04.03.2017

ZeitgeistDie endgültige Emanzipation

Vor allem Frauen treibt die alte Idee der freien Liebe um, nun unter neuem Namen: Polyamorie ist ein feministisches Projekt, das sich von männlich geprägten Beziehungsmustern verabschiedet.
Die Ehe, sagt die Schauspielerin Scarlett Johansson, sei eine schöne, romantische Idee. Aber verheiratet zu sein bedeute auch Arbeit, viele Leute müssten sich dafür sehr anstrengen. "Ich glaube nicht, dass es natürlich ist, monogam zu leben." Treue entspreche nicht unseren Instinkten. Ein freimütiges Statement? Vor wenigen Jahren vielleicht. Heute steht die Monogamie von allen Seiten unter Beschuss. Johansson, 32, ist verheiratet, zum zweiten Mal bereits. Seit einigen Wochen allerdings gibt es Gerüchte, dass auch diese Ehe gescheitert sei.
Filmemacher und Schriftsteller, Sachbuchautoren und Wissenschaftler suchen das Glück längst abseits der klassischen Zweierbeziehung. "You Me Her" heißt eine neue Netflix-Serie, in der ein Ehepaar mit der Idee zusätzlicher Sexpartner experimentiert. Hierzulande gehörte Regisseur Tom Tykwer zu den Ersten, die das Thema auf die Leinwand brachten. Sein Film "Drei" zeigt ein Happy End, bei dem zwei Männer und eine Frau gemeinsam in einem Bett liegen. In Romanen der Berliner Autorinnen Olga Grjasnowa und Ronja von Rönne leben die Heldinnen und Helden ganz selbstverständlich in Dreier- oder Viererbeziehungen.
Auch drei Sachbücher propagieren nun das Modell offener Beziehungen: "Sex. Die wahre Geschichte", ein Bestseller aus den USA, in dem der Psychologe Christopher Ryan und die Psychiaterin Cacilda Jethá das Liebesleben unserer angeblich hypersexuellen Vorfahren schildern; "Wie wir lieben. Vom Ende der Monogamie" des deutschen Journalisten Friedemann Karig, der nicht monogame Liebesgeschichten der Gegenwart gesammelt hat; und "Future Sex" von der US-Journalistin Emily Witt, ein essayistischer Selbstversuch, der sie auf eine Sexparty in San Francisco führt, in die Welt von Google und Facebook, von Uber und Airbnb(*).
Man könnte meinen, die Sharing Economy habe die Beziehungen erreicht: mein Auto, dein Auto, meine Wohnung, deine Wohnung – mein Partner, dein Partner. Und wie für jedes Phänomen, das populär wird, hat sich auch schon ein einprägsamer Begriff gefunden – Polyamorie, die Vielliebe.
Das aus dem Griechischen "polýs" und dem Lateinischen "amor" zusammengesetzte Wort klingt gut, so gut, dass viele es gern im Mund führen. In Berlin ist es hip geworden, sich polyamor zu nennen, "fast schon Lifestyle", hat der Schauspieler Mark Waschke kürzlich in einem Interview gesagt. Und nicht nur in Berlin: 17 deutsche Städte bieten sogenannte Polyamorie-Stammtische an, bei denen sich Menschen treffen, die mehrere andere Menschen lieben. Nicht heimlich, sondern offen, mit dem Einverständnis aller Beteiligten.
Warum fasziniert das Modell freier Liebe die Menschen wieder, 50 Jahre nach der 68er-Bewegung?
Es mag daran liegen, dass die christliche Moral ihre Bindungskraft noch weiter eingebüßt hat, dass jede dritte Ehe in Deutschland geschieden wird, dass fast jeder zweite Deutsche unter 40 in seiner derzeitigen Beziehung schon mal fremdgegangen ist. Ganz sicher aber liegt es daran, dass Monogamie nicht mehr funktionieren muss. Zwei Gründe sprachen seit ewigen Zeiten für das Modell der Zweierpartnerschaft: aus der Sicht der Männer die sichere Vaterschaft, aus der Sicht der Frauen die sichere Versorgung der Kinder. Heute sind beide Gründe hinfällig, heute gibt es Vaterschaftstests und die Leistungen des Sozialstaats. Ganz abgesehen davon, dass viele Mütter heute sehr gut für sich allein sorgen können, weil sie besser ausgebildet und häufiger berufstätig sind.
