11.02.2017

MedizinZwei Tabletten Schmerz

Sehnenriss, Muskelqual, Depression – eine Gruppe von Antibiotika, die Fluorchinolone, können schreckliches Leid auslösen. Doch viele Ärzte ignorieren die Gefahr.
Am 19. Juli 2015, einem Sonntag, spürte Michael Neumann plötzlich ein fieses Brennen in der Harnröhre. Gerade war der 37-Jährige mit seiner Frau und dem kleinen Sohn aus dem Urlaub in der Schweiz zurückgekommen.
Bis dahin hatte das Leben es gut mit Neumann gemeint; in einer kleinen Stadt in der Nähe von Frankfurt am Main hatte er ein Haus gebaut, sein sicherer Verwaltungsjob machte die Finanzierung möglich. Regelmäßig ging er ins Fitnessstudio, und zusammen mit Freunden spielte er in einer Heavy-Metal-Band, als Schlagzeuger.
An diesem Julisonntag verschrieb ihm der Arzt des ambulanten Notdienstes, den er wegen der Schmerzen in der Harnröhre aufgesucht hatte, das Antibiotikum Levofloxacin. Neumann nahm zwei Tabletten. Zwei Tabletten, nicht mehr. Seitdem ist sein Leben aus den Fugen geraten.
Nach der ersten Tablette spürte er ein leichtes Kribbeln in den Achillessehnen. "Aber da habe ich noch gedacht, das käme von der langen Autofahrt", erzählt Neumann, der in Wirklichkeit anders heißt.
Am Montag nahm er deshalb ohne Bedenken die zweite Tablette ein. Das Kribbeln verwandelte sich in Schmerz.
Am Dienstag bekam er Herzrasen, Panik, Schwindel, Todesangst. Am Abend konnte er wegen der Schmerzen in den Sehnen nicht mehr laufen. Was, fragte er sich verzweifelt, war nur mit ihm los?
Die Diagnose stellte sein Hausarzt, der schon einmal einen ähnlichen Fall erlebt hatte: Nebenwirkungen. Inzwischen haben andere Ärzte und ein Gutachten diesen Befund bestätigt. Helfen indes konnte Neumann niemand.
Er bekam Krücken verschrieben und Fersenkeile für die Schuhe. Sechs Wochen lang lag der ehemalige Kraftsportler danach zu Hause auf dem Sofa. Er kaufte einen Stuhl, zum Sitzen unter der Dusche.
Das Brennen in der Harnröhre war schnell vergessen. Die Schmerzen hingegen griffen auf Hände und Arme über. Sein Schlagzeug verwaiste.
Fast ein halbes Jahr lang konnte Neumann nicht arbeiten, später noch einmal mehrere Wochen nicht. "Ich hatte Angst, meinen Job zu verlieren, meine ganze Existenz", erzählt er. Um Geld zu sparen, bestellte er alle Handwerker, die sein Haus fertigstellen sollten, wieder ab. Bis heute fehlt an der Außenwand der Putz.
Inzwischen arbeitet Neumann wieder, und er braucht auch keine Krücken mehr. Aber wenn er ein paar Schritte geht, sieht es aus, als tapste er über rohe Eier. Statt ins Fitnessstudio geht er ins Rehazentrum. Dabei habe er noch Glück gehabt, sagt Neumann, er sei einer der leichteren Fälle. "Andere sind viel schlimmer dran."
Das Antibiotikum, das er genommen hat, gehört zur Gruppe der Fluorchinolone, früher Gyrasehemmer genannt. Einerseits werden sie als hochwirksame Antibiotika geschätzt, die auch helfen, wenn andere Mittel versagen. Zum Beispiel beim gefürchteten Bakterium Pseudomonas aeruginosa, bei nekrotisierender Bauchspeicheldrüsenentzündung oder beim Milzbranderreger.
Andererseits können diese Mittel Menschen schrecklichen Schaden zufügen. Schon elf Fluorchinolone sind in Deutschland nicht mehr im Handel, teilweise, weil sie lebensbedrohliche Nebenwirkungen hatten. Diese Woche stieß das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte ein europaweites Risikobewertungsverfahren an; die Europäische Arzneimittel-Agentur wird nun die Hartnäckigkeit schwerwiegender Nebenwirkungen der Fluorchinolone vor allem an Muskeln, Gelenken und Nervensystem evaluieren. Damit stehen alle diese Mittel – die wichtigsten sind Ciprofloxacin, Levofloxacin und Moxifloxacin – auf dem Prüfstand.
