18.10.1999

BIOGRAFIEN„Der Federball über dem Atlantik“

Der Schriftsteller Vladimir Nabokov floh erst vor den Bolschewisten, dann vor den Nazis, wurde Amerikaner und schließlich als „Lolita“-Erfinder weltberühmt. Jetzt erscheint auf Deutsch eine kluge und fesselnde Biografie des Jahrhundertautors.
Sein Selbstbewusstsein ist legendär, und er liebte starke Worte: "Ich finde nicht, dass ein Künstler sich mit Gedanken an sein Publikum belasten sollte. Sein bestes Publikum ist der Mensch, dessen Gesicht er allmorgendlich im Rasierspiegel erblickt."
Tatsächlich ist der Fall des Vladimir Nabokov einzigartig: In seiner ersten Lebenshälfte hat er Weltliteratur in der Sprache Puschkins geschrieben, in der zweiten in der Sprache Shakespeares. Als unbeirrbarer Einzelgänger hielt er ein Leben lang Distanz zu Vereinen und Bewegungen jeder Art; erst recht zu den beiden totalitären Diktaturen unseres Jahrhunderts. Sein Werk und sein Leben (1899 bis 1977) beglaubigen, ungeachtet aller äußeren Brüche, des Autors Überzeugung, die Literatur sei so autonom wie das Individuum.
Seine literarische Leistung, den härtesten Bedingungen abgetrotzt, können nun auch deutsche Leser auf dem Hintergrund seines Lebens nachvollziehen: Im Jahr von Nabokovs 100. Geburtstag ist gerade Band eins von Brian Boyds Nabokov-Biografie, "Die russischen Jahre" erschienen*. Die deutsche Ausgabe des zweiten Bandes, "Die amerikanischen Jahre", mit dem die meisterliche Gesamtdarstellung abgerundet werden soll, ist in Vorbereitung.
Seine 78 Lebensjahre verbrachte Nabokov zu vier nahezu gleichen Teilen in Russland, als staatenloser Emigrant in Westeuropa, in seiner Wahlheimat USA und schließlich in einem altmodischen Schweizer Luxushotel. Doch auf die Frage nach fremden Einflüssen antwortete der fast 70-Jährige vergnügt: "Anscheinend bin ich nicht einmal einem bestimmten Kontinent zuzuordnen. Ich bin der Federball über dem Atlantik, und wie hell und heiter ist es da, in der lieblichen Bläue meines Privathimmels, fern allen Schafsköpfen und Schubladendenkern."
* Brian Boyd: "Vladimir Nabokov. Die russischen Jahre 1899-1940". Deutsch von Uli Aumüller, Sabine Baumann, Ursula Locke-Groß, Kurt Neff und Hans Wolf. Rowohlt Verlag, Reinbek; 944 Seiten; 78 Mark.
Die Quelle seiner Kreativität beschwor der literarische Solitär Vladimir Nabokov
in den glanzvollen Memoiren "Erinnerung, sprich"; es war "die harmonische Welt einer vollkommenen Kindheit".
Umgeben von 50 Dienstboten und allem erdenklichen Luxus, wurde er von Eltern und Verwandten zärtlich verwöhnt. Sein Vater, ein prominenter Jurist, war ein hochgebildeter Europäer, anglophiler Antizarist und führender Politiker der Konstitutionellen Demokraten.
Von Gouvernanten lernen die Nabokov-Kinder Englisch und Französisch, mit sieben Jahren spricht Vladimir drei Sprachen. Im selben Alter entzündet sich seine Leidenschaft für Schmetterlinge, denen er in den folgenden 70 Jahren auf mehreren Kontinenten nachjagen wird. Als 15-Jähriger hat er den ganzen Tolstoi auf Russisch gelesen, den ganzen Shakespeare auf Englisch, den ganzen Flaubert auf Französisch. Die väterliche Bibliothek mit ihren 10 000 Bänden befindet sich stets auf dem neuesten europäischen Stand; Vaters Privatbibliothekarin tippt die Gedichte des heranwachsenden Sohnes ins Reine.
Der junge Nabokov wird nach der Devise erzogen, dass Reichtum angenehm, aber nicht besonders wichtig sei: Er rechtfertigt nach der Überzeugung des urliberalen Vaters keinerlei Dünkel. Was Nabokov nach seiner Vertreibung aus der russischen Heimat ein Leben lang begleitet, so sagt er, ist das überwache "Bewusstsein einer verlorenen Kindheit, nicht der Schmerz um verlorene Banknoten".