"Polyamorie hat das Potenzial, Geschlechterbilder in Bewegung zu bringen", sagt der Soziologe Christian Klesse. Er forscht zu den Themen politische Bewegungen und Geschlechterpolitik. Seinen Lehrstuhl hat Klesse in Manchester, die Polyamorie hat er seit den späten Neunzigerjahren im Blick. Ob drei, vier oder mehr Menschen zu einer polyamoren Gruppe gehören, sei nicht entscheidend, es haben auch nicht unbedingt alle Partner Sex miteinander. Häufig bildeten sich auch Dreierkonstellationen mit einer Frau und zwei Männern. "Das bricht althergebrachte Formen von Männlichkeit auf, selbst wenn die beiden Männer gar nicht miteinander intim werden."
Mal mehr, mal weniger bewusst gründen Polyamoristen ihr Lebensmodell auf der Annahme, weibliches und männliches Begehren seien identisch – die Polyamoristen als Teil einer großen Befreiungsbewegung.
Als Gründungsmanifest der Bewegung gilt das Buch "The Ethical Slut" ("Schlampen mit Moral"), verfasst von zwei Frauen, Dossie Easton und Janet Hardy. Schon der Titel ist programmatisch. Weil er die Idee auf den Begriff bringt, mit sehr vielen Menschen Sex haben zu dürfen, solange man ehrlich zu ihnen ist. Und: weil er den Fokus auf die Frau legt. Polyamorie ist ein feministisches Projekt.
In ihrem Buch "Unsagbare Dinge" bekennt sich die britische Feministin Laurie Penny dazu, viele nicht monogame Beziehungen geführt zu haben: "Wenn wir wollen, dass Frauen frei sind, dürfen wir uns nicht weiter über die romantische Liebe definieren." Oft werde diskutiert, dass unsere Gesellschaft Frauen zu Sexobjekten mache, schreibt Penny, viel zu selten jedoch, dass sie Frauen zu Liebesobjekten degradiere. "So gut wie jede weibliche Figur in so gut wie jeder Geschichte, die Männer geschrieben oder sich ausgedacht haben, ist ein Liebesobjekt: eine Kreatur, eigens dafür geschaffen, eine Rolle in der großartigen Geschichte eines anderen zu spielen."
Viele Frauen teilen die Auffassung von Penny, Klesse betont, dass Polyamorie für Frauen oft auch eine politische Entscheidung sei, "die Behauptung erotischer Autonomie in einer Gesellschaft, in der erotische Beziehungen um männliche Privilegien herum organisiert sind". Innerhalb der polyamoren Gemeinschaften begegneten sich Frauen und Männer auf Augenhöhe, auch nach außen seien Frauen ein sichtbarer Teil der Szene.
Das Reden darüber, wie sich die Partner ihr Miteinander wünschen, was sie sich erlauben und was nicht, was ihnen Spaß macht und was sie ängstigt, ist grundlegend für polyamore Verbindungen. "Das erfordert viel emotionale und kommunikative Kompetenz", sagt Klesse. Eine Kompetenz, die gemeinhin eher Frauen zugeschrieben wird. "Allein dadurch verändert sich heterosexuelle Männlichkeit."
Wer das nicht glauben mag, weil er beim Begriff freie Liebe an Altherrenträume denkt, an Rainer Langhans und seinen Harem, vielleicht auch an Hugh Hefner und die Bunnys seiner Playboy Mansion, keineswegs aber an junge, aufgeklärte, selbstbewusste Frauen der Gegenwart, der ist laut Penny ein Opfer kultureller Leitbilder: "Das Feld zwischen leidenschaftlicher, ewiger, alles verzehrender romantischer Liebe und hirnlosem Rammeln bleibt in der Zeitungs- und Filmbranche weitgehend unerforscht." Die Vorstellungen seien verzerrt von den Klischees der Nachhippiezeit, "vom ewigen Bild des Flower-Power-Chauvis der Sechziger, der mit offenem Hemd und Blumen im Haar Frauen in sein Bett lockte, ohne sich über eine Bindung Gedanken machen zu müssen". Das jedoch sei keine freie Liebe. "Freie Liebe ist Liebe, die ohne Besitzansprüche, Zwang und Unterdrückung auskommt."
Dass das heute möglich ist: freie Liebe als weibliche Utopie, das ist ein Ergebnis der Emanzipation und auch der Reproduktionsmedizin. Wer ökonomisch unabhängig ist und nicht mal mehr einen Partner braucht, um Kinder zu bekommen, kann freier über die eigenen Liebesbeziehungen entscheiden.

