28.01.2017

Medizin„Höchste Fehlerrate bei Arzneimitteln“

Peter Gausmann, 56, Geschäftsführer der Gesellschaft für Risiko-Beratung GRB in Detmold, über Behandlungsfehler in deutschen Krankenhäusern
SPIEGEL: Wie viele Menschen kommen in Kliniken durch Pannen zu Schaden?
Gausmann: In den etwa 1000 Krankenhäusern, die wir überblicken, werden jedes Jahr rund 12 000 Ansprüche gestellt, von denen ungefähr 25 Prozent als Schadensfall anerkannt werden. Schwerwiegende Fehler, beispielsweise in der Anästhesie oder der Geburtsmedizin, sind rückläufig.
SPIEGEL: Woran liegt das?
Gausmann: Fehler kann man nie ganz vermeiden, aber die Kliniken geben sich inzwischen mehr Mühe, sie rechtzeitig zu erkennen. Frühwarnsysteme verraten, ob ein Tubus in der Speiseröhre statt in der Luftröhre gelandet ist, ob ein Baby per Kaiserschnitt geholt werden muss oder ob ein älterer Patient sturzgefährdet ist. In der Notaufnahme kommen die Leute inzwischen nach medizinischer Dringlichkeit an die Reihe, bei Operationen sind Checklisten vorgeschrieben.
SPIEGEL: Warum werden die Policen für den Versicherungsschutz dennoch teurer?
Gausmann: Weil sich die Regulierung einzelner Schäden stark verteuert hat. Ein Mensch, der durch Sauerstoffmangel bei der Geburt einen Gehirnschaden erlitt, hat heute eine normale Lebenserwartung. Seine Versorgung jedoch kann mehr als zehn Millionen Euro kosten.
SPIEGEL: Welche Fehler sind am schwersten zu bekämpfen?
Gausmann: Beim ersten Blick auf den Patienten stellt ein Arzt eine Fehldiagnose, die später bei der Besprechung mit Kollegen nicht mehr korrigiert wird. Am höchsten ist die Fehlerrate bei Arzneimitteln, mit dem Risiko, dass nicht der richtige Patient das richtige Medikament zur richtigen Zeit bekommt.
SPIEGEL: Wie kann man erkennen, ob ein Krankenhaus besonders sicher ist?
Gausmann: In manchen Kliniken gibt es Angestellte, die einen regelrecht an die Hand nehmen, wenn man die Notaufnahme aufsucht – das ist ein gutes Zeichen. Personalmangel dagegen lässt befürchten, dass Sicherheitsstandards nicht immer so eingehalten werden, wie es sein sollte.
Von Ble

DER SPIEGEL 5/2017
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