Geist und Körper werden gleichermaßen gefordert: Boxen und Tennis, Reiten und Schwimmen stehen auf dem Erziehungsprogramm, "das Leder der Bücher und das der Boxhandschuhe" sind "auf angenehme Weise vereint" ("Erinnerung, sprich"). Beim gleichfalls geschätzten Fußball kommt für den kompromisslosen Individualisten selbstverständlich nur der singuläre Posten des Torwarts in Betracht.
Mit 16 lernt Nabokov seine erste große Liebe kennen, und nach dem Ende dieser Romanze genießt der gut aussehende, kluge und sportliche Millionenerbe in vollen Zügen sein Los: freie Auswahl unter Sankt Petersburgs attraktivsten Töchtern.
"Jener abgeschmackte Deus ex Machina, die russische Revolution", beendet, so Nabokov, den gelebten Traum seiner Kindheit. In der Nacht des Oktober-Umsturzes von 1917 dichtet der 18-Jährige zu Hause. Nach 90 Versen notiert er: "Während der Niederschrift war das widerliche Rattern eines Maschinengewehrs zu hören."
Eine Zeitlang findet die Familie auf der Krim Zuflucht vor den Bolschewisten. Unter der Sonne des Südens erbeutet der noch nicht 20-Jährige ausgesuchte Prachtexemplare von Frauen und Schmetterlingen - und entdeckt eine neue Leidenschaft: die Komposition von Schach-Problemen. Die einsame Tüftelei, halb Wissenschaft, halb Kunst, ist wie geschaffen für Nabokov. Sie dient ihm, wie Brian Boyd treffend bemerkt, fortan als "Überlaufventil für zu viel kreative Energie".
Im April 1919 erobern bolschewistische Truppen auch Sewastopol; per Schiff entkommt die Familie Nabokov ihrer Heimat, die Vladimir nie wieder sehen wird. Das denkwürdige Fluchtbild beschreibt die Biografie mit der ihr eigenen Detailschärfe: Unter Maschinengewehrfeuer von der Küste her erreicht die "Nadeschda" ("Hoffnung") im Zickzackkurs das offene Meer, während Vater und Sohn Nabokov sich stoisch zum Schachspiel niederlassen.
Nach einem Literaturstudium in Cambridge, das unabhängig von der Revolution geplant war und mit den Perlen der Mutter finanziert wird, entwickelt sich der junge Nabokov unter dem Pseudonym "Sirin" - in der altrussischen Mythologie ein farbenfroher Paradiesvogel - schnell zur literarischen Legende des russischen Exils. Wie seine Eltern und nahezu die ganze kulturelle Elite der Emigration wählt er Berlin als Standort. Zwischen 1922 und 1937 schreibt er dort sieben Romane, etliche Erzählungen und viele Gedichte.
Über den gerade 30-jährigen Sirin staunt seine Mit-Emigrantin Nina Berberowa, er sei "wie Phönix aus dem Feuer und der Asche von Revolution und Exil" geboren. Auch Iwan Bunin, der immerhin 1933 als erster Russe den Literatur-Nobelpreis erhalten wird, fühlt sich wie erschossen von Sirins treffsicherem Genie: "Dieser Junge hat sich ein Gewehr genommen und die ganze ältere Generation weggefegt, mich selber inbegriffen."
Doch abgeschnitten von Millionen Lesern in der verlorenen Heimat, verdient Nabokov in 15 Berliner Jahren mit Unterricht in Englisch und Französisch, mit Box- und Tennisstunden zu wenig zum Leben. Ihn ernährt eine belesene russische Schönheit, die den phantastischen Sirin schon bewundert hat, bevor sie Nabokov bei einem Berliner Ball persönlich kennen lernte: Véra Slonim.
Aus Petersburg gebürtig wie Vladimir und jüdischer Herkunft, ist sie noch ein wenig polyglotter als er: Neben Englisch und Französisch spricht sie auch Deutsch fließend. Nabokov dagegen hält sich die Sprache seines ersten Exils schon deshalb vom Leib, weil er befürchtet, durch ihren intensiven Gebrauch den "kostbaren russischen Lack" anzukratzen.
