25.10.1999

FILMGESCHICHTE

Großwildjagd mit Stativ

Von Saltzwedel, Johannes

Vor der Kamera posierte Wilhelm II. als eitler Selbstdarsteller. Der Regisseur Peter Schamoni hat historische Bilddokumente zu einem Charakterporträt des letzten deutschen Kaisers montiert.

Er liebte Pomp, Pickelhauben, schmucke Schiffe und funkelnde Kulissen, litt an seinem verkümmerten linken Arm, nahm selbst auf eine Reise in die Schweiz 30 Uniformen zur Auswahl mit und endete als verbitterter Exilant im holländischen Schlösschen Doorn: Mehr ist von der seltsamen Persönlichkeit des letzten deutschen Kaisers, seiner Majestät Wilhelm dem Zweiten aus dem Hause Hohenzollern, allenfalls unter Spezialisten bekannt.

Dabei eignet sich der Monarch, dessen Name zuallererst an die Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts, den Ersten Weltkrieg, erinnert, bestens für Image-Studien. Während Wilhelms Regierungszeit begannen Fotografie und Film ihren Siegeszug, die Erfindung der Glühbirne ermöglichte Vorführungen ohne Risiko, und Kamerafans, die ihre neuen Zauberkästen mit und ohne Kurbel ausprobieren wollten, stürzten sich mit Vorliebe auf Deutschlands obersten Prominenten. Wilhelm, der nach anfänglichen Zweifeln begeistert für den Film eintrat, entwickelte sich zu einem Selbstdarsteller von Gottes Gnaden.

Das jedenfalls meint Peter Schamoni, 65, ein Veteran des deutschen Autorenkinos. Jahrelang hat er nach Filmmaterial über Wilhelm gefahndet, es restauriert und nun - umrahmt von alten Fotos, Überblendungen ins Heute und auch einigen Tondokumenten - zu einem Großporträt aufbereitet, wie es bislang undenkbar schien: Von den ersten grobkörnigen Aufnahmen des Monarchen, die 1901 bei der Beisetzung seiner geliebten Großmutter Queen Victoria in London aufgenommen wurden, bis zu eindringlichen Porträtstudien des Greises vor seiner museal ausstaffierten Exil-Zuflucht scheint fast jede Unternehmung Wilhelms filmisch festgehalten zu sein.

Programmkinos werden eine Version mit gerafftem Beiwerk zeigen, bevor der Film später in voller Länge als ZDF-Zweiteiler laufen soll. Uraufgeführt aber wird die gesamte von Wagnerklängen untermalte Zwei-Stunden-Collage am Dienstag zur Eröffnung des Leipziger Dokumentarfilmfestivals, das sich sonst der "Würde des Menschen" verpflichtet fühlt. Schamoni kann damit rechnen, dass dem Opus dort einiger Unmut entgegenschlägt: Will er etwa um Verständnis werben für "Wilhelm den Plötzlichen", der politisch so hirnlos agierte, dass ihm Spötter nachsagten, er habe eine Kopfprothese getragen; für den Berliner Uniformnarren und Nippessammler, in dessen Namen Millionen Soldaten sterben mussten?

Die Gräuel des Stellungs- und Grabenkriegs kommen tatsächlich allenfalls am Rande vor. Doch Bilder von feuernden Batterien zu Lande und auf See, zerbombten Städten und Gasmasken-Einsätzen zeigt eben jeder Kriegs-Schulfilm. Für Wilhelm dagegen war das Martialische ein Teil seiner gewaltigen Pose. Unnahbar und doch leutselig, fürsorglich, aber in schimmernder Wehr wollte der Kaiser für alle Vorbild spielen - ohne zu merken, dass sein Selbstbild aus Preußengloria und Gottesgnadentum von Anfang an eine Karikatur war.

Schon wie der Mann mit zackigem "Esist-erreicht"-Schnurrbart, seinem Markenzeichen, über ein Treppchen aufs Pferd steigen muss, sieht entlarvend aus. Ähnlich kurios wirken Bilder von der Morgengymnastik, zu der Wilhelm auf seinen alljährlichen "Nordlandfahrten" mit dem kaiserlichen Kreuzfahrtdampfer "Hohenzollern" eine exklusive Herrengesellschaft aus hohen Militärs und sogenannten Ästheten - Professoren, Hofleute und Schmeichler - aus den Federn holte.

