25.10.1999

FANSEin Hauch von Woodstock

Vor gut einem Jahr kaufte die Musikertruppe „The Kelly Family“ das Wasserschloss von Gymnich bei Köln - nun nerven Horden junger Mädchen die Anwohner.
Das Schloss steht, kaum zu sehen, hinter hohen Bäumen. Es ist lausig kalt, doch sie versteht: Für ein Autogramm von Roy Black hätte die Frau aus Ludwigshafen in ihren jungen Jahren ja schließlich auch "alles hergegeben". Darum wartet Gisela Jäntsch jetzt mit ihrer Tochter Saskia, 15, geduldig auf der Straße in Gymnich. Die beiden hoffen, dass bald ein Mitglied der Kelly-Familie herauskommt. Einen ganzen Stapel von Fotos haben sie mitgebracht. Und nach einem Autogramm sehnt sich Saskia doch nun schon seit sechs Jahren.
Christina, Sanne und Tina aus Esbjerg in Dänemark haben ihr Zelt auf einer Wiese in der Nähe aufgeschlagen. In dicken Schlafsäcken trotzen sie den eisigen Temperaturen. Die Eltern der 15- und 16-Jährigen glauben, sie wären bei einer Freundin in Köln. Stattdessen hängen sie von morgens bis in die Nacht vor dem Schlosseingang und warten darauf, auch nur mal einen schnellen Blick auf einen der "Kels", wie Mitglieder der musizierenden Großfamilie mit irischer Abstammung von ihren Fans genannt werden, werfen zu dürfen.
Mädchen wie Saskia gibt es weit mehr, als den Bewohnern von Erftstadt-Gymnich bei Köln lieb ist. Seit die Musiker das Anwesen im Sommer vergangenen Jahres kauften, belagern Horden von Kelly-Fans die Einfahrt zum rund 800 Jahre alten Wasserschloss im Zentrum des 4000-Seelen-Ortes.
Mangels Toiletten und Duschen verdrücken sich manche in die Vorgärten der Anwohner. Die Fans, fast ausschließlich pubertierende Mädchen, würden sich sogar auf dem Friedhof waschen, klagen Einheimische. Den Anblick von halbnackten Mädchen vor seinem Haus, die sich im Auto umziehen und am Rinnstein Katzenwäsche abhalten, findet Anwohner Patrick Morgen manchmal zwar ganz nett. Nur versteht er nicht, "was die Kids hier eigentlich wollen".
Pickelige Kelly-Jüngerinnen mit Babyspeck werfen schmachtende Blicke durch die hohen Eisengitter, die Musik der Gruppe wird auf mitgebrachten Gitarren gezupft - ein Hauch von Woodstock liegt in der Luft. Gegen Abend braust die männliche Dorfjugend mit aufgemotzten Autos vorbei, denn nirgendwo ist es einfacher, ein Mädchen aufzugabeln.
Im Regen, ja selbst bei Minusgraden hat Marianne Krome schon Fans im Schlafsack vor dem Tor gesehen. Sie wohnt 20 Meter von der Schlosseinfahrt entfernt und ist mit ihren Nerven am Ende. Ihre drei Kinder könnten nachts nicht in Ruhe schlafen. Sie selbst ist wegen Schlaf- und Konzentrationsstörungen in Behandlung.
Ehemann Volker sucht seit Wochen einen Käufer für die Doppelhaushälfte, die nach der Geburt des dritten Kindes zu klein geworden ist. Beim Anblick des Girlie-Lagers vor der Tür winken aber alle Interessenten dankend ab.
Dabei lag das Haus einst in der besten Gegend des Ortes. Als die Kromes dort einzogen, war gerade die englische Queen zu Gast auf Schloss Gymnich.
Baumeister Johann Balthasar Neumann soll das Barockschlösschen auf den Überresten einer ehemaligen Ritterburg nebenher errichtet haben, während er im nahen Brühl am prachtvollen Schloss Augustusburg arbeitete.
