21.01.2017

KunstkritikMann ohne Zweifel

Der Softwareunternehmer Hasso Plattner präsentiert in Potsdam sein eigenes Museum.
Deutschland ist in Kulturlaune. Den Feierlichkeiten in der neuen Elbphilharmonie in Anwesenheit von Bundespräsident und Kanzlerin folgt an diesem Wochenende die Eröffnung eines Kunstmuseums in Potsdam. Allein das Gerücht, dass sich dort neben Angela Merkel (als Rednerin) auch Bill Gates sehen lassen wolle und so internationalen Glanz auf die Gästeliste bringen würde, ließ die Hamburger fast schon wieder alt aussehen.
Gates, der Gründer von Microsoft und angeblich der reichste Mann der Welt, rief vor ein paar Jahren eine Initiative ins Leben, der sich andere Milliardäre anschlossen. Sie wollen, das ist der Vereinszweck, einen Teil ihres Vermögens zum Wohle der Menschheit ausgeben. Dem Klub gehört der Deutsche Hasso Plattner an, er ist einer der Gründer der Softwarefirma SAP – und ebender Stifter des Museums Barberini im Zentrum Potsdams. Auf die Idee dazu hat ihn jedoch nicht Gates, sondern der Moderator Günther Jauch gebracht, der in Potsdam lebt.
Friedrich der Große hatte in der Stadt einst ein Palais Barberini in Auftrag gegeben, als Nachahmung eines italienischen Barockpalazzos. Das Gebäude neben dem Potsdamer Stadtschloss wurde im April 1945 zerbombt. Nun ließ Plattner es wieder aufbauen. Es ist eine Art Nachahmung einer Nachahmung, und man könnte meinen, dass sich mit diesem Palast ein digitaler Fürst in die Traditionswelt der Medici und späterer Adelsfamilien mit Kunstsinn einreihen will. Oder zumindest in die Nachfolge Friedrichs des Großen. Die Pracht dieses Museums und die Kunst darin jedenfalls rufen laut und deutlich: Geld! Macht!
Die Höhe der Baukosten und des jährlichen Museumsetats aber will Plattner nicht verraten. Und auch nicht, welche der ausgestellten High-End-Bilder seine eigenen sind oder aus welchen anderen privaten Sammlungen sie stammen. Auf Nachfragen lächelt er.
In der Kunstwelt, ihren Zeitschriften, ihren Blogs, wurden Mutmaßungen darüber angestellt, ob Plattner jener Käufer war, der im November in New York für über 50 Millionen Dollar ein Bild des berühmten Norwegers Edvard Munch ersteigert hatte. Das Gemälde wird in einer der beiden Eröffnungsschauen präsentiert, das Museum nimmt seinen eigentlichen Betrieb am Montag auf – und damit zwei Tage nach Plattners 73. Geburtstag und am 73. Todestag Munchs. Vielleicht hat das ja etwas zu bedeuten. Bei einem Rundgang durch das Gebäude sagt Plattner vor Journalisten allerdings, dass er "in der letzten Zeit" keinen Munch erworben habe. Trotzdem wird schnell klar, in welcher Preisklasse Plattner verortet werden will.
Er erscheint nicht wie ein Mann des Zweifels. Sein Museum strahlt Selbstbewusstsein und Großzügigkeit aus, er ist allerdings kein Risiko eingegangen: Die Säle wirken wie die eines typischen Kunstmuseums, die hohen Wände etwa in Mattgrau und Nachtblau. Das Museumsteam startet mit zwei Schauen, die eine trägt den Titel "Klassiker der Moderne" und spannt einen Bogen von impressionistischen Gemälden bis zu Abstraktionen Gerhard Richters. Die andere ist dem Impressionismus gewidmet, der einen Schwerpunkt im künftigen Programm bilden soll. Zur Einstimmung also Landschaftsmalerei von Camille Pissarro, Alfred Sisley, Paul Signac und vor allem von Claude Monet. Blühende Bäume, blühende Landschaften, wenn auch französische und nicht ostdeutsche, ein Genuss ohne Risiken und Nebenwirkungen.
Besucher sehen jedoch vieles, was sie sonst nur selten zu Gesicht bekommen, und sie lernen einiges, auch über Geschmäcker. Plattner mag Wasser, und er sagte, in der Ausstellung seien auf vielen Bildern Gewässer zu sehen – das heiße übrigens nicht, ergänzte er schnell, dass jedes als privat ausgeschilderte Gemälde mit einem Fluss oder einem Meer darauf auch ihm gehöre.
Geleitet wird die Institution von der Kunsthistorikerin Ortrud Westheider, die vorher das Bucerius Kunst Forum in Hamburg führte und dort viele Besucher ins Haus gezogen hat. Nun muss sie außer dem Publikum einen Palastherrn zufriedenstellen. Träger der Einrichtung ist eine Stiftung, die selbst etwa 70 bis 80 Werke besitzt; für ein echtes Museum ist das wenig, auch wenn ein Etat für Ankäufe bereitsteht. Die meisten der schon vorhandenen Bilder waren einst von Künstlern der DDR geschaffen worden, Plattner hat diesen Teil eigens aus seinen Beständen ausgegliedert. Will er Werke aus seiner Sammlung ausstellen, und das will er, müssen die aus Kalifornien eingeflogen werden, wo er auch einen Wohnsitz hat.
Es hat im Vorfeld einige Querelen gegeben, Standortfragen unter anderem, auch über die neuen deutschen Einfuhr- und Ausfuhrregeln wurde öffentlich diskutiert, doch konnte die Regierung in Berlin den Wohltäter beruhigen und so das Projekt retten. Plattner, gebürtiger Berliner, ist mit sich und dem Museum zufrieden.
Der Eintrittspreis hat mit 14 Euro Hauptstadtniveau, welch ein Geschenk.
Von Ulrike Knöfel

DER SPIEGEL 4/2017
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