaften "Niemalsland" stammt und nicht erwachsen werden will.
Doch diesen Rückgriff entfaltet Erpenbeck in bildlich prägnanten, anrührenden, originellen Szenen und mit einer erstaunlichen Sprachdisziplin. Für die ein wenig zu konstruiert wirkende Rahmenhandlung wird der Leser reichlich entschädigt durch die lebendige und glaubwürdige Schilderung der alterstypischen Kämpfe und Krämpfe unter Internatskindern. Jenny Erpenbeck hat sich offenbar gut auf ihre Story vorbereitet: Im Alter von 27 Jahren spielte sie selbst ein "altes Kind", indem sie in einer Gymnasialklasse vier Wochen lang erfolgreich die 17 Jahre junge Mitschülerin mimte. MATHIAS SCHREIBER
-------------
Jenny Erpenbeck: Geschichte vom alten Kind Eichborn Verlag, Berlin/Frankfurt am Main; 106 Seiten; 29,80 Mark.
Von Mathias Schreiber

DER SPIEGEL 41/1999
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGEL-Verlag Rudolf Augstein GmbH & Co. KG.

Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen diesen Artikel jedoch gerne verlinken.
Unter http://www.spiegelgruppe-nachdrucke.de können Sie einzelne Artikel für Nachdruck bzw. digitale Publikation lizenzieren.


DER SPIEGEL 41/1999
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

Frankfurter Buchmesse:
DIE VERLORENE TOCHTER

  • Eklat im britischen Parlament: Politiker entfernt royalen Zeremonienstab
  • Probleme mit der Autotür: May kommt einfach nicht raus
  • China: Kakerlakenzucht als Wirtschaftsfaktor
  • Neu Delhi: Affenplage im Regierungsviertel