18.10.1999

MODEINDUSTRIEDer Traumprinz

Beim Modekonzern Wünsche prallten zwei Egomanen aufeinander. Der Firmenchef verlor den Machtkampf mit dem Stardesigner.
Die Firmenzentrale an der Hamburger Palmaille war gerade für ein paar Millionen Mark repräsentativ hergerichtet worden, aber der neue Vorstandsvorsitzende der Wünsche AG war mit dem Ambiente nicht zufrieden: "Hier kann ich doch nicht Gucci empfangen."
Mit Peter Littmann, 51, einem Freund der schönen Künste und der Mode, begann vor gut zwei Jahren eine neue Ära bei dem biederen Hamburger Mischkonzern. Erstmals in der 65-jährigen Firmengeschichte wurde ein Chauffeur eingestellt, zu Besprechungen bat Littmann vorzugsweise ein paar hundert Meter weiter ins Edel-Restaurant Le Canard.
Für Überseeflüge ließ der Wünsche-Chef auf der Concorde stets in der ersten Reihe den Platz 2c buchen, der Nebensitz war tunlichst freizuhalten. Bei Kurzstreckenflügen musste sein Chauffeur viele Stunden vorab in Hamburg starten, um den Chef am Frankfurter oder Münchner Flughafen im Mercedes 500 abzuholen. "Littmann ekelt sich vor Taxen", erklärt Designer Wolfgang Joop, 54, die Marotte seines ehemaligen Geschäftsfreundes: "Der tritt auf wie ein Erbe, hat aber nix geerbt."
Littmann muss seine Ansprüche bald ein wenig herunterschrauben: Kurz nacheinander sind zwei Geldquellen versiegt.
Im vergangenen Monat wurde das Münchner Modeunternehmen Mondi zahlungsunfähig, das sich mit Littmann Deutschlands höchstdotierten Aufsichtsratsvorsitzenden leistete (rund 1,5 Millionen Mark jährlich). Dann verlor Littmann vergangene Woche seinen Job in Hamburg, wo er mit 3,6 Millionen Mark pro Jahr weit mehr verdiente als der Chef der Deutschen Bank.
Die Entlassung des gebürtigen Tschechen kam nicht überraschend. Mit großen Erwartungen war der frühere Spitzenmann des Bekleidungsunternehmens Boss im August 1997 nach Hamburg gekommen, um den heruntergewirtschafteten Mischkonzern in ein Modeunternehmen von internationalem Rang zu verwandeln.
Als Littmann kam, schoss der Kurs der Wünsche-Aktie hoch, bei seinem Abgang dümpelte der Kurs ein paar Euro über null. Das Ziel, im Jahr 2000 einen Umsatz von zwei Milliarden Mark zu schaffen, liegt - bei derzeit 840 Millionen - in weiter Ferne, außer der Marke Joop! hat der angestrebte Lifestyle-Konzern wenig zu bieten.
"Kein Manager, sondern ein Wirtschaftsmannequin", lästert Joop über seinen einstigen Duzfreund Peter, "einen größeren Dilettantismus habe ich noch nie erlebt." Der immer tadellos gestylte Littmann: "Man sollte Joop nicht mit normalen Maßstäben messen, sonst wird man wahnsinnig."
Bei Wünsche-Großaktionär Albert Büll beschwerten sich die beiden Diven wechselseitig. Immobilienkaufmann Büll, der mit einer Gruppe privater Investoren in diesem Jahr ein großes Aktienpaket erworben hatte, mochte nicht auf Joop verzichten, dessen Lizenzprodukte rund 60 Prozent des Wünsche-Umsatzes bringen. Littmann musste gehen - krachendes Ende einer kurzen Männerfreundschaft.
* Im Februar.
Die beiden lernten sich kennen, als Littmann noch den Bekleidungskonzern Boss führte. Im Frühjahr 1997 ließ der Boss-Großaktionär Graf Pietro Marzotto seinen allzu selbstbewusst auftretenden Topmanager feuern; Joop verkündete, er werde seine Design-Firma "nur mit Peter" unter das Dach eines Modekonzerns bringen. "Joop hat sich einen Traumprinzen ausgesucht, und das war ich", erklärte sich Littmann das Interesse des Exzentrikers.
Anfang vergangenen Jahres war es so weit: Der Traumprinz kaufte für 150 Millionen Mark 95 Prozent der Joop GmbH - Keimzelle des künftigen Lifestyle-Unternehmens. Die Harmonie der beiden Egomanen war von kurzer Dauer. Mit wachsender Ungeduld sah Joop, dass seine Marke nicht zügig genug ausgebaut wurde. Zehn Joop-Shops, so war 1998 ausgemacht worden, sollten jährlich eröffnet werden - bis jetzt entstand nur ein Laden in Hamburg und einer in Kampen auf Sylt. "Ich bin auf Littmanns Theatermaschinerie hereingefallen", beklagte sich alsbald der Designer. "Unberechenbar" sei Joop, keilte der Manager unter Vertrauten in der Firma zurück. Und: "Hysterie ist keine reine Frauenkrankheit."
Mit dem Kauf der Joop GmbH war die Firmenkasse leer, die Banken gaben keinen Kredit mehr. Littmanns Liste mit 50 potenziellen Übernahmekandidaten von Bogner bis Calvin Klein, die er zusammen mit dem Unternehmensberater Roland Berger aufgestellt hatte, landete im Reißwolf.
Auch Verkäufe unrentabler Tochtergesellschaften wie Jean Pascale (170 Filialen) oder des Bau-Vereins zu Hamburg (2100 Wohnungen) halfen wenig. Der Ausbau zum Modeimperium blieb stecken. Das Geld reichte nur noch zu einer mit Wünsche-Aktien finanzierten Mehrheitsbeteiligung an der Modefirma Cinque aus Mönchengladbach - nach dem spektakulären Kauf der Edelmarke Joop! eine ziemlich kleine Nummer.
Nach dem Abgang seines Intimfeindes sieht sich Joop als der heimliche Herrscher an der Hamburger Palmaille. Von den Wünsche-Managern beherrscht keiner mehr die Kunst der Selbstinszenierung, und der neue Aufsichtsratsvorsitzende Ludger Staby, seit Anfang des Monats im Amt, versteht nach eigener Einschätzung "von Mode überhaupt nichts" und "nichts von Lifestyle, was immer das auch sein mag".
Der Stardesigner will dem Konzern nun zeigen, wo''s langgeht: "Wenn die schlau sind, werden die mich das machen lassen." HERMANN BOTT
* Im Februar.
Von Hermann Bott

DER SPIEGEL 42/1999
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