Einer der letzten Eigentümer, Jörg Freiherr von Holzschuher. Das Anwesen mit der roten Fassade war von 1971 bis 1990 an den Bund vermietet: 23 edel ausgestattete Suiten und ein 273 000 Quadratmeter großer Park, in dem die ältesten Platanen Deutschlands stehen sollen. Mit der Einweihung des Gästehauses auf dem Petersberg, das näher an Bonn liegt, war es mit der Herrlichkeit vorbei. Das Schloss wechselte in schneller Folge die Besitzer.
Bei einer Zwangsversteigerung griffen schließlich die Kellys zu, die wegen ihres Hangs zu altertümlichen Gewändern schon mal als "singende Altkleidersammlung" verspottet werden: Patriarch Daniel Jerome Kelly, der bei Konzerten bis zu neun seiner Kinder auftreten lässt, erschien im Sommer letzten Jahres im Brühler Amtsgericht und packte als Anzahlung gleich 1,3 Millionen Mark auf den Tisch, der Gesamtpreis: 13,1 Millionen Mark.
Seither ist das Schloss der Herren von Gymnich, die zur Kreuzfahrerzeit an der Seite König Barbarossas gefochten haben, zum Wallfahrtsort der Kelly-Gemeinde geworden. "Weil sie bei Konzerten keine Autogramme geben, müssen wir einfach hierher kommen", erklärt Tanja, 14. Das Mädchen aus Aachen nutzte jeden Tag der zweiwöchigen Herbstferien, um nach Gymnich zu pilgern.
Immer wieder gerät die Anhängerschaft am Tor in Bewegung. "Ich hab Paddy gesehen, er fährt auf dem Traktor", ruft eines der Mädchen, und schon rennen alle zu dem Fleckchen am Zaun, von wo aus sich das Innere des Parks erahnen lässt.
Andere klettern in die Bäume, mit Ferngläsern und Fotoapparaten bewaffnet - und werden von den irischen Bodyguards verscheucht. Einige Ältere verfolgen die Kellys per Auto, um Autogramme zu ergattern.
"Nach einem Fernsehauftritt in Saarbrücken habe ich mich direkt hinter ihren Bus geklemmt", erzählt Sandra, 19, aus Kassel. An die Gefahr hat sie dabei nicht gedacht, immer in der Hoffnung, "vielleicht muss einer aufs Klo, und sie halten an einer Raststätte an".
Andere warten nicht das Ende von Konzerten ab, sondern versuchen, vor ihren Idolen in Gymnich zu sein. "Eine regelrechte Rallye" erlebt Anwohner Krome an solchen Tagen.
Wer nach dem Grund ihrer Anbetung fragt, erntet bei den Fans fassungslose Blicke: "Weil sie immer zusammenhalten", und "weil sie eine richtige Familie sind", sind die häufigsten Antworten. Viele der Teenys, die da mit verklärtem Blick die heile Welt beschwören, haben die Kellys zu ihrer Ersatzfamilie gemacht, weil die eigene zerbrochen ist. "Meiner Mutter ist es völlig egal, wo ich übernachte", erzählt die 15jährige Maike aus Passau. "Hier gibt's süße Jungs", sagt das Mädchen strahlend, vor allem aber hat sie schon mit "Kathy und Joey gesprochen", zweien aus der Kelly-Schar.
Dass Kathy ihr bei dieser Gelegenheit ein "Verpiss dich!" zugerufen habe, erzählt sie erst später. Sie versteht die zweitälteste Kelly-Tochter ja, die mit Sohn auf dem Schloss wohnt: "Die Leute wollen doch auch ihre Ruhe haben."
"Kathy hat bestimmt nicht ,Verpiss dich' gesagt, die Kellys sind nett zu uns Fans", mischt sich Birte aus Köln ein. Die 17-Jährige weist sich als Kelly-Expertin aus: "Ich habe alle 'Bravo'-Artikel gesammelt und war auf fast allen Konzerten." Zum Beweis zieht sie drei dicke Fotoalben raus, andächtiges Schweigen macht sich breit.
Fotos einzelner Kellys werden zu zwei Mark das Stück gehandelt. Fast alle Fans tragen dicke Alben mit sich herum - aber Birte hat sogar Autogramme von Paddy, Maite, Joey und Kathy, die von den anderen nun wie Reliquien betrachtet werden.