Die US-Journalistin Emily Witt konstatierte an ihrem 30. Geburtstag, dass sie sich in einer Misere befand. Sie lebte wie eine Figur aus der Fernsehserie "Sex and the City", als New Yorker Single-Frau datete sie regelmäßig Männer, um unverbindlichen Sex mit ihnen zu haben, schlief auch schon mal mit guten Freunden, wartete aber insgeheim auf Mr Right. "Ich stellte mir meine Lage als Zwischenzustand vor, der enden würde, wenn die Liebe eintrifft." Sie startete einen Selbstversuch in Sachen moderner Liebeskonzepte, ihr Buch "Future Sex" berichtet davon.
Anfangs liest sie Bücher und Zeitschriften und merkt, dass es vielen Frauen geht wie ihr, dass viele unfreiwillig allein sind, dass für viele das Ideal liebevoller monogamer Partnerschaft unerreichbar ist. "Vor allem die vermeintliche Unausweichlichkeit der festen Beziehung als Nonplusultra an Geborgenheit und Respekt trieb die Frauen in meinem Umfeld in den Wahnsinn", schreibt Witt.
Die israelische Soziologin Eva Illouz hat in ihrem viel diskutierten Buch "Warum Liebe weh tut" vor einigen Jahren eine Erklärung angeboten: Die sexuelle Freiheit erzeuge Ungleichheiten vergleichbar denen des Kapitalismus. Früher bemaß sich der soziale Status eines Mannes auch an seiner Familie, heute sind andere Statusmerkmale an diese Stelle getreten, Sex zum Beispiel. Eine Familie können Männer auch noch mit 50 gründen, Frauen dagegen haben nicht so viel Zeit. Trotzdem schieben sie die Familiengründung für Ausbildung und Berufserfahrung nach hinten, oft bleiben ihnen dann nur wenige Jahre. Das führt zu einer "emotionalen Vorherrschaft" der Männer, denn sie können sich Zeit lassen und finden im Internet zudem ein Überangebot an möglichen Sexpartnerinnen. "Die heterosexuellen Frauen der Mittelschicht befinden sich daher in der merkwürdigen historischen Lage, so souverän über ihren Körper und ihre Gefühle verfügen zu können wie nie zuvor und dennoch auf neue und noch nie da gewesene Weise von Männern dominiert zu werden", schreibt Illouz.
Eine brillante Analyse, nur zu einem naheliegenden Rat mochte Illouz sich nicht durchringen: Wenn das Ideal der romantischen Zweierbeziehung Frauen so unglücklich macht, sollten Frauen das Ideal vielleicht aufgeben. In Witts Buch tut eine Freundin der Autorin genau das, sie kehrt die Geschlechterrollen einfach um und verabschiedet sich von der Idee eines festen Freundes, stattdessen begnügt sie sich mit unverbindlichem Sex.
Was wehtut, sei nicht die Liebe, schreibt Friedemann Karig, was wehtut, sei unser Liebesideal. Karigs Buch ist aus einer Liebesgeschichte hervorgegangen, die er für das Magazin der "Süddeutschen Zeitung" recherchiert hat, einem intimen Einblick in die offene Beziehung eines jungen Paares, genannt Jelena und Paul. Auf der Facebook-Seite des Magazins, so erinnert sich Karig, sei ein Proteststurm ausgebrochen. Viele hätten die Protagonisten "pathologisiert", sie als "debile Charaktere" beschimpft oder als "ekelhaft". Werden Polyamoristen in unserer Gesellschaft diskriminiert, so wie Schwule und Lesben? "Es gibt für polyamor und polygam lebende Menschen ein Coming-out, genau wie für Homosexuelle", schreibt Karig.
Karig erzählt in seinem Buch die Geschichte eines Mannes namens Viktor, der für die Rechte von Polyamoristen kämpft. Zum Beispiel dafür, dass "freiwillig und wissentlich eingegangene Polygamie als Eheform legalisiert wird". Wenn die Schwulenehe legal ist – wieso nicht die Mehrfachehe? Zahlreiche Hasskommentare erreichten ihn. "Für viele Menschen sind wir sexuell Perverse."
Polyamoristen treten immer wieder auf im Umfeld jener Community, die sich LGBT nennt, Kürzel für Lesben, Schwule, Bisexuelle und Transgender. Das mag daran liegen, dass Schwule die Pioniere polyamoren Verhaltens waren. Auch daran, dass Bisexualität in polyamoren Beziehungen eine große Rolle spielt. Längst schreiben Vertreter der Gender Studies nicht mehr nur gegen die "Hetero-Normativität" an, also gegen den Status der Heterosexualität als rechtlicher, religiöser und sozialer Norm, sondern auch gegen die "Mono-Normativität". Durch die Geschichte der Monogamie, so schreibt die Hamburger Soziologin Gesa Mayer in einem Aufsatz, ziehe sich "eine patriarchale und sexistische Doppelmoral, die es Männern tendenziell eher zubilligt als Frauen, nicht monogam unterwegs zu sein".
Die US-Journalistin Witt reist für ihre Recherchen nach San Francisco und trifft Menschen, die in Stanford studiert haben, die im Silicon Valley arbeiten, bei Google oder bei Facebook, die Craft Beer trinken und Yoga machen – und die Sex mit vielen Menschen haben, sehr vielen. Sie greifen zu Drogen, um "die Sorgen und Ängste zeitweilig aufzuheben", die mit ihrem Liebesmodell verbunden sind. Man könnte sagen, sie dopen ihren Körper, damit er ihrer Ideologie folgen kann. Sie trimmen sich auf Polyamorie.
In Deutschland hörten viele den Begriff zum ersten Mal, als die Netzpolitiker der Piratenpartei vor einigen Jahren die Talkshows enterten, darunter deren damaliger Geschäftsführer Johannes Ponader, der sich öffentlich dazu bekannte, polyamor zu leben. Waren Nerds früher nicht mal die ohne Sex? Wieso ist Polyamorie plötzlich so hip in Tech-Kreisen?
Die US-Journalistin Witt entdeckt im Silicon Valley eine Kultur des "hyperbolischen Optimismus": die feste Überzeugung, dass alles möglich ist, dass Menschen völlig autonome Autoren ihrer Biografie sind, dass sie die totale Macht über ihr Leben erreichen können. Dazu passen die Menschen in den Versuchsabteilungen von Google, die sich ernsthaft Chancen auf ewiges Leben ausrechnen, dazu passt das Angebot von Facebook, weiblichen Angestellten das Einfrieren von Eizellen zu bezahlen, falls sie eine geplante Schwangerschaft in die Zukunft verschieben wollen. Es geht um Ermächtigung zur Selbstermächtigung, um Selbstoptimierung. Der Megatrend unserer Zeit. "Polyamorie zelebriert die Beziehungsarbeit fast schon in einem paradoxen Ausmaß", sagt der Soziologe Klesse. Der Anspruch, alles anzusprechen und auszudiskutieren, seinen Ängsten und seiner Eifersucht offen ins Auge zu schauen, habe auch einen selbstdisziplinierenden Effekt.

