11.02.2017

Zeitgeschichte„Die Welt wird verrückt“

Konrad Adenauers Sohn Paul führte Tagebuch über die letzten Jahre seines Vaters im Amt: Der Kanzler nahm Drogen, sprach über Sex und träumte von Atomwaffen.
Am Abend seiner Wiederwahl brach es aus dem 85-Jährigen heraus. Die Deutschen seien "am Vermodern", die Kirchen auf dem Weg ins Abseits, die öffentliche Moral im Niedergang. Und erst sein voraussichtlicher Nachfolger Ludwig Erhard. "Wenn hier Erhard regiert, dann seid Ihr und Eure Kinder verloren", warnte der Kanzler. Nur er selbst könne den Untergang abwenden: "Ich will bare Macht, um Deutschland zu retten."
Die Szene ist überliefert von Adenauers Sohn Paul, der seinen Tagebucheintrag vom 7. November 1961 mit einer eigenen bangen Frage schloss: "Oh Herr, werden die Christen es noch einmal schaffen?"
Paul war das fünfte von insgesamt acht Kindern Adenauers. Der Theologe und promovierte Volkswirt galt als klügstes unter ihnen. Er war dem Vater besonders zugewandt, der seit dem Tod seiner zweiten Frau im Jahr 1948 lange allein gewohnt hatte. Um 1960 zog der 37-Jährige wieder zu seinem Vater in das Elternhaus in Rhöndorf und erlebte so die letzten Jahre Adenauers als Regierungschef (bis 1963) und CDU-Vorsitzender (bis 1966) aus der Nähe mit.
Zeitweise wirkte Paul als Geistlicher an einer Pfarrkirche, doch wenn möglich begleitete der freundliche Hüne mit der Hornbrille seinen Vater auf Reisen und Empfängen. Sie tauschten sich fast täglich aus, auch über Staatsgeheimnisse.
Dass der Kanzlerspross darüber Tagebuch führte, war bislang unbekannt. Paul starb 2007, sein Nachlass ging an die Haushälterin und dann an deren Familie. Doch im vorletzten Jahr bot ein Auktionshaus in Saarbrücken das Dokument öffentlich an. Ein Enkel Adenauers kaufte die gut 250 Seiten. Nun veröffentlicht Hanns Jürgen Küsters, Chefhistoriker der Konrad-Adenauer-Stiftung, die Aufzeichnungen*.
Es ist ein grandioser Fund, der neue Perspektiven auf den Gründungskanzler der Republik eröffnet, wie Historiker Küsters sagt. Denn Adenauer junior hält vieles fest, was ihm der Vater anvertraut. Es geht um die Führungsriege der CDU ("Diese Idioten") und die weltpolitische Lage ("Ich habe die größte Sorge"), aber auch Alltagsprobleme, Privates und sogar Träume.
Paul schreibt, dass der Vater ihm erzählt habe, Bundestagspräsident Eugen Gerstenmaier (CDU) sei ihm im Schlaf erschienen und habe berichtet, er müsse eine traurige Mitteilung machen: Die CDU sei "kaputt". Entsetzt wachte Adenauer auf.
Der groß gewachsene, hagere Mann stand am Ende eines ereignisreichen, aber auch strapaziösen Lebens. Adenauer war schon im Kaiserreich Kölner Oberbürgermeister, trotzte den Nazis, die ihn verfolgten, und verankerte nach dem Krieg die neue Bundesrepublik im Westen.
Für einen Mann seines Alters war er in beeindruckender Verfassung, wie Pauls Tagebuch belegt. Obwohl der Alte oft in den späten Abendstunden nach Hause kam, stand er früh auf und trat dann kaltes Wasser in der Badewanne. Anschließend setzte er sich in Morgenrock und langen Unterhosen an den großen Tisch im Esszimmer und schrieb mit großer Schrift Vermerke.
Gelegentlich nahm er eine Tablette Pervitin ein, der Wirkstoff ist der gleiche wie bei Crystal Meth. Die Aufputschdroge war schon in der Wehrmacht verbreitet gewesen.
Das unterhaltsame wie politisch bedeutungsvolle Tagebuch setzt im September 1961 ein und endet einige Monate vor dem Tod des Kanzlers 1967. Zunächst schreibt Paul Adenauer mit der Hand, später diktiert er auf Tonband und tippt die Aufnahmen ab oder lässt sie abtippen.
Es waren aufregende Zeiten. Die DDR-Führung hatte gerade die Mauer gebaut, der Kalte Krieg strebte einem neuen Höhepunkt entgegen. Kremlchef Nikita Chruschtschow drohte, er werde die Bundesrepublik im Fall eines Krieges "verbrennen wie eine Kerze".