Abseits von den Mädchentrauben macht es sich Karl-Jürgen Ludewig aus Duisburg in einem Campingstuhl bequem. Tochter Angela, 16, hat sich den Ausflug zu den Kellys mit einem Sieg im Cart-Rennen verdient. Auf dem Weg nach Gymnich hat sie morgens bei Saturn in Köln auch noch ein andernorts vergriffenes Video der Gruppe erstanden, während sich der Papa mit Westernsongs eingedeckt hat. "Die Musik der Kellys", meint er, "ist nicht mein Fall. Aber immer noch besser als dieser Rap-Krach." Außerdem sei er froh, dass sich seine Angela eine Gruppe ausgesucht hat, die nicht durch Drogen und andere Exzesse auffällt.
Zudem sind Kelly-Fans treu - weit mehr, als den Gymnichern lieb ist. Als der Ansturm begann, suchte Ordnungsamtsleiter Adolf Bönsch Rat beim Jugendamt. "Das geht vorüber", beruhigten ihn Kollegen und sollten sich damit gewaltig irren.
Dabei hätten die Erftstädter gewarnt sein können. Aus Köln war die Mentalität der Fans längst bekannt. Die Kellys, die in den siebziger Jahren als Straßenmusiker angefangen haben, bewohnten dort das Hausboot "Loreley" - und ihre Fangemeinde campierte jahrelang vor dem Boot am Rheinufer.
Zum Ärger der Gymnicher Stadtväter trägt bei, dass die Kellys, die einen Jahresumsatz von 40 Millionen Mark machen, nur wenig Steuern in der finanziell arg gebeutelten Stadt lassen. Denn außer dem Vater ist kein Mitglied des Clans in Erftstadt gemeldet, die Musikfirma Kel-Life sitzt in Köln.
Die Verwaltung will deshalb jetzt den Nachweis führen, dass viele Kellys in Wahrheit auf dem Schloss leben und somit dort steuerpflichtig sind. "Auch Künstler müssen sich ordentlich anmelden", verlangt Bürgermeister Ernst-Dieter Bösche. Einfach wird das nicht. "Eine Familie, die ihr ganzes Leben lang gewandert ist, lässt sich nicht in unsere Normen pressen", sagt sein Kollege Bönsch.
125 000 Mark gibt die Stadt im Jahr für die Kellys aus. Zwei Halbtagskräfte wurden eingestellt, die dafür sorgen sollen, dass ab 22 Uhr Ruhe vor dem Schloss einkehrt. Für die Fans wird zudem gerade das Gelände einer ehemaligen Kläranlage mit Parkplätzen, Schlaf- und Waschcontainern hergerichtet. Das sei "rausgeschmissenes Geld", fürchtet Volker Krome, "von da aus können die Fans weder Schloss noch Einfahrt sehen, die werden weiter unsere Straße belagern."
Die Musikerfamilie lehnt es ab, sich um die Fans zu kümmern. Auch den Wunsch der Nachbarn, nur noch an bestimmten Tagen Autogramme zu geben, damit wenigstens in der übrigen Zeit Ruhe einkehrt, wollen die Musiker nicht erfüllen. "Das lockt nur noch mehr Fans an", erklärt Kelly-Anwalt Claus Peter Wagner. Den Ansturm empfindet er als "gar nicht so problematisch". Die Anwohner von Fußballstadien müssten ja auch mit dem Trubel leben.
Dem Gymnicher Patrick Morgen graut schon jetzt vor der Weihnachtszeit: Am 26. Dezember geben die Kellys ein Konzert in Köln. Dann werden wieder Fans aus ganz Europa anreisen. Viele, fürchtet Morgen, "bleiben bis Silvester". Im vergangenen Jahr hatten die Kellys mit ihren Fans lautstark ins neue Jahr gefeiert - für die Anwohner alles andere als ein Vergnügen. BARBARA SCHMID
Von Barbara Schmid

DER SPIEGEL 43/1999
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