25.02.2017

EssayDer Musterlehrling

Eine persönliche Danksagung an Joachim Gauck. Von Stefan Berg
Es ist derzeit üblich, auf Politiker zu schimpfen. Es ist eher unüblich, Politiker zu loben oder ihnen zu danken. Über Joachim Gauck aber kann ich sagen: Er hat mir persönlich gutgetan.
Ich hatte 1990 keine Erfahrung im Vereinigen von Ländern. (Und selbst bei Helmut Kohl soll es das erste Mal gewesen sein.) Ich war jung, konnte ein wenig schreiben und hatte eine Eins-a-Biografie, keine zweifelhaften Orden, sondern als höchste Auszeichnung die Pflegedienstspange in Bronze des DRK der DDR. Bei vielen Ostdeutschen wich die Freude über die Reise- und Meinungs- und Versammlungsfreiheit bald der Furcht vor der Freiheit vom Arbeitsplatz. Bei mir lief es bestens.
Aber es war nicht immer nur easy unter den Herkunftswestdeutschen. Manch einer verfügte über mehr Selbstbewusstsein als – geschätzt – alle Bewohner der Uckermark zusammen. Da half ein Blick auf Joachim Gauck. Er war Selbstbewusstsein pur. Er trat auf, als müssten die Westdeutschen ihm dankbar sein, dass er sie in sein Land aufgenommen hatte, und nicht umgekehrt. Schaut her, Beamte dieser Erde, so sieht ein Sieger der Geschichte aus!
Gauck war anzumerken, dass er nach Anerkennung dürstete. Warum auch nicht? Die DDR hatte da ja nicht sonderlich viel zu bieten. Und was sie bot, wollte er nicht. Und nun gab es einen ganzen Supermarkt der Anerkennung: Macht, Empfänge, Bälle, Bühnen, Dienstwagen. Und vor allem gab es Pressespiegel! Gauck genoss dies alles sichtlich.
Am 9. November 1999, zum zehnten Jahrestag des Mauerfalls, hielt Gauck im Bundestag vielleicht die einfühlsamste Rede, die je zum Thema Vereinigung gehalten wurde: Er erzählte von der Aufbruchstimmung, die 1989 sogar viele "SED-Genossen" erfasst hatte. Doch "nach der Einheit waren wir wieder Lehrlinge. Viele fühlten sich fremd im eigenen Land. Sicher erklärt sich ihre Bitterkeit auch aus neu erfahrener Hilflosigkeit und Enttäuschung". Und dann sagte Gauck einen Satz, der befreiende Heiterkeit auslöste: "Sie hatten vom Paradies geträumt und wachten in Nordrhein-Westfalen auf."
Um in Gaucks Bild zu bleiben, sah ich in ihm immer den "Lehrling" aus dem Osten. Allerdings war er der Musterlehrling. Manchmal hatte das komische Seiten. Gauck, so schien es mir, war besonders erpicht darauf, zum Establishment zu gehören. Sein Lerntempo war enorm. Traf man ihn im Café NÖ!, unweit der "Gauck-Behörde", kannte er sich bei Rotweinen aus, als hätte er in Rostock nicht eine Kirchengemeinde im Plattenbauviertel betreut, sondern eine Niederlassung von Jacques' Wein-Depot. Er lebte nun in Berlin-Schöneberg und hatte eine Frau aus dem Westen. Plötzlich wollte er nicht nur Bürger sein, sondern sogar "Citoyen". Er registrierte, wenn er bestaunt wurde. Der kleine Finger seiner rechten Hand war der Seismograf seiner Selbstzufriedenheit. Trank er Kaffee, spreizte er ihn ab. Gauck war so gut angekommen, dass ihm manchmal das Gefühl verloren ging für diejenigen, die nicht angekommen waren. Das war schade. Aber auch menschlich.
Als er Bundespräsident war, hat es mich angerührt, wie offen er über seine Liebe zu diesem Land sprach. So spricht einer, der Sehnsucht hatte. Gefühle und Länder passen nicht immer gut zusammen. Männer und Gefühle und Länder noch schlechter. Bei Gauck schon. Ein Mann an der Staatsspitze, der sich seiner Tränen nicht schämt. Hatten wir so etwas schon mal?
Als Bundespräsident ging ihm, fand ich, ein Stück des Selbstbewusstseins verloren, das ihn so weit gebracht hatte. Er redete nun vorsichtiger, er wirkte auf mich nicht immer wie der Herr des Schlosses Bellevue, sondern wie dessen Gefangener. Er korrigierte seine Rede von 1999. Nun war dieses Deutschland doch mehr als NRW, es war das Paradies, das beste Deutschland aller Zeiten. Wieder und wieder pries er Deutschland, und er pries die Freiheit. Aber er schien nicht zu verstehen, warum andere die Freiheit anders nutzen als er, warum die Beteiligung an vielen Wahlen sinkt, warum nicht alle in das Loblied auf die Freiheit einstimmen und warum die demokratische Sangeskraft gerade in Sachsen nachlässt, in jenem Sachsen, dessen Bewohner Gauck so oft lobte, weil sie die SED wegdemonstriert hatten.
Ich erinnerte mich, wie er einmal als Chef der Stasiakten-Behörde von einem langen Gespräch mit seinem Fahrer berichtete, einem früheren Genossen von der "Firma". Gauck hatte zugehört und danach voller Respekt von dem Mann gesprochen, für den das Jahr 1989 kein Spaß, sondern ein Schock gewesen war. Gauck war dagegen, dass solche Leute einfach gefeuert wurden. Ich hoffte vergebens darauf, dass er als Bundespräsident noch einmal diesen versöhnlichen Ton anschlüge.
Als Gauck 2014 in Leipzig der friedlichen Revolution gedachte, vergaß er, die früheren SED-Funktionäre einzuladen, die im Oktober 1989 an ihre eigenen Genossen appelliert hatten, auf den Einsatz von Waffen zu verzichten. Manche sehnen sich nach einer kleinen Geste, nach einem irgendwie halb offiziellen Jawort zu einem Teil ihres Lebens. Ich musste an Gaucks alten Fahrer denken, den ich einmal gesprochen hatte und der voll des Lobes für Gauck war. Und für das vereinte Deutschland.
Gauck war fünf Jahre lang Bundespräsident, vorher war er zehn Jahre lang Bundesbeauftragter für die Stasiunterlagen gewesen. Für andere öffentliche Personen, die wie ich in der DDR groß geworden sind, schämte ich mich: für den geldgierigen CDU-Politiker Günther Krause oder den Schauspieler Peter Sodann, der zeitweilig den Bundespräsidentenkandidaten-Clown gab. Fremdschämen. Bis heute ist es manchmal so, als würde ein Familienmitglied die ganze Sippe blamieren. An Gauck, dieser Leuchte aus Dunkeldeutschland, aber konnte ich mich, trotz allem, oft fremdfreuen. Er hat mir geholfen, einen Platz in diesem Land zu finden. ■

Über den Autor

Stefan Berg, Jahrgang 1964, arbeitete seit 1984 bei Kirchenzeitungen in der DDR. 1992 wechselte er zum "Deutschen Allgemeinen Sonntagsblatt". Am 15. März 1995 interviewte Berg den Bundesbeauftragten für die Unterlagen der Staatssicherheit, Joachim Gauck. Danach entstand die Aufnahme – Berg hatte an diesem Tag Geburtstag, Gauck gratulierte.
Von Stefan Berg

DER SPIEGEL 9/2017
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