11.03.2017

KommentarWenig Moppel in Meerbusch

Kinder mit Gewichtsproblemen sind vor allem Opfer ihrer Eltern.
Kaum eine Bevölkerungsgruppe scheint Wissenschaftler und Journalisten so zu faszinieren wie die der dicken Kinder. Fast keine Woche vergeht ohne neue Forschungsergebnisse und die dazugehörige Berichterstattung, meist angereichert mit Fotos von Moppeln, die sich an Turngeräten plagen. Die jüngsten Pressemeldungen hatten wieder Schreckliches zu verkünden: Laut den Teilergebnissen einer europäischen Langzeitstudie plagen sich 16,5 Prozent aller in Deutschland untersuchten Kinder zwischen zwei und zehn Jahren mit Übergewicht. Die Forscher förderten wieder einige olle Kamellen der Epidemiologie zutage, zum Beispiel, dass Süßkram-Reklame zum Naschen verführt und Kinder aus sozial schwächeren Familien besonders zu Speckröllchen neigen. Und wie immer zogen einige Kommentatoren den Schluss, dass gesunde und kalorienarme Biokost einfach viel zu teuer sei und Eltern mit wenig Geld daher allenfalls eine Teilschuld daran trügen, wenn ihre Kinder zu dick sind. Was sollen sie ihrem Nachwuchs aus lauter Not auch anderes servieren als Kartoffelchips, Pudding oder Limo? Apfelschnitze, Magerquark und Mineralwasser vielleicht?
Weil das Thema zu ernst ist, sollte man aber nicht spaßen, sondern Tacheles reden: Nicht Armut an sich macht anfällig für kindliche Adipositas, sondern eher das Fehlverhalten der Eltern. Deswegen sollten wir auch nicht zuvörderst über Lebensmittelpreise und höhere Sozialleistungen reden, sondern über mehr Sportunterricht für die Kinder und Aufklärung für Mütter und Väter. Letztere müsste man aber nicht nur in Problemvierteln, sondern unbedingt auch in Städten wie Meerbusch bei Düsseldorf anbieten, wo proportional betrachtet besonders viele Millionäre wohnen. Dortige Schuleingangsuntersuchungen offenbarten nämlich wiederholt ein Problem: Vor zwei Jahren zum Beispiel wogen über 17 Prozent der i-Dötzchen zu wenig. Nach der altbekannten Logik, nach der Armut Adipositas befördert, könnte man jetzt umgekehrt folgenden Schluss wagen: Reichtum begünstigt Untergewicht. Aber das wäre nun wirklich ziemlicher Unsinn.
Von Guido Kleinhubbert

DER SPIEGEL 11/2017
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