Véra Slonim, vom Genius des Dichters ein für allemal überzeugt, stellt ihre eigenen Talente völlig in dessen Dienst. Das staatenlose Emigrantenpaar heiratet 1925 auf dem Standesamt von Berlin-Wilmersdorf, und ein Jahr später schreibt Vladimir an Véra, mit ihr habe "das goldene Zeitalter" seiner Seele begonnen. Es wird gut ein halbes Jahrhundert andauern und erst mit Nabokovs Tod enden.
Mit einem phänomenalen Gedächtnis begabt, kennt Véra jede Verszeile ihres Mannes auswendig. Die praktischen Probleme des gemeinsamen Vagantenlebens hält sie ihm vom Hals. Als Sekretärin oder Übersetzerin besorgt sie den Lebensunterhalt. Abends diktiert er ihr sein handschriftliches Tagespensum in die Maschine, manchmal überzeugt sie ihn mit Veränderungsvorschlägen. Sie korrigiert die Druckfahnen seiner Bücher - und zieht wie nebenher beider Sohn Dmitri groß. In vielen Frauenporträts seines Werkes finden sich Spiegelungen ihrer Person. Nabokovs Bekenntnis, er hätte "keinen einzigen" seiner Romane ohne Véras Hilfe schreiben können, ist wörtlich gemeint.
Doch ausgerechnet die fabelhafte Frau des Dichters wirkt in Boyds monumentalem Nabokov-Panorama fast wie eine Schattenfigur. Den irreführenden Eindruck hat sie, als wichtigste Informantin des Biografen, selber herbeigeführt: "Je mehr Sie mich auslassen", so zitiert er die Dichter-Witwe, "umso näher werden Sie der Wahrheit kommen."
Wie wenig diese Behauptung zutrifft, zeigt die amerikanische Autorin Stacy Schiff in ihrer gerade auf Deutsch erschienenen Studie "Véra. Ein Leben mit Vladimir Nabokov"*. Nicht zufällig entstand dieses Buch erst nach dem Tod seiner 1991 verstorbenen Heldin - mit Hilfe des Nabokov-Sohnes Dmitri. Die Autorin erhellt, mit weiblicher Sensibilität, die persönliche Seite einer außergewöhnlichen Lebens- und Arbeitsgemeinschaft; sie ergänzt damit Boyds eher werkzentrierte Biografie. De-
* Stacy Schiff: "Véra. Ein Leben mit Vladimir Nabokov". Aus dem Englischen von Hermann Kusterer. Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln; 640 Seiten; 68 Mark.
tailliert beschreibt Schiff den Familienalltag, der unter Hitler für die jüdische Hauptverdienerin Véra immer schwieriger wird. Ihr Mann hasst die Nazis nicht weniger als die Kommunisten; ohnehin hat er sich von Anfang an gegen Berlin abgekapselt, wo sein Vater schon 1922 bei einem rechtsextremistischen Anschlag ums Leben kam. Ausgerechnet einer der Attentäter wird 1936 stellvertretender Leiter der für Emigranten zuständigen Behörde. Im Januar 1937 verlässt Nabokov Deutschland, um in Westeuropa oder den USA eine Zukunft für die Familie zu finden.
Die russische Sprache, mit der er so zärtlich und virtuos umgeht wie kein Zweiter, droht sich in seine literarische Isolationszelle zu verwandeln: "Je besser ich schreibe und je größer mein Ruhm unter Kennern wird, desto schwieriger wird es, Übersetzungen meiner Werke unterzubringen", klagt er. So reift der schwerste Entschluss seines Schriftstellerlebens, den er einem Interviewer Jahre später so beschreibt:
"Der radikale Wechsel von russischer Prosa zu englischer Prosa war für mich eine äußerst qualvolle Angelegenheit - etwa so, wie wenn man bei einem Explosionsunglück sieben oder acht Finger verloren hat und jetzt alle täglichen Handgriffe neu erlernen muss."
Im Dezember 1938, exakt in der Mitte seines Lebens, beginnt Nabokov in Paris seinen ersten englischen Roman, "The Real Life of Sebastian Knight". Als Schreibtisch dient ein über das Bidet im Bad gelegter Koffer - im einzigen Zimmer der Familie schläft Sohn Dmitri. Wenige Wochen, bevor deutsche Panzer im Juni 1940 Paris erreichen, fliehen die Nabokovs in die USA.