Kürzlich wurde bei der Staatsanwaltschaft Köln sogar Anzeige erstattet wegen einer möglicherweise manipulierten Ciprofloxacin-Studie des Pharmakonzerns Bayer. Die Staatsanwaltschaft prüft jetzt, ob es einen Anfangsverdacht zur Aufnahme von Ermittlungen gibt. Bayer teilt mit, dass dem Unternehmen zu den Vorwürfen keine näheren Informationen vorlägen, man könne deshalb keinen Kommentar abgeben.
Doch auch die amerikanische Zulassungsbehörde FDA verschärfte vergangenen Sommer die Warnhinweise für Fluorchinolone drastisch: Diese Medikamente könnten unerwünschte Wirkungen haben, die "zur Behinderung führen und potenziell dauerhaft" seien. Im Januar ließ die kanadische Gesundheitsbehörde einen ähnlichen Alarm verlauten.
Konkret warnt die FDA nicht nur vor Sehnenentzündungen und -rissen, sondern auch vor Gelenk- und Muskelschmerzen, Missempfindungen und Schmerzen auf der Haut, Herzrasen und Herzrhythmusstörungen, schlimmem Durchfall, Schlafstörungen, Verwirrung, Halluzinationen, Depressionen und Selbstmordgedanken – unter anderem. Die Mittel, so die FDA, sollten bei Erkrankungen wie Nasennebenhöhlenentzündungen, Bronchitis oder einer unkomplizierten Harnwegsinfektion deshalb nur noch dann zum Einsatz kommen, wenn wirklich kein anderes Antibiotikum mehr hilft.
Zwar steht schon jetzt in den deutschen Leitlinien zur Blasen- und Nebenhöhlenentzündung, dass Fluorchinolone nicht Mittel der ersten Wahl seien, und die Hersteller halten sich an ihre gesetzliche Verpflichtung, im Beipackzettel auf die bekannten Nebenwirkungen hinzuweisen.
Trotzdem wurden 2015 in Deutschland immer noch 33,7 Millionen Tagesdosen Fluorchinolone verordnet. Offenbar unterschätzen viele Ärzte die Gefahr. "Fluorchinolone werden immer noch viel zu häufig bei banalen Infekten verschrieben", sagt Wolfgang Becker-Brüser, Herausgeber der industriekritischen Fachzeitschrift "arznei-telegramm". Warnhinweise müssten dringend so formuliert und verbreitet werden, "dass auch beim letzten Arzt der Groschen fällt".
Wie viele Betroffene es in Deutschland tatsächlich gibt, sei schwer abzuschätzen. Aber es sei davon auszugehen, dass Fluorchinolon-Schadwirkungen ein unterschätztes Problem seien, meint Becker-Brüser – auch deshalb, weil einige der Nebenwirkungen schon nach einer einzigen Tablette auftreten können oder erst Monate nach der Einnahme.
Eine Kohortenstudie hat ergeben, dass das Risiko, an einer Achillessehnenentzündung zu erkranken, nach der Einnahme von Fluorchinolonen im Vergleich zu anderen Antibiotika 3,7-fach erhöht ist; Levofloxacin ist dabei wahrscheinlich besonders riskant. Insbesondere ältere Patienten und solche, die zusätzlich Kortikosteroide einnehmen, sind gefährdet. Manche Wissenschaftler halten es sogar für möglich, dass ein Patient von etwa 230, die ein Fluorchinolon verschrieben bekommen, eine Sehnenentzündung erleidet. Demnach müsste es in Deutschland Tausende Betroffene geben.
Angelika Kühn, eine zierliche 61-Jährige, erfuhr vor ein paar Wochen durch Zufall, dass es möglicherweise Fluorchinolone waren, die sie so krank gemacht haben. Beweisen kann sie das nicht – aber es spricht vieles dafür.
Kühn, die anders heißt, geht genauso wie Michael Neumann, so merkwürdig vorsichtig. Den Tango, ihre Leidenschaft, musste sie wegen der ständigen Sehnenschmerzen schon vor Jahren aufgeben. Morgens schämt sie sich, wenn ihr Mann, der ihre Eleganz immer so liebte, sie schmerzgebeugt zur Toilette wackeln sieht.