Doch Schamoni zeigt den "brillantesten Versager der Weltgeschichte" keineswegs als Clown. Er lässt Mario Adorf einfühlsam den Kommentar sprechen und dazwischen originale Wilhelm-Texte majestätisch von Otto Sander vortragen. Er zeigt den gottesfürchtigen Wilhelm, während er auf seinem Staatsschiff oder später in Doorn höchstpersönlich die Hausandacht zelebriert. Oder er führt vor, wie der Kaiser samt Anhang sich am Sackhüpfen kaiserlicher Matrosen delektiert - auf Korfu, jenem Lieblingsurlaubsort, wo Wilhelm eine Residenz namens "Achilleion" erwarb, die seit dem Tod ihrer Erbauerin, der unglücklichen Sisi von Österreich, leergestanden hatte.

Das verblüffendste Dokument ist eine Passage aus dem Jahre 1913: Wieder hatte Wilhelm eine große Parade angeordnet, diesmal anlässlich des Fürstentreffens bei der Hochzeitsfeier seiner Tochter Viktoria Luise. Doch hier ist die ganze bunte Pracht der Märchen-Uniformen zu sehen, ja sogar, dass Berlins Straßen und Plätze zur Schonung der Pferdehufe mit gelbem märkischem Sand bestreut worden waren. Die Sequenzen, von drei Kameras gleichzeitig aufgenommen und später durch Filter übereinander projiziert, sind eines der frühesten Farbfilm-Dokumente überhaupt.

Natürlich herrschte auch zu diesem Anlass "Kaiserwetter". Regnete es, dann sagte Wilhelm Freiluft-Termine meist gleich ganz ab: Kameraleute hätten schließlich nichts davon gehabt. Ihnen zuliebe hatte er doch seinen grotesken Fundus von Uniformen angelegt. Ihnen zuliebe enthüllte er in jeder dritten Stadt ein Denkmal seines Großvaters, ihnen zuliebe schoss er auf Treibjagden einarmig nach Sechzehnendern - wobei ihm, der Film hält es fest, ein Stativ nachgetragen wurde. Und wohl nur für sie ließ er sich immer wieder hoch zu Ross sehen, obwohl er als Kind den Reitunterricht gefürchtet hatte, weil er nur mit einer Hand die Zügel führen und mühsam das Gleichgewicht halten konnte.

In Doorn, wo er 1919 mit 70 Güterwagen Hausrat einzog, soll er kein Pferd mehr bestiegen und kein Gewehr mehr angerührt haben. Offiziell sind fast nur Filmbilder bekannt, die den abservierten Herrscher zeigen, wie er Verehrer begrüßt und freundlich Autogrammfotos verteilt. Aber Schamoni hat Dokumente aufgespürt, die ihn bei den Tätigkeiten zeigen, mit denen er deutschen Gästen - auch Göring war in Doorn - beweisen wollte, dass man mit ihm rechnen könne: Heuernte, Baumfällen, Holzsägen, Umgraben.

Immer jedoch ist sofort zu sehen, dass nur der rechte Arm einsatzfähig war. Sogar bei der Vogelfütterung am Schlossgraben musste ihm der Brotkorb gehalten werden. Das Filmmaterial zum Begräbnis des Mannes, der sein Volk "herrlichen Zeiten entgegen" hatte führen wollen und nun nur noch für die Livree seiner Chauffeure verantwortlich zeichnete, wurde von braunen Wochenschau-Profis gedreht, aber nur in Schweden und Holland freigegeben.

Warum? Vielleicht, weil die Bilder von 1941 verstörend wirken wie eine Geisterstunde. Hitlers Schergen hatten den Ex-Kaiser nicht für ihre großdeutschen Machtpläne einnehmen können. Und die ergriffenste Gestalt am Grab war ein Militär, der schon im Ersten Weltkrieg zu den Senioren gezählt hatte: Ex-Generalfeldmarschall August von Mackensen, geboren 1849. JOHANNES SALTZWEDEL


DER SPIEGEL 43/1999
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