Der Psychologe Christopher Ryan und die Psychiaterin Cacilda Jethá behaupten, dass ein ähnliches Modell bereits früher – deutlich früher – einmal sehr verbreitet gewesen sei. Unsere Vorfahren in der Alt- und Mittelsteinzeit, so schreiben sie in ihrem Bestseller "Sex. Die wahre Geschichte", hätten wild rumgevögelt, aber nicht wahllos, sie hätten sich mit vielen Menschen parallel vergnügt, diese Menschen aber gut gekannt. Weil sie, so die These, mit ihnen in Horden zusammenlebten und innerhalb dieser Horden alles teilten, auch Sex.
Ryan und Jethá attackieren das, was sie das Standardnarrativ der Evolutionsbiologie nennen: die Überzeugung, dass die Monogamie dem Menschen naturgegeben sei. Wir unterdrückten unseren Trieb, schreiben sie, wir befänden uns "im Krieg gegen unsere erotischen Sehnsüchte". Denn die Monogamie habe sich erst entwickelt, als der Mensch sesshaft geworden sei, vor etwa 10 000 Jahren. Bis dahin sei nicht wichtig gewesen, welcher Mann welches Kind gezeugt habe, die Horde habe sich gemeinsam um den Nachwuchs gekümmert.
Heute, so meinen Ryan und Jethá, entferne der Mensch sich wieder zunehmend von klassischen Familienstrukturen – "vielleicht hin zu einem flexibleren Gruppenzusammenhalt, der an die ferne Vergangenheit erinnert". Tatsächlich leben in vielen Patchworkfamilien Halb- und Stiefgeschwister, Ziehväter und Zweitmütter.
Ryans und Jethás Buch ist eine unterhaltsame, mitunter verstörende Lektüre, an deren Ende einem ein Song des Berliner Liedermachers Funny van Dannen in den Sinn kommen kann: "Also ich will kein Bonobo werden, das wär' mir zu monoton, wir sollten versuchen, Menschen zu werden, denn Affen sind wir ja schon."
In den USA hat sich "Sex. Die wahre Geschichte" etwa 300 000-mal verkauft, beworben wird es als "Bibel der Polyamoristen". "Sehr inspirierend" sei das Buch, urteilt der Frankfurter Evolutionsbiologe Thomas Junker, fachlich aber finde er vieles arg spekulativ. "Dass sich die freie Liebe als alltagstaugliches System etablieren lässt, ist aus biologischen Gründen eher unwahrscheinlich." Junker, 59, erinnert sich an eigene Jugendversuche, mit mehreren Frauen parallel zusammen zu sein; vor einigen Monaten hat auch er ein Buch zum Thema veröffentlicht, "Die verborgene Natur der Liebe"(**). Welches Liebesmodell entspricht denn nun unserer Natur? "Kommt drauf an", sagt Junker.
Der Mensch sei nicht auf ein einziges Modell festgelegt, die Strategien der Liebe veränderten sich im Laufe eines Lebens: "Ob jemand jung oder alt, schön oder hässlich, arm oder reich, fit und talentiert oder kränklich und unbegabt ist, bestimmt darüber, welche Optionen ihm offenstehen." Abhängig davon, sei der Mensch relativ frei, aber es gebe Dinge, die ihm leichter fallen als andere. "Wir können erstaunliche Tauchfähigkeiten entwickeln, aber wenn wir mit den Delfinen schwimmen wollen, geht uns die Luft aus. Das ist beim Sex nicht anders: Wir können viel, aber so lieben wie die Bonobos werden wir nie."
Wenn sich auch die gesellschaftlichen Bedingungen in den letzten Jahrzehnten verändert hätten, meint Junker, verändere sich das Begehren nur sehr, sehr langsam: "Wenn eine Tierart über viele Generationen eine vergleichsweise stabile Lebensweise hatte, dann sind auch die dazu passenden körperlichen Merkmale und Verhaltensweisen entstanden." Ein Beispiel: "Die Eifersucht, die in Zeiten von Vaterschaftstests und ökonomischer Unabhängigkeit der Frauen einen Teil ihrer Funktion verliert." Unser reales Sexleben, sagt er, sei immer rückständig: "Die evolutionär entstandene Hardware – unser Körper, unser Begehren, unsere Reaktionen – hinkt der Lebenswirklichkeit hinterher. Sie spiegelt das, was für unsere Urururgroßeltern gut war."
Man könnte sagen, die Realität hat sich verändert, in ihrem Windschatten auch die Ideologie, der rationale Wille, aber unsere Körper sind noch die alten. Sie verlangen nach einer verlässlichen Zweierbeziehung – und gelegentlichen Abenteuern.
Ist die Monogamie natur-
gegeben? Oder
befinden wir uns im Krieg
gegen unsere
erotischen Sehnsüchte?
Vor allem die vermeintliche Unausweichlichkeit der festen
Beziehung treibt Frauen in den Wahnsinn.
Was ist das größere Problem: dass die Gesellschaft Frauen
zu Sexobjekten macht – oder sie zu Liebesobjekten degradiert?
Der Mensch ist nicht auf
ein einziges Liebes-
modell festgelegt, die
Strategien verändern sich
im Laufe eines Lebens.

