21.01.2017

Textilien„Heute Trend, morgen Müll“

Greenpeace-Expertin Alexandra Perschau, 42, über "Fast Fashion" und den Recycling-Mythos von Wegwerfmode
SPIEGEL: Sie prangern die Schnelllebigkeit der Klamotten von H&M oder Zara an. Wie hat sich unser Umgang mit Kleidung verändert?
Perschau: Die Produktion von Kleidungsstücken hat sich in den letzten 15 Jahren verdoppelt – die Tragedauer jedoch halbiert. Es werden jährlich weltweit mehr als hundert Milliarden Textilien hergestellt, jeder Deutsche kauft im Schnitt 60 Teile pro Jahr. Das ist absurd. Denn 95 Prozent der Deutschen geben an, dass sie Kleider in ihrem Schrank haben, die sie noch nie getragen haben.
SPIEGEL: Wieso kaufen wir so viel?
Perschau: Weil es so billig ist. Dadurch haben Textilien ihre Wertigkeit verloren und sind zur Wegwerfware geworden. In jedem Discounter finden Sie heute neben den Kartoffelchips auch Bekleidung und Schuhe für fast den gleichen Preis.
SPIEGEL: Sie behaupten, der Einsatz von Polyester hat das Wachstum von sogenannter Fast Fashion erst ermöglicht.
Perschau: Der Verbrauch von Polyester in der Textilindustrie ist seit dem Jahr 2000 regelrecht explodiert. Seitdem haben die Modeketten ihre Kollektionen immer weiter nach oben gedreht. Inzwischen enthalten 60 Prozent unserer Kleidung Polyesterfasern. Sie sind billig, leicht und werden daher oft Naturstoffen wie Baumwolle beigemischt. Allerdings kann man diese Mischware kaum recyceln.
SPIEGEL: Aber die Deutschen sammeln doch fleißig Altkleider.
Perschau: Ja, allerdings kann nur ein Bruchteil der gesammelten Klamotten wiederverwertet werden. Die Second-Hand-Märkte in Afrika oder Asien sind längst gesättigt, und es fehlen geeignete technische Verfahren, um Kunstfasergemische wieder in ihre Bestandteile zu zerlegen und als Garne wiederzuverwenden. Die Realität ist leider: Was heute Trend ist, ist morgen Müll. Es ist ein Mythos, dass aus allen gesammelten T-Shirts neue Hosen entstehen. Ein Großteil der Teile wird geschreddert und kommt maximal noch als Dämmstoff oder Putzlappen zum Einsatz.
Von One

DER SPIEGEL 4/2017
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