Adenauer neigte zu Schwarzseherei, zudem war er glühender Antikommunist. Und so zeigte er sich zutiefst beunruhigt, denn er traute der amerikanischen Schutzmacht nicht. "Glaubst Du, dass die Amerikaner unseretwegen Atombomben einsetzen werden zu unserem Schutz, wenn Russland plötzlich vorrücken würde?", fragte er den Filius.
Durch einen angeblichen Wortbruch Washingtons fühlte sich der Kanzler in seinem Misstrauen bestätigt. Mehrfach erzählte er, der junge US-Präsident John F. Kennedy habe ihm versprochen, Atomraketen in der Bundesrepublik zu stationieren, die Moskau erreichen könnten. Später hätten die Amerikaner davon nichts mehr wissen wollen.
Sollte das stimmen, wäre das eine kleine Sensation. Eine solche Zusage Washingtons ist bislang unbekannt, die Umsetzung hätte Europa vermutlich an den Rand eines Nuklearkriegs geführt.
Statt auf die USA vertraute der Christdemokrat lieber Frankreichs Präsident Charles de Gaulle, den er auch menschlich schätzte. Beeindruckt erzählte er, wie rührend sich de Gaulle um seine schwerbehinderte Tochter bis zu deren Tod gekümmert habe.
De Gaulle hat in beiden Weltkriegen gegen die Deutschen gekämpft. Adenauer rechnete ihm hoch an, dass er trotzdem die deutsch-französische "Erbfeindschaft" beenden wollte. Die beiden Katholiken träumten von einer Union ihrer Länder, die dem atheistischen Moskau trotzen sollte. Und natürlich wollte Adenauer die Gefahren des Nationalismus bannen.
Eine kleine Begebenheit zeigt, wie tief sich der sonst kühl kalkulierende Regierungschef Frankreich zeitweise verbunden fühlte. Paul schenkte dem Vater nach einem gemeinsamen Besuch bei de Gaulle Schallplatten mit Aufnahmen der Marseillaise, übrigens zum Verdruss einiger Geschwister, denen so viel Frankophilie offenkundig zu weit ging.
Das Geschenk kam jedoch bestens an. Adenauer litt gelegentlich an Depressionen, und wenn abends in Rhöndorf "die Schatten" kamen, wie Paul es nennt, ließ er die französische Nationalhymne auflegen. Diese Musik tue dem Papa "wohl", schreibt Paul.
Allerdings wurde Adenauers Blick auf den Nachbarn jenseits des Rheins zusehends nüchterner. Er war überzeugt, ohne Atomwaffen sinke die Bundesrepublik "in den Rang einer Nation zweiten Grades, zweiter Klasse ab". Wie Paul notiert, wollte er die Lage vorsichtig eruieren. Er fragte daher ganz allgemein bei de Gaulle an, ob die Franzosen bereit seien, eine "europäische Macht" – gemeint ist natürlich die Bundesrepublik – an der nuklearen Force de Frappe teilhaben zu lassen. De Gaulle vertröstete ihn auf eine ferne Zukunft. Adenauer war enttäuscht.
Und dann suchte der französische Staatschef auch noch den Ausgleich mit Polen und der Sowjetunion. O-Ton Adenauer: "Meine ganzen Bemühungen sind gescheitert ... ich bin wie einer von vielen anderen, die er gebraucht hat und dann beiseite gestellt hat."
Vater und Sohn rätselten über die Motive. Das Familienoberhaupt behauptete mal, der gallische Freund leide unter einer "Alterserscheinung" oder sei "größenwahnsinnig" geworden. Dann wieder spekulierte er, ob ihn die Angst vor den Deutschen antreibe. Paul notiert: "Er glaubt, dass de Gaulle seine Atomwaffe auch zum Schutz gerade gegen uns hochzüchtet."
Besonders bitter für Adenauer: Seine Gegner in der CDU um Wirtschaftsminister Ludwig Erhard hatten immer davor gewarnt, auf Frankreich zu setzen. Jahrelang bestimmte der Streit zwischen proamerikanischen Atlantikern und profranzösischen Gaullisten die Agenda in Bonn. Es war zugleich ein Streit um die Nachfolge des Kanzlers.
Adenauer hatte 1961 seinen vierten Wahlsieg errungen, aber der Koalitionspartner FDP drängte auf seinen Amtsverzicht. Adenauer musste schließlich nachgeben und war tief gekränkt. 1963 trat er in der Mitte der Legislaturperiode als Regierungschef zurück, den Parteivorsitz gab er drei Jahre später ab.
