01.11.1999

„Mut, Mut und nochmals Mut“

Markus Wolf: Wie der „Mann ohne Gesicht“ zum Mann mit den tausend Gesichtern wurde
Als der ehemalige Spionagechef die mikrofonbestückte Rednertribüne auf dem Ost-Berliner Alexanderplatz verließ, blieb ihm "tatsächlich die Spucke weg" - er brachte "keinen weiteren Satz mehr heraus".
Mit schrillen Pfeifkonzerten und erregten Zwischenrufen ("Aufhören!", "Aufhängen!") hatten am 4. November 1989 hunderttausende von Demonstranten den Versuch des Spitzenkommunisten Markus ("Mischa") Wolf vereitelt, sich nach Jahrzehnten im Dienste der Staatssicherheit an die Spitze der Reformer zu schummeln. Für Wolf war der Tag eine "Zäsur".
Der einstige Leiter der "Hauptverwaltung Aufklärung" (HVA) im MfS, Autor eines gerade erschienenen Buches mit später, verhaltener Stalin-Kritik, hatte allen Ernstes geglaubt, die Massen würden in dem pensionierten Tschekisten nun plötzlich nur noch den "Hoffnungsträger" sehen - einen Mann, den der "Weg vom Stasi-General zum Fürsprecher von Glasnost und Perestroika" geläutert hat.
Auf dem Alex begriff der MfS-Veteran: Der Pritschenwagen, der als Rednertribüne diente, war ihm zur "Richtstatt" geworden; die "Verantwortung für die Vergangenheit" würde ihn einholen.
Seit jenem Tag übt sich der einstige Mielke-Vize, der ein Dritteljahrhundert lang das "Schwert der Partei" geführt hat, vorwiegend in Selbstverteidigung. Getrieben von Rechtfertigungszwang und Darstellungsdrang, zog der "Mann ohne Gesicht" - von dem es jahrzehntelang, bis zu einem SPIEGEL-Titelbild im Jahre 1979, kein aktuelles Foto gab - in den Neunzigern von Talkshow zu Talkshow.
Nach der Wende hatte der Mystery-Man des deutschdeutschen Agentenkrieges an seine einstigen Offiziere appelliert: "Wir schweigen." Bald aber zeigte er sich selbst in immer neuen Interviews und Büchern, für die ihm teils sechsstellige Honorare geboten wurden, so red- und schreibselig wie kein anderer Würdenträger der verflossenen DDR.
Dabei beherrscht der einstige "Spionagechef im geheimen Krieg" (Wolf-Buchtitel 1997) die "Kunst der Verstellung" (Wolf-Buchtitel 1998) keineswegs mehr so perfekt wie früher. Den auflagenträchtigen Vorwurf etwa, der verstorbene SPD-Politiker Herbert Wehner sei ein DDR-Einflussagent gewesen, musste er 1997 umgehend korrigieren: Wehner habe "nie und in keiner Weise" im Dienste Ost-Berlins gestanden.
Immer häufiger verstrickt sich der Altmeister der Camouflage in dem Wust aus Lebenslügen und Legenden, mit denen er seine eigene Biografie kaschiert, die vor allem eines beweist: wie weit sich einer von den humanitär-marxistischen Idealen seiner Jugend entfernen kann.
"Mut, Mut und nochmals Mut" hatte ihm sein Vater gepredigt, der aus Nazi-Deutschland nach Moskau emigrierte Arzt und Schriftsteller Friedrich Wolf. Doch selbst nachdem viele von "Mischas" Lehrern und Freundeseltern stalinistischen Säuberungen zum Opfer gefallen waren, bewahrte sich der begeisterte Jungkommunist (Jahrgang 1923) den Glauben an den Massenmörder Stalin, der "fast ein Halbgott" seiner Jugendjahre war.
Der im Gulag-Staat antrainierte "Verdrängungsmechanismus" (Wolf) bewährte sich, nachdem der Komintern-Schüler, im Mai 1945 im Gefolge der "Gruppe Ulbricht" nach Berlin beordert, mit 29 Jahren Spionagechef der DDR geworden war. Nicht ein einziges Mal während seiner Blitzkarriere - Generalleutnant, Generalmajor, Generaloberst - bewies der Spitzenmann des Spitzelamtes so etwas wie Zivilcourage.
Natürlich durchschaute Ost-Berlins "Vorzeige-Intelligenzler" (Wolf), dass die Ursachen des blutig niedergewalzten Volksaufstandes vom 17. Juni 1953 "im Innern lagen". Dennoch galt jahrzehntelang für ihn wie für den letzten dumpfen Politruk die Parteiparole: "Keine Fehlerdiskussion, das nutzt die andere Seite!"
Natürlich hat der Stellvertreter jenes Mielke, der Meuchelmorde, Psychoterror und Todesurteile gegen Andersdenkende befahl, "Repressionen und Opfer wahrgenommen", und er hat auch gewusst, "dass es Tote gab". Doch obgleich er beispielsweise in den Siebzigern "entsetzt über die Unterdrückung" von Intellektuellen durch das MfS gewesen sein will, sah er "keine Möglichkeit, etwas dagegen zu tun" - Wolf reagierte mit "Rückzug in die eigene Nische", die HVA.