Vor zehn Jahren bekam Kühn erstmals Ciprofloxacin verschrieben, insgesamt viermal hintereinander über vier Monate hinweg, wegen einer angeblichen Harnblasenentzündung, die nicht weichen wollte. Später stellte sich heraus: eine Fehldiagnose. Ein paar Monate später bekam sie Levofloxacin, diesmal litt sie tatsächlich an einer Harnwegsinfektion.
"Ich hatte damals gerade meinen Mann kennengelernt", erzählt Kühn. "Ich liebte es, von ihm gestreichelt zu werden. Aber wenn er mich dann ein paarmal an derselben Stelle berührt hatte, fing die Haut dort schrecklich zu brennen an." Dass dies möglicherweise eine Nebenwirkung der Antibiotika war, die sie gerade genommen hatte, ahnte sie nicht. Auch die Ärzte blieben ratlos.
2010 ereilte sie erneut eine Blasenentzündung, wieder bekam sie Ciprofloxacin. "Ich leitete damals ein kleines Altenheim und musste viel treppauf und treppab laufen", sagt Kühn. "Eines Morgens wachte ich auf und hatte höllische Schmerzen in den Achillessehnen." Noch mehr Angst machte ihr, dass sie jetzt oft so verwirrt war; manchmal wusste sie bei der Arbeit kaum noch, was sie gerade tat. Auch dies kann laut FDA eine Fluorchinolon-Nebenwirkung sein, aber wie hätte Kühn darauf kommen sollen? Am Ende musste sie den Job wechseln.
Vier Jahre später gab eine Ärztin Kühn ein weiteres Mal Ciprofloxacin, diesmal als Infusion. "Das war der Super-GAU", sagt sie. Die Schmerzen wurden schlimmer und schlimmer, breiteten sich auch auf Knie und Ellenbogen aus; sie blieben. Bis heute. Kühn bekam Herzrhythmusstörungen, und es befiel sie eine unendliche Müdigkeit – auch das laut FDA eine mögliche Nebenwirkung. "Es ist verrückt", erzählt Kühn, "aber als mein Arbeitsvertrag nicht verlängert wurde, habe ich trotz Zukunftssorgen gedacht: ,Gott sei Dank, endlich kann ich schlafen!'"
Warum die Medikamentengruppe der Fluorchinolone so viele verschiedene unerwünschte Wirkungen auslösen kann, weiß niemand genau. Möglicherweise schädigen die Mittel direkt die Mitochondrien, die Kraftwerke der Zelle, oder sie stören den Kontakt zwischen der Zelle und ihrer Umgebung.
Als einigermaßen gesichert gilt, dass dabei Magnesium eine Rolle spielt: In den Neunzigerjahren hat der Berliner Toxikologe Ralf Stahlmann gezeigt, dass das Knorpelgewebe junger Ratten, denen Fluorchinolone verabreicht worden waren, unter dem Mikroskop exakt dieselben Schäden aufwies wie das von Ratten, die auf magnesiumarme Diät gesetzt worden waren.
Könnte, entsprechend, Magnesium ein Gegenmittel sein? Experten vermuten es, doch systematisch erforscht wurde dies nie.
Auch Stahlmann stellte seine Fluorchinolon-Experimente wieder ein. Niemand habe sie bezahlen wollen, sagt er, das sei bei der Erforschung von Nebenwirkungen ein grundsätzliches Problem. An den Universitäten sei die Toxikologie eine schrumpfende Disziplin.
Heute ist Stahlmann im Ruhestand. Fast jede Woche, erzählt er, melde sich ein Betroffener bei ihm und bitte um Hilfe. "Aber ich behandle ja keine Patienten."
Alleingelassen mit ihrem Leid, fangen die Betroffenen jetzt an, sich selbst zu helfen. Ganz vorn mit dabei ist Sven Forstmann. Auch ihn schmerzen die Sehnen, und etliche weitere Beschwerden machen ihm zu schaffen, seit er vor acht Monaten zwei Tabletten Levofloxacin und eine Tablette Ciprofloxacin nahm. Etwa 1400 Leute, berichtet er, seien inzwischen in Facebook-Gruppen organisiert oder beim Betroffenenforum registriert.
Im November hat Forstmann eine Petition beim Deutschen Bundestag eingereicht. Neben eindeutigen Warnungen auf den Medikamentenpackungen fordern er und seine Unterstützer darin, dass mögliche Therapien weiter erforscht werden. "Ich möchte", sagt er, "meine Zukunft nicht als Frühinvalide verbringen."
Von Veronika Hackenbroch

DER SPIEGEL 7/2017
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