Allerdings wollte Adenauer verhindern, dass ihm Erhard in den Ämtern nachfolgte. Die Grabenkämpfe wurden mit "harten Bandagen" (Historiker Küsters) ausgetragen. Beide Seiten streuten Gerüchte, spannen Intrigen. Paul führte Buch.
Demnach verbreitete Erhard, Adenauer senior sei "nicht (mehr) in der Lage, richtig zu sprechen". Und Erhard quälte den Nichtraucher, indem er in Sitzungen viele Zigarren schmökte. Adenauer fiel das Gequalme "schwer auf die Nerven".
Aber auch der Alte teilte ordentlich aus. Er behauptete ernsthaft, unter Erhard werde die Republik zugrunde gehen. Und er schimpfte über fast alle führenden Parteifreunde. Der CDU/CSU-Fraktionsvorsitzende sei "feige", der Außenminister "irrsinnig", der Bundestagspräsident "arrogant", Nachfolger Erhard "dumm".
Bei seinem Sohn beklagte er sich bitter: "Paul, wie können die Menschen doch gemein sein." Der Gottesmann registrierte freilich, dass der Streit den Vater "erstaunlich belebt und verjüngt".
Adenauer war ein boshafter, hinterlistiger, nachtragender Mann. Politik verderbe den Charakter, pflegte er sich zu entschuldigen. Und so genoss er die kleinen Gemeinheiten, etwa wenn er Erhard ein fieses Schreiben schicken lassen konnte: "Ich würde zu gern sehen, wie der dicke Erhard den Brief bekommt."
Adenauer trank wenig. Aber wenn Parteifreunde ihn nun besuchten, füllte er sie mit schwerem Wein ab, damit "die Sache vorangeht". Die "Sache": Das war jetzt der Sturz des Nachfolgers. 1965 notiert Paul, der Vater überlege, "wie man Erhard ersetzt".
Sogar den verhassten SPIEGEL empfing er. Das Magazin stelle "eine gewaltige geistige Macht dar, mit dem man sich infolgedessen einigermaßen gut halten müsse", so gibt Paul die Einschätzung des rachsüchtigen Patriarchen wieder.
Als die Chefredaktion dem Exkanzler einen Prachtband schenkte, glaubte Adenauer, das Blatt werde ihn "in der nächsten Zeit nicht besonders angreifen". Ein Irrtum. Bald schimpften die Adenauers wieder über den "Abgrund des Positivismus und Nihilismus" in der Redaktion in Hamburg.
Selbst das Thema Sex findet sich in den Aufzeichnungen. Die wilden Sechzigerjahre und die sexuelle Revolution scheinen auch Eindruck auf den Kölner Kardinal Joseph Frings, 78, und Adenauer gemacht zu haben. Jedenfalls unterhielten sich die beiden alten Männer über die schönste Hauptsache der Welt.
Vielleicht saß Paul dabei, vielleicht hat der Vater ihm anschließend berichtet, jedenfalls notiert Paul, die beiden Konservativen hofften auf eine Rückkehr der guten alten Zeit, in der die Menschen "einfach Freude am spontanen Verkehr haben, auch wenn daraus mehrere Kinder hervorgingen".
Allerdings machten die Notizen des Sohnes auch deutlich, wie fremd Adenauer das Land geworden war. Dass die Menschen weniger arbeiten und mehr Spaß haben wollten, war für ihn Ausdruck einer "zunehmenden Fäulnis in unserer Gesellschaft". Wohl nur halb im Spaß riet er dem Sohn: "Paul, besorge Dir zeitig einen Platz im Irrenhaus! Die Welt wird verrückt."
Am 30. November 1966 erlebte Adenauer seinen letzten Triumph. Die Bundesrepublik steuerte in ihre erste große Rezession, Erhard musste zurücktreten. Einige Tage später entkorkte Adenauer eine Weinflasche, um darauf "einen Schluck zu trinken". Er ätzte, die drei Jahre währende Regierungszeit Erhards hätten ihn "sechs Jahre seines Lebens gekostet".

"Paul, wie können die Menschen doch gemein sein", klagte der Kanzler seinem Sohn.

Erhard musste zurücktreten, Adenauer entkorkte eine Flasche, um darauf "einen Schluck zu trinken".

* Hanns Jürgen Küsters (Hrsg.): "Konrad Adenauer – Der Vater, die Macht und das Erbe. Das Tagebuch des Monsignore Paul Adenauer 1961–1966". Ferdinand Schöningh; 529 Seiten; 29,90 Euro.
* Oben: in Rhöndorf 1959; unten: in Washington 1962.
Von Klaus Wiegrefe

DER SPIEGEL 7/2017
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