Über die Autorin

Claudia Voigt, 50, arbeitet seit 20 Jahren beim SPIEGEL und hat einige Artikel zu feministischen Themen geschrieben. Dass das Private politisch ist, schien ihr eine altbekannte These zu sein. Doch bei der Lektüre zum Thema Polyamorie und bei ihrem Gespräch mit dem Soziologen Christian Klesse in Manchester war sie überrascht davon, wie sehr der Slogan durch die Bewegung der Polyamoristen wieder an Bedeutung gewinnt.

Über den Autor

Tobias Becker, 39, arbeitet seit neun Jahren beim SPIEGEL, aber so neugierig wie in den vergangenen Wochen haben Freunde seine Recherchen noch nie begleitet. Alle wollten wissen: Funktioniert die freie Liebe? Seine Antwort: Kommt drauf an. Es war die Antwort, die ihm auch der Evolutionsbiologe Thomas Junker bei einem Interview in Frankfurt am Main gab.

Twitter: @tob_becker
* Christopher Ryan, Cacilda Jethá: "Sex. Die wahre Geschichte". Aus dem Englischen von Birgit Herden. Klett-Cotta; 430 Seiten; 24,95 Euro.
Friedemann Karig: "Wie wir lieben. Vom Ende der Monogamie". Blumenbar; 304 Seiten; 20 Euro.
Emily Witt: "Future Sex. Wie wir heute lieben. Ein Selbstversuch". Aus dem Englischen von Hannes Meyer. Suhrkamp; 234 Seiten; 14,95 Euro. Erscheint am 8. Mai.
** Thomas Junker: "Die verborgene Natur der Liebe. Sex und Leidenschaft und wie wir die Richtigen finden". C. H. Beck; 272 Seiten; 19,95 Euro.
Von Tobias Becker und Claudia Voigt

DER SPIEGEL 10/2017
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