25.02.2017

NilsMinkmarZur ZeitUnter Aliens

Die Entdeckung von sieben Exoplaneten in unserer galaktischen Nachbarschaft war die inspirierendste Meldung der Woche. Die Nasa lieferte Illustrationen der sieben Kugeln mit gefälligen Farben und Oberflächen. Solche Nachrichten von den Sternen sind eigentlich Erinnerungen. Eine Hälfte der Tagträume meiner Kindheit habe ich damit verbracht, mir das Ungeheuer von Loch Ness vorzustellen, die andere, mir über außerirdisches Leben Gedanken zu machen: Reisen sie wirklich in fliegenden Untertassen, wie eine Hommage an die "Mad Tea Party" aus "Alice im Wunderland"?
Ich fand es in dieser Woche beruhigend, dass noch keine sogenannten politischen Reaktionen vermeldet wurden. Seehofer forderte keine Obergrenze für Aliens, Martin Schulz beraumte keine EU-Beitrittsgespräche für die sieben Planeten an, und die Kanzlerin wiegelte noch nicht einmal ab. Ich habe immer vermutet, dass Merkel die Landung eines Raumschiffs außerirdischer Herkunft in Berlin als "völlig normalen Vorgang unter Freunden" bewerten und die Zuständigkeit an das Grünflächenamt des Bezirks Mitte delegieren würde. Diese Stille nach der Entdeckung, bevor nun doch ermittelt wird, dass die hübsche Planetenkette ebenso unbrauchbar ist wie unsere direkten Nachbarn, sollte dem Staunen gehören. Es ist ein Wunder, dass uns der Himmel nicht mehr leer vorkommt: Tapfere Ufo-Forscher hatten in den vergangenen Jahren ja so ziemlich jedes unerklärte Himmelsphänomen aus den Jahren meiner Kindheit auf geheime militärische Forschungsprojekte zurückführen können. Solche Aufklärung ist wichtig, aber da geht es mir wie bei der immer besseren Vermessung und Durchleuchtung von Loch Ness: Ich wünschte, man wüsste weniger. Seit der Entdeckung sind wir wieder in jenem perfekten Zwischenreich aus Information und Ignoranz, in dem das Nachdenken erst möglich wird. Der französische Philosoph Michel de Montaigne schrieb Ende des 16. Jahrhunderts recht lakonisch: "Unsere Welt hat vor Kurzem eine andere entdeckt." Er nutzte diese Verdoppelung der Welt zu einer humanistischen Reflexion: Was hat der relative Fortschritt der Zivilisation in der Alten Welt denn hervorgebracht? Montaigne kritisierte leeren Pomp an der Staatsspitze, Folter und Glaubenskriege. Da sind wir leider nicht viel weiter.
Nun könnte diese Entdeckung Anlass geben, den Blick von außen aus der mittleren Distanz von 39 Lichtjahren auf die Erde zu simulieren. Als ob sich plötzlich Besuch ankündigt und man auf einmal leicht besorgt das Wohnzimmer betrachtet, in dem man sich kurz vorher noch pudelwohl gefühlt hat. Die Zeit, bis wir mehr wissen über die fernen Nachbarn, sollten wir nutzen: pfleglich umgehen mit Wasser, Land, Mensch und Tier, ein einheitliches Weltbürgerschaftsrecht entwerfen und Repräsentanten wählen, die man auch im fahlen Licht einer kleinen neuen Sonne vorzeigen kann. Wer soll die Außerirdischen begrüßen? In der Science-Fiction für westliche Schulkinder war das immer der amerikanische Präsident. Da liegt nun die Bitte nahe, dass die Aliens noch mal eine Runde um die Galaxie drehen und etwas später wiederkommen.
An dieser Stelle schreiben Nils Minkmar und Elke Schmitter im Wechsel.
Von Nils Minkmar

DER SPIEGEL 9/2017
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