Von seiner sauberen Nische aus nutzte der Spionagechef mit Hilfe von "Romeos" die Vereinsamung Bonner Sekretärinnen aus; mit gefälschten Briefen und verfälschten Telefon-Abhörprotokollen setzte er westdeutsche Polit-Prominenz unter Druck; mit elektronischen Wanzen startete er Lauschangriffe auf Politiker wie Egon Bahr; per Abgeordnetenkauf hielt er 1972 den Entspannungskanzler Willy Brandt im Amt, die Enttarnung des HVA-Spions Günter Guillaume schließlich löste 1974 den Sturz des Staatsmanns aus.
Dem Publikum präsentiert sich der Vielschreiber und Vielredner seit Jahren als Mann mit tausend Gesichtern.
Mal spielt er, vor Pathos vibrierend, den Moralapostel, der "Ehrlichkeit" als seine Lieblingstugend und "Doppelzüngigkeit" als den unverzeihlichsten aller Charaktermängel bezeichnet. Versteht er sich als Revolutionär? Wolf: "Ja, weil ich ohne Rücksicht auf mein persönliches Leben für das eintrete, was ich für gut und richtig halte. Und weil ich konsequent bin."
Mal gibt er den Widerständler, der das "stalinistisch geprägte Sicherheitsdenken" seiner DDR "innerlich nie geteilt" und beispielsweise die Ausbürgerung Wolf Biermanns 1976 "schon damals nicht für richtig gehalten" hat. Dennoch sah Wolf während seiner 34-jährigen Dienstzeit keine "Möglichkeit, dagegen zu opponieren" - allenfalls ein wenig: Wenn Mielke "auf den Genossen Stalin ein dreifaches militärisches Hurra" ausbringen ließ, will der Nischenmann in der schneeweißen Galauniform stets stumm in der Runde gestanden haben, "mit versteinerter Miene".
Mal wiederum präsentiert sich Wolf, im Gespräch mit der New Yorker Zeitschrift "Tikkun", als glühender Freund Israels, der väterlicherseits einer "langen Linie von Rabbis" entstamme und der sein "vorrangiges Ziel" stets im Kampf gegen deutsche Nazis und Neonazis gesehen habe. Allerdings: Konfrontiert mit dem Vorwurf, die DDR habe heimlich arabischen Anti-Israel-Terroristen Unterschlupf gewährt, muss er einräumen, er könne "dies nicht völlig von der Hand weisen". Dass im kommunistischen Osteuropa zeitweise "ziemlich heftiger Antisemitismus" herrschte, ist "Ostdeutschlands jüdischem Meisterspion" ("Tikkun") auch "erst später bewusst" geworden - dann aber "hat man es verdrängt": "Sicher hatten wir Scheuklappen."
Am besten gefiel sich Wolf offenbar in der Rolle des Welt- und Lebemannes, als roter James Bond zwischen Budapest und Havanna, Stockholm und Sansibar: "Die Arbeit am Schreibtisch hat mir nie behagt."
Dagegen sei es "schon toll" gewesen, verrät er im "Playboy"-Interview, "mit Westpapieren in der Tasche frei reisen zu können und in einer guten Bar den Martini zu schütteln oder zu rühren". Wenn der Gourmet zu Hause im grauen Stacheldrahtstaat dringend Granatapfelsirup benötigte, besorgte ihm ein Kollege vom KGB die Rarität mal eben "als Freundschaftsdienst aus Aserbaidschan".
Dass Mielke den kulinarischen Marxisten 1986 in den Ruhestand schickte, erklärte Wolf seinem Publikum lange Zeit mit Differenzen über Gorbatschows Politik sowie mit eigenen Buchplänen. Den wohl wichtigsten Grund behielt er für sich: Nachdem Wolf seine zweite Ehefrau zu Gunsten von deren bester Freundin verlassen hatte, geriet die Verflossene am bulgarischen Strand ausgerechnet an einen V-Mann des BND. Mielke tobte.
Nach dem Ende der DDR sah sich der Mann, dessen Metier der Verrat war, selbst schmählich im Stich gelassen - von Gorbatschow: "Er hat uns einfach verraten." Seit seiner Rückkehr aus Moskau, wo der "halbe Russe" (Wolf über Wolf) zeitweise Asyl gefunden hatte, spielt er seine vermutlich letzte Rolle - als Opfer der Bonner "Siegerjustiz".
Sein Lamento über "regelrechte Hexenjagden" könnte glatt vergessen machen, dass Wolf dank Haftverschonung und Bewährung insgesamt gerade mal elf Tage in Haft war - und das unter Bedingungen, die er selbst "eine Wucht" nennt. Im Anstaltskino gab's James Bond, in der Anstaltsbücherei "3-mal John le Carré", dazu auf speziellen Wunsch Nescafé, Früchtewürfel und Gesichtssalbe: "Was will man noch?"
Kein Vergleich mit dem "Gelben Elend" in Bautzen - sein West-Knast wirke wie ein "modernes Krankenhaus", schrieb der Häftling seiner dritten Ehefrau aus dem Gefängnis im hessischen Weiterstadt: "Selbst die hohen Zäune haben ein modernes Design."
Allerdings, so mäkelte der Ästhet, "die Mauern mit den Wachtürmen weniger". JOCHEN BÖLSCHE
Von Jochen Bölsche

DER SPIEGEL 44/1999
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