Ein Erlebnis bei der Einreise in die USA, mit dem Boyd den zweiten Teil seiner Biografie eröffnet, versteht Nabokov als gutes Omen*: Aus dem Stegreif mimen zwei
* Brian Boyd: "Vladimir Nabokov. The American Years". Princeton University Press, Princeton; 792 Seiten; 20,95 Dollar.
Zöllner in New York mit den Boxhandschuhen von Vater und Sohn, die obenauf in einem Koffer liegen, einen Faustkampf. Diese spielerische Spontaneität der neuen Welt entzückt den alten Sportsmann. Aber es dauert noch einmal fast 20 Jahre, bis ihm, als Autor von "Lolita", endlich der Welterfolg zufällt, der Nabokov nach seiner tiefen Überzeugung längst gebührt.
Ohne seine Frau wäre der 1953 beendete, skandalumwitterte Roman über die Obsession eines 37-Jährigen für ein 12-jähriges Mädchen nie zur Welt gekommen: Im letzten Moment verhindert Véra Nabokov, dass ihr Mann in einem raren Anfall von Selbstzweifel das Manuskript verbrennt.
Zunächst wagt im Land des Puritanismus niemand die Publikation des schockierenden Buches. Ein Pariser Verleger, der überwiegend scharfe erotische Ware im Angebot hat, riskiert die erste englische Ausgabe. Sie wird in England und Frankreich zeitweilig verboten. Literaten wie Graham Greene rühmen das Buch aufs Höchste, leseschwache Moralapostel verdammen es aufs Tiefste. Wie ein anderes Jahrhundertbuch, der "Ulysses" von James Joyce, wird die artistische Sensation des russischen Amerikaners der Pornografie bezichtigt. Nabokovs "Nymphchen" macht alle Welt neugierig, "Lolita" avanciert zum internationalen Bestseller.
In einem "Lolita"-Nachwort von lakonischer Intelligenz erklärt Nabokov das Werk zum Kind seiner "Liebesaffäre" mit der englischen Sprache und erledigt die Vorwürfe der Spießer: Für ihn gewährt Literatur, im Gegensatz zu obszöner Banalität, allein "ästhetische Lust". Die definiert er als "Gefühl, mit anderen Seinszuständen in Berührung zu sein, bei denen Kunst (Neugier, Zärtlichkeit, Güte, Harmonie, Leidenschaft) die Norm ist".
Der plötzliche Wohlstand ermöglicht es dem 60-Jährigen, eine zeitraubende Universitätsprofessur aufzugeben und sich im Schweizer Refugium Montreux nur noch seiner Kunst, den Schmetterlingen und Schachproblemen zu widmen. Dass sein Gesamtwerk von einem einzigen Buch überstrahlt oder besser überschattet wird, kommentiert er resigniert: ",Lolita'' ist berühmt, nicht ich."
Bis zum Ende kreist sein Werk um das Wunder des Bewusstseins. Dessen Gegenteil, der Schlaf, ist ihm von Kind auf verhasst, wie die Autobiografie bezeugt: "Ich kann mich einfach nicht an den allnächtlichen Verrat der Vernunft, der Menschlichkeit, des Genies gewöhnen. Wie groß meine Müdigkeit auch ist - der Schmerz, mich vom Bewusstsein zu trennen, ist mir unaussprechlich zuwider."
Am 2. Juli 1977 trennt ihn, auf der Intensivstation eines Lausanner Hospitals, der Tod für immer vom Bewusstsein.
RAINER TRAUB
* Brian Boyd: "Vladimir Nabokov. Die russischen Jahre 1899-1940". Deutsch von Uli Aumüller, Sabine Baumann, Ursula Locke-Groß, Kurt Neff und Hans Wolf. Rowohlt Verlag, Reinbek; 944 Seiten; 78 Mark. * Stacy Schiff: "Véra. Ein Leben mit Vladimir Nabokov". Aus dem Englischen von Hermann Kusterer. Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln; 640 Seiten; 68 Mark. * Brian Boyd: "Vladimir Nabokov. The American Years". Princeton University Press, Princeton; 792 Seiten; 20,95 Dollar.
Von Rainer Traub

DER SPIEGEL 42/1999
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